Corona und Ramadan - Kann Fasten derzeit Gesundheit schaden?

01.05.2020

Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nichts Essen und Trinken. An diese Regel halten sich Muslime während des Ramadan. Intervall-Fastende halten es ähnlich. Wie medizinisch sinnvoll das in Anbetracht des Coronavirus ist, wird diskutiert.

Für rund 1,6 Milliarden Muslime weltweit hat vergangene Woche der Fastenmonat Ramadan begonnen. Zwischen Sonnenauf- und -untergang verzichten Gläubige über gut vier Wochen lang unter anderem auf Essen und Trinken.

Die religiöse Tradition des Fastens wird nicht selten kritisch beäugt. Dieses Jahr wird vor allem kontrovers darüber diskutiert, ob das Ramadan-Fasten in Anbetracht der Corona-Pandemie medizinisch bedenklich sein könnte.

«Gesunde Menschen sollten in der Lage sein, diesen Ramadan, wie in den Vorjahren zu fasten», schrieb die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem Info-Blatt «Safe Ramadan practices in the context of the Covid-19» (deutsch: «Sichere Ramadan-Praktiken im Rahmen von Covid-19»). Sie wies aber auch darauf hin, dass noch keine Studien zum Fasten und zum Risiko einer Covid-19-Infektion vorliegen.

Auch der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin Joachim Gardemann sieht in der religiösen Praxis kein Problem. «Die Fastenzeiträume im Ramadan sind für Gesunde vollkommen unbedenklich», sagte der Leiter des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe der Fachhochschule Münster, dessen wissenschaftlicher Schwerpunkt die Ernährungsmedizin des Hungerstoffwechsels ist. Fasten schwäche das Immunsystem bei gesunden und regelrecht ernährten Menschen nicht.

Problem im Ramadan sei aus medizinischer Sicht nicht das Fasten, sondern eher das Fastenbrechen. Also die Aufnahme von Nahrung nachdem die Sonne untergegangen ist. «Hier sollte man sehr maßvoll bleiben und vor allen Dingen nicht zu viele Kohlenhydrate in Form von Süßigkeiten und Backwaren essen», sagte Gardemann.

«Für unsere Abwehr als Gesunde ist eher eine qualitativ gute Ernährung mit ausreichend Mikronährstoffen wichtig», erklärte der Mediziner. Vor allem frische und starkfarbige gelbe, rote oder dunkelgrüne pflanzliche Nahrungsmittel stärkten das Immunsystem, denn sie enthalten viele biologisch aktive Pflanzenstoffe.

Ob Fasten einen anfälliger für Coronaviren macht, fragen sich nach Einschätzung der zweiten Vorsitzenden der Ärztegesellschaft Heilfasten (ÄGHE), Martha Ritzmann-Widderich, aktuell nicht nur gläubige Muslime. «Wir diskutieren das gerade alles sehr intensiv mit unseren Vorstandskollegen», sagte die Ernährungsmedizinerin.

Das Ramadan-Fasten entspreche am ehesten dem Intervall-Fasten, bei dem man eine bestimmte Anzahl von Stunden nichts isst. Egal ob beim Ramadan- oder bei anderen Fasten-Formen: Aufpassen müssten Ältere, sowie Menschen, die durch eine Krankheit geschwächt sind oder ein schwaches Immunsystem haben, sagte die medizinische Fastenbegleiterin aus Rottweil (Baden-Württemberg).

Außerdem sollten Medikamentierte laut Ritzmann-Widderich im Moment nicht ihren Essrhythmus verändern. «Unsere Erfahrung aus vielen Jahrzehnten ist, dass Fasten gut ist. Aber bei bestimmten Medikamenten sind wir gerade vorsichtig, weil wir nicht abschätzen können, wie sie im Zusammenhang mit diesem neuen Virus reagieren.»

Kranke, Schwangere, Stillende, Reisende, Menstruierende und Kinder sind grundsätzlich von der Fastenpflicht im Ramadan entbunden. Die Ärztin ist daher zuversichtlich. «Ich denke, die meisten wissen das schon und verhalten sich da schon richtig.»

Eine weitere Gruppe, die Kinderarzt Gardemann besonders am Herzen liegt, sind junge Menschen mit psychosomatischen Essstörungen. «Hier kann natürlich das verpflichtende Fasten noch krankheitsverstärkend wirken oder auch eine latent vorhandene Essstörung erst auslösen.»

«Im Corona-Kontext am problematischsten wird das gemeinsame traditionelle Essen nach Sonnenuntergang sein», schätzte Gardemann die Situation ein. «Ich stelle es mir sehr schwierig vor, dabei die jetzt nötigen Abstandsregeln einzuhalten.» Normalerweise kommen die Menschen während des Ramadan abends zum gemeinsamen Fastenbrechen zusammen. Sein Fazit: «Fasten ja, bitte Fastenbrechen mit Maß – und Abstandsregeln dabei beachten.» Die WHO empfiehlt, wo möglich, komplett in den digitalen sozialen Raum zu wechseln. (dpa)

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