Westliche Interventionen in Libyen

Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Angesichts der komplexen Vorbehalte gegenüber Interventionen Dritter in Libyen brauchen wir eine klare Strategie, die einer lokalen, regionalen und internationalen Prüfung standhält, meint Libyen-Expertin Alison Pargeter in ihrer Analyse.

Wie sich der Konflikt in Libyen lösen lässt, bleibt eine der schwierigsten und wohl auch wichtigsten Fragen, mit denen politische Entscheidungsträger heute konfrontiert sind. Seit dem Sturz des ehemaligen libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 steckt das Land in einer chronischen Krise.

Abgesehen von den humanitären Kosten der anhaltenden Auseinandersetzungen befeuert der illegale Handel mit erbeuteten Waffen Konflikte auf dem gesamten Kontinent. Zudem nährt die Nähe Libyens zu Europa Befürchtungen über wachsende Zuwanderungsströme, während die libyschen Verbindungen zum Bomber von Manchester ein Schlaglicht auf die Rolle des Landes als Keimzelle des Extremismus werfen. Thomas Waldhauser, Befehlshaber des Afrikanischen Kommandos der Vereinigten Staaten (AFRICOM), erklärte erst kürzlich: "Die Instabilität in Libyen und Nordafrika hat das Zeug dazu, die Interessen der USA und ihrer Verbündeten auf dem Kontinent erheblich und unmittelbar zu bedrohen."

Ein extern angeheizter Konflikt

Ausländische Interventionen scheinen die Zersplitterung des Landes wohl noch unbeabsichtigt zu verschärfen. Daher verwundert es nicht, dass viele westliche Länder nach dem offiziellen Ende der NATO-Mission im Oktober 2011 ihre militärischen Operationen im Land stillschweigend fortgesetzt haben. Ihre Interessen und Motive – insbesondere ihre vermeintliche Konzentration auf die Bekämpfung des Terrorismus und weniger auf die Stabilisierung des Landes – gaben jedoch Anlass zu Auseinandersetzungen.

Es gibt Hinweise darauf, dass die USA, Frankreich, Italien und Großbritannien weiterhin Sondereinheiten vor Ort haben oder hatten, während sie sich gleichzeitig auf diplomatischen Wegen um Unterstützung der "Regierung der Nationalen Einheit" bemühten, die mit der Absicht gegründet wurde, in Libyen ein Konsensgremium zu schaffen.

Französischer Rafale-Kampfjet über Libyen; Foto. picture-alliance/abaca
Fragwürdige Militäreinsätze: "Während Chaos und Spaltung in Libyen Land weiter zunehmen, scheinen ausländische Interventionen die Konflikte vor Ort weiter anzuheizen und die ohnehin schon komplexe Lage durch weiteren Dissens und ein gesteigertes Misstrauen zu destabilisieren", moniert Alison Pargeter.

Doch das Bestreben gilt heute als gescheitert. Das politische Wirken des Gremiums erreichte seinen Höhepunkt 2015, als der sogenannte "Islamische Staat" (IS) die Küstenstadt Sirte zu seinem libyschen Hauptsitz erklärte – knapp 650 km vor der Küste Italiens. Gegenwärtig wird es von einer Gegenregierung in Frage gestellt, die die mit Hilfe der selbst ernannten "Nationalen Libyschen Armee" im Osten von Libyen herrscht.

Während Chaos und Spaltung im Land weiter zunehmen, scheinen ausländische Interventionen die Konflikte vor Ort unbeabsichtigt weiter anzuheizen und die ohnehin schon komplexe Lage durch weiteren Dissens und ein gesteigertes Misstrauen zu destabilisieren.

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