Filmszene aus ''The Unseen''; Foto: Asya Film
Das türkische Filmwunder

Aufbruchstimmung und handwerkliche Mängel

Seit Jahren gewinnen türkische Filme immer häufiger internationale Festivalpreise, laufen in deutschen Arthouse-Kinos. Anlässlich des 30. großen Istanbul International Film Festival stellt sich die Frage: Was ist dran am türkischen Filmwunder? Eine Einschätzung von Amin Farzanefar

Das Istanbul Filmfestival liefert immer auch eine Momentaufnahme: des aufstrebenden türkischen Kinos, dessen Produktionszahlen dieses Jahr einen neuen Rekord von über 70 Filmen aufstellten, aber auch des Landes insgesamt.

Dass ausgerechnet Sedat Yılmaz' Film "Press" einen wichtigen Preis erhielt, passt in eine Zeit, da der reformwillige EU-Daueraspirant Türkei unter der Hand einen Weltrekord inhaftierter Journalisten aufstellt. "Press" thematisiert die Einschüchterung, Inhaftierung und auch Ermordung einiger mutiger Journalisten, die in den 1990er Jahren im Osten der Türkei unabhängig über den Kurdenkonflikt berichteten.

Es ist eine seltsame Situation, in der viele Kreative das Schreckgespenst eines von islamistischen Tugendwächtern kontrollierten Kulturbetriebes beschwören, andererseits das Kino mit Verve alle politischen und gesellschaftlichen Tabus und Denkverbote umstößt, und das schon seit mehreren Jahren.

"Verbotene Früchte"

Insbesondere der Dokumentarfilm scheint geradezu auf der Suche nach verbotenen Früchten: griechisch-türkische Vertreibungen, Militärputsch und Kurdenkonflikt sind Dauerthemen, hinzu kamen dieses Jahr die Verfolgung der Aleviten und auch jüngere Skandale wie die der Foltergefängnisse in Ulucanlar – alles findet auf die Leinwand, wenn auch vorerst nur selten in angemessener formaler Gestaltung.

​​Selbst die armenisch-türkische Vergangenheit ist weniger tabuisiert, und während Premier Erdoğan – lautstark polternd und unter den Augen der Weltöffentlichkeit – bei Kars, unweit der armenischen Grenze, ein Denkmal der Menschlichkeit abreißen lässt, und der politische Annäherungsprozess an Armenien eher schockgefroren als vorangetrieben wird, diskutiert die Zivilgesellschaft offener denn je über den Völkermord.

In Istanbul stellte die armenisch-türkische Film-Plattform erste Ergebnisse vor: Bei aller Verschiedenheit handeln die kurzen Dokumentar- und Spielfilme überwiegend von der Schwierigkeit, in einer Gegenwart zu leben, in der die Wunden der Vergangenheit nicht geleugnet werden. Die Ermordung Hrant Dinks wird hier als Initialzündung auf dem Weg zu einer öffentlichen Debatte genannt, und so taucht der charismatische Friedensaktivist auch vier Jahre nach seinem Tod immer wieder im Film auf ("Then and now, beyond borders and differences", "Don't get lost children", "Hrant Dink Conscience Film").

Introvertiert und entschleunigt – der neue "Look"

Diese türkische Geschichts-Aufarbeitung des Kinos wird international mit Wohlwollen aufgenommen, doch Unkenrufer stellen die Frage, inwieweit diese Filme ein türkisches Publikum überhaupt erreichen – außerhalb von Festivals, ohne Cinematheken und Programmplätze im TV verpufft ihre Wirkung schnell. Und internationale Festivals bevorzugen eher Arthouse-Kino im neuen Stil der Preisträger Nuri Bilge Ceylan und Semih Kaplanoğlu: brillant fotografiert, extrem entschleunigt und bewusst gegen das Klischee eines bunten, wilden, temperamentvollen Orients gesetzt – mit introvertierten, neurotischen Charakteren.

Szene aus "Merry go round"; Foto: DW/Most Production
Im Inzestdrama "Merry go round" wird der Missbrauch der Kinder durch den Vater, ein an seiner Erfolglosigkeit verzweifelnder Schriftsteller, nur angedeutet.

​​Irgendwie haben alle der in Istanbul ausgezeichneten Filme diesen "Look": In Tayfun Pirselimoğlus "Saç" (zu deutsch "Haar") ist die Kommunikationstörung des Protagonisten bis zum Fetischismus gesteigert: Ein Perückenmacher verfällt dem wunderbaren Haar einer Kundin und folgt ihr heimlich bis in ihre Wohnung, wo sie mit ihrem tyrannischen Gatten wohnt.

