Taha Husain und die Demokratisierung der Bildung in Ägypten

Das Meer des Wissens

Der ägyptische Autor Taha Husain hat bereits Ende der dreißiger Jahre gewusst, dass die Zukunft Ägyptens von der Reform seines Bildungssystems abhängt. Seine Schrift "Die Zukunft der Bildung in Ägypten" ist ein Plädoyer für ein aufgeklärtes, demokratisches und mediterranes Ägypten. Von Andreas Pflitsch

Zu Beginn seiner 1926 erschienenen Autobiographie al-Ayyâm, einem der bekanntesten Texte der arabischen Moderne, beschreibt Taha Husain die Enge der Welt, wie er sie in seiner frühen Kindheit wahrnahm: "Er war überzeugt, dass die Welt zu seiner Rechten an jenem Kanal endete, der nur wenige Schritte von ihm entfernt vorüberfloss. Warum auch nicht? Er sah ja die Breite des Kanals nicht und konnte nicht ermessen, dass ein munterer Junge von einem Ufer ans andere springen konnte; er konnte sich nicht vorstellen, dass es jenseits des Kanals genau dieselben Menschen, Tiere und Pflanzen gab wie diesseits." Ein Augenleiden hatte ihn bereits als Kleinkind erblinden lassen und seinen Horizont entsprechend begrenzt.

Aber es ist nicht allein diese körperliche Einschränkung, die der Autor in seinen Erinnerungen beschreibt. Gemeint sind zugleich die Enge der dörflichen Provinz, der kulturellen und religiösen Traditionen und die Beschränkungen des eher ärmlichen Lebens, in das er 1889 hineingeboren worden war und die in ihm die Sehnsucht nach der Welt "jenseits des Kanals" haben aufkommen lassen. Über Wissen und Bildung sollte er seinen Weg in die weite Welt finden.

Sein offenbar lebenslang unstillbarer Wissensdurst ermöglichte ihm den Ausbruch aus seiner engen Welt: Aus dem blinden Dorfjungen wurde so einer der einflussreichsten Intellektuellen der arabischen Moderne, der als Autor von Theaterstücken und Romanen, als Herausgeber von einflussreichen Zeitschriften, als Literaturkritiker, als Hochschullehrer und als Bildungspolitiker das ägyptische und das arabische Geistesleben insgesamt nachhaltig geprägt hat.

Gehorsam statt Diskussion

Al-Azhar Universität in Kairo; Foto: picture-alliance/ZB
Von der anfänglichen Begeisterung zur Desillusionierung: "Im Laufe der Zeit werden Taha Husains Zweifel an der Lehre der Azhar immer stärker und mit diesen Zweifeln wächst seine neue Liebe zur Literatur, die jedoch von den Azhar-Gelehrten nicht zu den ernsthaften Lehrstoffen gezählt wird", schreibt Pflitsch.

Nach dem Besuch der dörflichen Koranschule folgt Taha Husain als Dreizehnjähriger seinem älteren Bruder zum Studium an die al-Azhar nach Kairo. Er erlebt dies als großes Abenteuer; es ist für den blinden Jungen die erste Stufe seines triumphalen Aufstiegs. In der ägyptischen Metropole lernt er die Wissenschaft als "Meer ohne Ufer" kennen und wird von einer unbändigen Begeisterung für sie erfasst. Er ist "entschlossen, sich in dieses Meer zu werfen, daraus zu trinken, soviel ihm beschieden war und sogar bereit, in ihm zu ertrinken. Welcher Tod wäre dem edlen Menschen würdiger als der, der ihn auf der Suche nach dem Wissen ereilt und einem Ertrinken in der Wissenschaft gleichkäme", schreibt er im zweiten Teil seiner Autobiographie.

Doch schon bald weicht die anfängliche Begeisterung der Enttäuschung über die Begrenztheit dessen, was an der Azhar gelehrt wird. Als er von den Lehrveranstaltungen des Reformtheologen Muhammad Abduh (1849–1905) hört, eröffnet sich ihm eine neue Welt des Wissens, die ihm die traditionelle Lehre schal und hohl erscheinen lässt. Diskussionen sind dort nicht vorgesehen, statt Freiheit der Wissenschaft herrschen strenge Hierarchie, Gehorsam und Indoktrinierung. Im Laufe der Zeit werden seine Zweifel an der Lehre der Azhar immer stärker und mit diesen Zweifeln wächst seine neue Liebe zur Literatur, die von den Azhar-Gelehrten nicht zu den ernsthaften Lehrstoffen gezählt wird.

