Nabil Ayouchs Film "Much Loved"

Hure oder Heilige

Weil er eine "Beleidigung für alle marokkanischen Frauen" sei, darf Nabil Ayouchs Film "Much Loved" in Marokko nicht gezeigt werden. Auf dem Filmfest München ist das Drama über Prostituierte ein großer Erfolg. Von Susan Vahabzadeh

Wenn es Nacht wird in Marrakesch, gehört die Stadt Noha, Soukaina und Randa. Zumindest treten sie so auf - sie haben alle drei eine große Klappe, und ein derart frivoles Repertoire an Vokabeln und Themen, dass man schon vom Zuhören rote Ohren kriegt. Sie reden über ihre Körper und ihren Job, was zusammenhängt, und manchmal wird es sogar Said zu viel, der die drei durch die Straßen von Marrakesch kutschiert, von einer Party zur nächsten, in Hotels, irgendwann nach Hause, wenn der Morgen graut. Was ist, bellt ihn Noha an, als er sie entgeistert anstarrt wegen ihrer losen Sprüche - soll ich's poetischer ausdrücken?

Das Selbstbewusstsein, das die drei Heldinnen von "Much Loved" vor sich hertragen, ist Theater, sie verbergen dahinter, wie ausgeliefert sie tatsächlich sind. Die drei sind Nutten, und bei Said weiß man nie so recht, ob er nun so eine Art gutmütiger Bodyguard mit Auto ist - oder doch einfach ihr Zuhälter. Der marokkanische Filmemacher Nabil Ayouch sieht diesen drei Frauen dabei zu, wie sie sich durchschlagen, sich wieder aufrichten, wenn die Freier, meist sind es scheinheilige Saudis, manchmal herablassende Europäer, sie erniedrigt haben; wie sie gespielte Lust so wenig an sich herankommen lassen wie Gewalt; wie sie sich kleine Freiräume schaffen, vom Heiraten träumen, vom Versorgtwerden und vom Umsorgtwerden. Die drei sind rührend in ihrem Zusammenhalt und ihrem Pragmatismus - "Much Loved" ist ein schönes Portrait dieser Nachtgestalten, die sich mit ihrer Chancenlosigkeit arrangiert haben.

Ayouch zeigt sehr deutlich, wie das ist, wenn alle Frauen immer falsch sind, Huren oder Heilige. Unsere Frauen sind wie das Fleisch auf diesem Teller, sagt einer der Kunden, ein Saudi, beim Abendessen: Tot. Man sieht dann immer wieder, wie sehr so ziemlich alle Männer, mit denen Noha und Randa und Soukaina zu tun bekommen, sie verachten: Lebendige Schlampen.

„Der Film sei eine Beleidigung für alle marokkanischen Frauen“

"Much Loved" läuft jetzt beim Filmfest München. Die Freizügigkeit, mit der Ayouch erzählt, hat allerdings für einigen Ärger gesorgt, seit "Much Loved" im Mai in Cannes in der Nebensektion Quinzaine des réalisateurs zum ersten Mal gezeigt wurde. Loubna Abidar, die Noha spielt, soll Todesdrohungen erhalten haben, der Regisseur auch, in Marokko wurde die Aufführung des Films verboten - eine Beleidigung für die marokkanischen Frauen sei er, wenn nicht gleich fürs ganze marokkanische Königreich. Es hieß dann vergangene Woche, Ayouch habe sich der Weisung widersetzt, es habe eine Vorführung in Rabat vor Studenten gegeben - bei einer Konferenz über Meinungsfreiheit. So stand es, unter anderem, auf der Website der französischen Zeitung Le Figaro. Manche Marokkanische Medien haben dem inzwischen widersprochen, das sei eine weitere Polemik, es gab die Konferenz, Ayouch war dort, der Film sei aber nicht gezeigt worden. Der Guardian berichtet, Ayouch und Loubna Abidar müssten am 15. Juli vor Gericht erscheinen. Wie auch immer: Ayouch, der selbst sagt, die Heftigkeit der Reaktionen habe ihn überrascht, hat eine ordentliche Kontroverse ausgelöst. Ende vergangenen Jahres ist in Marokko Ridley Scotts "Exodus" verboten wurden, später wurde die Aufführung dann doch, nach zwei kleinen Änderungen im Text, gestattet.

Filmplakat "Much Loved"
Der in Marokko verbotene Film „Much Loved“ wurde zuletzt beim Filmfest in München gezeigt.

Das Ayouch mit soviel Aufregung nicht gerechnet habe, ist trotzdem nur schwer zu glauben. Er hat natürlich Recht, wenn er sich für Meinungsfreiheit in Marokko einsetzt; und wahrscheinlich ist es auch richtig, wenn dem Film bescheinigt wird, er wirke nicht nur sehr authentisch, er zeige auch die Verhältnisse tatsächlich, wie sie sind. Prostitution mag in Marokko ein Tabuthema sein - aber es wird sie dort wohl genauso geben wie überall sonst auf der Welt auch.

Der Film soll die gesellschaftliche Diskussion in Marokko vorantreiben

Marokko bemüht sich mehr um einen fortschrittlichen Geist als die meisten arabischen Länder, beim Filmfest in Marrakesch werden jedes Jahr, mit offizieller Unterstützung, die Geschmacksgrenzen des marokkanischen Publikums gefordert - mit Filmen beispielsweise, in denen es um Homosexualität geht, Jean-Marc Vallées "C.R.A.Z.Y." beispielsweise, auch das ist in Marokko ziemlich unaussprechlich. Der arabische Frühling hat Marokko nicht erfasst, aber der relative innere Frieden, das gewaltlose Tauziehen um konservative Normen und Erneuerung, ist deswegen auch nicht leichter - eine gemäßigt islamistische Partei hat seit 2011 die Mehrheit im Parlament in Rabat.

Nabil Ayouch sagt zwar, dass er nicht provozieren wollte, aber es geht ihm natürlich schon darum, die gesellschaftliche Diskussion in Marokko voranzutreiben. Dabei greift er in der Tat zu drastischen Mitteln -bei uns ist "Much Loved" nebenbei bemerkt erst ab achtzehn Jahren freigegeben. Auch in Europa ist es schließlich erst fünfzehn Jahre her, dass ein Film über Frauen und Gewalt beinah aus den Kinos verbannt wurde - das war Virginie Despentes' "Baise-moi".

Susan Vahabzadeh

© Süddeutsche Zeitung 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Hure oder Heilige

Ich habe diesen "Film" gesehen. Ich fand ihn sehr schlecht, muss ich sagen, es gibt nicht mal eine Handlung, oder eine Geschichte. Und er ist teilweise sehr langweilig, frauenfeindlich und rassistisch - vor allem in punkto Darstellung von Arabern aus der Golfregion. Diesen Film kann man nicht empfehlen

Gabi Simon22.07.2015 | 12:14 Uhr

Ich wundere mich ja immer, wie sehr sich das Rousseau'sche "Alles sagen" (Alles öffentlich sagen), im Film als "Alles zeigen", als Dogma durchgesetzt hat.
Marokko hat sich dagegen entschieden. Auch dafür gibt es sicher Gründe.
Wobei ich eher strategische Interessen hinter dem Verbot vermute. Die saudischen Verbündeten Marokkos könnten verärgert reagieren. Bevor sie die "Beleidigung" ihrer Staatsangehörigen reklamieren, tut das lieber Marokko für die seinen.
Auch wenn der Film ein bestimmtes Milieu in den Städten Marokkos recht genau abbildet.

benita schneider24.07.2015 | 21:20 Uhr