Katajun Amirpur

Iran: Feminismus im Aufwind

In den letzten Jahren hat sich in der Islamischen Republik eine Frauenbewegung entwickelt, die mit islamischen Argumenten für eine Gleichberechtigung kämpft. Katajun Amirpur stellt einige Protagonistinnen vor.

 

Foto: Kai Wiedenhöfer
Zunehmend selbstbewußter: Iranerin in Tehran

​​Die Islamische Republik Iran hat nicht den Ruf, besonders frauenfreundlich zu sein: Mit der Machtübernahme der Geistlichkeit im Jahre 1979 wurden viele Gesetze aus der Schahzeit abgeschafft, die die Frauen auf eine rechtliche Stufe mit dem Mann stellten. Stattdessen wurde eine neue, islamische Frauenrolle propagiert. Diese neue islamische Frau zog von sich aus, so wurde argumentiert, eine dem Manne untergeordnete Stellung der Gleichberechtigung vor. Frauen, die anders dachten, wurden als verwestlicht und areligiös beschimpft.

Anfänge der Frauenbewegung

Es entstand jedoch auch eine emanzipatorische Frauenbewegung, die mit islamischen Argumenten für Gleichberechtigung eintrat. Bereits kurz nach der Revolution verfasste z.B. Shahin Tabataba'i, die 1980 als die offizielle Vertreterin der iranischen Frauen bei internationalen Frauenkonferenzen auftrat, Artikel über die Rolle der Frau. Sie plädierte darin für eine Neuinterpretation der Koranverse, die von der Frau handelten. In den Anfangsjahren der Bewegung gingen die Frauen jedoch nicht so weit wie heute; ein wirkliches Erstarken der islamischen Emanzipationsbewegung ist erst in den letzten Jahren zu beobachten. Gleichwohl waren Frauen entgegen der landläufigen Meinung auch nach der Revolution niemals völlig einflußlos. Sie waren nie von der Erwerbstätigkeit ausgeschlossen, und die Erwerbstätigkeit gilt gemeinhin als Voraussetzung für die Forderung nach politischen Rechten, da sie die ökonomische Unabhängigkeit vom Mann garantiert. Auch ein Absinken der Qualität der Ausbildung war nicht festzustellen.

Wie Moghadam gezeigt hat, unterminierte die kontinuierliche Partizipation von Frauen in der öffentlichen Sphäre die Idee einer theokratischen und männlichdominierten Gesellschaft. Doch obwohl sie die ökonomischen und intellektuellen Möglichkeiten zur Gegenwehr besaßen, nahmen viele Frauen in den ersten Jahren der Islamischen Republik rechtliche Bestimmungen hin, die ihre Ungleichheit zementierten.

Und auf staatlicher Seite überwog eine Haltung, die das Teheraner "Cultural Studies and Research Institute" in folgende Worte fasst: "Obviously, the apparent and quantitative equality is not the only goal of sociocultural advancement of women. After the Islamic revolution in Iran, the attempt to obtain quantitative equality of women with men in educational centers, offices and factories, in and of itself, is no longer the criterion of progress."

Die islamisch argumentierenden Frauen der 90er Jahre aber wollen mehr; sie fordern dieselben Rechte wie die Männer und glauben nicht an den naturgegebenen, dem Manne untergeordneten Status der Frau. Dass Frauen heutzutage nicht gleichberechtigt sind, liegt für die islamischen Feministinnen jedoch nicht am Koran, sondern daran, dass bisher nur Männer den Koran interpretiert haben. Sie hätten den Koran ausschließlich zu ihren eigenen Gunsten ausgelegt. Die islamischen Feministinnen Irans fordern deshalb eine Neuinterpretation.