Von enttäuschter Liebe zur Rebellion

In der klassischen arabischen Dichtung findet Taha Husain ein Gegenmodell zu den theologischen Diskursen. Er entdeckt "den Unterschied zwischen der Rohheit des azharitischen Geschmacks und der Geschliffenheit der Alten [...], zwischen der Stumpfheit des azharitischen Geistes und dem kritischen Urteil und Kunstverständnis der Alten." Im dritten Teil seiner Autobiographie spricht er sogar von einer "geisttötenden Langeweile, unter der er schrecklich litt" (III, 9). Die Azhar-Scheichs, die er wegen ihres großen Wissens zunächst so bewundert hatte, werden nun mehr und mehr zu abschreckenden Feindbildern. In ihren Vorlesungen, erinnert er sich, "hörte er stets dieselben faden Floskeln und wiedergekäuten, sterilen Vorträge, die weder sein Herz noch seinen Geschmack oder Intellekt ansprachen und ihm nichts Neues vermittelten". Aus enttäuschter Liebe wird bald Rebellion und Taha Husain wird mit ein paar Freunden der Azhar verwiesen.

Er wechselt daraufhin an die erst seit 1908 bestehende Ägyptische Universität und wird später zu deren erstem Absolventen überhaupt. An dieser in direkter Konkurrenz zur altehrwürdigen Azhar nach westlichem Vorbild gegründeten Universität lernt er eine ganz andere Form des Lernens kennen. Beim Besuch seiner ersten Vorlesung kommt ihm der Professor "so neu und so fremd vor, wie man überhaupt neu und fremd sein kann". Er wird völlig in den Bann gezogen und kann vor Aufregung nach dieser Erfahrung nicht schlafen.

"Das ägyptische Universitätsleben", idealisiert er diese Zeit später, "war ein ununterbrochenes Fest, das die Ägypter Abend für Abend feierten, so verschieden sie im Bildungsniveau auch sein mochten. Ob arm, ob reich, traditionell oder europäisch gekleidet, strömten sie in die Hörsäle". Die Ägyptische Universität wird in der Rückschau zu einer einenden Schule der Nation, die alle Unterschiede überbrückt. Gleichzeitig wird die Azhar als „die Tortur seines Geistes“ geschmäht. Aber die Ägyptische Universität sollte nicht die letzte Stufe seines Aufstiegs sein.

Das westliche Vorbild und Gegenüber

Universität Kairo; Foto: CC BY-NC 2.0/ Zeinab Mohamed
Als Taha Husain seine Begeisterung für die Literatur entdeckt, wechselt er zu der neu gegründeten Ägyptischen Universität. Für ihn wird sie Symbol einer alles vereinenden Bildungseinrichtung: "ob arm, ob reich, traditionell oder europäisch gekleidet, strömten sie in die Hörsäle".

Taha Husains weiterer Bildungsweg führte ihn im November 1914 als Stipendiat nach Frankreich, wo er in den folgenden vier Jahren sein Studium fortsetzte, zunächst in Montpellier, später dann in Paris. Die Begegnung mit dem Westen hatte arabische Literaten seit dem frühen 19. Jahrhundert herausgefordert. Man verglich die eigene Kultur, Religion und Tradition mit der westlichen Moderne und diskutierte die Notwendigkeit von Reformen.

Spätestens seit Rifaa at-Tahtawis (1801–1873) Bericht über die 1826 bis 1831 von ihm betreute Studienmission nach Paris stand die französische Metropole auch für ägyptische Intellektuelle für die Kultur der westlichen Moderne schlechthin. Tahtawi war Paris und seinen Einwohnern offen und mit Sympathie begegnet, hatte aus einer vergleichsweise selbstbewussten Haltung heraus die Vor- und Nachteile der europäischen Gesellschaft beschrieben, einiges davon als vorbildlich und nachahmenswert dargestellt, anderes aber auch als unpassend bezeichnet und klar abgelehnt.

