Kulturpolitik im Iran

Kunst unter dem Diktat Gottes

Im liberalen Klima der Khatami-Ära konnten Irans Kulturschaffende neue Freiräume für sich erobern. Doch damit ist es heute vorbei: Die restriktive Kulturpolitik Ahmadinejads, droht die künstlerische Freiheit im Iran zu ersticken. Von Alessandro Topa und Roshanak Zangeneh

​​Die Teheraner Kunstszene wurde in der Amtszeit des Reformers Khatami zum Symbol eines weltoffenen Iran.

Während Ausstellungen wie etwa "Entfernte Nähe" in Berlin oder "Iran.com" in Freiburg einem interessierten Publikum Positionen und Themen iranischer Künstler näher brachten, sorgte der Boom islamischer Kunst dafür, dass deren Werke auch in Dubai, London und New York für immer höhere Summen den Besitzer wechselten.

Dies könnte sich in Zukunft ändern: nicht etwa wegen der ökonomischen Krise, sondern weil die künstlerische Reflexion der iranischen Wirklichkeit den radikalen Islamisten zunehmend ein Dorn im Auge ist.

Einmischungen überall

Die "Mah-e Mehr" ist eine von mehreren privaten Kunstschulen im Norden Teherans. Das Kunstinteresse der zumeist jungen Frauen und der wenigen Männer, die solche Institutionen frequentieren, ist unabhängig von den Turbulenzen auf dem Markt.

Sie kommen in die kleine Akademie, um ihre Fertigkeiten im Zeichnen und Malen zu verbessern oder Seminare zu Analyse und Kritik von Kunstwerken zu belegen.

Gut besucht sind auch die Vorlesungen über Kunstgeschichte, da diese an iranischen Universitäten kaum gelehrt wird. Zum guten Ruf der Schule tragen nicht zuletzt hochqualifizierte Dozenten bei, die oft in Europa und den USA promoviert wurden.

Hamid Severi etwa studierte an der Universität von Kalifornien Kunstgeschichte, lehrte an iranischen Universitäten und leitete schließlich die Recherche-Abteilung des "Tehran Museum of Contemporary Art" (TMCA). Bis vor kurzem, denn im Frühjahr 2008 kündigte der 50jährige Kunsthistoriker.

​​ Grund: Der weltgewandte Mann unterrichtet lieber an privaten Kunstschulen wie der "Mah-e Mehr" oder übersetzt kunstgeschichtliche Literatur, als länger für staatliche Einrichtungen zu arbeiten. "Es gibt in Iran keine bedeutenden Kunstinstitutionen mehr, die ohne staatliche Einmischung in künstlerische Belange arbeiten können", sagt er.

Diese Einrichtungen könnten daher gar nicht mehr leisten, was für die Entwicklung der iranischen Kunst notwendig sei. Auch die spärliche staatliche Förderung beschränke sich ganz auf Werke, die die Ideologie des Regimes transportierten.

Im Kulturleben bedeutet dies, dass die Teheraner Symphoniker zuletzt sakrale Kompositionen aufführten, die mit der Wiederkehr des zwölften Imam endeten, während im TMCA Kalligrafie mit schönstem Schwung dem Diktat Gottes folgte - an dem Ort, wo mit Werken von Kandinsky und Picasso, Giacometti und Magritte, Pollock und Lichtenstein Meisterwerke des 20. Jahrhunderts von anarchischer Abstraktionskraft und kritischer Selbstreflexion der ästhetischen Moderne künden.

Alte Kalligrafie als moderne Kunst?

Auf eine Ausstellung mit zum Teil jahrhundertealter Kalligrafie im "Nastaliq"-Schriftstil folgte im Museum für Gegenwartskunst jüngst eine Ausstellung mit kalligrafischen Typografien junger Grafiker.

"Die Kunst, Gottes Wort schön zu schreiben, ist historisch hochbedeutsam im Islam. Auch die Frage, ob und wie man Kalligrafie als moderne Kunst konzipieren kann, scheint mir wichtig. Aber diese als zeitgenössische Kunst zu deklarieren, weil es auch heute noch Kalligrafen gibt, verrät eine recht buchstäbliche Weise, Kunst und Modernität zu verknüpfen oder?", fragt der Kunsthistoriker.

Das Museum, das nach wie vor die erlesenste Sammlung moderner Kunst in ganz Asien beherbergt und zu Beginn des Jahrzehnts als pulsierendes Zentrum der iranischen Kunstszene fungierte, wird neuerdings von Mahmoud Shaluie geleitet, einem prinzipientreuen Parteigänger Ahmadinejads, der sich bisher mit islamischer Mystik befasste, keinesfalls aber mit moderner Kunst, wie Hamid Severi weiß.