Sprachrohr der Frauen: "Zanan"

Shahla Sherkat ist die Herausgeberin von "Zanan", der wichtigsten iranischen Frauenzeitschrift. Die vierzigjährige Diplompsychologin war von 1980 bis 1990 für die halbstaatliche Zeitschrift "Zan-e ruz" tätig, wurde aber schließlich wegen Differenzen mit den Herausgebern entlassen. Man wurde sich nicht mehr einig über die Behandlung geschlechterspezifischer Themen. Weil sie der Auffassung war, dass Frauen wie sie in der iranischen Gesellschaft eine Bewegung in Gang setzen können, gründete sie eine eigene Zeitschrift, deren erste Nummer im Februar 1991 erschien. "Zanan" geht ausschließlich auf Frauenthemen ein; es gebe so viele frauenspezifische Probleme, dass nach Aussagen von Sherkat kein Raum für andere Bereiche bleibt. Anders als die meisten Frauenzeitschriften ist "Zanan" eine vollkommen unabhängige Stimme; sie ist weder staatsnah, noch gehört sie einer bestimmten politischen Fraktion an oder wird von Frauen betrieben, die mit bedeutenden Personen des öffentlichen Lebens verwandt sind.

In ihrer Zeitschrift veröffentlicht Sherkat Artikel, in denen dargelegt wird, daß nicht der Koran die Verbesserung der rechtlichen Situation der Frauen verhindert, sondern ein patriarchalisches Gewohnheitsrecht. Angesprochen werden das Scheidungs-, Ehe- und Erbrecht, das ungleiche Blutgeld (diye), die politischen Rechte der Frau, ihre Rolle in der Verbreitung des Glaubens, die Ausreisegenehmigung der Frauen durch ihre Männer, die Kandidatinnen für die Parlamentswahlen vom März 1996 und die Teilnahme der Frauen bei den Wahlen, die Heirat von Minderjährigen und die Frage, ob Frauen Präsident werden können.

Über weibliche Ministerinnen und die einzige Frau im iranischen Kabinett finden sich in "Zanan" ausführliche Berichte. Shahla Sherkat organisiert auch häufig "runde Tische", in denen die rechtliche Benachteiligung der Frauen thematisiert wird, und die "Rechtsberaterin" der Zeitschrift, die bekannte Juristin Mehrangiz Kar, klärt ihre Leserinnen in einer Kolumne mit dem Titel "Amuzesh-e hoquq-e zan" (Unterricht in den Rechten der Frau) über ihre Rechte auf. Auch mit einem Jahresrückblick unter dem Motto "Was haben wir dieses Jahr erreicht", hat die Zeitschrift aufzuwarten. Die Frage, ob sie keinen Widerspruch zwischen ihren Forderungen und den Geboten des Korans sehe - schließlich spreche der Koran ganz eindeutig davon, dass z.B. die Aussage eines männlichen Zeugen das Gewicht von zwei weiblichen hat - verneinte Shahla Sherkat im Juli 1997 im Gespräch.

Shahla Sherkat; Foto: Getty Images
Die iranische Journalistin Shahla Sherkat

Ihrer Ansicht nach gibt es viele juristische Ungerechtigkeiten, die nicht mit dem Koran zusammenhängen, d.h. Fragen, zu denen sich der Koran gar nicht äußert und solche Ungerechtigkeiten, die aufgrund von patriarchalischen Vorstellungen der Gesetzgeber entstanden sind. Außerdem könne man in vielen Punkten beweisen, dass der Koran nicht meint, was die iranischen Gesetzgeber darunter verstanden haben. Sie selbst habe z.B. in ihrer Zeitschrift nachgewiesen, dass der Koran keineswegs den Männern erlaubt, ihre Frauen zu schlagen. Auch andere Dinge, wie die finanziellen Abfindungen im Todesfall, die für Männer doppelt so hoch sind wie für Frauen, seien diskutierbar und keineswegs endgültig entschieden, nur weil einige Männer sie zu Ungunsten der Frauen ausgelegt haben. "Zanan" provoziert häufig Reaktionen auf Seiten der konservativen Geistlichkeit.

Das Büro von Ayatollah Yazdi, dem Leiter der iranischen Judikative, hat schon mehrmals zu den in "Zanan" veröffentlichten Artikeln Stellung bezogen. Inzwischen sah sich sogar die theologische Hochschule von Qom veranlasst, auf die wachsende Anzahl von feministischen Zeitschriften zu reagieren. Sie bringt die Zeitschrift "Payam-e Zan" (Botschaft der Frau) heraus, in deren Redaktion allerdings ausschließlich Männer beschäftigt sind. Auch dort werden Frauenthemen diskutiert - allerdings aus einer vergleichsweise traditionalistischen Perspektive. Andere Leser sind weniger diskussionsfreudig.

