Nahost-Berichterstattung

Ein Hang zu gedankenlosen Formeln

Wenn sich in der Nachrichtensprache Stereotypen festsetzen, müssen die Alarmglocken schrillen. Ein solcher Fall ist die Formel "radikalislamische Hamas". Ein Essay des früheren SZ-Nahostkorrespondenten Heiko Flottau

"Vielleicht muss noch einmal erläutert werden, dass journalistisches Arbeiten tatsächlich aus Arbeit besteht. Dass es nicht nur um das Hinhalten eines Mikrofons oder einer Kamera geht, sondern um analytische, hermeneutische, kritische Arbeit, bei der es darauf ankommt, möglichst genau ein soziales, politisches, kulturelles Thema zu recherchieren, zu hinterfragen, zu erörtern. Es ist verwunderlich, wie fahrlässig manche TV-Redaktion sich selbst delegitimiert, indem sie so tut, als gäbe es das gar nicht: redaktionelle Arbeit."

Formuliert hat diesen Satz die Publizistin Carolin Emcke in einer Kolumne der "Süddeutschen Zeitung" vom 9. Juni 2018. In dem sehr lesenswerten Text geht es zwar in erster Linie um den Umgang der Medien, insbesondere des Fernsehens mit dem Antisemitismus. Dennoch ist der Satz auf viele andere Themen und besonders auf gedankenlos dahin gesprochene Formulierungen anwendbar, über deren Sinn und deren möglicherweise verheerende Effekte sich die jeweiligen Autoren schon lange keine Gedanken mehr machen.

Ein eher harmloses Beispiel für solche Gedankenlosigkeit ist die stets so genannte "internationale Gemeinschaft". Wie an den täglichen politischen Prozessen leicht abzulesen ist, gibt es diese "Gemeinschaft" nicht. Es gibt Staaten, die ihre jeweiligen nationalen Interessen (bzw. jene Interessen, welche die Regierungen dieser Staaten als "national" definieren) verfolgen. Das gilt selbst innerhalb der Europäischen "Union". Von "Gemeinschaft" kann auch in dieser Union kaum die Rede sein.

Routine statt journalistische Arbeit

Ein wirklich verheerendes Beispiel für solch schädliche journalistische Routine ist fast täglich in der Berichterstattung über den Nahen Osten zu beklagen. Es geht um die Hamas. Nein, in diesem Text geht es nicht um eine Ehrenrettung der Hamas. Sie hat in Gaza ein islamistisches Regime errichtet, das viele Einwohner nicht befürworten. Vielmehr geht es um die von Carolin Emcke angemahnte journalistische Arbeit, auf die selbstverständlich auch eine Organisation wie die Hamas Anspruch erheben darf.

Die Hamas wird nämlich fast ausnahmslos mit dem Adjektiv "radikalislamisch" garniert. Wie verhängnisvoll diese Formulierung für das Verständnis der nahöstlichen Situation ist, zeigen die jüngsten Demonstrationen der Palästinenser in Gaza gegen die israelische Besatzung, bei denen bis jetzt etwa 130 Palästinenser vom israelischen Militär erschossen wurden. Wer hier "radikal" handelt, liegt eigentlich auf der Hand. Von einem "radikal-zionistischen" israelischen Militär, das mal eben Dutzende Palästinenser erschießt, ist indessen niemals die Rede.

Die Publizistin Carolin Emcke; Foto: dpa/picture-alliance
Gegen Gedankenlosigkeit, Oberflächlichkeit und Bequemlichkeit im Journalismus: In einem sehr lesenswerten SZ-Artikel der Publizistin Carolin Emcke geht es zwar in erster Linie um den Umgang der Medien, insbesondere des Fernsehens mit dem Antisemitismus. Dennoch ist der Satz auf viele andere Themen und besonders auf gedankenlos dahin gesprochene Formulierungen anwendbar, über deren Sinn und deren möglicherweise verheerende Effekte sich die jeweiligen Autoren schon lange keine Gedanken mehr machen.

Mangelnde Genauigkeit

Dass die Demonstrationen ursprünglich von Mitgliedern der Zivilgesellschaft organisiert worden sind, ging bei dem ständigen Mantra der "radikalislamischen" Hamas unter. Die Hamas hatte sich den Demonstrationen angeschlossen, sie aber ursprünglich nicht organisiert.

