Porträt Dalia Mogahed

"Jede Tat beginnt mit einem Wort"

Dalia Mogahed ist Mitglied des Beraterstabs von US-Präsident Obama für interreligiöse Angelegenheiten. Kritikern der Kairo-Rede Obamas hält die überzeugte Muslimin entgegen, dass diese erst der Anfang eines längeren Verständigungsprozesses sei. Von Amira El Ahl

Dalia Mogahed; Foto: &copy University of Wisconsin
Dalia Mogahed: "Es ist meine Aufgabe, das zu transportieren, was Muslime weltweit denken und fühlen."

​​Nach Präsident Barack Obamas historischer Rede an die muslimische Welt in Kairo wurde kaum ein geladener Gast so sehr von Journalisten aus aller Welt belagert wie sie: Dalia Mogahed stand noch eine Stunde nach Ende der Rede vor dem imposanten Dom der Universität Kairo und gab, ruhig und gelassen, ein Interview nach dem nächsten.

Sie war vermutlich die gefragteste Gesprächspartnerin des Tages, und schon in der Woche vor der Rede gab sie zahlreiche Interviews für Fernsehsender aus der gesamten muslimischen Welt.

Der Ansturm auf ihre Person erfolgt nicht ohne Grund: Die 33jährige leitet das Zentrum für Muslim-Studien des Meinungsforschungsinstituts Gallup in Washington. Außerdem ist sie in einen 25-köpfigen Beraterstab mit dem Namen "Office of Religious Partnership" berufen worden, der Barack Obama seit März in Religionsfragen berät.

Eine typisch amerikanische Lebensgeschichte

Es ist das erste Mal, dass eine muslimische Frau in den Beraterstab des Präsidenten aufgenommen wurde. "Ich fühle mich geehrt, das Privileg zu haben, auf diese Art und Weise zu dienen, aber ich verstehe auch die Verantwortung, die ich mit diesem Posten übernommen habe", sagt Mogahed.

Dabei scheint kaum jemand prädestinierter für diesen Job zu sein als die charismatische, gläubige Muslimin, die aus Überzeugung den Kopfschleier trägt. In Kairo geboren kam sie schon im Alter von fünf Jahren nach Amerika. Zu Hause sprach die Familie arabisch, noch heute redet sie mit ägyptischem Zungenschlag.

Dalia Mogahed gibt Interviews für internationale Medienvertreter in Kairo; Foto: Amira El Ahl
Vermutlich die gefragteste Gesprächspartnerin des Tages: Dalia Mogahed vor Vertretern der internationalen Presse nach der Kairo-Rede von US-Präsident Obama

​​Dabei ist sie längst amerikanische Staatsbürgerin und ein Beispiel für gelungene Integration. "Ich empfinde meine Lebensgeschichte als eine typisch amerikanische", sagt Dalia Mogahed.

Durch ausgezeichnete Noten in der Schule schaffte sie es an eine der Top-Universitäten des Landes. Sie studierte zuerst Chemie und erwarb dann ihren Master in Business Administration an der Universität Pittsburgh. Heute ist sie verheiratet, hat zwei Söhne und arbeitet für eines der führenden Meinungsforschungsinstitute weltweit.

Wer die junge Frau sieht, bemerkt zuallererst ihre warmherzige Ausstrahlung. Die 33jährige strahlt Ruhe, Gelassenheit und vor allem Kompetenz aus – auch im chaotischen Trubel nach der Obama-Rede.

Zuhören und verstehen

Hoch gebildet, mit analytischem Verstand und präzisen –, aber immer diplomatischen Worten – erklärt sie, worin ihr neues politisches Selbstverständnis besteht. "Es ist meine Aufgabe, das zu transportieren, was Muslime weltweit denken und fühlen."

Die Regierung Obama hat verstanden, dass es wichtig ist zuzuhören und zu verstehen, was die schweigende Mehrheit der Muslime in den USA und im Rest der Welt denkt, fühlt und fordert.