In den Jahrzehnten nach Tahtawi verkrampfte sich das Verhältnis zwischen arabisch-islamischer Welt und Europa spürbar. Vor dem Hintergrund des rasanten Machtzuwachses der militärisch drückend überlegenen Europäer im Zeitalter von Kolonialismus und Imperialismus wurde die Debatte auf arabischer Seite zunehmend apologetisch. Fortschritt und Moderne wurden nun – vom Westen wie vom Osten – immer mehr zu einem europäischen Monopol umgedeutet. Als spiegelverkehrte Gegenbewegung entstanden Abgrenzungsreflexe, die die Andersartigkeit der eigenen Kultur betonten, und der Rückzug auf das, was man als eigene Identität und Tradition begriff.

Gamal al-Din al-Afghani (1839–1897) und Muhammad Abduh (1849–1905) forderten die Neubegründung der islamischen Identität durch eine Rückkehr zu den reinen Quellen der Religion und lehnten später entstandene Traditionen ab. Nach wie vor gab es aber auch noch moderne Visionen: Bereits um die Jahrhundertwende hatte Qasim Amin (1863–1908) in seinen beiden Büchern Tahrir al-mar'a (1899) und al-Mar'a al-gadida (1901) gegen die Geschlechtertrennung und für eine aktive Beteiligung der Frauen am gesellschaftlichen Leben in Ägypten plädiert. Als Voraussetzung dafür forderte Amin insbesondere eine deutliche Verbesserung der Bildungssituation ägyptischer Frauen.

Die Vision einer Mittelmeerkultur bei Taha Husain

Taha Husain mit seiner Frau, Suzanne Bresseau; Foto: privat
Gegen alle Widerstände: Im Jahr 1915 lernt Taha Husain seine zukünftige Frau, Suzanne Brisseau, kennen. Sie liest ihm vor, stellt Kontakte her und arrangiert Treffen mit Bekannten, und unterstützt ihn in bei seinen Arbeiten an der Universität. Ihre Familie war von einer Hochzeit mit dem ägyptischen Mann zunächst nicht begeistert. Erst als ihr Onkel und Priester sich von seinem Genius überzeugt hatte, stimmte auch die Familie der Heirat zu.

Für eine ähnlich selbstbewusst offensive Haltung der Moderne gegenüber sollte Taha Husain später werben. Schon bevor er als junger Mann zum Studium nach Frankreich kam, war er an der Ägyptischen Universität derart tief in europäisches Denken und europäische Literatur eingetaucht, dass für ihn die Reise über das Mittelmeer keine Reise in die Fremde mehr war. So empfand er keinen unvereinbaren Gegensatz – oder gar clash – zwischen den Kulturen.

In seiner bildungspolitischen Schrift Mustaqbal ath-Thaqâfa fî Misr (1938) durchkreuzt er den Gegensatz zwischen westlicher Moderne und östlicher Tradition – und damit das Paradigma von der den islamischen Gesellschaften 'fremden Moderne'. Zwischen Ägypten und Europa verläuft seiner Darstellung zufolge keine kulturelle Grenze. Im Gegenteil teile man eine gemeinsame Mittelmeerkultur, die im Laufe der Geschichte von Griechen und Römern, von Juden und Phöniziern, von Arabern und Türken und Kreuzrittern gleichermaßen geprägt worden sei. Die griechische Philosophie, das römisches Recht und der abrahamitische Monotheismus hätten die Kultur rund um das Mittelmeer geprägt, das man sich aus diesem Grund als Brücke vorstellen müsse, und nicht als Grenze. Die eigentlichen Grenzen dieser Mittelmeerkultur bildeten im Norden die Alpen und im Süden die Sahara.

Taha Husain leitet aus dieser Erkenntnis die Forderung ab, den arabischen Minderwertigkeitskomplex angesichts der vermeintlichen Überlegenheit des Westens zu überwinden. Es sei die Pflicht der Ägypter, nach Erreichen der vollständigen Unabhängigkeit ein demokratisches System zu etablieren, die Gesellschaft zu modernisieren und insbesondere den „grässlichen und schädlichen Trugschluss aus ihren Herzen zu verbannen, sie seien aus anderem Holz geschnitzt als die Europäer und mit einer anderen Intelligenz begabt“. Die Bildung ist für ihn der Königsweg zum Ziel, (wieder) mit den Europäern gleichzuziehen und ein ebenbürtiger Partner zu werden.