In einem Korrespondentenbericht des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wurde innerhalb von zwei Minuten etwa dreimal von der "radikalislamischen" Hamas gesprochen. Selbst der begnadete ZDF-Moderator Claus Kleber benutzt gedankenlos dieses den wahren Charakter der Hamas verhüllende Adjektiv. Wenn es um den israelisch-palästinensischen Konflikt geht, kommt keine Tagesschau, keine Tagesthemen-Sendung, keine ZDF-Heute-Sendung und kein ZDF-Heute-Journal ohne dieses diskriminierende Adjektiv aus.

Die verhängnisvolle Wortwahl verschleiert die wahren Beweggründe des palästinensischen Protests. Der "Marsch der Rückkehr", wie ihn die Palästinenser von Gaza nennen, soll nämlich an die Vertreibung von etwa 750.000 Palästinensern erinnern, die bei der Gründung des Staates Israel ihr Land verlassen mussten.

Erste Frage: Was ist die Hamas?

Macht man sich an die von Carolin Emcke angemahnte journalistische Arbeit, so muss man sich als erstes mit der Frage beschäftigen, was Hamas eigentlich bedeutet. Hamas ist im Arabischen ein Akronym für Ḥarakat al-muqāwama al-islāmiyya und bedeutet nichts anderes als "Islamische Widerstandsbewegung".

Warum aber "islamisch"? Ganz einfach: Nachdem die durch und durch säkulare "Palästinensische Befreiungsorganisation" (PLO) Jassir Arafats mit allen Bemühungen um die Gründung eines eigenständigen palästinensischen Ministaates gescheitert war (vornehmlich deshalb, weil Israel einen solchen Staat nicht an seiner Seite haben will), taten sich Mitglieder der palästinensischen Muslimbruderschaft (u. a. Scheich Ahmed Jassin und Abdel Asis Rantisi, beide später von Israel getötet) zusammen und versuchten, dem palästinensischen Widerstand ein neues Gesicht, ein islamisches Gesicht zu geben.

Hamas-Führer Ismail Haniyeh wähend des "Marschs der Rückkehr" am 30. März 2018 an der Grenze zum Gazastreifen; Foto: Reuters
Kein Wahlsieg der Hamas ohne Grund: "Die Menschen im Westjordanland und im Gazastreifen wählten die Hamas nicht etwa deshalb, weil sie eine 'radikalislamische' Regierung an der Macht sehen wollten. Sie wählten die Hamas, weil die konkurrierende PLO mit all ihren Bemühungen um die Gründung eines palästinensischen Staates gescheitert war und weil die PLO in einem Sumpf von Korruption zu versinken drohte", schreibt Heiko Flottau.

Daran ist zunächst einmal nichts "Radikalislamisches". Im Gegenteil: Israel kam die Gründung der Hamas zunächst sogar zupass. Seine Regierung versuchte die Hamas gegen die PLO auszuspielen und so den palästinensischen Widerstand zu schwächen.

Später bezeichnete der damalige Premier Ariel Sharon den Kampf gegen die Hamas als einen Teil des weltweiten Kampfes der USA gegen den Terrorismus – eine propagandistisch geschickte, aber sachlich irreführende Sprachregelung. Die Hamas ist kaum Teil des weltweiten Terrorismus, sondern kämpft in erster Linie gegen die israelische Besatzung.

Unwillkommene palästinensische Wahlsiegerin

Nachdem schließlich die sogenannte internationale Gemeinschaft – in diesem Falle in erster Linie die USA und die EU – zur Legitimierung der palästinensischen Selbstverwaltungsbehörde freie Wahlen verlangt hatte, ging im Jahre 2006 die Hamas als Siegerin aus dieser Abstimmung hervor.

Aber: Die Menschen im Westjordanland und im Gazastreifen wählten die Hamas nicht etwa deshalb, weil sie eine "radikalislamische" Regierung an der Macht sehen wollten. Sie wählten die Hamas, weil die konkurrierende PLO mit all ihren Bemühungen um die Gründung eines palästinensischen Staates gescheitert war und weil die PLO in einem Sumpf von Korruption zu versinken drohte.

Selbst arabische Christen aus Beit Jala bei Bethlehem entschieden sich, wie sie dem Autor dieser Zeilen sagten, ihre Stimme der Hamas zu geben. Bemerkenswert ist im Übrigen, dass die Hamas in ihrem Wahlprogramm seinerzeit ausdrücklich die Beachtung bestehender Verträge – also die Einhaltung der Osloverträge von 1993 und 1995 – versprochen hatte.

Doch es nützte nichts. Die "internationale Gemeinschaft" hatte einen Sieg der PLO, beziehungsweise der Fatah-Partei (gegründet von Jassir Arafat) erwartet, die sich allen Forderungen der USA, der EU und Israels gebeugt hatte. Ein Sieg der Hamas war in den politischen Kalkulationen nicht vorgesehen. Man weigerte sich (dies ist jetzt eine verkürzte Darstellung), mit der Hamas zusammenzuarbeiten und machte ihr den Sieg streitig.

