Junge Islam Konferenz

Schnittstelle zwischen Politik und Gesellschaft

Die Junge Islam Konferenz versteht sich als Sprachrohr und Dialogforum junger Muslime, um Vorurteilen und Negativ-Bildern über den Islam in Deutschland entgegenzuwirken. Über die Ziele des Forums hat sich Shohreh Karimian mit Esra Küçük, der Geschäftsführerin der Jungen Islam Konferenz, unterhalten.

Frau Küçük, wer sind die Initiatoren der Jungen Islam Konferenz (JIK)?

Esra Küçük: Die Junge Islam Konferenz ist ein Think-Tank, Dialogforum und Multiplikatorinnen-Netzwerk junger Menschen im Alter von 17 bis 25 Jahren. Sie ist ein Projekt der Stiftung Mercator, des Mercator Program Centers und der Humboldt-Universität zu Berlin. Als bundesweites Forum bietet die Junge Islam Konferenz jungen Menschen mit und ohne muslimischen Migrationshintergrund eine Plattform für Wissensgewinn, Austausch und Intervention in gesellschaftliche Debatten. Bei der Entwicklung der JIK ging es uns darum, eine Plattform für junge Menschen in Deutschland zu schaffen, die die Vorurteile und Negativ-Bilder rund um die Themen Islam und Muslime in Deutschland kritisch reflektiert. Seit ihrer Entstehung hat sich die JIK zu einem wichtigen Akteur der politischen Bildung zu dem Thema entwickelt.

Worin bestehen die inhaltlichen Ziele und Prioritäten der Jungen Islam Konferenz?

çük: Die Junge Islam Konferenz operiert an der Schnittstelle zwischen politischer Bildung, wissenschaftlicher Forschung und gesellschaftspolitischer Themenanwaltschaft. Dabei geht es uns darum, Wissen aus dem universitären Elfenbeinturm auch allgemeinverständlich zu vermitteln und mit Fragen des alltäglichen Zusammenlebens zu verbinden. Daraus entsteht jedes Jahr ein Empfehlungskatalog der JIK, den wir an politische Entscheidungsträger übergeben.

Mittel- und langfristig ist unser inhaltlicher Fokus allerdings weiter gesteckt: Wir sprechen über die Einwanderungsgesellschaft Deutschland. Der gesellschaftliche Umgang und Diskurs rund um das Thema Islam und Muslime in Deutschland, der oft von Unkenntnis, sozialen und kulturellen Ängsten sowie Diskriminierung geprägt ist, steht dabei stellvertretend für gesamtgesellschaftliche Diskussionen, die in Deutschland zum Umgang mit kultureller Vielfalt geführt werden.

Zum anderen sehen wir uns als zivilgesellschaftlicher Akteur, der die Perspektiven junger Menschen zu den Themenschwerpunkten "Islam und Muslime in Deutschland" sowie "Deutschland als Einwanderungsgesellschaft" bündelt und in die Politik trägt. Dieses Ziel schlägt sich beispielsweise in unserer Empfehlung an den Deutschen Bundestag, eine Enquete-Kommission zu "Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe" einzurichten, nieder.

Warum braucht Deutschland überhaupt eine Junge Islam Konferenz, wenn es doch schon eine Deutsche Islam Konferenz (DIK) gibt?

Bundespräsident Joachim Gauck mit den Teilnehmern der Jungen Islam Konferenz; Foto: picture-alliance/dpa
Sprachrohr für junge Muslime und Schnittstelle zwischen Politik und Gesellschaft: Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jungen Islam Konferenz gemeinsam mit Bundespräsident Joachim Gauck am 08.03.2013 im Schloss Bellevue in Berlin.