Mit Dalia Mogahed hat der Präsident der Vereinigten Staaten eine Expertin auf diesem Gebiet ins Boot geholt. In einer großangelegten Studie interviewte sie gemeinsam mit John L. Esposito 50.000 Muslime in 35 Ländern. Die Ergebnisse veröffentlichten sie in einem Buch: "Who Speaks for Islam? What a Billion Muslims Really Think". Das Ergebnis: Einblicke in die Wünsche, Ängste, Hoffnungen, Enttäuschungen und Meinungen der Muslime.

Ihre Einblicke gibt Mogahed weiter, zum Beispiel als es darum ging, Obamas historische Rede in Kairo vorzubereiten. Zwar hörte Mogahed die Rede in Kairo auch zum ersten Mal, aber vieles darin übertraf sogar ihre Empfehlungen: Respekt, Anerkennung und Verständnis für den Islam und seine Errungenschaften.

Vereinbarkeit von Islam und Moderne

"Fast alles, was ich vorgeschlagen hatte kam in seiner Ansprache vor", sagt Mogahed. "Aber noch viel mehr, als ich je erwartet hätte." Dass Präsident Obama zum Beispiel über seine eigenen persönlichen Erfahrungen mit dem Islam sprach, war für sie ein Schlüsselmoment.

US-Präsident Obama während seiner Kairo-Rede; Foto: AP
"Präsident Obama will den Muslimen ihr Selbstwertgefühl zurückgeben", meint Mogahed.

​​Wie sie so im riesigen Saal unter der vergoldeten Kuppel der Universität saß, muss sich Dalia Mogahed besonders an einer Stelle der Rede persönlich angesprochen gefühlt haben.

"Ich weise die Sichtweise mancher Menschen im Westen zurück, dass eine Frau, die ihr Haar bedeckt, nicht gleichberechtigt ist", sagte Obama. Dalia Mogahed ist das beste Beispiel dafür, dass sich Islam und Moderne nicht ausschließen.

Dalia Mogahed ist eine Frau mit vielen Identitäten: eine hoch angesehene Wissenschaftlerin, die in der Woche oft mehr als 60 Stunden arbeitet; eine Amerikanerin, aber auch eine Muslimin mit ägyptischen Wurzeln.

"Doch ganz gleich aus welcher Perspektive ich die Rede betrachtete, im gesamten Verlauf fühlte ich großen Stolz", sagt Mogahed. Besonders wichtig sei gewesen, dass der Präsident der muslimischen Welt gezeigt habe, wie sehr sie respektiert werde.

Auch deshalb habe sie den Job als Beraterin angenommen. "Ich möchte den Präsidenten dabei unterstützen, den Arabern ihre Würde zurückzugeben."

Ihre Hoffnung ist dabei zu helfen, Stereotypen aufzubrechen. Viel zu lange seien Muslime vom westlichen Ausland einzig und alleine als religiöse Fanatiker, potentielle Terroristen und als Quelle von Unruhen wahrgenommen worden.

"Jede Tat beginnt mit einem Wort"

"Präsident Obama will den Muslimen ihr Selbstwertgefühl zurückgeben", sagt Mogahed. Dabei folgt er nicht nur seiner Überzeugung, sondern auch politischem Kalkül.

Denn nur mit Hilfe der islamischen Welt und ihrer Bewohner können die gegenwärtigen Konflikte wirklich gelöst werden. "Wir brauchen die arabische Welt als Partner, nicht als Feind", sagt Mogahed, "denn unsere Sicherheit ist untrennbar mit besseren Beziehungen zur arabischen Welt verbunden."

Dass eine Rede nicht alle bestehenden Probleme lösen wird, weiß auch Dalia Mogahed. Die arabische Welt hat Obamas Worte zwar mit Wohlwollen aufgenommen, fordert aber endlich Taten. Den Kritikern hält die Analystin entgegen, dass dies erst der Anfang eines längeren Verständigungsprozesses ist. "Jede Tat beginnt mit einem Wort."

Amira El Ahl

© Qantara.de 2009

Amira El Ahl berichtete zwei Jahre lang als Auslandskorrespondentin für den SPIEGEL aus Kairo. Seit 2008 ist sie als freie Korrespondentin im Nahen Osten tätig.

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