Weihnachten im Nahen und Mittleren Osten

Der "Papa Noel" des Orients

Ursprünglich gab es bei den arabischen Christen keine solche Tradition der Weihnachtsfeier wie in Europa. Erst im Laufe der Zeit gewann das Weihnachtsfest im Orient mehr an Bedeutung. Durch die Berührung mit Europa übernahm man viele europäische Bräuche, wie den Tannenbaum oder den Weihnachtsmann. Von Suleman Taufiq

"Die Glocken der Freude läuten heute Nacht.

Das Fest beginnt.

Ein neues Licht leuchtet.

Das Licht brennt ewig mit deinem Ankommen.

Es ist eine Freude."

Die Glocken der Freude läuten, so singt man im Nahen Osten während der Weihnachtsfeiertage. Und man feiert dann auch so, als ob tatsächlich ein Junge geboren wäre.

Die meisten Menschen in Deutschland können sich nicht vorstellen, dass im Nahen Osten Christen leben, die wie selbstverständlich Weihnachten feiern und natürlich auch Weihnachtslieder singen. Noch immer wird die arabische Welt zu oft gleichgesetzt mit der Religion des Islam, obwohl dort eine bedeutende christliche Minderheit lebt. Und meist wird auch vergessen, dass die christliche Kirche ja ihren Ursprung diesem Gebiet hatte. Im Nahen Osten verkörpern die Christen einen wesentlichen Teil des bunten Mosaiks der Kulturen.

Christliche Gemeinden im islamischen Umfeld

Dort begegnen uns die ältesten Spuren des Christentums mit seinen Liturgien und Gesängen, die sich seit dem 2. Jahrhundert über die ganze Region ausbreiteten. In all diesen Ländern konnten sich die Bevölkerungen über Jahrhunderte hinweg als christliche Gemeinde in einem islamischen Umfeld behaupten. Es sind die Nachfahren der Urchristen, und ihre Kirchen sind fast alle Apostel-Kirchen. Viele Gemeinden sind uralt und wurden nicht erst, wie in Europa, durch die Mission an die christliche Kirche angeschlossen.

Christlich-orthodoxes Weihnachtsfest in der Westbank-Stadt Bethlehem; Foto: Reuters
Jahrhunderte alte Traditionen und Riten: Am 6. Januar feiert man im Orient das Lichtfest. Deshalb begehen manche orientalische Kirchen Weihnachten eben nicht am 25. Dezember, sondern erst am 6. Januar. Das ist auch ein Grund, warum das Fest in der Ostkirche zweitrangig ist.

Etwa 18 Millionen Christen leben heute im gesamten arabischen Raum. Ihre Kirchen finden sich vor allem in Ägypten, dem Libanon, Syrien, Palästina, Jordanien und dem Irak. Hier existieren noch frühchristliche Gemeinden. In manchen Gotteshäusern wird die Liturgie bis heute in der uralten aramäischen Sprache gehalten, der Sprache Jesus Christus.

Doch die meisten sind inzwischen arabisiert. So entstand eine arabischsprachige, christliche Kultur, deren verschiedene Kirchen sich weitgehend unabhängig von Konstantinopel und Rom entwickeln konnten. Die Riten dort haben mit den alten Kulturen dieses Gebietes zu tun. Sie werden alle in zwei Sprachen gehalten, in arabisch und in einer der alten Sprachen dieser Regionen: koptisch, khaldenisch, syrisch, aramäisch und griechisch, der alten Kultursprache der levantinischen Küste.

Mannigfaltige Blüte der christlichen Kirchen

Im Laufe der Zeit ist der Stammbaum der christlichen Kirchen im Vorderen Orient wie ein alter Olivenbaum gewachsen. Er hat mehrere starke Äste, nämlich die fünf ursprünglichen Ostkirchen: die byzantinische, die ostsyrische, die aramäische, die koptische und die armenische. In jeder dieser Kirchen hat sich ein eigener Ritus entwickelt. Später haben sich an jedem Ast viele neue Zweige entwickelt. Jeder von ihnen hat seine eigene alte Geschichte, seine eigene Organisation und oft sogar seine eigene Rechtsprechung.

Charakteristisch für die Christen dort ist, dass ihre Kulturen eine Mischung aus verschiedenen Kulturen ist, der arabischen und der westlichen. Sie konnten die beiden Kulturen in sich aufnehmen und entwickelten sich so von einer religiösen zu einer kulturellen und sozialen Gruppe, die sehr dynamisch war.

Über die Jahrhunderte wirkten sie sehr aktiv an der kulturellen Entwicklung dieser Länder mit. Sie waren maßgebend an der Entwicklung des Theaters, des Films, der Musik, Literatur und der Bildenden Kunst beteiligt, weil sie offen waren für neue kulturelle Strömungen in der Welt. Im politischen Leben spielten sie als Gemeinschaft, anders als im kulturellen, jedoch kaum eine Rolle.

Lichtfest anstatt Weihnachtsfest

Am Anfang des Christentums gab es kein Weihnachtsfest. Der 25. Dezember wurde später als Datum für den ersten Weihnachtstag eingeführt.

Weihnachten in Bethlehem vor der Geburtskirche, Foto: AP
Weihnachten als Fest der Gemeinschaft und der Nächstenliebe: "Die Leute gehen nicht sofort nach dem Gottesdienst nach Hause. Sie bleiben noch eine Weile vor der Kirche stehen, plaudern, umarmen und küssen sich und beglückwünschen einander. Nachrichten werden ausgetauscht wie auf einem orientalischen Marktplatz", so Suleman Taufiq.

