Erdogan will mehr Frauen in Moscheen - Konservative empört

28.11.2018

Ausgerechnet der konservativ-islamische Präsident der Türkei macht sich derzeit für die Rechte von Frauen in der Moschee stark. Er will, dass sie gemeinsam mit Männern beten, und will sie öfter beim Freitagsgebet sehen.

Recep Tayyip Erdogan ist nicht gerade als Verfechter des Feminismus bekannt. Kürzlich aber legte sich das Staatsoberhaupt mit konservativen Klerikern an. Seine Forderung: Mehr Frauen und Kinder sollen zum Beten in die Moscheen kommen.

Anfang Oktober wies der türkische Präsident darauf hin, dass es im Koran keine Stelle gebe, in der das gemeinsame Beten der Geschlechter untersagt sei. Auch bei der Eröffnung der Ditib-Moschee in Köln im vergangenen September sprach Erdogan das Thema an: "Man sagt den Frauen: Du kannst nicht zum Freitagsgebet oder Feiertagsgebet kommen. Sie halten Frauen davon ab, in die Moscheen zu kommen. Aber warum sollen sie nicht kommen? Wenn wir uns starke Moscheen wünschen, müssen wir auch Frauen miteinbeziehen." Für progressive Muslime hat sich Erdogan damit gegen getrennte Gebetsbereiche ausgesprochen, auch wenn er das nicht eindeutig so sagt.

Das Thema beschäftigt türkische Muslime schon länger. Im März kam es zu einem Aufruhr in der Fatih-Moschee in Istanbul, als vier Frauen sich weigerten, den Gebetsbereich der Männer zu verlassen. Unterstützung bekamen sie von der Initiative "Kadinlar Camilerde", was übersetzt "Frauen in Moscheen" bedeutet. Die Organisation gibt es seit 2017. Der Zusammenschluss von Musliminnen setzt sich für sauberere und vor allem gemeinsame Gebetsbereiche in türkischen Moscheen ein.

Nach türkischem Gesetz sollte jede Moschee zwei Eingänge haben, einen für Frauen und einen für Männer. In der Praxis aber gibt es oft Probleme. Die abgetrennten Räume für Frauen sind wesentlich kleiner. Steile Treppen machen den Aufstieg für ältere Frauen und Kinder oft schwierig. Die Waschräume - notwendig für die rituellen Waschungen vor dem Gebet - sind oft außer Betrieb oder verschmutzt. Die wesentlich größeren Räume für Männer sind dagegen meist sauber und mit bequemen Teppichen ausgelegt. So entstehe eine Negativ-Spirale: Weniger Frauen gingen in die Moschee, weshalb viele Imame die Instandhaltung der Räume für Frauen vernachlässigten. Das Problem betrifft gerade Moscheen in kleineren Städten und auf dem Land.

"Kadinlar Camilerde" fordert deswegen das gemeinsame Gebet von Männern und Frauen in denselben Räumen. Die NGO nutzt dabei Social-Media-Plattformen wie Instagram und Twitter, bittet aber auch die Diyanet um Unterstützung. Die Religionsbehörde startete immer wieder Kampagnen, in denen Frauen dazu aufgefordert wurden, zu den Freitagsgebeten in die Moschee zu gehen. Laut der Diyanet hat die Trennung nichts mit den islamischen Vorschriften, wohl aber mit männlichem Macho-Gehabe zu tun. Das klingt recht fortschrittlich, schließlich ist die räumliche Trennung von Männern und Frauen in Moscheen seit den frühesten Tagen des Islam üblich. Eher unüblich ist dagegen die Teilnahme von Frauen am Freitagsgebet.

Auf Widerstand aber stoßen die Vorschläge bei vielen religiösen Orden und konservativen Imamen. Dort sieht man das traditionelle Familienbild in Gefahr und fürchtet gar, Männer könnten durch aufreizende Bewegungen der Frauen beim Gebet in Versuchung geführt werden. "Wenn Frauen in überfüllten Moscheen mit Männern beten, stören sie damit auch das Gebet der Männer", schrieb der ultrakonservative Kolumnist Vehbi Kara Anfang November in der "Yeni Akit", einer religiösen Tageszeitung. Das gelte besonders für Städte wie Istanbul, wo der Platz begrenzt sei.

Unter vielen konservativen Türkinnen gilt Erdogan tatsächlich als Frauenförderer. Die Öffnung zahlreicher Bereiche des öffentlichen Lebens für Frauen mit Kopftüchern halten viele gläubige Türkinnen für eine der wichtigsten Leistungen der AKP-Regierung. Unter den säkularen Regierungen war es Frauen jahrzehntelang verboten, in öffentlichen Räumen Kopftücher zu tragen. Mit westlichen Vorstellungen von Emanzipation hat Erdogans Sicht der Frau allerdings wenig zu tun. Offenbar geht es ihm vor allem um eine möglichst breite Verankerung des Islam in der Gesellschaft, und die besteht nun einmal zur Hälfte aus Frauen. Dazu passt auch eine Forderung Erdogans an anderer Stelle: Er rief türkische Frauen auf, zu Hause zu bleiben und mindestens drei Kinder zu bekommen. (KNA)