Jüdische Minderheit im Iran

Dilemma zwischen Integration und Auswanderung

Viele Juden haben den Iran seit der Islamischen Revolution verlassen. Die verbliebenen Juden üben ihre Religion unbehelligt aus, sind aber durch die antisemitischen Äusserungen von Präsident Ahmadinejad verunsichert. Kristina Bergmann informiert.

​​Das Tor der Yusuf-Abad-Synagoge in Teherans Innenstadt ist nur angelehnt. "Wir schliessen nie ab", sagt Arash Abaie, ein junger Architekt, der regelmässig Vorlesungen in der Synagoge hält. Niemand stifte hier Unruhe oder wolle stehlen. Deshalb müsse die Yusuf-Abad, gleich wie die andern 19 Synagogen Teherans, nicht bewacht werden. Auch die zahlreichen Schränke in der Synagoge sind nicht verschlossen. Darin bewahren die Männer, die täglich zum Morgengottesdienst um sechs Uhr erscheinen, die Thora und ihre religiösen Kleidungsstücke auf. "Die Iraner sind im Allgemeinen nicht antisemitisch, dennoch zeigen sich die hiesigen Juden auf der Strasse nicht als solche", sagt Abaie.

Kraft für den Tag

Abaie macht es anders. Auch nach dem Gottesdienst behält er die Kippa auf. "Bei meinem Vorstellungsgespräch in einem Architekturbüro sagte ich nach fünf Minuten, dass ich Jude sei und an Samstagen nicht arbeiten könne." Abaies Offenheit wurde belohnt. Er bekam die Stelle und kann nun samstags seinen religiösen Verpflichtungen nachgehen. Nur wenige der 25.000 iranischen Juden besitzen Abaies Selbstbewusstsein. Wer in die Synagoge geht, tut dies im Morgengrauen vor der Arbeit. Scherzend sagt Abaie, die meisten iranischen Juden würden Händler oder Ärzte, nur um niemanden über ihre Religionszugehörigkeit informieren zu müssen.

Ganz gleich, ob Geschäftsmann oder Angestellter, alle wollen bei der Morgenandacht Kraft für den langen Tag tanken. Dabei hilft das Binden der Lederriemen, der Tefillin, um den Arm und das Überwerfen des Tallith, des weiss-blauen Gebetsmantels. Die Tefillin werden importiert, doch der Tallith wird in Iran aus persischer Baumwolle gewoben. Nach einer halben Stunde wird eine Thorarolle aus dem holzgeschnitzten Schrein geholt. Nach sephardischer Manier ist sie in ein Tuch gehüllt, in der Yusuf-Abad-Synagoge sind es rosa Spitzen. Eine alte Jüdin bricht in Jubel aus und wirft Kusshände in die Luft. Wie sie versichert, hilft ihr der Gottesdienst, das Leben zu meistern. Wie ihre greise muslimische Nachbarin fürchte sie nichts mehr, als in die Hölle zu kommen, sagt sie.

Eheanbahnung in der Synagoge

Foto: National Library of Iran
Iran hat eine der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt

Gleich hinter der Synagoge ist ein koscherer Metzger. Von aussen ist kaum zu sehen, dass der Inhaber ein Jude ist, doch drinnen hat er Bilder Aarons, des Bruders von Moses, aufgehängt. Nur am Montag wird geschächtet, doch gehäutete Hühner gibt es täglich. ​​Der Metzger ist wortkarg, dafür ist seine Kundin Mitra, eine Hausfrau, umso gesprächiger. Sie koche grundsätzlich koscher, das sei für eine jüdische Familie Pflicht, erklärt sie. Mitras Mann, der Stoffhändler Farman Misri, ist anderer Meinung. Koscher essen sei nicht wirklich wichtig. Entscheidend sei, dass man in seine Umgebung eingebettet sei. Nicht nur mit seinen muslimischen Angestellten, sondern auch mit den Nachbarn, Gardinen- und Teppichhändlern, komme er hervorragend aus, sagt Misri.

Das glaubt man ihm aufs Wort, so aufrichtig und hilfsbereit wirkt er. Eigentlich sei er Kurde, meint Misri, doch nach Teheran habe es ihn verschlagen, weil die Geschäfte in der Hauptstadt besser liefen. "Ja, und natürlich wegen der Ehefrau." Für Misri kam nur die Ehe mit einer Jüdin in Frage. "Die schiitischen Muslime, die christlichen Armenier und wir sephardischen Juden tolerieren uns gegenseitig, doch zur Durchmischung fehlt uns der Mut", sagt er augenzwinkernd. Die schöne Mitra hat Misri in der Synagoge kennengelernt. "Das ideale Eheanbahnungsinstitut", meint er. Der sprichwörtliche Zusammenhalt der Juden sei ihm von grossem Nutzen gewesen, wie er nach Teheran gekommen sei.