Die Redaktionen der Frauenzeitschriften werden zuweilen von Schlägertrupps angegriffen. Diese Schlägertrupps, die meistens von der konservativen Geistlichkeit finanziert werden, beschimpfen Frauen wie Sherkat als verwestlicht und werfen ihnen vor, der Revolution zu schaden und der westlichen kulturellen Invasion ("tahajom-e farhangi") Vorschub zu leisten. Doch Shahla Sherkat läßt sich auch von den Attacken der Schlägertrupps nicht abhalten, ihre Kritik an den Traditionalisten zu formulieren. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund.

Über ein Gesetz vom Frühjahr 1998, das vorsieht, Frauen nur von weiblichen Ärzten behandeln zu lassen, schreibt sie: "Wir werden also bald erleben, wie sich vom Krankenhaus abgewiesene Frauen in politisch oppositionelle Gruppen verwandeln. Und: Diese Frauen werden einen solchen Dogmatismus der Religion anlasten und nicht den Verordnungen, die sich die starrsinnigen Hirne der Traditionalisten für sie ausgedacht haben. Man bedenke einmal, wie schwer es überhaupt für Frauen in dieser Gesellschaft ist, nicht vom Glauben abzufallen. Ist diese diskriminierende Haltung nicht gleichbedeutend damit, ihnen zu sagen: Geht nach Hause und setzt euch dort neben die Frauen Afghanistans?"

Islamischer Feminismus

Die islamistischen Feministinnen benutzen genuin islamische Argumente, um Forderungen durchzusetzen, die in ihrer Radikalität denen der säkularistischen Frauen kaum nachstehen. Ihr Begehren wird jedoch im Gegensatz zu dem der säkularisierten Frauen nicht von vorn herein mit dem Stempel der Areligiösität versehen, zumal diese Frauen dem westlich geprägten Feminismus ausgesprochen kritisch gegenüberstehen. Maßgeblich bestimmt wird die intellektuelle Szene der islamischen Feministinnen gegenwärtig von Frauen, die auf den ersten Blick wie das beste Beispiel für die Unterdrückung der Frau im Namen des Islams aussehen - sie sind tief verschleiert. Ihre Verschleierung übertrifft die Vorgaben der Islamischen Republik sogar um ein Vielfaches. Doch auch diese Frauen fordern Gleichberechtigung.

Zudem belegt die Präsenz von Frauen in den verschiedensten Sphären der iranischen Gesellschaft, dass Kopftuch und gesellschaftliche Aktivität keine unüberwindbaren Gegensätze sind. Frauen werden heutzutage Ärztinnen, Lehrerinnen, Präsidentenberaterinnen und Bürgermeisterinnen. Sogar die klassische Männerdomäne des Nahen Ostens haben sie mittlerweile erobert: Sie fahren Taxi. Selbst Fatima Mernissi, die zu den entschiedensten Gegnern des Kopftuches gehört und meint, dass die Frau aus dem Haus in die Gesellschaft tritt, indem sie zuerst ihr Kopftuch ablegt, kann dem Kopftuch einen strategischen Wert für die Emanzipationsbewegung abgewinnen. Sie nennt Iran als positives Beispiel dafür, dass es bei der Frauenfrage nicht in erster Linie darum geht, ob Frauen verschleiert sind oder nicht. "Auch Fundamentalistinnen, die den Schleier tragen", würden heute als politische Akteurinnen in der muslimischen Welt auftreten. Unter den Frauen, die sich in Iran für eine Verbesserung der Frauenrechte einsetzen, sind einige Töchter bekannter Geistlicher. Zwar erwartet man bei diesem familiären Hintergrund nicht, auf Feministinnen zu stoßen; doch diese Frauen können sich gerade durch ihre Herkunft in konservativen Kreisen Gehör verschaffen.

