Saudische Militärintervention im Jemen

Riads Abstiegsangst

2015 begann Saudi-Arabien eine Militäroffensive gegen seinen südlichen Nachbarn Jemen. Offiziell wollte man mit der Invasion den abgesetzten jemenitischen Präsidenten wieder an die Macht bringen. Doch stattdessen hat der Krieg das ärmste arabische Land an den Rand einer Hungersnot getrieben. Von Maysam Behravesh

Am zweiten Jahrestag des Kriegsbeginns gingen zehntausende Menschen auf die Straßen von Sanaa. Sie protestierten gegen die von Saudi-Arabien geführte Militäroffensive und forderten ein Ende des Bürgerkriegs, der bereits mehr als 10.000 Tote und 40.000 Verletzte gefordert hat. Heute benötigen laut UN rund zehn Millionen Menschen (80 Prozent der Bevölkerung) dringend humanitäre Hilfe. Geschätzte zwei Millionen Kinder sind dem Hungertod nahe.

Die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen, die die von Saudi-Arabien geführte Intervention vertreiben will, kontrollieren immer noch die westlichen Landesteile, einschließlich der Hauptstadt Sanaa. Der Konflikt scheint einen Stillstand erreicht zu haben und ist inzwischen ein Zermürbungskrieg geworden. Die politischen, humanitären und finanziellen Kosten steigen. Medienberichten zufolge hat die Führung in Riad allein 2015 rund 5,3 Milliarden US-Dollar für diesen Krieg ausgegeben. Allein die Luftangriffe haben Saudi-Arabien geschätzte 175 Millionen US-Dollar pro Monat gekostet.

Es stellt sich die Frage, warum Riad vor diesem Hintergrund unvermindert an der Militäroffensive im Jemen festhält. Grundsätzlich ist es ein emotionaler Krieg, den das Königreich im Affekt aus Frust über seinen regionalen Abstieg führt, während der Erzrivale Iran eine aufsteigende Macht ist und an Einfluss gewinnt.

Demonstration der Stärke gegenüber Teheran

Die Militäroperation begann im Zuge der multilateralen Atomverhandlungen zwischen dem Iran und den Weltmächten während der zweiten Amtszeit des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Die Saudis beschuldigten die USA, sie zugunsten einer Annäherung an den wiedererstarkenden Iran fallenzulassen.

Dolche schwingende Huthi-Rebell während einer Kundgebung in Sanaa; Foto: Reuters
Zerrieben zwischen den Fronten: Im Jemen kämpfen seit Anfang 2015 die schiitischen Huthi-Rebellen gegen die Truppen von Präsident Abd-Rabbu Mansour Hadi. Seit März 2015 fliegt eine von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition Luftangriffe auf die Rebellen. Extremistengruppen wie Al-Qaida und der Islamische Staat (IS) machen sich den Konflikt zunutze, um ihre Macht in dem Land auszuweiten.

Auch wenn die Huthis eine potenzielle Gefahr für die nationale Sicherheit Saudi-Arabiens darstellen, haben sie Riad weder den Krieg erklärt, noch gibt es irgendeinen Hinweis darauf, dass sie den jemenitischen Bürgerkrieg nach Saudi-Arabien tragen wollen. Die saudische Intervention ist also kein Akt von Selbstverteidigung. Sie dient lediglich dazu, Stärke zu demonstrieren, und zeigt Wut und Frustration über die aktuelle Lage im Nahen Osten.

Es ist sehr zynisch, dass die Saudis laut Augenzeugen absichtlich auch zivile Ziele wie Fabriken und sogar Beerdigungen und Krankenhäuser bombardieren. Riad folgt nicht dem Beispiel Israels, Bedrohungen aus dem Gazastreifen durch Land- und Seeblockaden in Schach zu halten.

Außerdem sollte die Invasion Jemens den saudischen Nationalismus und die Popularität des Königshauses Saud stärken, das durch die großen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme im Land angekratzt ist.

Für eine Entspannung im saudisch-iranischen Verhältnis

Das Haushaltsbudget des Königreichs verzeichnete 2015 ein Defizit von 38,7 Milliarden Dollar, und der Staat war gezwungen, 13 Prozent seiner Beteiligungen von insgesamt 9,2 Milliarden Dollar an europäischen Firmen zu verkaufen. Zugleich verordnete er sich eine Sparpolitik im öffentlichen Sektor.

Infografik Humanitäre Lage im Jemen; Quelle: DW
Heraufziehende humanitäre Katastrophe im "Armenhaus der Arabischen Halbinsel": Nach UN-Angaben wissen knapp sieben Millionen Jemeniten nicht, woher sie ihre nächste Mahlzeit bekommen. Fast 2,2 Millionen Kinder sind mangelernährt, 500.000 von ihnen droht der Hungertod. Alle zehn Minuten stirbt ein Kind unter fünf Jahren an vermeidbaren Krankheiten, heißt es vom Welternährungsprogramm (WFP).

Auf nationaler Ebene hat die Intervention Saudi-Arabiens geholfen, seine Führungsstellung in der arabischen Welt zu stärken, vor allem in Ländern mit sunnitischer Mehrheit. In arabischen Staaten mit einem großen Anteil von Schiiten wie Syrien, Irak und Jemen will die saudische Regierung den Einfluss des Iran begrenzen. Die Erfolge der Huthi im Jemen haben die Wahrnehmung Riads von seiner Stellung in der Welt angegriffen und eine "ontologische Unsicherheit" und Angst vor Identitäts- und Statusverlust hervorgerufen.

Der von Saudi-Arabien geführte Krieg im Jemen scheint dazu zu dienen, die Aufmerksamkeit auf die Expansionspolitik des Erzrivalen Iran zu lenken. Saudische Diplomaten haben rund um die Welt große Anstrengungen unternommen, zu zeigen, dass Teheran und seine nichtstaatlichen Alliierten weiterhin eine Quelle internationaler Unsicherheit und Instabilität sind und deshalb in ihre Schranken verwiesen werden müssen.

In gewissem Maß fühlt sich das saudische Regime durch den aktuellen US-Luftangriff auf Syrien bestätigt und durch den neuen Kurs der Trump-Administration, dass es keinen Frieden mit einem von den Schiiten unterstützten Präsidenten Baschar al-Assad geben kann.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf hängen eine Beendigung des Krieges und die Lösung der Jemenkrise zu einem Großteil von einer Entspannung der saudisch-iranischen Beziehungen ab. Eine Politik der Anerkennung der saudischen Stellung als Regionalmacht könnte den Weg dafür ebnen.

Maysam Behravesh

© Zeitschrift für Entwicklung und Zusammenarbeit 2017

Maysam Behravesh ist Doktorand der Politikwissenschaft an der Universität von Lund, Schweden, und berichtet regelmäßig in persischsprachigen Medien einschließlich BBC Persian.

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