Trotzdem oder gerade deswegen wolle er Iran nicht verlassen. Misri spielt auf die vielen Juden an, die bereits ausgereist sind. "Sie haben vergessen, dass der Himmel überall die gleiche Farbe hat", sagt Misri. Er wolle jedenfalls in Teheran begraben werden, versichert er.

Problemlose Besuche

Mohammad Khatami besucht ein jüdisches Zentrum in Teheran; Foto: Iranjewish.com
Der ehemalige Präsident Mohammad Khatami besucht ein jüdisches Zentrum in Teheran

Der jüdische Friedhof im Süden Teherans zeugt nicht nur davon, dass die Islamische Republik Iran eine ausgesprochen grosse jüdische Gemeinde hat, sondern auch davon, dass immer mehr iranische Juden beschliessen auszuwandern. Die meisten Gräber wirken gepflegt, doch dann zeigt die Wärterin auf die Ränder des Totenackers. Dort sind die Ruhestätten überwachsen, die Gedenksteine tief eingesunken. Hier sind Tote begraben, deren Angehörige längst ausgewandert sind. "Vor der Revolution 1979 lebten 100.000 Juden in Iran", führt Moris Motamed aus, der Vertreter der Juden im iranischen Parlament (alle iranischen Minderheiten haben je nach Grösse einen oder zwei Abgeordnete).

​​Im Schnitt sind laut Motamed im vergangenen Vierteljahrhundert jedes Jahr 2600 Juden ausgewandert. Die Reichen und weltlich Gesinnten seien in die USA, die Armen und Religiösen nach Israel gegangen. Der Bauingenieur Motamed ist bereits zum zweiten Mal ins Parlament gewählt worden. Nach seinen eigenen Angaben ist es ihm gelungen, der jüdischen Gemeinschaft wirklich zu helfen. Dank ihm können Juden heute Beamte werden. Ausserdem gibt es jetzt ein Sonderbudget für die Minderheiten des Landes. Auch Aus- und Einreiseprobleme half Motamed zu lösen. "Iranische Juden können heute problemlos ihre Verwandten selbst in Israel besuchen, indem sie über Zypern einreisen", sagt der Abgeordnete. Sogar Israeli iranischer Abstammung besuchten heute wieder ihr Herkunftsland. Das iranische Konsulat in der Türkei stelle ihnen für solche Reisen einen Pass aus.

Die Emigration im Kopf

Ob es wohl an den Verbesserungen liegt, dass sich der Abwanderungsstrom der Juden verlangsamt? Laut Motamed wandern heute nur noch 500 Juden pro Jahr aus Iran aus. "Iran hat eine der ältesten jüdischen Gemeinden überhaupt, und freiwillig verlässt kein Jude diese Urheimat", meint Motamed. "Ich spreche nur Persisch und Kurdisch - wo soll ich denn hingegen?", fragt Misri. Abaie wiederum bekräftigt, dass er bei seinen alten Eltern bleiben wolle. Auch Mitra will nicht fort. Dennoch ist sie davon überzeugt, dass der Gedanke an die Auswanderung jedem jüdischen Iraner im Kopf herumspukt. Schuld daran seien das islamistische System Irans und insbesondere Präsident Ahmadinejad, finden muslimische Studenten in Teheran.

Was iranische Juden nicht auszusprechen wagen, sagen diese Studenten unverblümt. Ahmadinejad versuche sich bei den Arabern als Antizionist einzuschmeicheln, doch in Wahrheit sei er antijüdisch. Das habe er mit der Holocaust-Konferenz bewiesen und deswegen wollten viele iranische Juden emigrieren, meint einer. Dies sei nur die halbe Wahrheit, wirft ein anderer Student ein. Die herrschende Diktatur vertreibe kluge Leute jeglicher Religion, und Iran leide unter einem entsetzlichen Braindrain. Motamed hat sich vor kurzem selbständig gemacht.

Nun berät er Firmen bei der Erstellung von Satellitenbildern. Sein Büro wirkt modern, und er scheint Erfolg zu haben. Ähnlich verhält es sich mit Abaie und Misri. Vermutlich denken sie nicht allzu oft über eine Emigration nach. Würden sie auswandern, wäre dies ein grosser Verlust für Iran, ähnlich wie es die Emigration der klugen muslimischen Studenten wäre.

Kristina Bergmann

© Neue Zürcher Zeitung 2007

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