Muslimische Jugendliche zwischen Anerkennung und Ausgrenzung

Vergessen und nicht vergessen

Wenn muslimische Jugendliche ein gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft werden sollen, bedarf es sprachlicher, diskursiver und politischer Veränderungen, die nur durch die Mehrheitsgesellschaft mit den muslimischen Bürgern erreicht werden können. Von Melahat Kişi

Jugendliche stehen in ihrer adoleszenten Identitätsentwicklung vor der schwierigen Aufgabe, sich individuell und gesellschaftlich zu verorten. Dies geschieht insbesondere durch die Orientierung an verschiedenen sozialen Gruppen, mit denen sie sich identifizieren und zu denen sie sich zugehörig fühlen.

Hierbei beeinflussen soziale, gesellschaftliche, politische, ökonomische und kulturelle Rahmenbedingungen die Bandbreite der Identifikationsmöglichkeiten. So spielen beispielsweise der familiäre Hintergrund, der Bekanntenkreis, die Schulen, die Cliquen und jugendkulturellen Sphären wie der virtuelle Raum sowie das politische Klima eine Rolle.

Obwohl alle Jugendlichen diesen Selbstverortungsprozess durchlaufen, gibt es dennoch Unterschiede zwischen verschiedenen Jugendgruppen. So machen muslimische Jugendliche als Angehörige einer Minderheit in der Regel andere Erfahrungen als Jugendliche der sogenannten "Mehrheitsgesellschaft".

Kollektives Misstrauen an der deutschen Zugehörigkeit

Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, dass die Selbstverortung der muslimischen Jugendlichen beständig gesellschaftlich hinterfragt wird. Dieses kollektive Misstrauen an der Zugehörigkeit junger Muslime und Musliminnen zu Deutschland  zeigt sich in verschiedenen Kontexten auf unterschiedliche Art und Weise.

Teilnehmerinnen an der Deutschen Islamkonferenz; Foto: dpa/picture-alliance
Für gesellschaftliche Teilhabe, Chancengleichheit und politische Partizipation auf Augenhöhe: Noch immer werden muslimische Jugendliche aufgrund ihrer Herkunft oder ihres ausländischen Namens in Deutschland benachteiligt.

So ist die klassische Frage nach der ethnischen Herkunft und dem Stammbaum der letzten drei Generationen eine Aussage, die deutlich macht, dass die befragte Person als "Nicht-Deutsch" wahrgenommen wird, weshalb schließlich nach der Zugehörigkeit gefragt wird. Auch die geringeren Chancen wegen des Kopftuchs oder wegen eines ausländischen Namens auf einen Ausbildungs-, Praktikums- oder Arbeitsplatz – bei gleichen Qualifikationen – verdeutlichen ebenfalls, dass muslimische Jugendliche nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen vom Deutschsein entsprechen.

Die stellenweise Ablehnung von muslimischen jungen Frauen mit Kopftüchern in Fitnessstudios ist ein weiterer Beleg dafür, dass sie nicht wie ihre Altersgenossinnen gleichberechtigt sind, da ihnen aufgrund des Kopftuchs, welches zum Inbegriff des Anders- und Fremdseins mutiert ist, der körperliche Fitness nicht zugestanden wird.

Fehlende Chancen, fehlende Teilhabe

Diese und weitere Beispiele aus allen Lebensbereichen machen deutlich, dass muslimische Jugendliche von der Mehrheitsgesellschaft überwiegend als anders oder als nicht zugehörig wahrgenommen werden. Die Bedeutsamkeit dieser Wahrnehmung zeigt sich darin, dass die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung muslimischer Jugendlicher als gleichberechtigte deutsche Bürger und Bürgerinnen die Perspektiven und Möglichkeiten ihrer Lebensgestaltung beeinträchtigt.

Wie kann jedoch die kollektive Anerkennung muslimischer Jugendlicher als deutsche Staatsbürger geschehen, wenn diese Minderheit permanent sprachlich, politisch, ökonomisch und medial als anders und nicht zugehörig markiert und konstruiert wird?

Dass es keine einfache Antwort und Lösung auf diese Frage gibt, ist angesichts der Komplexität dieses Themas nicht zu erwarten und wäre unverhältnismäßig. Dass es Denkanstöße für diesen Anerkennungsprozess geben kann, ist wahrscheinlicher.

Melahat Kişi, Foto: privat
Melahat Kişi ist Kollegiatin des Graduiertenkollegs Islamische Theologie an der Universität Osnabrück.

Ein zentraler Aspekt findet sich bei der afro-amerikanischen Feministin Pat Parker, die in ihrem Gedicht "For the White Person who wants to know how to be my friend" das Dilemma der Anerkennung beschreibt:

"The first thing you do is to forget that I am Black.
Second, you must never forget that I am Black."