Bildung als Weg in die Moderne

Bei Mustaqbal ath-Thaqâfa fî Misr handelt es sich um eine dezidiert programmatische kultur- und bildungspolitische Stellungnahme Husains, die vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung zu verstehen ist. Zwei Jahre vor ihrer Veröffentlichung, im August 1936, wurde das Abkommen zwischen Großbritannien und Ägypten geschlossen, das die seit 1882 andauernde Besatzung Ägyptens beendete. Die nahende Unabhängigkeit Ägyptens warf Fragen über die Zukunft des Landes auf, insbesondere nach seiner kulturellen Zugehörigkeit und seiner nationalen Identität.

Husains idealistische Negierung der kulturellen Unterschiede zwischen Europa und Ägypten erklärt sich aus dieser Situation. Es war eine Zeit des Aufbruchs, und für Taha Husain bedeutete dies vor allem: des Aufbruchs in die Zukunft der Bildung. Nur wenn die Ägypter – und die Ägypterinnen! – ihre Bildungssituation verbessern würden, glaubte er, könnten sie ihr Potential ausschöpfen und zu Europa aufschließen.

Husains Optimismus wurde zur damaligen Zeit von vielen seiner Landsleute und auch von nicht wenigen europäischen Beobachtern geteilt. Berühmt ist der Ausspruch des Khediven Ismail anlässlich der Eröffnung des Suez-Kanals 1869, Ägypten werde "ein Teil Europas" werden. Der britische Schriftsteller und Abenteurer Richard Francis Burton unterstrich den Optimismus Ismails, als er während seines Ägyptenbesuchs 1876 feststellte: "Unserer Überzeugung nach verläuft der Fortschritt zur vollsten Zufriedenheit." Burtons Fazit fiel eindeutig positiv aus: "Tatsächlich muss Ägypten, allen Unkenrufen zum Trotz, als eines der erfolgreichsten unter den modernen Königreichen betrachtet werden." Darum sei es "in der Tat schwierig, irgendeine Schranke zu erkennen, die seinen Aufstieg behindern könnte".

Reform des Bildungswesens

Demonstration von Studenten an der Universität Kairo im Jahr 2014; Foto: picture-alliance/AA/M. Hossam
Bildung ist Zukunft: Taha Husain vertrat die Ansicht, dass Ägypter wie Europäer eine gemeinsame Mittelmeerkultur teilten. Griechische Philosophie, römisches Recht und der abrahamitische Monotheismus waren für in die Brücke, die die verschiedenen Länder miteinander verband. Allein Bildung sei notwendig, damit die Ägypter den "grässlichen und schädlichen Trugschluss aus ihren Herzen […] verbannen, sie seien aus ganz anderen Holz geschnitzt als die Europäer und mit einer ganz anderen Intelligenz begabt".

Mit Erreichen der Unabhängigkeit 1936 schien also der Weg frei für ein modernes Ägypten. Voraussetzung dafür war Taha Husain zufolge ein gründlich reformiertes Bildungssystem. Bereits in der Verfassung von 1923 war die Schulpflicht für Ägypter beiderlei Geschlechts festgeschrieben worden. Auch die Schulgeldfreiheit der öffentlichen Elementarschulen (al-makâtib al-'âmma) hatte seitdem Verfassungsrang.

Allerdings boten die aus den Koranschulen (katâtîb) hervorgegangenen Elementarschulen nur eine sehr anspruchslose Grundausbildung, während die Primarschulen (madâris ibdâ 'îya), die eine moderne, am europäischen System orientierte Bildung anboten, weiterhin gebührenpflichtig blieben. Nur über die Primarschulen aber konnten die Schüler den Weg einer höheren Bildung einschlagen, die ihnen den Aufstieg in Staatsämter ermöglichte. Damit war ein Zweiklassensystem etabliert, in dem die Diskriminierung der unteren Schichten zugunsten des Bürgertums zementiert wurde.

In Mustaqbal ath-Thaqâfa fî Misr vertrat Taha Husain noch die Ansicht, die Elementarschulen könnten ein adäquates Mittel des Staates sein, die nationale Einheit Ägyptens zu stärken. Während seiner Zeit als Berater im Unterrichtsministerium 1942 bis 1944 musste er jedoch erkennen, dass die Zweigleisigkeit des Schulsystems die Gesellschaft zu spalten drohte. Bemühungen des damaligen Unterrichtsministers Ahmad Nagib al-Hilali, das Bildungssystem zu demokratisieren, indem er das Schulgeld für die Primarschule abschaffte, ließen sich nicht durchsetzen.

