Interview mit dem Historiker Moshe Zimmermann

AfD-Erfolg mit Aufstieg der Nazis vergleichbar

Als Jude dürfe man zum Ergebnis der Bundestagswahl nicht schweigen, meint Moshe Zimmermann. Die israelische Regierung schaut dennoch weg. Warum - das erklärt der Deutsch-Israeli im Gespräch mit Sarah Judith Hofmann

Herr Zimmermann, was haben Sie am Wahlabend gedacht, als Sie in den ersten Hochrechnungen die Zahl 13 Prozent bei der AfD lesen konnten?

Moshe Zimmermann: Ich war erleichtert. Weil ich 15 Prozent erwartet hatte. Immerhin zwei Prozent weniger.

Das heißt, Sie waren gar nicht schockiert?

Zimmermann: Ich bin Historiker, ich verfolge die Zeitgeschichte aus der Nähe. Ich habe mir vorher jeden Tag die Resultate der Meinungsumfragen angeschaut. Ich wusste, in welche Richtung es geht. Ich war vorher zwei Wochen lang in Berlin, konnte mir die Wahlplakate der AfD ansehen, die Diskussionen im Fernsehen anschauen. Die Gewissheit, dass zum ersten Mal die Fünf-Prozent-Hürde von einer rechtsradikalen Partei überschritten würde, war für mich sehr bedrückend.

Sigmar Gabriel hat vor der Wahl gesagt, "sollte die AfD in den Bundestag einziehen, werden zum ersten Mal seit mehr als 70 Jahren Nazis im Reichstag sprechen". Wie bewerten Sie als Historiker diesen Vergleich mit den Nazis? Ist er legitim?

Zimmermann: Immer wenn man das Wort Nazi benutzt, übertreibt man selbstverständlich. Die Nazis von heute sind nicht die Nazis von damals. Diese Übertreibung führt dazu, dass man nachher diese Vergleiche zurücknimmt. Aber ich werde vorsichtig sagen: Ein nazistisches Potenzial ist in den Bundestag eingezogen. In dem Sinne hat Gabriel Recht.

Kann man unsere Zeiten denn mit denen der Weimarer Republik vergleichen?

Zimmermann: Der Historiker lebt vom Vergleich. Wir sagen nur, es geht immer mutatis mutandis. Das bedeutet, die Zustände ändern sich, aber die Phänomene sind vergleichbar. Und die Art wie man im Jahr 1930 auf Krisen, auf Verunsicherung und Vorurteile reagiert hat, ist mit dem vergleichbar, was jetzt in den Jahren 2015 bis '17 in Deutschland geschehen ist. Man aktiviert Vorurteile, man schürt Ängste, man benutzt Slogans und Vereinfachungen, um eine rechtsradikale Lösung anzubieten.

Afd-Anhänger; Foto: dpa/picture-alliance
Die AfD als Sammelbecken von Rechtsradikalen, Identitären und nationalistischen Wutbürgern: Nach der Wahl ziehen 94 Abgeordnete der "Alternative für Deutschland" in den Bundestag ein. Damit sind - nach den Worten Sigmar Gabriels - zum ersten Mal seit 70 Jahren wieder Nazis im Reichstag vertreten.

Auch die Überraschung, die es jetzt gegeben hat, kann man mit der Überraschung im September 1930 vergleichen. Es geht um ähnliche Prozentpunkte. [Bei der Reichstagswahl im September 1930 hatte die NSDAP 18,3 Prozent der Stimmen erhalten. Das war ein Plus von 15,7 Prozent gegenüber den Wahlen 1928. Anm. der Redaktion] Für die demokratische Gesellschaft besteht immer die Gefahr, dass antidemokratische Stimmungen an Boden gewinnen.

Jetzt kommt der Unterschied: Im Jahr 1930 gab es nicht genug Anhänger der liberalen aufgeklärten Demokratie, deswegen war der Widerstand gegen den Rechtsruck am Ende zu schwach. Man kann hoffen, dass der Widerstand heute, so wie es sich jetzt auch in der politischen Szene zeigt, energischer und breiter ist. In dem Sinne führt der Vergleich dazu, dass man etwas optimistischer sein kann.

Gerade in Deutschland war man doch aber immer so stolz darauf, aus der Geschichte gelernt zu haben. Was ist falsch gelaufen, wenn auf einmal wieder Sätze wie die von Alexander Gauland, man habe "das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen" einen so großen Zuspruch erfahren?

Zimmermann: Auch in der Bundesrepublik gab es nach 1945 immer mehr oder weniger Stimmen, die versucht haben, die dunkle Vergangenheit zu relativieren. Das ist nicht neu. Die Frage ist tatsächlich, wie kommt es dazu, dass auf Bundesebene 13 Prozent mit dieser Tendenz gehen können. Das ist ein Problem der gesamten westlichen demokratischen Welt. Man denkt: Wenn bei Trump Stimmen voller Patriotismus, Egoismus und Ethnozentrismus koscher sind, dann dürfen es auch die Europäer. Und wenn es die Europäer dürfen, dann dürfen es am Ende auch die Deutschen.

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