Islamische Konvertiten

Deutscher Islam

Deutsche, die nicht aus Frust, sondern aus Lust an der Religion den Islam annehmen, sind von den gebürtigen Muslimen oft enttäuscht: weil sie die Schönheit islamischer Lehre und Spiritualität zu wenig verkörpern. Von Charlotte Wiedemann

Konvertit – das Wort hat einen metallischen Klang. Bei der Konversion von Rüstungsgütern ist das künftige Produkt friedlicher; beim Menschen scheint es umgekehrt, da wird die Pflugschar zum Schwert. Wer heutzutage zum Islam konvertiert, gilt als potentielle Bombe.

In den Büchern über die Kolonial- und Missionsgeschichte Afrikas finden wir eine andere Formulierung: Sie nahmen das Christentum an. Ein schöner Begriff; da schwingt die Freiheit der Entscheidung mit - Religion als eine Einladung, die sich annehmen oder ablehnen lässt. (Als wär's so unblutig zugegangen.)

Dass die weiße Geschichtsschreibung in diesem Fall nicht von Konversion spricht, hat natürlich einen Grund: die Verachtung der älteren Glaubenssysteme Afrikas. Sie waren Naturzustand, Heidentum, nicht "Religion" genug, um einen Wechselkurs zu besitzen.

Unter Muslimen ist es gleichfalls üblich, von der "Annahme des Islam" zu sprechen. Nach islamischer Auffassung wird jeder Mensch als Muslim geboren – das ist die weite Definition von Muslim-Sein: der Mensch als Abbild Gottes, ohne Erbsünden-Konstrukt. Den Islam bewusst anzunehmen, ist dann eine bloße "Bezeugung" mit wenigen Worten, keine Umwandlung.

Vormachtstellung des Arabischen

Ein Großteil der heutigen muslimischen Welt hat, neu-deutsch gesprochen, einen Konversions-Hintergrund, kam der Islam doch zu Zoroastriern, Juden, Christen usw.. Wer seinen vermeintlichen Stammbaum bis auf die Propheten-Familie zurückführen kann, dünkt sich indes etwas Besseres – selbst im Iran, wo Araber nicht wohlgelitten sind.

Alle Multikulturalität des Islam konnte die Vormachtstellung des Arabischen letztlich nicht aufheben. Deutsche Neu-Muslime legen sich häufig einen zweiten, arabischen Vornamen zu, erstaunlich eigentlich; als brauche das private Bekenntnis eben doch einen Akt der Taufe, ein neues Türschild am eigenen Leben.

Moschee der pakistanisch-islamischen Ahmadiya-Anjuman-Gemeinde in Berlin-Wilmersdorf (erbaut 1924-27); Foto: picture-alliance/akg-images/Jost Schilgen
Die Ahmadiya-Moschee in Berlin-Wilmersdorf war in den 1920er Jahren ein Treffpunkt von Intellektuellen und Literaten, Muslimen wie Nicht-Muslimen.

So hielten es schon die Mütter und Väter eines deutschen Islam, vor knapp einem Jahrhundert. Der Islam gehört nämlich viel länger zu Deutschland als die leidigen Debatten über Integration.

Meinung statt Forschung

Die Ahmadiya-Moschee in Berlin-Wilmersdorf war in den 1920er Jahren ein Treffpunkt von Intellektuellen und Literaten, Muslimen wie Nicht-Muslimen. Konvertiten gehörten damals zur Elite, es waren Aristokraten darunter, und manche wurden später Mitglieder der NSDAP. Dies schreibt Esra Özyürek, Professorin an der London School of Economics, in ihrem Forschungsbericht "Being German, Becoming Muslim". In Deutschland begnügt man sich lieber mit Meinungen über Konvertiten, statt zu forschen.

Die "Deutsche Muslim-Liga" wurde 1954 im Restaurant des Hamburger Schauspielhauses gegründet. Die erste Satzung verlangte von Mitgliedern die deutsche Staatsangehörigkeit; der Islam sollte nicht als eine "Ausländerreligion" wahrgenommen werden, so Fatima Grimm, Veteranin der Liga.

Ihre kürzlich (posthum) erschienenen Erinnerungen "Mein verschlungener Weg zum Islam" sind in mehrfacher Hinsicht ein Dokument der Zeitgeschichte. Die Autorin war ein Täterkind, ihr Vater ein SS-General, Vertrauter Himmlers. Aus seinem Schatten herauszutreten, so formulierte es Fatima Grimm, war eines ihrer Motive für die Hinwendung zum Islam.

Cover "Being German, Becoming Muslim" von Esra Özyürek
Erst Nischen-Religion einer Elite, dann Gastarbeiter-Religion, heute Outcast-Religion: "Je mehr der Islam in der deutschen Gesellschaft marginalisiert und kriminalisiert wird, desto attraktiver wird er für marginalisierte Nicht-Muslime", konstatiert die Forscherin Esra Özyürek in ihrem Bericht "Being German, Becoming Muslim".