Zahra Mostafavi die Tochter Ayatollah Khomeynis ist Direktorin der Gesellschaft für Frauen der Islamischen Republik; sie setzt sich besonders für gleiche Ausbildungschancen von Frauen ein. Im Anschluss an eine Rede wurde Mostafavi gefragt, ob sie Frauen das Studium der islamischen Wissenschaften empfehle. Sie erwiderte, dass Frauen lieber Ingenieure und Ärzte werden sollten, Mullahs habe das Land genug. Fateme Hashemi, die Tochter des ehemaligen iranischen Staatspräsidenten Rafsanjani, leitet eine dem Außenministerium angeschlossene Frauenorganisation und eine Hightech-Klinik für Nierenpatienten. Ihre Schwester Fa'eze ist Leiterin der iranischen Organisation für Frauensport und stellvertretende Vorsitzende des Nationalen Olympiakomitees. Fa'eze Hashemi erregte Aufsehen, als sie Sportlerinnen aus der Dritten Welt im Jahre 1993 zur ersten islamischen Frauenolympiade zusammentrommelte. Weil 33 islamische Länder aus Sorge um die Verletzung der islamischen Bekleidungsvorschriften keine Frauen zur Olympiade schickten, bemühte Hashemi sich um eine Alternative.

Islamischer Frauensport und Emanzipation

In Iran fand die islamische Frauenolympiade mittlerweile schon zum zweiten Mal statt. Für Fa'eze Hashemi ist Frauensport ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Emanzipation. Er vermittelt das Bewusstsein von körperlicher Stärke und damit ein neues Selbstbewusstsein. Neben ihrem Engagement für den Profisport versucht sie deshalb auch, unter der einfachen Bevölkerung das Interesse für Sport zu steigern, indem sie Ausstellungen organisiert und auf Vorträgen im ganzen Land für den Frauensport wirbt (...). Auch Hashemis Mitstreiterin 'Azam Taleqani, ist die Tochter eines berühmten Vaters. Sie leitet die Vereinigung der muslimischen Frauen Irans ("Mo'assase-ye zanan-e eslami-ye Iran"), dort unterrichtet sie Frauen aus ärmeren Bevölkerungsschichten im Lesen und Schreiben, damit sie unabhängig von ihren Ehemännern für ihren Lebensunterhalt sorgen können.

Fa'eze Hashemi; Foto: nasimonline.ir
Fa'eze Hashemi ist die Tochter des ehemaligen iranischen Staatspräsidenten Hashemi Rafsanjani

Auch in der Koranexegese werden die Frauen von Taleqani unterrichtet. Sie lehrt sie den "tafsir" (Koranexegese, An. d. Red.)ihres Vaters Ayatollah Mahmud Taleqani, Partovi az qor'an. Häufig bezieht sich Taleqani auf die frauenfreundlichen Korandeutungen ihres Vaters, z.B. in Bezug auf das Erbrecht. Laut Vater und Tochter Taleqani steht den Frauen heutzutage dasselbe Erbe wie den Männern zu. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in denen das koranische Gesetz entstanden sei, hätten sich mittlerweile vollständig geändert, eine Neuinterpretation des Korans sei deshalb notwendig. Taleqani unterrichtet Koran und "tafsir", weil sie möchte, dass die Frauen selbst wissen, was im Koran steht und ihnen die "Männer nicht ein x für ein u vormachen können." Ihrer Ansicht nach interpretieren die Männer den Koran immer zu ihren eigenen Gunsten." Ich habe den Unterricht Taleqanis selbst einige Monate lang besucht". Die 59jährige führt dort ein strenges Regiment, sie ist sehr resolut und entspricht nun gar nicht der Klischeevorstellung einer unterwürfigen Dienerin der Ayatollahs. Den Errungenschaften der Revolution steht Taleqani denn auch durchweg kritisch gegenüber. Ihrer Meinung nach hat die Revolution von 1978/79 den Frauen nur Armut und die Polygamie gebracht.

Payam-e hajar

Neben ihrer Tätigkeit in der Islamischen Gesellschaft iranischer Frauen gibt Taleqani die kritische Zeitschrift Payam-e hajar ("Die Botschaft der Hagar") heraus, die sich nicht nur, aber auch mit Frauenthemen beschäftigt. Politisch steht Taleqani der Oppositionsfraktion um Ayatollah Montazeri und dem politischen Denken 'Ali Shariatis und natürlich ihres Vaters nahe. Wegen einiger kritischer Artikel durfte ihre Zeitschrift von 1989 und 1996 nicht erscheinen. Über Taleqanis Wirken als Parlamentsabgeordnete äußerte sich Mangol Bayat schon im Jahre 1982 anerkennend. Auch sie spricht sich gegen das Vorurteil aus, dass Verschleierung und der Kampf für Gleichberechtigung einander ausschließen. Die streng verschleierte Taleqani hat sich zudem deutlich gegen den Kopftuchzwang gewandt. Der "Iran Times" sagte sie am 4. Juli 1980, als eine parlamentarische Gesetzesvorlage eingebracht wurde, die die Zwangsverschleierung für alle Frauen vorsah, dass man Frauen nicht "mit dem Bajonett" zwingen sollte, den Tschador zu tragen. Sie müssten selbst entscheiden, wie sie sich "anständig und sittsam" kleiden wollen. Dabei untermauert Taleqani die meisten ihrer Forderungen mit islamischen Argumenten - z.B. als sie sich im ersten nachrevolutionären Parlament für gleiche Arbeitschancen von Frauen einsetzte.

