Spanien und das Erbe Ibn Arabis

Der große Meister von Murcia

Vor 850 Jahren wurde Ibn Arabi in Murcia geboren. Kein anderer Mystiker war so richtungsweisend für die islamische Spiritualität. Und doch erinnert sich in Spanien kaum jemand an ihn. Von Marian Brehmer

Wenn man das von einem riesigen goldverzierten Altar und zahlreichen Marienstatuen eingenommene Kirchenschiff der San-Salvador-Kirche in Sevilla durch die Hintertür verlässt, gelangt man in einen kleinen Hinterhof. Die atmosphärische Geigenmusik, die in der Barockkirche abgespielt wird, noch im Ohr, fällt der Blick auf ein oktogonales Wasserbecken.

Nicht viele Touristen beachten den kleinen Platz im Schatten der Kirche. Vor der gelb getünchten Hauswand, die den Hof begrenzt, stehen die Überreste dreier Steinbögen, überragt von der Spitze eines quadratischen Backsteinturms.

Wenig erinnert daran, dass dieser Turm einmal ein Minarett war und der Hof Ort für die rituellen Waschungen. Dort, wo jetzt die Kirche steht, befand sich einmal die Al-Adabbas-Moschee, lange die wichtigste Moschee Sevillas und Treffpunkt der muslimischen Gemeinde der Stadt. Muhyiddin Ibn Arabi, der große Mystiker und Weisheitslehrer des islamischen Spaniens aus dem 12. Jahrhundert, ging in der Moschee ein und aus und erwähnt sie in einigen biographischen Anekdoten.

Inspirationsquelle von Spanien bis Indonesien

Kaum ein anderer Mystiker-Philosoph formte mit seinem Werk die Entwicklung der islamischen Spiritualität so grundlegend wie Ibn Arabi, dessen Geburtstag sich am 26. Juli zum 850. Mal jährte. Ibn Arabis unüberschaubare Vielfalt an Werken, über 350 an der Zahl, galt Mystikern aller Jahrhunderte als eine Schatztruhe gnostischer Weisheiten. Sein literarisches Erbe inspirierte Sufi-Meister zwischen dem maurischen Spanien im Westen und dem fernen muslimischen Indonesien im Osten. Sie kannten ihn unter seinem Ehrentitel "Shaykh al-Akbar" (der größte spirituelle Meister).

Ibn Arabis bekannteste Werke sind die "Futuhat al-Makkiyya" (Die Mekkanischen Offenbarungen) und die "Fusus al-Hikam" (Ringsteine der göttlichen Weisheit). An den "Futuhat", die sich im Arabischen über mehrere Tausend Seiten erstrecken, schrieb Ibn Arabi über dreißig Jahre. Diese riesige Enzyklopädie esoterischen Wissens vereint die drei Erkenntnisquellen von Tradition, Vernunft und mystischer Eingebung. Die "Fusus", schmaler in Umfang aber reich an Gehalt, sind ein Abhandlung über die mit den islamischen Propheten assoziierten Weisheiten.

Im Keller der San-Juan-de-Dios-Kirche in Ibn Arabis Geburtsstadt Murcia befinden sich die Überreste eines Mihrabs; Foto: Marian Brehmer
Im Keller der San-Juan-de-Dios-Kirche in Ibn Arabis Geburtsstadt Murcia befinden sich die Überreste eines Mihrabs. An dieser Stelle stand zur Zeit von Ibn Arabis Geburt im Jahr 1165 Murcias wichtigste Moschee.

Die Besonderheit von Ibn Arabis Schriften ist "ihre Universalität und Breite, verbunden mit einer erstaunlichen Durchdringung der zentralen Themen der menschlichen Erfahrung. Wenige Menschen können behaupten, mehr als einen Teil dieser Werke gelesen zu haben, und noch weniger wären so kühn zu behaupten, sie verstanden zu haben", schreibt der britische Ibn Arabi-Forscher Stephen Hirtenstein in seiner Biografie des Shaykh al-Akbars "Der grenzenlos Barmherzige".

Dieses reiche philosophisch-esoterische Erbe nahm im heutigen Spanien seinen Anfang. Und doch gibt es in Sevilla keine Tafel, die daran erinnert, dass Ibn Arabi 27 Jahre seines Lebens in der Stadt verbrachte. Geboren 1165 in der südostspanischen Stadt Murcia, zog Ibn Arabi im Alter von sieben Jahren mit seinem Vater nach Sevilla. Die größte Stadt Andalusiens spielte eine wichtige Rolle in Ibn Arabis Werdegang als Mystiker.