Kostenlose Bildung für alle

Als Taha Husain im Januar 1950 selbst ägyptischer Unterrichtsminister wurde, setzte er den Kurs Hilalis fort und verhalf ihm zum Durchbruch. Er erklärte, Bildung müsse jedem Kinde ebenso kostenlos zugänglich sein "wie Wasser und Luft", und schaffte 1950 das Schulgeld für die Sekundarschulen ab. Die Primarschulen legte er 1951 mit den Elementarschulen zusammen, verlängerte sie von vier auf sechs Jahre und schuf damit eine einheitliche Grundschule für alle Ägypter. Mit diesen Maßnahmen waren die Weichen in der Bildungspolitik neu gestellt.

Allerdings ließ die Umsetzung der Ideen noch lange auf sich warten. Vor allem aufgrund fehlender finanzieller Mittel bestand die Reform zunächst nur auf dem Papier, so dass noch am Vorabend der Revolution von 1952 nur deutlich weniger als die Hälfte der sechs- bis zwölfjährigen Ägypter überhaupt eine Schule besuchte. Zudem blieb das Niveau der ehemaligen Elementarschulen auch nach ihrer Umformung in Grundschulen schlecht, so dass sich die Änderung vielerorts in einer schlichten Umbenennung erschöpfte.

Nach der Revolution von 1952 setzten die neuen Machthaber den Ausbau des Bildungswesens fort und setzten den Schwerpunkt ihrer Bemühungen dabei auf den quantitativen Ausbau, mit der Folge, dass die qualitative Verbesserung des Bildungssystems weiter hinterherhinkte. Dieses Problem ist, nicht zuletzt aufgrund der demographischen Entwicklung Ägyptens, bis heute ungelöst.

Andreas Pflitsch

© Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann 2015

Der Autor ist promovierter Islamwissenschaftler und Imker. Er lebt in Berlin.

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Leserkommentare zum Artikel: Das Meer des Wissens

Ein toller Beitrag! Und vor allem die letzten Sätze sind 100 Prozent zu unterschreiben. Das "normale" Bildungsniveau in Ägypten ist eine Katastrophe, kaum einer der Absolventen dieser Schulen hat noch eine echte Chance auf dem Arbeitsmarkt, schon gar nicht auf dem internationalen. Selbst das ägyptische Abitur /Thanawiya amma hat kaum irgendwo einen Stellenwert, oftmals können selbst diese Abiturienten kaum richtig lesen und schreiben und finden Ägypten auf keiner Weltkarte. Englisch lernen die Kinder besser auf der Straße. Kommen diese Abiturienten dann zur Universität sind sie kaum in der Lage, dem Studium zu folgen. Viele vor allem ältere Professoren beklagen das entsetzlich niedrige Niveau der Studierenden, das laut ihrer Aussage immer noch tiefer sinkt. Noch schlimmer sieht es mit den Absolventen der Azhar-Schulen und -Universitäten aus. Was die Kinder und Jugendlichen dort "lernen" ist alles andere als hilfreich für eine erfolgreiche Zukunft. Es ist nämlich nach unseren Vorstellungen mit "fast gar nichts" gleichzusetzen...Dafür gibt es die religiöse Indoktrination im Überfluss, nur dass damit niemand eine ernsthafte berufliche Karriere beginnen kann. Mit diesen Studenten der Religionswissenschaften zum Beispiel kann man die Straße pflastern. Die Arbeitslosigkeit ist bei den meisten vorprogrammiert. Fast die gesamte derzeitige Manager- und Chefschicht in Kairo und anderswo hat inzwischen ihre Ausbildung an privaten Auslandsschulen erworben. Natürlich gibt es auch Ausnahmen von intelligenten Kindern, die es trotz Bildungsferne zuhause UND schlechtem Schulsystem mit unglaublicher Motivation und Fleiß schaffen, sich aus diesem Mist heraus zu kämpfen. Diese Kinder sind bewundernswert, denn oft haben sie es auch noch sehr schwer in der Gesellschaft. Aber solange Neugier auf Wissen jenseits des Tellerrandes, Fragenstellen, eigene Gedankengänge oder Phantasie regelrecht bestraft werden (und zwar leider in vielen Fällen auch körperlich...), ist das alles kein Wunder. Und solange Bücher wie die von Taha Husain nicht Pflicht an jeder Schule werden, sondern immer nur " das Eine" gelesen wird, und das noch nicht mal richtig, braucht man sich nicht wundern, das sich nichts tut. Ägypten braucht eine komplette und umfassende Reform des Bildungssystems.