Sollte kein Gesetz zur Schaffung gleicher Arbeitschancen verabschiedet werden, würde das Vertrauen in den Islam und die Regierung zerstört. Taleqani wollte, wie sieben weitere Frauen auch, für die Präsidentschaftswahl vom 23. Mai 1997 kandidieren. Alle Kandidaturen von Frauen wurden jedoch vom Wächterrat mit Verweis auf die Verfassung abgelehnt. Khomeyni war persönlich verantwortlich für das nachträgliche Verbot. Im ersten Entwurf der Verfassung, den Hasan Habibi, der derzeitige stellvertretende Staatspräsident, ausgearbeitet hatte, als Khomeyni sich noch im Pariser Exil befand, waren Richterinnen und weibliche Präsidenten noch vorgesehen. Ebrahim Yazdi berichtet von der Antwort Khomeynis, als er ihn zusammen mit Mehdi Bazargan, dem ersten Ministerpräsidenten der Islamischen Republik, nach seiner Meinung zu weiblichen Präsidenten befragte. Yazdi war unter Bazargan, der nach nur neunmonatiger Amtszeit im November 1979 aus Protest gegen die Geiselnahme amerikanischer Botschaftsangehöriger zurückgetreten war, iranischer Außenminister.

Inzwischen leitet Yazdi die Freiheitsbewegung ("Nehzat-e azadi"), eine halblegale liberal-islamische Oppositionspartei, die in den 60er Jahren vom mittlerweile verstorbenen Bazargan gegründet worden war. Laut Yazdi sagte Khomeyni damals: "Und wenn ich zu einem Sheykh Nuri werde, diesem Gesetz gegenüber leiste ich Widerstand. Der Präsident der Republik muss ein Mann sein und Zwölferschiit." Aus diesem Grund wurde in Paragraph 118 festgeschrieben, dass der Präsident ein Mann sein muss. Neben dem Wort Khomeynis, an dem viele festhalten, verhindert die Auslegung eines bestimmten Wortes in der iranischen Verfassung, dass Frauen Präsident werden, Es heißt dort, das Präsidentenamt sei den "rejal-e siyasi" (politischen Männern, Anm. d. Red.) vorbehalten. Taleqani hält dagegen, dass es weder dem Koran noch dem islamischen Recht widerspricht, wenn Frauen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Den Terminus "rajul" könne man ebensogut mit "Persönlichkeit" und nicht mit "Mann" übersetzen. Taleqani zitiert eine Reihe von Koranversen in denen, wenn das Wort "rejal" verwendet wird, Frauen und Männer gleichermaßen angesprochen sind.

Khomeyni allerdings verstand unter einem "rajul" ganz sicher einen Mann. Auch nachdem die Präsidentschaftswahl vom 23. Mai 1997 ohne die Kandidatur von Frauen stattgefunden hat, hält Taleqani die Frage noch nicht für geklärt. Mit der Ablehnung des Wächterrats, dem Gremium, das die Kandidaten auswählt und grundsätzlich die Kandidatur von Frauen verbot, gibt sie sich nicht zufrieden. Als sie für das Präsidentenamt kandidiert habe, wollte sie nicht wirklich Präsident werden. Sie habe einzig über eine grundsätzliche Ungerechtigkeit informieren und eine neue Deutung der Verfassung erwirken wollen. Sie stellte das Thema in "Payam-e hajar" zur Diskussion und holte die Meinung bekannter Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben ein: unter ihnen befanden sich bekannte Rechtsgelehrte, wie der Vorsitzende des Wächterrates Ayatollah Jannati und Ayatollah Montazeri, der führende Dissident unter den Geistlichen.