Sevilla – Schmelztiegel der Kulturen

Sevilla wurde unter dem Kalifat der Almohaden zu einem Schmelztiegel der Kulturen, in dem Dichter, Philosophen, Heilige, Theologen und Laien miteinander verkehrten. In diesem kosmopolitischen Umfeld wuchs Ibn Arabi auf. Schon in jungem Alter zeigten sich seine seherischen Fähigkeiten, berichtete er von Visionen, zog sich zur Klausur in die Einsamkeit alter Ruinen zurück.

Als Jugendlicher studierte Ibn Arabi Koran und Hadith und pflegte die Gesellschaft von spirituellen Meistern und Shaykhs, darunter Männer wie auch Frauen. Spätere Lebensphasen verbrachte er in Mekka und Anatolien. Im Jahr 1240 starb Ibn Arabi im Alter von 75 Jahren in Damaskus. Sein Grab, das in einem Vorort der syrischen Hauptstadt liegt, ist eine wichtige Pilgerstätte.

Wie kommt es, das kaum jemand in Sevilla seine Stadt heute mit Ibn Arabi in Verbindung bringen würde? Gracia Anguita, die seit einigen Jahren zur islamischen Mystik forscht, schrieb an der Universität Sevilla eine Doktorarbeit zu Ibn Arabis Werk. "Viele Spanier wissen zwar, dass ein Großteil ihrer kulturellen Errungenschaften auf die islamische Epoche zurückgeht. Aber die wichtigen Persönlichkeiten der andalusischen Kultur wie Ibn Arabi haben noch nicht ihren Weg in das kollektive spanische Gedächtnis gefunden." Bei Ibn Arabi liege das auch darin, dass seine Schriften sich nicht jedem leicht erschließen, ganz abgesehen davon, dass sie auf Arabisch verfasst sind.

Gracia Anguitas Interesse an der Mystik begann, als sie sich in der Schulzeit mit den esoterischen Lehren der Kabbalah und des barocken spanischen Christentums befasste. In der Universität stieß sie auf Ibn Arabis Werk und begann darüber zu forschen: "Mich fasziniert die Weisheit, mit der Ibn Arabi jegliches Thema behandelt und sein Verständnis vom Universum und Leben, bei dem jede physische Wirklichkeit mit einer spirituellen Wirklichkeit verbunden ist."

Wenig Forschung zu Ibn Arabi

Alhambra in Granada; Foto: Getty Images
Al-Andalus, lange Zeit die kultivierteste Region Europas: Hiervon zeugen heute architektonische Meisterwerke wie die Alhambra in Granada oder die Mezquita in Cordoba genauso wie die Errungenschaften von Philosophen wie dem islamischen Denker Averroes oder seinem jüdischen Kollegen Maimonides.

Seinerzeit war Anguita die einzige Doktorandin in ganz Spanien, die an einer Doktorarbeit über Ibn Arabi schrieb. Das Studium des Sufismus, sagt sie, werde an spanischen Universitäten vernachlässigt. "Es gibt in Spanien nur wenige Akademiker, die wirklich gute Arbeit zu Ibn Arabi geleistet haben." Dennoch glaubt Anguita, dass Ibn Arabis Erbe allmählich von mehr und mehr Spaniern wiederentdeckt wird.

Charakteristisch für Ibn Arabis Lehren ist ihr Universalismus. Bei Ibn Arabi erscheinen nicht nur die Traditionen des Islam in einem neuen Licht, das deren innere Bedeutung freilegt, sondern auch die Philosophie von Judentum und Christentum.

Vielschichtigkeit und eine Ganzheit der Sicht sind zwei wichtige Merkmale von Ibn Arabis Denken – wenn er beispielsweise über die Einheit von Verstand und Intuition schreibt. Scheinbare Gegensätze fügt er zu einem harmonischen Ganzen zusammen und erhellt dabei viele Probleme, die in der Welt von heute genauso drängend sind wie schon zu Lebzeiten Ibn Arabis.

Ibn Arabi wird oft mit dem Begriff der "wahdat al-wujud" (meist übersetzt als "Einheit der Existenz") assoziiert, obgleich sein Werk keine Beschreibung dieses Konzepts enthält. Der Gedanke, der hier gemeint ist, ist die Existenz eines allumfassenden Prinzips, das alle scheinbar gegensätzlichen Überzeugungen und Doktrinen in sich einschließt.