Ingrid Wecker16.07.2015 | 16:16 Uhr

Ṭāha Ḥusain (1889–1973 n. Chr.) wies Mitte des vergangenen Jahrhunderts auf den schwindenden Gebrauch des Hocharabischen in Ägypten hin und sagte vorher, dass wenn dieser gestörte Zustand im Arabischunterricht nicht behoben und letzterer neugestaltet würde, das Hocharabische ein Monopol allein der Denker und der Geistlichen werden, und dass niemand aus der Masse des Volkes es verstehen, in sich aufnehmen oder sprechen können würde. Er sagte: „Die arabische Sprache ist in Ägypten – wenn nicht fremd – so doch nicht weit davon entfernt, fremd zu sein. Sie wird von den Menschen weder zu Hause, noch auf der Straße, noch in Versammlungen, noch in den Schulen, noch in der Azhar gesprochen.“

Der US-amerikanische Linguist Charles Ferguson (1921–1998) erwartet für das moderne Arabisch er eine langsame Wandlung, wobei die volkssprachlichen Wörter mit den hochsprachlichen verschmelzen, so dass sich danach drei Sprachgattungen zeigen: (1) das maghrebinische Arabisch auf der Grundlage der Volkssprache von Rabat oder Tunis, (2) das ägyptische Arabisch, das sich auf die Umgangssprache von Kairo gründet, und (3) das östliche Arabisch auf der Grundlage der Umgangssprache von Baghdad.

Diese Entwicklung ist beängstigend, und vielleicht meinen die Ägypter, der Dialekt, den sie sprechen, sei Standardarabisch und würde von allen verstanden. In seinem Film über den andalusischen Gelehrten Ibn Ruschd (Averroes) lässt der verstorbene ägyptische Regisseur Yusuf Schahin alle Darsteller ägyptischen Dialekt sprechen, was in unseren Augen ein schrecklicher Fehler ist. Das wäre so, als würden in einem Spielfilm über eine historische Persönlichkeit in Bayern die Darsteller Plattdeutsch sprechen. Es zeugt von einem Hochmut der Ägypter über die anderen Araber und drückt Verachtung für die arabische Sprache aus. Hasan al-Bannas – des Begründers der Muslimbruderschaft – Anweisung: „Bemühe dich, Hocharabisch zu sprechen, denn das gehört zu den Zeichen des Islams“, wird selbst von den meisten Angehörigen dieser Bewegung nicht befolgt – falls sie überhaupt wissen, was Standardarabisch ist.

Frank Walter24.07.2015 | 01:29 Uhr

Lieber Herr Walter! lSie glauben doch nicht ernsthaft, dass dies der wahre Grund fuer die Misere ist? Und dann noch ausgerechnet Hassan el Banna in diesem Zusammenhang zu quoten ist schon starker Tobak. Bildung hat grundsaetzlich mal gar nichts mit Religion oder Religionszugehoerigkeit zu tun. Wenn Sie das naemlich verquicken, dann kommen wir dem Problem schon etwas naeher. In den meisten islamischen Laendern ist es naemlich genau der dort real gelebte Islam (nicht Ihre Utopie davon) die wahre Bildungsbremse. Fast alle islamischen Laender - mit ganz wenigen Ausnahmen - liegen im internationalen Bildungsranking ganz unten oder verweigern der Haelfte der Bevoelkerung - naemlich den Maedchen und Frauen - Bildung gleich ganz. Auch in Aegypten wird trotz Schulpflicht vielen Maedchen, die nicht geburtsregistriert werden, die Schule immer noch unmoeglich gemacht. Glauben statt wissen, das ist leider in vielen islamischen Laendern die Devise. Die Zeiten des Ischdihad sind leider vorbei. Wer etwas weiss hat Macht, und die soll nicht geteilt werden. So enfach ist das. Und da kommen Sie mit Hocharabisch...

Ingrid Wecker25.07.2015 | 19:07 Uhr