Küçük: In der Vergangenheit wurden in der Deutschen Islamkonferenz oft sicherheits- und integrationspolitische Themen vermengt, die zur Bildung gesellschaftlicher Zerrbilder beigetragen haben. Warum sprechen deutsche Politiker gezielt mit muslimischen Verbandsvertretern und Einzelpersonen zu Sicherheits- und Integrationspolitik? Dies suggeriert, dass Muslime in diesen Bereichen Nachholdbedarf haben.

Wir sind der Meinung, dass diese Verquickung zum einen nicht den Tatsachen entspricht, zum anderen soziales Konfliktpotenzial birgt. Die Neuausrichtung der DIK unter dem neuen Bundesinnenminister Thomas de Maizière haben wir daher sehr begrüßt. Darüber hinaus sitzt am Verhandlungstisch der DIK aber ausschließlich eine Generation, die gegebenenfalls Vielfalt im Alltag ganz anders erlebt, als die hier aufgewachsene Jugend, für die Vielfalt in Schule, im Stadtteil oder Verein bereits Normalität ist. Außerdem dürfen wir nicht vergessen: Muslime in Deutschland sind vor allem eines: sie sind jung. Etwa die Hälfte der in Deutschland lebenden Muslime ist unter 25 Jahren. Diese Stimmen bekommen in der JIK ein Gehör. Unser Ziel ist es, ihre Stimmen in die Politik zu tragen und den Diskurs um eine junge Perspektive zu bereichern!

Wie kann man sich als Interessent an diesem Debattenforum beteiligen?

çük: Die JIK wird sich in den kommenden Jahren regionalisieren, d.h., dass sich Interessierte auf unsere Länderkonferenzen bewerben können. Die nächsten Länderkonferenzen finden im Herbst statt. Unsere Ausschreibungen werden im Sommer veröffentlicht. Als Teilnehmer einer Länderkonferenz kann man dann als Delegierter in der Bundeskonferenz, die im Frühjahr tagt, teilnehmen und mit am Empfehlungskatalog schreiben. Zum Beispiel können sich bald wieder junge Berlinerinnen und Berliner für unsere Berlin-JIK im Herbst bewerben, um mit uns und Experten aus der Praxis, Politik und Wissenschaft über Minderheitenrechte zu diskutieren.

Inwieweit ist es Ihnen tatsächlich schon gelungen, die Wünsche junger Muslime in die JIK einfließen zu lassen und ihren Einfluss zu vergrößern? Haben Sie dafür konkrete Beispiele?

çük: Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass die JIK nicht das alleinige Sprachrohr junger Muslime ist. Unser Anspruch ist es, das Sprachrohr junger Menschen in Deutschland zu sein, die sich für den Themenbereich "Islam und Muslime in Deutschland" interessieren und gemeinsam mit uns den Wandel zu einer vorurteilsfreieren und vielfältigeren Gesellschaft aktiv begleiten möchten.

Gerne nutze ich diese Möglichkeit, konkrete Empfehlungen unserer Teilnehmenden darzulegen. In ihrem letzten Empfehlungskatalog regte die JIK die Bildung einer Enquete-Kommission unter dem Titel "Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe" sowie die Neuausrichtung der DIK auf religionsrelevante Fragen an. Letztere Empfehlung, die von anderen Beobachtern geteilt wurde, ist nun umgesetzt worden.

In der vergangenen DIK hatten wir zwei Gastsitze in den Arbeitsgruppen und konnten die JIK-Perspektive dort direkt kritisch einbringen. Der Aufruf unserer Teilnehmenden, eine Enquete-Kommission im Bundestag einzurichten, ist in Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft auf ein breites Echo gestoßen. Bis in die höchsten Kreise wurden die Empfehlungen wahrgenommen, aufgenommen und diskutiert. Nun warten wir auf eine konkrete Rückmeldung der Parteispitzen.

Logo Junge Islam Konferenz
Als Dialogforum und Multiplikatorennetzwerk junger Menschen im Alter von 17 bis 25 Jahren will die Junge Islam Konferenz auch in den Ländern zu Fragen des Zusammenlebens von Muslimen und Nicht-Muslimen beraten.

