Kultur und Protest in Palästina

Projektionsfläche des Widerstands

Eine aktuelle Studie des Arabisten David Kreuer belegt, dass unter jungen Palästinensern der bewaffnete Kampf gegen Israel nicht die erste Option ist. Einblicke von Joseph Croitoru

Die jüngste kriegerische Auseinandersetzung zwischen der israelischen Armee und der Hamas im Gazastreifen hat im Westjordanland junge Palästinenser wieder auf die Straße getrieben. Ihre Protestkundgebungen, die auch diesmal in einen Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt mündeten, sind zwar die bekannteste Form ritualisierten palästinensischen Widerstands. In ruhigeren Zeiten aber sind sie unter palästinensischen Jugendlichen alles andere als dominierend. Sie ziehen, wie aus einer gerade erschienenen Feldstudie des deutschen Arabisten David Kreuer hervorgeht, vielmehr die kulturelle Selbstbehauptung dem bewaffneten Kampf als Akt des Widerstands vor.

Der Leizpiger Wissenschaftler sprach in Ramallah mit dort lebenden jungen Palästinenserinnen und Palästinensern. Beim Stichwort Widerstand kamen die Befragten, die zum Teil auch aus anderen Städten im Autonomiegebiet stammen, immer wieder auf das Dilemma zu sprechen, private Interessen mit nationalen Pflichten in Einklang zu bringen. Die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach Mobilität und dem Loyalitätszwang gegenüber dem eigenen Volk kam beim Thema Auswanderung oder Arbeit in einer israelischen Siedlung besonders zum Ausdruck.

Es zeigte sich, dass allein schon das Verbleiben in der Heimat als eine Form des Widerstands gegen die israelische Besatzung definiert wird – selbst dann, wenn man aus materiellen Gründen gezwungen ist, bei den Israelis arbeiten zu gehen. Dass bei den Interviewten der nationale Widerstand häufig direkt mit Bildung und Kultur assoziiert wird, erklärt sich Kreuer mit der großen Zahl an Studenten unter ihnen.

Palästinensische Jugendliche in einem Cafe; Foto: DW/Al-Farra
Gegengewalt ist keine Option: Palästinensische Jugendliche sitzen in einem Café in Gaza 2012. Laut dem Leipziger Arabisten David Kreuer, zeigt sich alleine "das Verbleiben in der Heimat als eine Form des Widerstandes gegen die israelische Besatzung".

Filmvorführungen als nationaler Widerstandsakt

Nicht selten resultiere diese Auffassung aus der Überzeugung, dass der bewaffnete Kampf gegen die militärisch weit überlegenen Israelis letztlich zwecklos sei: "Denn es wird uns nirgendwohin führen", gab die aus Hebron stammende Studentin Sophie zu Protokoll, "im Gegenteil, es zieht uns noch weiter nach unten". Dass man durch Bildung und das Studium des nationalen palästinensischen Erbes wie auch durch Kunst, Literatur und Theater der Besatzung weit wirksamer widerstehen könne als mit Waffengewalt, scheint eine verbreitete Auffassung zu sein. Kreuers Gesprächspartnerin Sophie sieht in all dem aber noch einen weiteren Sinn, nämlich, wie sie sagt, "nach mehr Menschlichkeit in uns selbst zu suchen".

Tatsächlich belegen Statistiken, dass sich eine außergewöhnlich hohe Zahl junger Palästinenser mit Kunst beschäftigt und auch an ihrer Vermittlung aktiv mitwirkt. Ein Beispiel hierfür ist das 2008 von dem palästinensischen Produzenten Yousef Al-Deek ins Leben gerufene Projekt "Mobiles Kino", das mit Hilfe von Studenten aus Ramallah betrieben wird. Mit Filmvorführungen auch außerhalb der Städte und in abgelegenen Dörfern will man der desolaten Lage in der einheimischen Kinoszene – seit 1989 wurden die meisten Lichtspielhäuser nach und nach geschlossen – etwas entgegensetzen.

Auch wenn es dabei um Filmerziehung im Allgemeinen geht, gilt das Vorführen von Filmen palästinensischer Regisseure oder solchen, die sich mit Palästina befassen, als nationaler Widerstandsakt – ebenso Projekte, die sich etwa der Dokumentation traditioneller palästinensischer Volksmusik und -tänze widmen und in denen sich Studenten ebenfalls engagieren.

Al-Kasaba-Theater, Kino und Schauspielschule in Ramallah; Foto: DW/Ulrike Schleicher
Zentrum künstlerischen Schaffens in den palästinensischen Autonomiegebieten: Das Al-Kasaba-Theater in Ramallah ist eines der weinigen Einrichtungen in der Westbank, in der Dramaturgen, Schauspieler und Filmemacher die Möglichkeit haben, gemeinsam zu produzieren und Bühnenstücke aufzuführen.

Traditioneller Widerstandsdiskurs aus der Diaspora

Kreuer fiel auf, dass es nicht immer die eigene Überzeugung ist, die junge Palästinenser zum Widerstand motiviert, sondern auch der gesellschaftliche Druck, der mitunter gar zu einer Verweigerungshaltung führt. Um den jungen Menschen Gelegenheit zu geben, sich ungezwungen zum Thema Widerstand zu äußern, führte der Leipziger auch eine Internetumfrage durch, an der 112 Personen aus den Autonomiegebieten und aus Israel – etwas mehr als die Hälfte waren Schüler und Studenten – teilnahmen.

Hier dominierte die Ansicht, um für Palästina etwas tun zu können, müsse man zunächst eine starke Persönlichkeit aufbauen und nach Möglichkeit eine gute Ausbildung absolvieren. Einfluss auf diese Einstellung hatten nicht die Faktoren Geschlecht und Alter oder Schultyp und berufliche Tätigkeit, sondern Auslandserfahrungen. So hatten bei den Umfrageteilnehmern aus den Palästinensergebieten Mobilität und persönliches Weiterkommen Vorrang, während die Widerstandsrhetorik bei denen überwog, die angaben, die "wichtigste Zeit ihres Lebens" in der Diaspora verbracht zu haben.

Kreuer vermutet, dass dieser Befund nicht nur auf die Erfahrung der Heimkehrer, in Freiheit gelebt zu haben, zurückzuführen ist. Möglich wäre auch, "dass der traditionelle Widerstandsdiskurs vor allem in der Diaspora am Leben gehalten wird, während er in den besetzten Gebieten durch neue Narrative abgelöst" werde.

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2014

David Kreuer: "Ramallah – Formen des Widerstands", in: Jörg Gertel und Rachid Ouaissa (Hg.) Jugendbewegungen. Städtischer Widerstand und Umbrüche in der arabischen Welt. Transcript Verlag, Bielefeld 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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