Roman "Glut" von Murat Uyurkulak

Lebensgeschichten der "Schrägen" des Kinos

Mit seinem Roman "Glut" legt der türkische Autor Murat Uyurkulak eine sozialkritische Allegorie auf die heutige Türkei vor. Ceyda Nurtsch über ein Buch, das zur Verwunderung des Autors bislang von der Zensur verschont blieb.

Vor den türkisfarbenen, mit osmanischen Ornamenten filigran und schwungvoll bemalten Fayencen eines Berliner Cafés sitzt ein Mann wie aus einer anderen Welt. Krauser Bart, zotteliges Haar, Lederarmband: Es ist der türkische Kultautor Murat Uyurkulak, der dort gerade seinen Roman "Glut" vorstellt. Es ist eine Geschichte zwischen Himmel und Erde, zwischen Tod und Leben.

In einem Land namens "Ominösien", irgendwo im Osten, herrscht Bürgerkrieg. Hier lebt der als Taugenichts verschriene Protagonist, ein junger Mann namens "Muster", mit seiner Familie. Als sein vorbildlicher Bruder im Kampf gegen den Terrorismus fällt, muss "Muster" an dessen Stelle an die Front.

Doch der Dienst an der Waffe ist nicht seine Sache und so desertiert er gemeinsam mit seinem Freund "13". Die beiden fallen schließlich in die Hände von Rebellen. Als "Muster" freikommt, flieht er in den Westen des Landes und richtet mit dem gescheiterten Filmemacher "Fünfunddreißig" und ein paar traumatisierten Menschen, genannt die "Schrägen", eine Druckerei in einem verlassenen Kino ein.

Ein Panorama der Traumata der türkischen Gesellschaft

Buchcover "Glut" von Murat Uyurkulak im binooki Verlag
"Glut" ist durch den Plot mit seinen wechselnden Perspektiven und den vielen Metaphern eine literarische Herausforderung, der es sich allerdings zu stellen lohnt. Nach und nach entfaltet sich vor dem Leser ein Roman in einer ungeheuren Tiefe, der die Traumata, die im Kampf zwischen Militär und PKK entstanden sind, nachempfinden lässt wie kein anderer.

Nach Raubdrucken bringen die selbst ernannten Verleger zwei bedeutende Bücher heraus. Das erste erzählt die Lebensgeschichten der "Schrägen" des Kinos. Das Werk, das ein Panorama der Traumata der türkischen Gesellschaft ist, erschüttert das ganze Land: der Ausnahmezustand wird ausgerufen, Polizisten belagern die Straßen, Buchhändler, Bibliotheken und Wohnungen werden durchsucht. Nur das Kino bleibt auf erstaunliche Weise verschont.

Das zweite Buch, das sogenannte "Buch der Wahrheit", soll die in Form von einer ständig ansteigenden Hitze herannahende Apokalypse abwenden. Ob das gelingt, bleibt am Ende des Romans offen.

Parallel zu dieser irdischen Ebene gibt es die himmlischen Sphären. Engel sind auf der Suche nach einem "Auserwählten", einem Propheten. Denn nur er kann "Ominösien" und die gesamte Region vom Unheil befreien.

Dass "Muster" anstelle seines musterhaften Bruders zum Militärdienst an die Front geht, ist also Teil des Plans der himmlischen Wesen, die ihre eigenen Sorgen haben und denen mehr als einmal die Situation entgleitet.

"Khirbos", "Topigians" und "Zazikis"

Murat Uyurkulaks Roman "Glut" mit seinen phantastischen Wesen und Orten liest sich zunächst wie ein Märchen. Doch jede Metapher, jede Anspielung ist durchdacht, alle Fantasiebezeichnungen haben ihre Entsprechungen in der Realität. So steht "Mauerstadt" für die in Ostanatolien liegende Stadt Diyabakır, in Anspielung auf deren antike Befestigungsanlage. "Ominösien" ist die Türkei, die hier kämpfenden "Khirbos" sind Kurden, "Topigians" Armenier und "Zazikis" Griechen.

Mit Angst vor der Zensur habe diese chiffrierte Form nichts zu tun gehabt, sagt Uyurkulak und erklärt: "Die Repressalien, die verschiedene gesellschaftliche Gruppen in der Türkei erfahren haben, reichen weit in die türkische Geschichte zurück. Da gibt es den Bevölkerungsaustausch zwischen Türken und Griechen, den Völkermord an den Armeniern oder was den Kurden angetan wurde".