Keine Reduzierung auf die Religionszugehörigkeit

Wenn man die erste Aufforderung Parkers an die Mehrheitsgesellschaft auf die Situation muslimischer Jugendlicher überträgt, lautet diese: Vergesst, dass ich Muslim oder Muslimin bin. Das heißt: "Reduziert mich nicht auf meine Religionszugehörigkeit, die EIN Teil meiner Persönlichkeit darstellt. Denn diese einseitige Fokussierung verdeckt die Sicht auf meine anderen Fähigkeiten und Eigenschaften und somit auf meine vielfältige Persönlichkeit, die ich dadurch nicht zeigen kann."

Dass Fatma gerne rechnet und gut in naturwissenschaftlichen Fächern ist, Chinesisch lernt und in ihrer Freizeit gerne zeichnet, bleibt ebenso verborgen wie die Tatsache, dass Hamza Grundschullehrer werden möchte, da er den Mangel an männlichen Lehrkräften in der Primarstufe beobachtet und ehrenamtlich aktiv ist.

Wenn Fatma und Hamza "nur" als Muslim oder Muslimin wahrgenommen und in ein vorgegebenes Raster eingeordnet werden, wird man ihrer Persönlichkeiten und Vorlieben nicht gerecht, sodass sie zum Beispiel bei einem Bewerbungsgespräch kaum eine Chance bekommen, ihre Kompetenzen zu zeigen. Damit die muslimische Religionszugehörigkeit "vergessen" werden kann und muslimische Jugendliche als gleichberechtige deutsche Bürger wahrgenommen werden können, muss man sich zunächst der Konstruktions- und Reproduktionsmechanismen dieser Markierung bewusst werden.

So tragen beispielsweise Medien und politische Vertreter dazu bei, dass das Muslimsein als Gegensatz zum Deutschsein begriffen wird und als unvereinbar gilt. Dies zeigt sich auch darin, dass das muslimische Leben in Deutschland beständig problematisiert wird, indem Moscheen, Kopftücher, lange Bärte, Beschneidungen von Jungen oder andere Rituale als brutal, gefährlich, rückständig, unterdrückend und unzivilisiert dargestellt und in großen Formaten diskutiert werden.

Solange diese einseitigen und verzerrten Zuschreibungen seitens der Mehrheitsgesellschaft unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit als Wahrheit und Wirklichkeit dargestellt werden, bleibt das Muslimsein als Gegensatz zum Deutschsein omnipräsent. Um daran etwas zu ändern bedarf es einer Identitätspolitik, die vielfältige Zugehörigkeiten des Deutschseins toleriert.

Vergesst niemals, dass ich Muslim bin

Die zweite Aufforderung Parkers an die Mehrheitsgesellschaft bedeutet in Bezug auf die Lage der muslimischen Jugendlichen: Vergesst niemals, dass ich Muslim/Muslimin bin.

Das heißt: "Vergesst nicht, dass ich zu einer markierten Minderheit gehöre, eine Farbige bin und somit aufgrund meines Minderheitenstatus gesellschaftlichen Diskriminierungen und Benachteiligungen ausgesetzt bin."

Dass Fatma trotz ihrer Fähigkeiten aufgrund ihres Kopftuchs Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben wird, darf nicht vergessen werden, damit sichtbar wird, dass sich die Ausgrenzung strukturell und politisch bemerkbar macht. Solange die gesellschaftlichen Benachteiligungen und strukturellen Mechanismen nicht thematisiert und offen gelegt werden, wirken sie unscheinbar im Hintergrund weiter und werden dadurch nicht wahrgenommen.

Wenn muslimische Jugendliche ein gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft werden sollen, bedarf es sprachlicher, diskursiver, politischer und gesellschaftlicher Veränderungen, die nur durch die Mehrheitsgesellschaft mit den muslimischen Bürgern und Bürgerinnen erreicht werden können.

Erst wenn das Muslimsein für die gesellschaftliche Teilhabe und das Deutschsein irrrelevant wird und Diskussionen sowie Beiträge über die Identität von muslimischen Jugendlichen überflüssig werden, können muslimische Jugendliche als anerkannte und gleichberechtigte Bürger in der hiesigen Gesellschaft leben.

Melahat Kişi

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Vergessen und nicht vergessen

Wenn muslimische Jugendliche ein gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft werden wollen, dann liegt die Hauptaufgabe dies zu verwirklichen bei ihnen selbst und nicht bei anderen. Dann müssen sie aber mal raus aus ihren sozialen, kulturellen und leider oft auch bildungsfernen Ghettos, müssen sich dem harten Bildungs- und Arbeitswettbewerb stellen wie jeder andere Jugendliche auch, müssen die oft provokative Zurschaustellung ihres Andersseins lassen, die Aermel hochkrempeln, - und dann wird das auch was! Auch nichtmuslimischen Jugendlichen wird Erfolg oder Anerkennung nicht geschenkt. Es gibt so viele positive Beispiele dafuer, diese positiven Beispiele wurden garantiert nicht erreicht, weil diese Muslime zuerst mal Forderungen welcher Art auch immer an die Mehrheitsgesellschaft gestellt haben. Und nicht alle leben natuerlich in den oben genannten Ghettos, aber eben doch viele, zuviele leider immer noch! Deutschland ist eins der tolerantesten Länder dieser Welt, davon lasse ich mich nicht abbringen und darauf bin ich auch stolz, und ich bin es sowas von leid, und mir reicht es, uns immer wieder das Gegenteil vorwerfen zu lassen. Natuerlich gibt es hier Rassisten, aber die gibt es überall, und anderswo meist mehr als hier.