Iranischer Künstler; Foto: dpa
Schwere Zeiten für Irans Künstler: Im gesamten Land existieren keine bedeutenden Kunstinstitutionen mehr, die ohne staatliche Interventionen in ihren Belangen arbeiten können.

​​"Es finden heute weder Konferenzen noch Vorträge, geschweige denn neue Ausstellungen moderner Kunst statt", meint Severi. Auch der Austausch des Museums mit ausländischen Kultureinrichtungen sei zum Erliegen gekommen, klagt der ehemalige Abteilungsleiter. Die Resignation sei groß, zumal der eben erwachte gesellschaftliche Sinn für die Bedeutung der Kunst nun wieder dahinwelke.

Der neue Direktor des Museums teilte schon bald nach seinem Amtsantritt mit, dass mit Ausstellungen zur modernen Kunst einstweilen Schluss sei. Sogar die geplante Restauration des "Flötenspielers", einer bedeutenden Statue des iranischen Bildhauers Bahman Mohasses, ließ Shaluie unterbinden.

Das TMCA als Grabstätte moderner Kunst

Die vier Meter hohe Plastik, die vor der Revolution auf dem Vorplatz des Teheraner Stadttheaters stand, war Ende 2007 in der Requisitenkammer gefunden worden, wo sie wohl seit 1979 lagerte: ohne Flöte und mit abgebrochenem Arm. So wird das TMCA nun langsam zur Grabstätte moderner Kunst.

In der Regierungszeit des reformorientierten Präsidenten Khatami fungierte das TMCA noch als Top-Anlaufstelle für Trendscouts und Kuratoren, die in Teheran auf Jagd nach Künstlern und Werken waren. Positiv daran war, dass sich so erstmals ein enges Netzwerk um das Museum bilden konnte.

Negativ, dass dieses immer wieder denselben Künstlern die Möglichkeit gab, sich im Ausland zu profilieren. Die Szene sei stark durch Seilschaften geprägt gewesen, erinnert sich die Galeristin und Künstlerin Rosita Sharaf-Jahan.

Dadurch, dass das TMCA seine Stellung als Zentrum des Netzwerks eingebüsst habe, sei von staatlicher Seite ungewollt ein positiver Impuls auf die Arbeit der vielen kleinen Teheraner Galerien ausgegangen. "Die Szene ist in Bewegung gekommen", berichtet die 46jährige: "Kuratoren, Sammler und Händler nehmen nun direkt Kontakt mit Galerien und Künstlern auf."

Der Staat "berät" die Künstler

Was die künstlerische Freiheit betrifft, entwickeln sich die Dinge hingegen keinesfalls zum Guten: Während in der Regierungszeit der Reformer jede Galerie selbst dafür verantwortlich war, wen und was sie ausstellte, muss jetzt jedes Stück vom Ministerium für Kultur und islamische Führung ("Ershad") gesichtet und genehmigt werden. Darüber hinaus müssen die bisher unbefristet gültigen Genehmigungen der Galeristen nun jährlich erneuert werden.

Federführend bei der neuerdings strikten Anwendung dieser Regelungen ist Mahmoud Shaluie, der nicht nur Direktor des TMCA ist, sondern auch die Abteilung für visuelle Kunst im Ershad-Ministerium leitet.

Oberflächlich betrachtet verlangen diese Regelungen nur, dass die Galeristen vor einer Ausstellung jedes Werk fotografieren müssen, um es mit einer Vita des Künstlers dem Ministerium zukommen zu lassen. Doch Rosita Sharaf-Jahan hat bei einer Vorladung ins Kulturministerium bereits die Praktiken und Auswirkungen der sich intensivierenden staatlichen Kontrolle zu spüren bekommen:

"Anlässlich einer anstehenden Ausstellung wurde ich gefragt, was meine Bilder bedeuten und warum diese so hart und aggressiv seien", berichtet Sharaf-Jahan. Die Künstlerin antwortete selbstbewusst, ihre Bilder sprächen sich nicht für, sondern vielmehr gegen Gewalt aus. "Da begann man, mich betont zweideutig zu fragen, von welcher Gewalt ich denn spräche."

Die gestandene Frau räumt ein, furchtbare Angst gehabt und innerlich aufgeatmet zu haben, als man dazu überging, ihr nur Ratschläge zu erteilen. "Ich solle mich von der Schönheit der Moscheen in Isfahan inspirieren lassen. Solle versuchen, die Menschen durch meine Werke positiv zu motivieren, da Schönheit die Menschen beflügle. Ich nickte nur."

Die Ausstellung von Rosita Sharaf-Jahan konnte schließlich doch noch stattfinden. Ob sich die Künstlerin allerdings langfristig der Selbstzensur wird widersetzen können, ist überaus fraglich.

Alessandro Topa / Roshanak Zangeneh

© Qantara.de 2009

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