Am 6. Januar feierte man im Orient aber das Lichtfest. Deshalb begehen manche orientalische Kirchen Weihnachten eben nicht am 25. Dezember, sondern erst am 6. Januar. Das ist auch ein Grund, warum das Fest in der Ostkirche zweitrangig ist.

Bei den arabischen Christen gab es ursprünglich die europäische Tradition der Weihnachtsfeier nicht. Erst im Laufe der Zeit gewann das Weihnachtsfest mehr Bedeutung. Durch die Berührung mit Europa übernahm man viele europäische Weihnachtsbräuche, wie zum Beispiel den Tannenbaum oder den Weihnachtsmann, der die Geschenke nur für die Kinder bringt und einen französischen Namen trägt: "Papa Noel".

Es ist dort aber eigentlich nicht das Hauptfest, sondern wird "Aid Saghir", das "kleine Fest" genannt. Das große Fest ist bei ihnen Ostern.

Ein gemeinsames Festtagserlebnis

Die Menschen fast überall im Nahen Osten beginnen mit den Vorbereitungen bereits zwei Wochen vor Weihnachten. Weihnachten ist nicht nur ein Fest der Familie, sondern vor allem eines der Gemeinde.

Die Weihnachtsfeier findet sogar draußen statt. Männer, Frauen und auch Kinder versammeln sich am Heiligen Abend auf dem Platz vor der Kirche und feiern. Alle tragen ihre schönsten Kleider und Schmuck – ganz so, als gingen sie zu einer Hochzeitsfeier. Sie tanzen und singen, Musikgruppen spielen dazu, dann ziehen alle gemeinsam durch die Straßen und Gassen ihrer Ortschaft.

Später dann kehren sie alle in die Kirche zurück, um der Mitternachtsmesse zu lauschen. Auch die Kinder sind dabei anwesend.

Vor der Kirche wird dann ein Feuer entzündet, um zu verdeutlichen, dass Jesus auf die Welt gekommen ist und die Menschen erleuchtet hat. Am Ende der Messe wird Brot an alle verteilt. Doch die Leute gehen nicht sofort nach dem Gottesdienst nach Hause. Sie bleiben noch eine Weile vor der Kirche stehen, plaudern, umarmen und küssen sich und beglückwünschen einander. Nachrichten werden ausgetauscht wie auf einem orientalischen Marktplatz.

Geflohene irakische Christin aus Mossul; Foto: AFP/Getty Images
Exodus der irakischen Christen: Mindestens 160.000 Christen sind nach der Eroberung von Mossul durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) aus der Millionenstadt geflohen. Vor 2003 lebten noch rund 1,2 Millionen Christen im Irak - viele von ihnen im Norden. Zuletzt wurde deren Zahl auf 500.000 geschätzt, sie dürfte aber weiter gesunken sein.

Vier Tage lang wird gemeinsam gefeiert, und während dieser Zeit besuchen sich die Leute gegenseitig, und gratulieren sich zum Geburtstag von Jesus.

Christen unter Druck

Die Christen lebten lange Zeit in Sicherheit unter den Muslimen. Sie haben eine gemeinsame Tradition und Kultur. Der islamische Staat tolerierte die Minderheiten. So war es bis heute.

Doch gegenwärtig gerät das Christentum in der Region immer mehr unter Druck – bedingt durch wachsenden Fundamentalismus, den Zerfall staatlicher Ordnung und eine ungenügende Trennung von Religion und Staat. Bis heute kommt es verstärkt zu Gewaltausbrüchen gegen religiöse Minderheiten.

Bei vielen arabischen Christen herrscht Endzeitstimmung. Um den Konflikten in ihren Herkunftsländern zu entgehen, suchen sie daher andere Wege: Heute, im 21. Jahrhundert wandern die Christen aus dem Nahen- und Mittleren Osten aus. Jede Familie überlegt sich, wie ihre Kinder ausreisen können. Zurück bleiben nur die Alten. Und die, die gehen, kommen nicht mehr zurück.

Doch je länger die Auswandererbewegung von "Andersgläubigen" anhält, desto geringer sind auch die Chancen für eine umfassende Modernisierung der islamischen Gesellschaften.

Suleman Taufiq

© Qantara.de 2014

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Leserkommentare zum Artikel: Der "Papa Noel" des Orients

Zum einen sind auch die orientalischen christlichen Gemeinden alle durch Missionierung entstanden und bestanden nicht, wie im Artikel impliziert wird, einfach schon immer. Die ersten Christen haben von Anfang an eine umfassende Missionierung von Andersgläubigen betrieben. Dies ist auch der einzige Auftrag Jesu Christi an seine Nachfolger.

Zum anderen ist auch für die westlichen Kirchen das Osterfest bzw. der Karfreitag der höchste Feiertag des Kirchenjahres. Weihnachten hat nur eine höhere mediale und kommerzielle Aufmerksamkeit erworben, das Einführen der Geschenkpraxis (eine Übernahme aus einem Brauch der römischen Saturnalien) hat sich ökonomisch stärker ausgewirkt, als die eigentlich für den urchristlichen Glauben irrelevante Geburtstagsgeschichte des Jesus Christus.

Bemerkenswert finde ich die Äußerung, dass eine umfassende Modernisierung der islamischen Gesellschaften nur durch den Einfluss "Andersgläubiger" möglich sei. Das kann man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Bernd Zäpernick26.12.2014 | 21:57 Uhr