Ingrid Wecker10.04.2014 | 14:39 Uhr

Frau Kisi hat eine Perspektive sehr gut und zutreffend beschrieben. Nur es ist nicht allein die deutsche Mehrheitsgesellschaft verantwortlich für diese kritikwürdige Situation. Es sind eher Vorurteile in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Dass einige Moslems Christen und nicht Gläubige abwerten ist auch Realität. Wenn wir die von Frau Kisi beschriebenen Sachlage verändern wollen, müssen wir die vielfältige Realität ins Auge fassen.
Eine einseitige Ursachenzuschreibung ist aus meiner Sicht kontraproduktiv. Allerdings habe ich keinen guten Vorschlag zu machen, wie das in einem doch relativ kurzen Artikel umzusetzen sei. Es bleibt mein Wunsch nach mehr gegenseitigem Verständnis. Und darin, hoffe ich, bin ich mit Frau Kisi einig.

Ruth Habermehl10.04.2014 | 16:45 Uhr

Meiner Meinung nach ist dieser Artikel nicht hilfreich für die Integration von Muslimen. Warum ist beim Thema Integration immer die Mehrheitsgesellschaft in der Bringschuld?

Meine Kritik zu den einzelnen Punkten:

1. Der Vergleich mit Afro-Amerikanern hinkt! Man wird mit einer Hautfarbe geboren und kann dies nicht ändern. Religion dagegen ist eine persönliche Entscheidung.

2. Die Forderung jemanden nicht nur auf seine Religionszugehörigkeit zu reduzieren, ist schwer zu erfüllen, wenn die entsprechende Person ihre Religionszugehörigkeit durch (für Europa) exotische Äusserlichkeiten (Kopftuch, Djellaba...) provokativ zum Ausdruck bringt.( Die Frage, ob diese Äusserlichkeiten wirklich Ausdruck von Religion sind oder nicht, lassen wir mal unbeantwortet).

3. Das Fatma mir ihrem Kopftuch Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben wird, ist vollkommen natürlich! Ich zum Beispiel gehe jeden Morgen mit einem Anzug zur Arbeit, obwohl ich mich mit Jeans und T-Shirt deutlich wohler fühle. Ich passe mich den Erwartungen meiner (Arbeits-)Umwelt an und werde dafür letztendlich auch bezahlt. Fatma mit ihrem Kopftuch tut dies nicht!

Zum Abschluss möchte ich noch hinzufügen, dass ich Muslim bin und dies auch offen kommuniziere. Ich habe deswegen bisher noch keine Schwierigkeiten gehabt und meine Frau (Marokkanerin mit sehr dunkler Hautfarbe) ebenfalls nicht. Warum eigentlich?

Thomas Schroeder10.04.2014 | 22:17 Uhr

Was die hier beschriebenen Muslim/innen endlich mal begreifen müssen, ist, dass das Religiöse in Westeuropa einen sehr privaten Charakter angenommen hat, so dass das zur Schau stellen und andauernde Thematisieren seiner Religion generell als aufreizend empfunden wird.
Und was die Forderungen für die Freundschaft mit ihnen angeht (Reduziere mich nicht auf meine Religion, aber vergesse NIEMALS, dass ich Moslem bin), auf solche Zwangsneurotiker als Freunde kann ich gerne verzichten.

susanne merk13.04.2014 | 22:28 Uhr

Schöner Beitrag. Besten Dank an Melahat Kişi.

Harlad Zimmerman 14.04.2014 | 15:21 Uhr

Der letzte Satz ist der entscheidende: "Erst wenn das Muslimsein für die gesellschaftliche Teilhabe und das Deutschsein irrrelevant wird und Diskussionen sowie Beiträge über die Identität von muslimischen Jugendlichen überflüssig werden, können muslimische Jugendliche als anerkannte und gleichberechtigte Bürger in der hiesigen Gesellschaft leben."
Dem stehen allerdings die ständigen Forderungen und das Lamento von Funktionären wie Herrn Kolat (türkische Gemeinde) und sonstigen Islam-Funktionären an bzw. über die Mehrheitsgesellschaft entgegen. Keine der etablierten Großkirchen, ab er auch nicht die diversen Organisationen anderer Religionsgemeinschaften (Juden, Armenier, Orthodoxe, Hindus etc.) konfronieren die deutsche Gesellschaft und die Politik mit vergleichbaren, ständig weiter gehenden Forderungen. Und diese tragen wesentlich zu den Integrationsdefiziten türkischer und muslimischer Migranten bei. Es liegt als nicht bei der Mehrheitsgesellschaft, sondern bei den moslemischen Migranten, sich auf die von ihnen ja freiwillig gewählte Gesellschaft einzulassen - und zwar ohne Vorbedingungen.

Bernd Leber16.04.2014 | 14:19 Uhr