Der Geist von Al-Andalus

Daraus ergibt sich eine natürliche Toleranz, wie sie in Ibn Arabis berühmten Gedichtzeilen zum Ausdruck kommt: Mein Herz hat sich für jegliche Form geöffnet / Es ist eine Weide für Gazellen / und ein Kloster für christliche Mönche / und ein Tempel für Götzenbilder / und die Kaaba der Pilgernden / und die Tafeln der Thora / und das Buch des Korans.

Ibn Arabis Worte reflektieren in einfacher und ästhetischer Form den Geist von Al-Andalus, das über Jahrhunderte ein Inbegriff der friedlichen Koexistenz verschiedener Religionen und Weltanschauungen war. Nicht nur arbeiteten im maurischen Spanien Wissenschaft und Religion miteinander anstatt gegeneinander. Lange Zeit war Al-Andalus die kultivierteste Region Europas.

Davon zeugen heute architektonische Meisterwerke wie die Alhambra in Granada oder die Mezquita in Cordoba genauso wie die Errungenschaften von Philosophen wie dem islamischen Denker Averroes oder seinem jüdischen Kollegen Maimonides – beide Zeitgenossen Ibn Arabis. Viele der Ideen, die sich später in der europäischen Renaissance wiederfanden, wurden schon in Al-Andalus gedacht.

Doch nach Jahrhunderten eines dominierenden christlichen Selbstverständnisses tut man sich in Spanien heute schwer damit, das maurische Erbe als Teil der eigenen Identität zu verstehen.

Im Mai dieses Geburtstagsjahres von Ibn Arabi fand in seiner Geburtsstadt Murcia das 7. Ibn-Arabi-Symposium statt, organisiert von der spanischen Sektion der internationalen Muhyiddin-Ibn-Arabi-Gesellschaft (MIAS). Dennoch ist man auch in Murcia noch weit davon entfernt, Ibn Arabi für Besucher sichtbar in das Stadtgedächtnis zu integrieren.

Eine zentrale offizielle Feier seines 850. Geburtstags gab es in Spanien nicht. Dabei wäre es in der gespaltenen Welt von heute an der Zeit, sich wieder auf Ibn Arabis Lehren von Toleranz und Einheit zu besinnen.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Der große Meister von Murcia

Vielen Dank Marian Bremer für den sehr interessanten Beitrag anlässlich des 850. Geburtstages von Ibn Arabi! Die von Ihnen festgestellte Vernachlässigung dieses arabisch-islamischen Kulturerbes beschränkt sich bedauerlicherweise nicht auf Spanien, das sich mit seiner arabisch-islamischen Historie schwertut. Auch in Syrien, das Ibn Arabis Lehren dringend braucht, um aus der kofessionellen Falle rauszukommen, wird Ibn Arabi stark vernachlässigt. Ich schäme mich zu sagen, dass vor seiner Grabesstätte viel Müll lagert. Dieser respektlose Umgang beschränkt sich nicht auf In Arabi, sondern er erstreckt sich auf das gesamte arabisch-islamische Kulturerbe. Das liegt daran, dass die herrschenden Kreise Syriens dieses Erbe (Turath) für "reaktionär" halten. Im Falle von Ibn Arabi kommt dazu, dass er ein Sufi ist, und mit Sufis können orthodoxe islamische Geistliche nichts anfangen oder sie halten sie für "ungläubig". Allein arabische Poeten sehen in Sufis wie Ibn Arabi Genossen oder Verwandte im übertragenen geistigen Sinne. Sehr häufig stellen zeitgenössische arabische Dichter in ihren Werken intertextuelle Bezüge zu den Mystikern her. Das ist vor allem in den Werken der Dichter der Stadt Homs, z.B. Shakir Mutlaq, zu beobachten. Der syrische Dichter Adunsi widmete diesem Thema ein Buch mit dem Titel: "Alshi´r walTasawwuf" (Poesie und Mystik). Erfreulicherweise liegen einige Schriften von Ibn Arabi in deutscher Übersetzung vor. Schriften von Ibn Arabi zu übersetzen und zu rezipieren ist die beste Weise, in der man den 850. Geburtstag dieses "Größten Scheichs" feiert.

Prof. Dr. Abdo ...31.10.2015 | 14:55 Uhr

Es ist etwas merkwürdig, den Mythos des toleranten Al-Andalus zu feiern, dabei den Namen Maimonides fallen zu lassen und völlig zu unterschlagen, dass dieser mitsamt seiner Familie gewaltsam von Muslimen vertrieben wurde.

Daniel Schilling01.03.2016 | 10:25 Uhr