Als türkischer Sunnit hat er auf all das nur den Blick eines Nichtbetroffenen, sagt er. "Beim Schreiben habe ich gemerkt, dass ich mich in die Intimsphäre dieser Gruppen begebe. Ich denke, es war der Versuch, diese Last auf meinen Schultern zu erleichtern". 2006, als er an dem Roman arbeitete, liefen gerade viele Verfahren auf Basis des Artikels 301 des Strafgesetzbuchs, der – unpräzise formuliert und mit viel Spielraum für Interpretationen – die Verunglimpfung des Türkentums unter Strafe stellte.

"Staatsanwälte lesen meine Bücher nicht"

37 Sätze hatte Uyurkulaks Anwalt damals unterstrichen und war sich sicher: Das gibt Ärger. Doch eine Klage blieb aus. "Seltsamerweise", wie Uyurkulak findet. "Staatsanwälte", schlussfolgert er lachend, "lesen wohl meine Bücher nicht."

Gezi-Park Proteste 2013; Foto: Getty Images
Murat Uyurkulak: "Bei solch großen Volksbewegungen wie den Gezi-Protesten wird nicht nur die politische Macht erschüttert, sondern auch das Wissen, das uns übermittelt wurde. Seit einiger Zeit gibt es in der Türkei Diskussionen über den Völkermord an den Armeniern oder über die Assimilationspolitik gegenüber Kurden."

"Glut" ist der zweite Roman von Murat Uyurkulak, der sich mit seinem 2008 im Deutschen erschienenen Debütroman "Zorn" in der Türkei in die Liga der Kultautoren katapultierte. In beiden Romanen hat sich Uyurkulak die literarische Bewältigung der türkischen Vergangenheit zur Aufgabe gemacht. In "Glut" bringt er in einer mit osmanischen Begriffen durchtränkten ausdrucksstarken Sprache voller Anspielungen und Metaphern – mit großen Einfühlungsvermögen von Sabine Adatepe ins Deutsche übersetzt – die seit Jahrzehnten andauernden Auseinandersetzungen des türkischen Militärs mit der kurdischen PKK in einem fantastischen Roman auf den Punkt.

Während Uyurkulak in seinem Roman die "Schrägen" aus der Druckerei ihre Geschichten erzählen und in einem Buch niederschreiben lässt, ist es für ihn besonders nach den Gezi-Protesten nur noch eine Frage der Zeit, bis sich auch die offizielle Geschichtsschreibung der Türkei ändert.

Staatsideologie auf dem Prüfstand

"Bei solch großen Volksbewegungen wie den Gezi-Protesten wird nicht nur die politische Macht erschüttert, sondern auch das Wissen, das uns übermittelt wurde. Seit einiger Zeit gibt es in der Türkei Diskussionen über den Völkermord an den Armeniern oder über die Assimilationspolitik gegenüber Kurden." Gezi, so Uyurkulak, habe diesen Prozess beschleunigt. „Die Menschen werden die offizielle Staatsideologie kritischer hinterfragen“, schätzt Uyurkulak die Entwicklung ein, "denn die Menschen im Westen der Türkei haben die Staatsmacht zu spüren bekommen."

So hätten sich viele Menschen bei ihren kurdischen Mitbürgern über Twitter entschuldigt. Bis dahin hatten sie sich nicht vorstellen können, wie der Staat gegen sie vorgegangen war. "Das ist genau der Schlüssel. Wenn sich hierüber eine gegenseitige Sensibilität entwickeln lässt, bin ich sehr optimistisch", sagt Uyurkulak.

"Glut" ist durch den Plot mit seinen wechselnden Ebenen und Perspektiven und den vielen Anspielungen und Metaphern eine literarische Herausforderung, der es sich allerdings zu stellen lohnt. Nach und nach entfaltet sich vor dem Leser ein Roman in einer ungeheuren Tiefe, der die Traumata, die im Kampf zwischen Militär und PKK entstanden sind, nachempfinden lässt wie kein anderer. Und am Ende stellt sich beim Leser das Gefühl ein, dass dieser Roman genau auf diese Weise geschrieben werden musste – jedes einzelne Wort.

Ceyda Nurtsch

© Qantara.de 2014

Murat Uyurkulak wurde 1972 in Aydın geboren. Sein Jura- und Kunstgeschichtestudium in Izmir brach er ab und lebte einige Zeit in Diyarbakır. Heute lebt er in Istanbul und ist als Schriftsteller, Verleger und Übersetzer tätig. Der Roman "Glut", erschienen im Binooki-Verlag, ist nach "Zorn" sein zweiter Roman. 2013 erschien außerdem auf Türkisch "Bazuka", eine Sammlung von Kurzgeschichten.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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