Jesiden in der Türkei

Alte Heimat, neue Heimat

Trotz der alarmierenden Situation in der benachbarten irakischen Kurdenregion, sind in letzter Zeit einige Jesiden aus Deutschland wieder in ihre Dörfer in Südostanatolien zurückgekehrt. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob die Rücksiedlung von Dauer ist. Eine Reportage von Ekrem Güzeldere aus der Provinz Mardin

"Ich liebe es einfach, hier zu sein", sagt der 65-jährige Yusuf Erdem. Er steht auf der Terrasse seines Hauses am Rande des Dorfes Taqa. Sein Blick schweift über saftiges Grün, am Horizont ist die Kleinstadt Midyat in der südostanatolischen Provinz Mardin zu sehen. Erdem ist muhtar, Dorfvorsteher von Taqa, das offiziell auf Türkisch Oyuklu heißt, was jedoch hier niemand im Dorf sagt.

Erdem hatte bei den letzten Kommunalwahlen 100 Prozent der Stimmen erhalten – von einer solchen Zustimmung kann selbst Präsident Erdoğan nur träumen. 50 Prozent stammten von Yusuf selbst, die anderen 50 steuerte seine Frau Xezal bei. Die Erdems sind nämlich die einzigen Bewohner des jesidischen Dorfes, das vor 50 Jahren noch rund 750 Einwohner hatte. Zwei Bewohner sind allerdings auch zwei mehr als noch vor drei Jahren. Zu dem Zeitpunkt stand Taqa nämlich noch leer, genauer gesagt ab Mitte der 1980er Jahre bis 2012. Alle 29 Großfamilien waren in dieser Zeit nach Deutschland gezogen.

Yusuf Erdem wurde in Taqa geboren, "gleich hier im Nachbarhaus", erklärt er bei einem Glas Tee und selbstgemachtem Ziegenkäse, den Xezal frisch hergestellt hat, die ursprünglich aus einem anderen jesidischen Dorf aus der Gegend stammt. "Mit 13 Jahren kam ich nach Taqa, wo ich verheiratet wurde. Das ist zu früh! Gott sei Dank ist das heute nicht mehr so", sagt Xezal.

Exodus in schwierigen Zeiten

Weder Yusuf noch Xezal haben je eine Schule besucht. "Die gab's damals für uns noch nicht. Türkisch habe ich erst beim Militär gelernt", erzählt Yusuf, der insgesamt 18 Monate lang Wehrdienst geleistet hat. 1979 ist er dann nach Deutschland gegangen, Xezal kam mit zwei kleinen Kindern nach neun Monaten nach. Als Gründe für den Exodus geben die Erdems eine Mischung aus Diskriminierung, ökonomischen Schwierigkeiten und die damals politisch explosive Lage an.

In Deutschland kamen dann noch weitere fünf Kinder dazu, alle sieben, vier Söhne und drei Töchter, leben weiterhin in Deutschland. Die meisten haben mittlerweile selber Familie und Kinder. "Leider sprechen die Enkel kaum noch Kurdisch", merkt Xezal an, "da unsere Kinder nur Deutsch mit ihnen sprechen." Ansonsten lassen sie nichts auf Deutschland kommen, vor allem Yusuf: "Dort wird nicht so nach Religion unterschieden, wenn man fleißig ist und sich nichts zu Schulden kommen lässt, dann wird man in Ruhe gelassen. Und wenn mal was passiert, dann bekommt man vor Gericht einen Übersetzer für Kurdisch. Hier nicht, da musste immer alles auf Türkisch sein."

Blick von der Terrasse des Hauses der Familie Erdem auf die Nachbarhäuser im Dorf Taqa; Foto: Ekrem Güzeldere
Leerstand soweit das Auge reicht: Noch vor 50 Jahren zählte das jesidische Taqa noch rund 750 Einwohner. Doch ab Mitte der 1980er Jahre bis 2012 zogen alle 29 Großfamilien nach Deutschland. Dem Dorf drohte das Aus.

Die Erdems waren nicht immer so isoliert. "Vor 50 Jahren lebten in den acht jesidischen Dörfern rund um Midyat rund 6.000 Jesiden", berichtet Leyla Ferman, Beraterin für Internationale Beziehungen der Großstadtkommune Mardin und Co-Vorsitzende der Föderation jesidischer Vereine. "Da es fast überall Probleme gibt, kehren nicht viele Jesiden zurück. Die Probleme sind vielfältig, hängen aber häufig damit zusammen, dass Jesiden ihr Land verlassen haben und Muslime dieses entweder mit oder ohne deren Zustimmung bewohnen und die Felder bestellen. Und beim Wiederaufbau gibt es leider immer noch nirgends Unterstützung."