Frauen in der Verfassung

Auch Staatspräsident Mohammad Khatami, die Anwältin Mehrangiz Kar und die liberalen islamischen Oppositionellen Ebrahim Yazdi, Habibollah Peyman, 'Ezzatollah Sahabi und Hasan Yusefi Eshkevari wurden nach ihrer Ansicht gefragt. Taleqani reiste eigens nach Qom, um die Gelehrten von einer frauenfreundlichen Deutung des Verfassungspassus zu überzeugen. In einem Editorial ihrer Zeitschrift fordert sie den Revolutionsführer, den neuen Präsidenten und das Parlament der Islamischen Republik auf, folgende Fragen zu beantworten: 1. Welcher Institution obliegt es, eine umfassende Definition der "religiös-politischen Persönlichkeiten" ("rejal-e siyasi-ye mazhabi") zu geben? 2. Wie ist eine religiös-politische Persönlichkeit in unserer religiös-politischen Kultur definiert? Diese Fragen wurden auch im Zuge der Wahlen zum Expertenrat ("shora-ye khobregan") wieder zum Thema. Der Expertenrat wählt laut iranischer Verfassung den Revolutionsführer und kann ihn gegebenenfalls auch wieder absetzen (Artikel 107-1 11). Das Gremium besteht aus 86 Juristen des islamischen Rechts, die vom Volk gewählt werden. Der letzte Expertenrat wurde am 25. Oktober 1998 gewählt. Für die Wahl hatten sich 396 Kandidaten beworben, doch der Wächterrat, dem die Auswahl der Kandidaten obliegt, ließ nur 167 Aspiranten zu. Vor allem die Reformer um den moderaten Präsidenten Khatami, unter ihnen der stellvertretende Staatspräsident 'Abdullah Nuri, wurden als nicht qualifiziert für dieses Amt bezeichnet.

Auch die Kandidatur von neun Frauen wurde abgelehnt, obwohl ein prominentes Mitglied des Wächterrats, Ayatollah Kashani, verkündet hatte, es gebe kein gesetzliches Hindernis für Frauen, wenn diese "die moralischen Ansprüche erfüllen" sowie eine ausreichende theologische Qualifikation hätten. Im Vorfeld hatten die Frauen in Zeitungen und Zeitschriften immer wieder das passive Wahlrecht für sich gefordert. Auch in diesem Fall sind Sie gescheitert. Wichtiger als der erlittene Rückschlag ist jedoch die Vehemenz, mit der die Diskussion über Gleichberechtigung heutzutage geführt wird. Die islamische Frauenbewegung artikuliert sich lautstark und läßt sich von Misserfolgen nicht abhalten, weiter zu kämpfen. Um wie Taleqani und die islamischen Feministinnen argumentieren zu können, muss man den Koran kennen und ein paar Hadithe dazu. Diese Argumentation ist in Iran schlagkräftiger als die einer Feministin, die sich auf die Menschenrechtserklärung beruft.

Insofern ist es nützlich, dass mittlerweile auch Frauen zu Gelehrten des islamischen Rechts ausgebildet werden. Sie dürfen nach Erhalt der "ijazat al-ijtihad", der Erlaubnis zum Aufstellen von Rechtsgutachten, die Quellen selbständig auslegen. Seit einigen Jahren werden in den theologischen Hochschulen Irans auch verstärkt Frauen unterrichtet; ihre Ausbildung unterscheidet sich in nichts von der der Männer. Anders als ihre männlichen Kollegen dürfen sie bisher jedoch nicht als "marja' attaqlid" (Quelle der Nachahmung) wirken und eine religiöse Gefolgschaft hinter sich versammeln. Damit ist ihr Hochschulabschluss von geringerer gesellschaftlicher Relevanz. Er berechtigt nicht einmal zur Einnahme von Positionen, die den männlichen Absolventen theologischer Hochschulen offen stehen, wie z.B. der Mitgliedschaft im Expertenrat. Auch um die Frage, ob Frauen "marja' attaqlid" werden dürfen, hat in letzter Zeit eine heftige Diskussion eingesetzt. Das Problem wird in vielen Aufsätzen der Fachzeitschriften der theologischen Hochschulen thematisiert. Und da die Frauen auch jetzt schon als "mujtahida" ihr Studium abschließen und das islamische Recht auslegen, machen sie den Männern ihr Monopol auf die Koranauslegung streitig.