Versammlung von Hamas-Politikern (in der Mitte Hamas-Chef Ismail Haniyeh) am 14.12.2017 in Gaza; Foto: Reuters
Politische Isolation statt Kooperation: Anstatt die Hamas in den politischen Prozess einzubeziehen und dadurch zu zähmen, wie man das einst mit der PLO und Jassir Arafats Fatah-Bewegung getan hatte, verweigerte man der Hamas, die Früchte des demokratischen Wahlgangs zu ernten – und "radikalisierte" die Hamas.

Ausschluss aus dem politischen Prozess

Die Folge war ein blutiger Konflikt zwischen Hamas und der PLO, in dessen Verlauf die Hamas die Kontrolle im Gazastreifen übernahm, wo sie – das wird meistens übersehen – einem Putsch von Mohammed Dahlan, dem skandalumwitterten PLO-Sicherheitschef in Gaza, zuvorkam. Eine Regierung der korrupten PLO aber wollten die Palästinenser in Gaza ebenso wenig wie ihre Landsleute im Westjordanland.

Bemerkenswert auch, dass die USA und die EU keine Lehren aus den algerischen Ereignissen gezogen haben. Nachdem dort 1991 im ersten Wahlgang die Islamische Heilsfront an erster Stelle lag, annullierte die Regierung die Wahlen. Es folgte ein mehrjähriger blutiger Bürgerkrieg.

In Gaza folgte ein Kleinkrieg der Hamas gegen Israel. Statt die Hamas in den politischen Prozess einzubeziehen und dadurch zu zähmen, wie man das einst mit der PLO und Jassir Arafats Fatah-Bewegung getan hatte, verweigerte man der Hamas, die Früchte des demokratischen Wahlgangs zu ernten – und "radikalisierte" die Hamas.

Warum nicht einfach "islamisch"?

Natürlich kann man diesen gesamten historischen Prozess nicht in jeder Nachricht oder in jeder Hintergrundsendung so ausführlich darlegen. Aber um den palästinensischen Widerstand nicht ständig durch das Mantra von der "radikalislamischen" Hamas zu diskreditieren, genügte es ja schon, wenn man einfach von "islamischer Widerstandsbewegung" sprechen würde.

Oder man müsste – wenn man die von Carolin Emcke eingeforderte journalistische Arbeit weiter verweigerte – zum Ausgleich für die "radikalislamische" Hamas auf der Gegenseite vom "radikal-nationalistisch-zionistischen" Premier Benjamin Netanjahu sprechen.

Aber Achtung: Kein Redakteur, der eine solche Formulierung benützte, würde lange auf seinem Posten verweilen. Für seine Absetzung würde eine radikal-zionistische Lobby mit Sicherheit sorgen.

Heiko Flottau

© Journal 21.ch

Heiko Flottau war Auslandskorrespondent der Süddeutschen Zeitung für Südosteuropa mit Sitz in Belgrad, für Osteuropa mit Sitz in Warschau. 15 Jahre lang berichtete er aus Kairo über die nahöstlichen Krisengebiete. Heute lebt er in Berlin. Buchveröffentlichungen: "Vom Nil bis an den Hindukusch – Der Nahe Osten und die neue Weltordnung" (2004, arabische Ausgabe 2006); "Die Eiserne Mauer – Palästinenser und Israelis in einem zerrissenen Land" (2009, arabische Ausgabe 2011)

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Leserkommentare zum Artikel: Ein Hang zu gedankenlosen Formeln

Die Verwendung der Formel "radikalislamisch" hat nicht nur die von Herr Flottau zutreffend aufgezeigten Folgen wie die Stigmatisierung von Akteuren wie etwa der Hamas oder auch der Taliban, die bei einem seriösen Journalismus nicht sein dürfte, sondern auch der Islam selbst wird durch diesen Kontext stigmatisiert. Das Wort "islamisch" kommt hier immer in negativen Kontexten vor. Was im Gedächtnis hängen bleibt ist, dass Islam mit Hamas und Radikalität zu tun hat. Auf diese fatalen Folgen eines solchen verantwortungslosen Sprachgebrauchs habe ich ZDF und ARD schon seit 10 Jahren aufmerksam gemacht, leider ohne Folgen. Gut das Herr Flottau dies hier anspricht. Vielleicht ändert sich mal was.

erich guist26.07.2018 | 15:57 Uhr