Porträt des Philosophen Mohammed Abed al-Jabri

Kritik der arabischen Vernunft

Der marokkanische Philosoph Mohammed Abed al-Jabri gehört zweifelsohne zu den bedeutendsten arabischen Intellektuellen der Gegenwart. Im Mittelpunkt seiner Werke stehen das Scheitern der Aufklärung in der islamischen Welt und die Suche nach einer arabischen Identität in der Moderne. Von Sonja Hegasy

Mohammed Abed Al-Jabri; Foto: Middle East Online
In der Tradition der Aufklärung unterzieht der marokkanische Philosoph al-Jabri die arabische Kultur einer fundamentalen Analyse und Kritik.

​​ Ausgangspunkt des Denkens von Mohammed Abed al-Jabri ist die Frage nach der Definitionsautorität in arabisch-islamischen Gesellschaften.

Wer bestimmt die muslimische Geschichte? Wer ist befugt, die Rechte der Frau aus den sakralen Texten herauslesen? Welche technischen oder sozialen Neuerungen sind erlaubt und mit welcher Begründung? Fragen, die auf einen Kernkonflikt hinweisen: Gefragt wird nach der Urteilskraft des Individuums.

Al-Jabri hält daran fest, dass sich mit den Veränderungen der Moderne in der islamischen Welt auch die Religion des Islams ändern wird. De facto ist dies natürlich überall zu beobachten, denn der Islam in Marokko unterscheidet sich vom malaiischen Islam genauso wie von den islamischen Überzeugungen der "Black Muslims" in den Vereinigten Staaten.

Aber schon hier wird man in der arabischen Welt auf Widerstand stoßen, denn viele Araber halten sich noch immer für die Hüter und Bewahrer "des wirklichen" und damit einzigen Islams.

Analyse struktureller Grenzen der Wissenschaft

Die Diskussion, die von Jabri in Gang gesetzt wird, dreht sich um die individuelle und rationale Interpretation sakraler Texte. Er befreit diese Texte vom Interpretationsmuster des 8. Jahrhunderts und gesteht der rationalen Urteilskraft eines jeden Einzelnen die Fähigkeit zur Auslegung zu.

In seinem vierbändigen Werk zur "Kritik der arabischen Vernunft" analysiert al-Jabri strukturelle Grenzen der wissenschaftlichen Denkweise, welche für ihn Ursache des Misslingens des Modernisierungsprozesses in der arabischen Welt sind.

​​In der Einleitung zum ersten Band aus dem Jahr 1984 ordnet al-Jabri seine "Kritik des arabischen Denkens" in eine Reihe von Veröffentlichungen ein, die während der letzten hundert Jahre zum Thema Krise und Renaissance der arabischen Kultur erschienen sind.

Sein Werk dreht sich um die Frage, wie Wissen produziert wird. Dazu untersucht Al-Jabri die Grammatik der arabischen Sprache ebenso wie muslimisches Recht, Theologie, Mystik, Rhetorik und Philosophie.

Diese Felder weisen alle die gleichen Strukturen der Wissenschaftsproduktion auf, so al-Jabri. Nach ihm hat sich das Denken in Analogien fest im arabisch-islamischen Kulturraum verankern können, da diese Methode aus dem Recht auf alle Bereiche der Wissenschaft übertragen wurde.

In der Wissenschaft der religiösen Auslegung ("ulum al-bayan") werde so Unbekanntes immer nur bereits Bekanntem untergeordnet. Die naturwissenschaftliche Beweisführung ("ulum al-burhan") stütze sich allein auf Deduktion. Und die Mystik ("ulum al-irfan") habe für die meisten Intellektuellen den Rückzug ins Private bedeutet, so dass auch hier keine Impulse zur Modernisierung hervorgebracht worden seien.

Diese drei Ordnungen der Erkenntnis kritisiert al-Jabri als das größte Hindernis auf dem Weg zu innovativem und modernem Denken, denn ein vorgeschriebenes Raster zur Interpretation der Vergangenheit habe auch Konsequenzen für die Politik von heute.

Überwindung tradierter Denkmuster

Die europäische und griechische Kultur zeichnet sich für al-Jabri dagegen nicht nur durch die Trennung von Wissen und Magie aus, sondern insbesondere durch die Beschäftigung mit den Bedingungen der Möglichkeit zu denken.

Er fordert die Aufgabe der Idee der Einheit ("tauhid") außerhalb des religiösen Bereichs, denn nur in der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen, sich widersprechenden Theorien und Theoretikern, zwischen Naturwissenschaft, Religion und Staatsmacht ('Kepler, Kirche, Kaiser') entfalte sich die nötige Dynamik für Fortschritt.

In seinen Werken zeigt al-Jabri die Relativität und Kontextgebundenheit des arabischen Kulturerbes auf, um daraus zu folgern, dass dieses keine Handlungsanweisungen für die Moderne vorgeben könne.