Konfrontiert mit einem patriarchialischen System vereinigen sich religiöse und nicht-religiöse Iranerinnen heute im Schulterschluss. Auch erklärte Säkularistinnen wie die Anwältinnen Mehrangiz Kar und Shirin Ebadi, die Journalistin Nahid Mosavi und die Soziologie-Professorin Zale Shaditalab publizieren heute in den erwähnten Zeitschriften. Sie sind wie viele nichtreligiöse Intellektuelle mittlerweile davon überzeugt, dass die Islamische Revolution die Stellung der Frauen in mancherlei Hinsicht verbessert hat. Heute gibt es viele Frauen, die aus traditionellen Familien kommen und doch studieren und am politischen, sozialen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen.

Früher wurden diese Frauen von ihren Vätern daran gehindert, das Haus zu verlassen, weil sie die Universitäten für einen Hort der Unmoral hielten. Heute haben Frauen ein Drittel aller akademischen Doktorgrade inne. Als Beweis dafür, dass auch Khomeyni, dessen Wort in Iran immer noch ungeschriebenes Gesetz ist, ein entschiedener Verfechter der Frauenbildung gewesen sei, führen die Feministinnen das Beispiel seiner promovierten Tochter, Zahra Mostafavi, an. Darüber hinaus unterscheiden sich Khomeynis Pariser Äußerungen zur Rolle der Frau stark von seinen Aussagen der 60er Jahre, als er gegen das Frauenwahlrecht oder gegen das "Gesetz zum Schutze der Familie" aus dem Jahr 1967 zu Felde zog. Jede politische Tendenz dürfte damit Zitate Khomeynis finden, die ihre eigene politische Ansicht bekräftigen. Ein nicht unbeträchtlicher Faktor für die Bewusstwerdung der islamischen Frauen war außerdem gerade die religiöse Autokratie: Sie provozierte die Forderungen nach Gleichberechtigung durch ihre rigide, frauenfeindliche Politik. Dieser Auffassung schließt sich auch Ziba Mir-Hosseini an. Sie behauptet, dass - im Gegensatz zu der in der frühen Literatur verbreiteten Meinung - die Islamische Revolution emanzipatorische Auswirkungen hatte. Sie habe den Weg für ein öffentliches feministisches Bewußtsein bereitet. Das neue System formulierte das Familienrecht im Geiste der Religionsgesetze neu: Nun wurde das Tragen des Schleiers obligatorisch, das Recht auf Scheidung und das Sorgerecht geschiedener Frauen für die Kinder wurden eingeschränkt, das Mindestalter für die Verheiratung von Mädchen wurde zunächst auf dreizehn, dann auf zehn Jahre herabgesetzt. Polygamie wurde erlaubt, die Frau hatte sich dem Willen des Mannes zu beugen und durfte keine Stellung mehr bekleiden, die Urteilsvermögen und Entscheidungskraft erfordern. Die Frauen verloren also bürgerliche Rechte, aber es blieben ihnen die politischen Rechte, die sie unter dem Schah erworben hatten.

Mittlerweile stellen die iranischen Frauen ein Drittel aller Arbeitskräfte im Land. An den Universitäten sind fast die Hälfte Frauen. Und was das Wichtigste ist: Sie gehen wählen und besetzen politische Ämter: als stellvertretende Staatspräsidentin, Beraterin des Präsidenten, Bürgermeisterin eines Teheraner Stadtteils und als weibliche Mitglieder des Parlaments. Diese 14 Frauen haben den Wählerauftrag, für die Beseitigung der rechtlichen Ungerechtigkeiten zu streiten. Ihre Erfolge im Parlament sind für iranische Verhältnisse beachtlich: Frauen bekommen neuerdings nach der Scheidung eine Abfindung, ein viermonatiger Mutterschaftsurlaub wurde eingeführt. Per Gesetz wurden gleiche Arbeitschancen festgeschrieben und es trat ein Gesetz in Kraft, das eine Abtreibung erlaubt, wenn das Leben der Mutter gefährdet ist. Außerdem wurde den Frauen der Eintritt ins Berufsleben durch die neue Bevölkerungspolitik erleichtert.

