Salafismus oder Philologie

Was man von einer Islamwissenschaftlerin lernen kann

Die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth hat wie keine zweite die deutsche Koranforschung in den letzten Jahrzehnten geprägt. Was sie zu sagen hat, ist revolutionär – nicht nur für Muslime, sondern auch für Europa. Nicht zuletzt die Salafisten könnten von ihr lernen. Von Navid Kermani

Vor einiger Zeit kündigte eine Gruppe von rechtgläubigen Muslimen an, jedem Deutschen eine allgemein verständliche Ausgabe des Korans zu schenken. Um ihre Mitmenschen einzuladen, den Koran zu lesen, wollten die Rechtgläubigen sich in Fußgängerzonen stellen und ebenso an Häuser- oder Wohnungstüren klingeln.

Zugleich planten sie eine Plakataktion, die unter dem Motto stehen sollte: "Lies!" Lies! – das ist in der allgemein verständlichen Übersetzung, die in den Fußgängerzonen verteilt werden sollte, der Anfang der 96. Sure und nach Auffassung der Rechtgläubigen das erste Wort überhaupt, das Gott an den Propheten gerichtet habe: iqra' bismi rabbika llâdhi chalaq / chalaqa l-insâna min 'alaq – "Lies! im Namen deines Herrn, der erschuf / Den Menschen schuf aus einem Klumpen Blut".

Die Ankündigung sorgte für beträchtliches Aufsehen, ja Unruhe in der deutschen Öffentlichkeit. Die Rechtgläubigen brachten es auf den ersten Platz der Nachrichtensendungen, auf die Titelseiten der überregionalen Zeitungen und in die Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Auch der deutsche Innenminister äußerte sich besorgt, und die Sicherheitsorgane gaben bekannt, die Rechtgläubigen genau zu beobachten.

Diese wiesen jeden Verdacht von sich, extremistisch gesinnt zu sein, und verwiesen darauf, dass die Bibel doch ebenfalls in allgemein verständlichen Übersetzungen verschenkt würde. Überhaupt sei ihre Aktion nicht als Mission zu verstehen – den Begriff gebe es im Islam nicht –, sondern als da‘wa, als bloße Einladung. Was spreche dagegen, den Koran zu lesen, wie man eben auch die Bibel lese?

Ja, was spricht eigentlich dagegen?

Wie so viele Debatten, die sich durch die Vielfachbeschallung heutiger Meinungsbildung zu kleinen Hysterien steigern, verlor sich auch diejenige über die Koranschenkung rasch. Die rechtgläubigen Muslime hatten gar nicht ausreichend Geld, um achtzig oder fünfzig oder auch nur eine Million Exemplare ihres Korans zu drucken, und Freiwillige fanden sich schon gar nicht, die bundesweit zur Lektüre eingeladen hätten.

Am Ende stellte sich heraus, dass der Koran nur in jenen Fußgängerzonen verteilt worden war, in denen auch Fernsehkameras standen. Und doch blieb die Frage im Raum, im öffentlichen Raum stehen: Was spricht dagegen, den Koran zu lesen, wie man eben auch die Bibel liest?

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Leserkommentare zum Artikel: Was man von einer Islamwissenschaftlerin lernen kann

Es verwundert mich, dass dieser -gute- Text von Navid Kermani am 1.08.2016 hier eingestellt wurde, wo er doch allem Anschein nach von 2013 stammt.

Immerhin kann herausgelesen weerden, dass auch der hellsichtige Kermani die salafitische Bewegung verharmlost hat. Denn die Lies!-Aktion hat sehr wohl Djihadisten rekrutiert - nicht platt durch Anwerbung an den Ständen, sondern dadurch, dass durch den salafistischen Diskurs die Lies!-Mitarbeiter in eine Sekten-Gruppen-Dynamik gezogen und radikalisiert wurden. Es wurde propagiert, dass nur die "Arbeit für Allah", sprich die Arbeit am Lies!-Stand oder andere "fromme" Aktivitäten (in ultima ratio der Djihad) wirklich zählten, mit gleichzeitiger Verunglimpfung von Arbeiten für die (verdorbene) umgebende Gesellschaft. Die so ausgesonderten Lies!-Aktivisten bildeten dann einen Pool, in dem Rekrutierungsnetzwerke gut fischen hatten. Auch liegt die Vermutung nahe, dass die Lies!-Initiative Teil einer Rekrutierungsstrategie bildet. Zum relativ hohen Prozentsatz von Lies!-Aktivisten, die Djihadisten geworden sind, gibt es (inzwischen) Erhebungen.

Ernsthaftigkeit im Umgang mit Diskursen verlangt manchmal Stellungnahmen, auch wenn diese "die Grundlagen des islamischen Glaubens berühren oder sogar ins Wanken bringen können" .
Nach meiner Überzeugung ist der salafitische Diskurs abzulehnen,
weil er manipulativ und schädlich ist,
weil er lebensfeindlich ist.

benita schneider15.08.2016 | 11:24 Uhr