Schweigen bestimmt auch "Merry go round" – ein Inzestdrama, in dem der Missbrauch der Kinder durch den Vater nur angedeutet wird, diese aber auch über dessen Tod hinaus traumatisiert. Der Täter ist ein an seiner Unzulänglichkeit und Erfolglosigkeit verzweifelnder Schriftsteller; die Regisseurin İlksen Başarır wollte die aktuelle Debatte um die Facette erweitern, dass Missbrauch keineswegs nur ein Phänomen der Unterschicht ist.

Seyfi Teomans "Our grand despair" lief auch auf der Berlinale; der Film schildert eine sonderbare ménage à trois: Der WG-Trott von Ender und Çetin wird aufgemischt, als die junge durch den Tod ihrer Eltern traumatisierte Nihal bei den beiden Junggesellen unterkommt. Die folgende Annäherung wird lakonisch und mit Aussparungen erzählt: wer hier was mit wem hat, und ob, bleibt unklar bis unwichtig, vor allem wird stundenlang diskutiert. Und als sich eine plötzlich schwangere Nihal zu einer Abtreibung entscheidet, taucht in der Klinik noch ein weiterer Vaterschaftsanwärter auf.

"Zephyr", vor dem Hintergrund der üppigen Schwarzmeer-Region wunderbar fotografierte und inszeniert, ist eine Art Gegenstück zu Semih Kaplanoğlus in Naturkulissen schwelgenden Berlinalesieger "Bal" ("Honig"). Belma Baş skizziert die problematische Beziehung einer Halbwüchsigen zu ihrer Mutter, die unheilvoll endet – letztendlich scheiternd am Unvermögen beider Frauen, erwachsen zu werden.

Schwarzweißmalerei und historische Komplexität

Dass die Jury ausgerechnet den einzigen Schwachpunkt dieses überzeugenden Filmes – das Drehbuch – für preiswürdig befand, deutet auf den blinden Fleck im neuen türkischen Kino: Die Dramaturgie und die Figurenzeichnung, das erzählerische Handwerk hinkt der allgemeinen Aufbruchsdynamik häufig immer noch hinterher. So ist die Figur des Folterers, Polizisten oder Spitzels gerade in den vielen Filmen zur Geschichtsaufarbeitung allzu häufig als flacher Fiesling angelegt – schlichte Schwarzweißzeichnung trägt jedoch wenig zum Verständnis komplexer historischer Tatsachen bei.

​​Sehr deutlich zeigt das auch "Unseen", ein Film, der von seinem Thema her – jenes "Exil am Bosporus", das die Türkei zahlreichen Flüchtigen des Dritten Reiches gewährte – durchaus internationales Potenzial hätte.

Doch die ohnehin facettenreiche Geschichte vom ungarischen Komponisten Bela Bartok, der im anatolischen Hinterland musikethnologische Studien betreibt, überwacht von türkischen Nazi-Kollaborateuren, wird gänzlich überdehnt durch eine weitere Erzählebene. In dieser Rahmenhandlung entdecken 60 Jahre nach Bartoks Türkei-Asyl zwei Verlobte, dass die zukünftige Braut ein Nachfahre des miesen Nazi-Spions ist, eine Erkenntnis, die die geplante Hochzeit über den Haufen wirft. Die Schauspielerriege – darunter Udo Kier – bietet eine der wenigen verlässlichen Konstanten in diesem Schinken des Veteranen Ali Özgentürk, der es eigentlich besser wissen müsste.

Deutsch-türkisches Interesse

Vom mit Hamburger Fördergeldern produzierten furiosen globalisierungskritischen Istanbul-Porträt "Ecumenopolis – City without Limits", über die deutsche Beteiligung bei Seyfi Teomans "Our Grand Despair" bis hin zum Bartok-Darsteller Udo Kier – überall sind die deutsch-türkischen Bande stark, und tatsächlich ist das türkische Kino momentan ungemein attraktiv für Almanya: Interessante Stoffe, spektakuläre Landschaften, erstklassige Schauspieler, niedrige Produktionskosten, steigende technische Standards, haufenweise Festivalpreise locken seit fünf Jahren Regisseure, Produzenten und Redakteure auf das vom Istanbul Film Festival veranstalte Koproduktionstreffen "Meetings on the Bridge".

Der unter der Federführung von Ahmet Boyacıoğlu geschmiedete "German-Turkish Co-Production Fund" schüttete dieses Jahr erstmalig seine Anschubfinanzierung von 100.000 Euro für Projekte zwischen den beiden Ländern aus. Verteilt auf sieben Filmentwürfe ist die Summe bescheiden genug, aber immerhin symbolisch und vor allem eines: zukunftsweisend.

Amin Farzanefar

© Qantara.de 2011

Redaktion: Lewis Gropp/Nimet Seker/Qantara.de

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