Als Reaktion auf die Bevölkerungsexplosion bekommt - gemäß einem Regierungsdekret vom Juli 1991 - das vierte Kind keine Lebensmittel-Coupons mehr. Damit wurde die Politik der 80er Jahre, der zufolge sich Frauen hauptsächlich dem Gebären von Kindern widmen sollen, in ihr Gegenteil verkehrt. Das Kinderkriegen wird nicht mehr staatlich gefördert und verliert in der Gesellschaft an Akzeptanz. Neuerdings müssen sich Paare, die heiraten wollen, einem sechsstündigen Kursus unterziehen, der sie über die verschiedenen Verhütungsmittel informiert, und in Teheran verkünden Schriftzuge auf öffentlichen Gebäuden die Vorteile der Kleinfamilie. Manche Gesetze stellen sogar eine Verbesserung zu denen dar, die in der Schahzeit eingeführt und in der Islamischen Republik wieder abgeschafft wurden. Anstelle des "Gesetzes zum Schutz der Familie" von 1967 wurde z.B. im Jahre 1992 ein Gesetz eingeführt, das die Ehescheidung für Männer erschwert. In Anbetracht der Tatsache, daß Frauen immer noch finanziell weitestgehend abhängig von ihren Männern sind, scheint dieses Gesetz wesentlich sinnvoller als das Gesetz aus der Schahzeit, das Frauen die Scheidung erleichterte.

Mittlerweile solidarisieren sich die islamistischen Feministinnen auch mit den Frauen des anderen Lagers, den Säkularistinnen Mahbube Ommi von der Frauenzeitschrift "Farzane" meint, dass man mit den areligiösen Frauen zusammenarbeiten und ihre Überzeugungen respektieren müsse, auch wenn man sie nicht teile. Wenn es zum Beispiel um das Recht geht, als Richterin arbeiten zu können, was ihnen seit der Revolution verboten ist, arbeiten säkularistische und islamistische Feministinnen Hand in Hand. Bestes Beispiel sind die erklärte Säkularistin Shirin Ebadi, die einen Preis von "Human Rights Watch" gewonnen hat und 'Azam Taleqani. Gemeinsam protestierten sie gegen das Verbot weiblicher Richter. Die Chancen für Frauenemanzipation sind seit Neuestem in Iran gestiegen. Zum ersten Mal in der iranischen Geschichte haben vor allem die Frauen eine Präsidentschaftswahl entschieden. Die Wählerstimmen von Frauen wurden als Kapital erkannt; nun weiß man, daß man um den weiblichen Teil der Bevölkerung werben muss. (…) Unter den gegebenen Bedingungen in der Islamischen Republik scheint islamisch begründeter Feminismus die einzige realistische Alternative zu sein.

Heutzutage betonen selbst säkularistische Feministinnen wie die Frauenrechtlerin Shirin Ebadi, der Islam sei so sehr oder so wenig frauenfeindlich wie alle anderen Religionen auch. Es gelte hier wie überall: Rechte werden einem nicht gegeben, die muß man sich nehmen. Deshalb interpretieren heute die iranischen Frauen den Koran selbst; in einer islamisch geprägten Gesellschaft liegt ihre einzige Hoffnung auf Emanzipation darin, am theologisch-juristischen Diskurs teilzunehmen und selbst festzulegen, was essentiell islamisch ist und was nicht, welche Gesetze dem Wandel unterliegen und welche nicht. Schon lange sehen islamische Feministinnen und auch viele Männer die Frauenfrage als den Lackmustest der islamischen Welt, als den Konfliktpunkt mit der Moderne schlechthin. Der ägyptische Literaturwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zayd betrachtet die Lösung der Frauenfrage gar als Quintessenz des Aufklärungsdiskurses. Von der Bedeutung der Frauenfrage für den Wandel der Gesellschaft war sogar Ayatollah Khomeyni überzeugt: "As the blessed founder of the lslamic Revolution puts it, 'if women change, the society changes."

Katajun Amirpur

Quelle: Orient 40 (1999), S.439-452

Katajun Amirpur ist Islamwissenschaftlerin und Publizistin, sie lebt in Köln.

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