Sie haben gerade von der Enquete-Kommission "Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe" gesprochen. Was ist das für ein Gremium und mit welchen Fragen beschäftigt es sich?

çük: Wir haben der DIK empfohlen die sogenannten Integrationsfragen von der DIK abzukoppeln, da diese nicht ausschließlich in das Ministerium gehören, das für die Sicherheit unseres Landes zuständig ist, sondern ins Herz der parlamentarischen Demokratie: in den Deutschen Bundestag! Wir waren erschrocken, als wir gesehen haben, dass es schon über 30 Enquetekommissionen zu zukunftsträchtigen Fragen gab, aber es noch nie eine zum Thema "Vielfalt und Zusammenhalt" dieses Landes.

Auch vor dem Hintergrund des hohen Zulaufs, den rechtspopulistische Parteien derzeit europaweit erfahren, hätte solch eine Kommission Signalwirkung. Es würde deutlich werden, dass Deutschland sich der oftmals beschworenen Führungsrolle in der internationalen Gemeinschaft bewusst ist und ein global relevantes Phänomen im Zentrum nationaler Politik bespricht. Außerdem könnten hier die bis in die Mitte der Gesellschaft reichenden Ängste ernsthaft thematisiert werden. Die Aufgabe einer solchen Enquete-Kommission müsste es deshalb sein, ein Leitbild zu entwerfen, das der Realität in diesem Land, das eine Einwanderungsgesellschaft ist, entspricht.

Mit diesem gesellschaftlichen Wandel umzugehen, erfordert gebündelte und ressortübergreifende Anstrengungen und tragfähige Konzepte. In der Vergangenheit wurde es seitens der deutschen Politik versäumt, auf soziale Veränderungen, insbesondere durch Migration hervorgerufen, angemessen zu reagieren. Die Gestaltung einer modernen, vielfältigen und inklusiven Einwanderungsgesellschaft erfordert konkrete Schritte in verschiedenen Bereichen, z.B. Bildung und Kultur, Wirtschaft, Inneres, Arbeit etc. Eine Enquete-Kommission könnte sich diesen zentralen Fragestellungen in den nächsten vier Jahren widmen.

Die Islamverbände haben in den letzten Jahren Zweifel an der Effizienz der DIK geäußert. Müsste sich folglich nicht auch etwas am Konzept der Jungen Islam Konferenz ändern?

çük: Es ist richtig, dass eine Neuausrichtung der DIK wiederholt gefordert wurde. Auch wir haben dies mehrfach empfohlen und begrüßen den Schwenk zu religionsrechtlichen Fragen der Gleichstellung. Wie dies allerdings konkret aussehen wird, wissen wir noch nicht und sind auf die Pläne der Verbände und des Innenministers gespannt.

Die Junge Islam Konferenz hat sich in der Zusammensetzung aber nie an der Deutschen Islamkonferenz orientiert, so dass eine Umstrukturierung hier nicht notwendig sein wird. Inhaltlich ist der Wandel in der DIK aber natürlich sehr relevant für die JIK. Ihre Frage ist demnach sehr berechtigt. Auch wir haben uns mit dieser Frage eingehend beschäftigt. Wir werden in den kommenden Wochen unser neues Konzept vorstellen.

Eines kann ich jedoch jetzt schon sagen: Unser Anliegen, ein nuanciertes und angemessenes Bild von Islam und Muslimen in Deutschland zu befördern und die Perspektiven junger Menschen in die Öffentlichkeit zu tragen, hat nichts an seiner Aktualität eingebüßt. Wir werden uns auch in Zukunft zentralen Fragen des Zusammenlebens in der Einwanderungsgesellschaft Deutschlands widmen.

Interview: Shohreh Karimian

© Qantara.de 2014

Esra Küçük ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin der Jungen Islam Konferez in Berlin.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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