Malis mächtige Imame: Proteste gegen die Regierung von Präsident Keita

26.06.2020

Die Sicherheitslage ist prekär, junge Menschen haben kaum Zukunftsperspektiven. In Mali nehmen deshalb die Proteste gegen die Regierung von Präsident Ibrahim Boubacar Keita zu. Anführer ist der einflussreiche Imam Mahmoud Dicko.

Niemand kann im westafrikanischen Mali aktuell so sehr Menschen mobilisieren wie Imam Mahmoud Dicko. Im Juni hat der 66-Jährige gleich an zwei Freitagen zu Anti-Regierungsprotesten in der Hauptstadt Bamako aufgerufen, zu denen jeweils zwischen 10.000 und 20.000 Teilnehmer kamen. Rund um das Monument für die malische Unabhängigkeit im Zentrum der Stadt haben die Demonstranten ihren Ärger deutlich gezeigt: Sie forderten den Rücktritt von Präsident Ibrahim Boubacar Keita.

Das spiegelt auch das Mali-Metre, das Meinungsbarometer der Friedrich-Ebert-Stiftung. 63 Prozent der Befragten gaben Ende 2019 an, unzufrieden mit der Regierungsführung zu sein; 13 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Hauptgrund ist die prekäre Sicherheitslage. Von Tuareg-Aufstand, Staatsstreich im März 2012 und monatelanger Besatzung des Nordens durch verschiedene Terrorgruppen hat sich das Land nie erholt. Im Gegenteil: Heute operieren in Mali unter anderem der Islamische Staat der größeren Sahara (ISGS), Al-Qaida im islamischen Maghreb (AQMI) sowie die Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime (JNIM). Vor allem im Zentrum haben sich Selbstverteidigungsmilizen gegründet, da die Gewalt zwischen Dörfern und ethnischen Gruppen steigt.

In den vergangenen Monaten kritisierten Menschenrechtsorganisationen sowie die Vereinten Nationen allerdings vor allem die Massaker, die malische Soldaten verübt hatten. Die UN-Stabilisierungsmission für Mali (Minusma) dokumentierte in den ersten drei Monaten 101 Hinrichtungen ohne Strafverfahren durch die Armee.

Daran ändern auch mehr als 20.000 internationale Soldaten, die im Rahmen verschiedener bi- und internationaler Missionen im Land sind, nicht viel. Der Bundestag hatte Ende Mai dafür gestimmt, dass sich die Bundeswehr weiterhin mit bis zu 1.100 Soldaten am Minusma-Einsatz beteiligt. Für die europäische Ausbildungsmission für Mali (EUTM) können künftig bis zu 450 Soldaten entsendet werden, 100 mehr als bisher.

Experten wie Baba Dakono, Analyst des Instituts für Sicherheitsstudien in Afrika (ISS), betonen, dass es innerhalb der Bevölkerung an Vertrauen in den Staat und staatliche Institutionen mangele. Dazu kommen die ökonomischen Folgen. Der Tourismus ist vor Jahren eingebrochen. Nach Angaben der Weltbank lebten 42,7 Prozent der 19,5 Millionen Einwohner in extremer Armut.

Imam Dicko thematisiert das und hat, so Bakary Sambe, Direktor des Timbuktu-Instituts im senegalesischen Dakar, in der französischen Tageszeitung "Le Monde", einen Diskurs entwickelt, der den Realitäten der Bevölkerung nahe kommt. Mithilfe der politischen Opposition sowie zivilgesellschaftlichen Bewegungen ist er zur zentralen Figur der Proteste geworden. Dabei hatte er im Jahr 2013, noch vor dessen Wahl, Keita unterstützt. In Mali sind Politiker in der Vergangenheit immer wieder Allianzen mit einflussreichen Imamen eingegangen. Gemeinsame Auftritte im Wahlkampf sollen für Wählerstimmen sorgen.

Selbst zum Anführer der Proteste zu werden, dabei hilft nun Dickos hoher Bekanntheitsgrad: Er war von 2008 bis 2019 Vorsitzender des islamischen Rates von Mali (HCIM) und hatte so das wohl bedeutendste religiöse Amt inne. Wie viel Macht er und andere Imame haben, zeigte sich bereits 2009, als das malische Familiengesetzbuch reformiert werden sollte. Um das zu verhindern, mobilisierten die Imame 50.000 Demonstranten. Dicko soll die Neufassung als "unislamisch" bezeichnet haben. In Mali bekennen sich rund 95 Prozent zum Islam. Bisher wird jedoch stets betont, dass es sich um einen laizistischen Staat handele.

Ein neues Netzwerk hat sich der religiöse Meinungsführer mit der Protestbewegung CMAS - Koordinierungsstelle der Bewegungen, Vereine und Sympathisanten von Imam Dicko - aufgebaut. Eine politische Partei sei das nicht, betonte der 66-Jährige, der aus einer einflussreichen Familie in Timbuktu stammt, noch im März im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur und spielte die Bedeutung herunter. Fährt man durch Bamako, entdeckt man jedoch immer wieder Stadtteilbüros der CMAS.

Das Stockholmer internationale Friedensforschungsinstitut (SIPRI) schrieb im Juni, dass Dicko eine Hauptalternative zu Präsident Keita werden könne, falls sich religiöse Bewegungen "durch verschiedene politische und soziale Aktionen als wesentliche Anbieter grundlegender sozialer und pädagogischer Dienstleistungen" präsentieren können. (KNA)

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