Islamwissenschaftler Milad Karimi: Mehr Islam wagen

11.04.2016

Der Islamwissenschaftler Milad Karimi hat dazu aufgerufen, «mehr Islam zu wagen». Das bedeute, die in Deutschland lebenden Muslime stärker in die Pflicht zu nehmen, um die Gesellschaft voranzubringen, sagte Karimi am letzten Donnerstag in Berlin. Dazu reichten Islamkonferenzen allein nicht aus.

Religionen seien «sehr ambivalent». Sie hätten Friedenspotenzial, aber auch Gewaltpotenzial, so Karimi. Es wäre falsch zu sagen, dass die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln nichts mit dem Islam zu tun hätten. Genauso falsch sei es aber auch, den Islam für die Gewalt alleinverantwortlich zu machen. Auch er habe Angst, wenn Übergriffe von Muslimen verübt würden. «Das berührt mich im Herzen. Dabei geht es um meinen Koran und meinen Propheten», so Karimi.

Der Islamwissenschaftler warnte davor, Flüchtlinge nur religiös zu definieren. Wer vor einem militanten Islam fliehe, sei «religiös verwundet». Diese Menschen fragten sich vor allem, wie es einen Gott geben könne, der ihnen so etwas wie die eigene Flucht zumute.

Der Wissenschaftler äußerte sich beim Symposium «Flüchtlinge in Deutschland: Integration ermöglichen - Zusammenhalt stärken» im Schloss Bellevue.

Der islamische Religionsphilosoph besucht nach eigenen Angaben gerne Flüchtlingsheime. Das seien Orte, die «mir sehr viel bedeuten», sagte Karimi in einem Interview der «Frankfurter Rundschau». Er fühle sich dort «heimisch», so der Islamwissenschaftler, der selbst als Kind mit seinen Eltern aus Afghanistan floh. Er erlebe dort ein «Urgefühl der Vertrauthaut».  

Als Student in Freiburg habe er Flüchtlingsheime besucht und Kindern dort Bücher vorgelesen. Das sei «etwas ganz Eigenes», und das berühre ihn sehr, erklärte Karimi, der stellvertretender Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster ist.   

In Deutschland angekommen sei er erst, nachdem er als Abiturient Goethes Faust gelesen habe. In der Mitte des Buches habe er kein Wörterbuch mehr gebraucht. «Ich las, und ich verstand, was da vor sich geht, und ich habe mich verliebt in Faust, in Goethe und in die deutsche Sprache.» (KNA)

Lesen Sie hierzu auch ein Interview mit Milad Karimi auf Qantara.de.