Auch für Yusuf und Xezal war es trotz der Liebe zur Heimat und der gesünderen Luft kein leichter Schritt zurückzukehren. "Bis 2000 bin ich überhaupt nicht in die Nähe meines Dorfes gegangen. Dann 2001 habe ich es mir von Weitem angeschaut, erst 2002 bin ich bis ins Dorf gegangen. Es tat weh zu sehen, wie dort alles zerfiel. Aber seitdem bin ich jedes Jahr zurückgekommen." Für Yusuf war auch die politische Entwicklung der letzten Jahre ausschlaggebend: "Ohne die Errungenschaften der kurdischen Bewegung wären wir wohl nicht gekommen."

Das Haus der Erdems ist mittlerweile hübsch renoviert: drei Bäder gibt es – selbst eines oben in dem kleinen Penthouse auf dem Dach, in einem Haus, das früher noch nicht mal eine Toilette hatte. Viel Mobiliar haben sie aus Deutschland mitgebracht. Bisher ist in Taqa nur ein weiteres Haus renoviert worden, das einer Schwester Xezals gehört. Ein anderes Haus befindet sich noch in der Aufbauphase. Doch zurückgekehrt ist außer den beiden bislang noch niemand.

Das Trauma der Vertreibung aus Sindschar

Für Yusuf liegt das zum einen an der fehlenden Infrastruktur: "Wir haben keine vernünftige Straße zum Dorf, es gibt kein Wasser bis zu den Häusern, keinen Laden in der Nähe, nichts." Zum anderen hatten aber auch die politischen Entwicklungen im Irak eine großen Einfluss auf viele Jesiden: "Jeder hat gesehen, was in Sindschar vor einem Jahr mit den Jesiden geschehen ist. Diese Ereignisse lassen uns natürlich nicht kalt", seufzt Xezal.

Jesidische Flüchtlinge aus Sindschar; Foto: Reuters
Flucht vor dem Terror des "Islamischen Staates": Der IS hatte bei seiner Blitzoffensive im Nordirak im vergangenen Sommer das Sindschar-Gebirge eingenommen und dabei Tausende Jesiden getötet oder gefangen genommen. Kurdische Truppen konnten zwar die Dschihadisten zurückdrängen und die Belagerung des Sindschar-Gebirges durchbrechen, wo viele Jesiden auf der Flucht monatelang festsaßen. Allerdings sind immer noch viele Jesiden-Gebiete unter Kontrolle der IS-Miliz, die große Teile des Irak und Syriens unter ihre Gewalt gebracht hat.

Leyla Ferman, die häufig mit Delegationen auch aus Deutschland in Sindschar war, kann dieser schwierigen Situation aber auch etwas Positives abgewinnen: "Wir haben vor einigen Monaten zum ersten Mal in der Geschichte einen "Jesidischen Rat" gegründet, in dem jedes Dorf einen Vertreter stellt. Dies wäre vielleicht nicht so einfach und schnell möglich gewesen ohne die vergangene Verfolgungswelle." Kritischer sieht dies die holländische Journalistin Frederike Geerdink, die seit zwei Jahren in Diyarbakir lebt: "Keiner der irakischen Jesiden, mit denen ich gesprochen habe, will nach Sindschar zurück, weil sie ihren Nachbarn nicht mehr trauen. In der Türkei wollen sie auch nicht bleiben. Sie wollen fast alle nach Deutschland zu ihren Verwandten."

Trotz allem haben die Erdems ihren Optimismus nicht verloren und setzen auf positive Veränderungen nach den türkischen Parlamentswahlen am 7. Juni. Drei jesidische Kandidaten belegen aussichtsreiche Listenplätze der Kurdenpartei HDP in Batman, Diyarbakir und Urfa, darunter die ehemalige Europaabgeordnete der Linken, Feleknas Uca. Sollte die HDP die 10-Prozent-Hürde nehmen, wären zum ersten Mal in der Geschichte der türkischen Republik jesidische Abgeordnete im Parlament vertreten.

Leyla Ferman glaubt, dass diese Parlamentarier dann den Zugang zu Verwaltungen vereinfachen sowie Kontakte herstellen könnten, was für die jesidische Minderheit eine größere Sicherheit bedeuten würde. Und auch Yusuf ist optimistisch. Er glaubt, dass dann auch mehr Jesiden positiver in die Zukunft schauen und die Türkei nicht nur im Sommer besuchen werden.

Ekrem Güzeldere

© Qantara.de 2015

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