Er wendet sich auch gegen die Polemik, individuelle Vernunftanstrengung, Widerspruch und Kritik seien "importierte Drogen des Westens" und würden die muslimische Welt schwächen.

Bücherregal mit Klassikern der arabischen Welt; Foto: Loay Mudhoon
In seinen Werken zeigt al-Jabri die Relativität und Kontextgebundenheit des arabischen Kulturerbes auf.

​​Seit den 1970er Jahren gehört al-Jabri zu den Verfechtern eines radikal-säkularen linken Gesellschaftsprojektes in der arabischen Welt. Er zählte zu den aktiven Mitgliedern der "Union Nationale des Forces Populaires" (UNFP), die sich 1959 als linker Flügel von der "Istiqlal"-Partei abgespaltet hatte.

Nachdem die UNFP 1973 in Marokko verboten wurde, war er von 1975 bis 1988 Mitglied des Politbüros der "Union Socialiste des Forces Populaires". Al-Jabri ist Mitverfasser eines Philosophielehrbuches, das vom Erziehungsministerium als offizielles Unterrichtsmaterial herausgegeben wurde.

An der Universität macht al-Jabri eine Generation von entfremdeten Studenten mit ihrem historischen Erbe und seinen unorthodoxen Strömungen bekannt.

Sein Verdienst um die Popularisierung von philosophisch-wissenschaftlicher Erkenntnis im Rahmen seiner parteipolitischen Arbeit und seiner Lehrtätigkeit liegt insbesondere in seinen Beiträgen zur arabischen Identitätsdiskussion. 2008 erhielt er in Berlin den Ibn Rushd Preis für die Freiheit des Denkens.

Al-Jabri stellt die These auf, dass die Struktur des arabischen Denkens bis heute keine "wissenschaftliche Revolution" und daher keine Modernisierung hervorgebracht habe, weil sie die Schemata der religiösen Auslegung verinnerliche.

Diese Denkstrukturen herauszuarbeiten und zu exemplifizieren, gehört für al-Jabri zu den wichtigsten Aufgaben, um den geistigen Stillstand in der arabischen Welt zu bewältigen.

Plädoyer für die Freiheit des Denkens

Muslim studiert den Koran; Foto: dpa
Al-Jabri wendet sich gegen eine Tradition, die nur die Wiederholung von Geschichte meint. Er wendet sich auch gegen eine Tradition, die nur auswendig gelernt werden muss, um sie zu beherrschen.

​​Mit der Dekonstruktion der religiösen Interpretation und der Rechtswissenschaft nimmt al-Jabris Philosophie zugleich eine politische Haltung ein. Al-Jabri dekonstruiert die Islamisten, die eine geradlinige, angeblich objektive und übermächtige Geschichte produzieren, um dem Individuum eine einzige Identität vorzuschreiben.

Sie überfrachten die alten Texte mit Erwartungen an die Zukunft. Für das Regime, das ein gesellschaftliches Monopol beansprucht sowie für die Islamisten könnte ein solcher Ansatz zu einer tatsächlichen Destruktion führen.

Von al-Jabris erkenntnistheoretischen Ansätzen gehen emanzipatorische Impulse aus, da er die Freiheit der engagierten Bürger, historische und zeitgenössische Ereignisse selbst zu interpretieren und in den Mittelpunkt zu stellen vermag.

Die Freiheit des Einzelnen und die Verschiedenheit der Individuen untereinander werden bei ihm zum Kern sozialer (Selbst-)Organisation. Differenz wird zu einer konstitutiven Grundlage von Gesellschaft. Hier findet sich die soziale Sprengkraft seiner Werke.

Al-Jabri wendet sich gegen eine Tradition, die nur die Wiederholung von Geschichte meint. Er wendet sich auch gegen eine Tradition, die nur auswendig gelernt werden muss, um sie zu beherrschen.

Doch Beherrschung der Tradition bedeutet für al-Jabri, die verschiedenen Blickwinkel zu kennen und daraus die Relativität und Historizität von Geschichte zu erkennen. Die Zukunft könne nur derjenige gestalten, der für Neues offen sei. Innovationen und Kreativität können sich nur dort entfalten, wo keine Denkverbote herrschen.

Sonja Hegasy

© Qantara.de 2009

Sonja Hegasy ist promovierte Islamwissenschaftlerin und stellvertretende Direktorin des Zentrums Moderner Orient in Berlin.

Mohammed Abed Al-Jabri, geboren 1935, absolvierte nach der Koranschule zunächste eine Schneiderlehre, wurde Volksschullehrer und begann 1958 ein Philosophiestudium in Damaskus. 1970 promovierte er über Ibn Khaldun. Heute ist er Professor emeritus für Philosophie und islamisches Denken an der Universität Mohammed V. in Rabat/Marokko, wo er bis 2002 unterrichtete. Im Dezember 2008 erhielt er den "Preis für Freies Denken" der Ibn Rushd Stiftung in Karlsruhe.

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