In Süddeutschland mieteten die ersten Muslime für islamische Feste Bierlokale an; Moscheen gab es noch nicht. Kopftücher waren unbekannt, die wenigen Musliminnen trugen kurze Röcke. Die ersten Moscheen wurden dann in München, Aachen und Hamburg aus dem akademischen Umfeld initiiert: von arabischen Studenten und deutschen Konvertiten.

Willkommene Muslimbrüder

Für den Vortragssaal der Münchner Moschee spendete der Erzbischof die Stühle. Das Klima war damals unvorstellbar anders als heute: Ägyptische Muslimbrüder wurden, da als Gegner Nassers politisch willkommen, sogar offiziell zur Eröffnung des Oktoberfests eingeladen.

Fatima Grimms Erinnerungen in Gesprächsform sind im Narrabila-Verlag erschienen, seinerseits von einer Neu-Muslimin gegründet. Auch die "Islamische Zeitung", die gerade 20jähriges Bestehen feierte, geht auf Konvertiten zurück. Deren Beiträge zum geistigen Leben des Islam werden von der deutschen Mehrheitsgesellschaft geflissentlich übersehen – um die eigenen Stereotype nicht zu gefährden.

Wolf Ahmed Aries wurde 1954 Muslim, mit 16 Jahren, in einem bürgerlichen Haushalt Hannovers. Die Familie kommentierte seinen Entschluss damals so: Manche werden Pfadfinder, er wird eben Muslim. Aries leitete ein Vierteljahrhundert lang eine Volkshochschule. Das qualifiziert nicht, um in eine Talkshow zum Thema Islam eingeladen zu werden, im Gegenteil. Denn dort werde heute, so Aries, nur nach dem schrillen Gegensatz gesucht.

Radikale Konvertiten im Fokus

Also muss ständig über radikale Konvertiten gesprochen werden, über die Verrückten, die Hassprediger – die Schwerter. Die Theologin Rabeya Müller, 1957 in der Eifel geboren, ursprünglich Katholikin, ist von einer anderen Radikalität. Sie war schon in der Frauenbewegung, bevor sie konvertierte, wurde dann eine muslimische Feministin, Mitbegründerin des Kölner "Zentrums für islamische Frauenforschung". Eine Imamin, die Gebete leitet und Trauungen durchführt.

Spiegelt sich in der Sozialgeschichte der Konversion in Deutschland ein Ansehensverlust des Islam? Dies ist die These der Forscherin Esra Özyürek: Erst Nischen-Religion einer Elite, dann Gastarbeiter-Religion, heute Outcast-Religion. "Je mehr der Islam in der deutschen Gesellschaft marginalisiert und kriminalisiert wird, desto attraktiver wird er für marginalisierte Nicht-Muslime."

Aber reicht diese These weit genug? Die häufig genannte Zahl von 100.000 Konvertiten in Deutschland mag zutreffend sein oder nicht - jedenfalls sind es zu viele, um sie auf ein einziges Phänomen zu reduzieren.

Deutsche, die nicht aus Frust, sondern aus Lust an der Religion den Islam annehmen, sind von den gebürtigen Muslimen oft enttäuscht: weil sie die Schönheit islamischer Lehre und Spiritualität zu wenig verkörpern. Die Politik sieht es umgekehrt: Sie findet Muslime (notgedrungen) akzeptabel, nicht den Islam.

Charlotte Wiedemann

© Qantara.de 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Deutscher Islam

Lassen Sie mich es etwas scharf formulieren: Die laicistische Berichterstattung über Muslime ist langweilig bis ärgerlich.Eine Persönlichkeit wendet sich dem Islam als Glauben zu und nicht aus Lust, denn der islamische Glaube ist kein postmoderner Zeitvertreib.Auch wenn es den soziawissenschaftlichen Kolleginnen bzw.-kollegen nicht passt. Der Entschluß die shahada im Gebet 17 Mal in 24 Stunden zu bezeugen ist keine psychische Spielerei oder ethnologisches Ritual, zudem impliziert die Hinwendng zur Reinigung die eschatologischen Dimension. Sie ist dabei Realität. Es wäre begrßenswert, wenn manm diese Tatsache zur Kenntnis nähme. Ihr Übersehen ist eine inhumane Diskrimination, die dem Gegenüber ihre Würde verweigert. Die "Verbissenheit" mancher junger Muslime rührt wohl daher. Christliche Saecularität ist hierauf keine Antwort.

Wolf D. Ahmed Aries10.07.2015 | 18:12 Uhr

Dass die weiße Geschichtsschreibung in diesem Fall nicht von Konversion spricht, hat natürlich einen Grund: die Verachtung der älteren Glaubenssysteme Afrikas. Sie waren Naturzustand, Heidentum, nicht "Religion" genug, um einen Wechselkurs zu besitzen.

Wollen Sie mit Ihrem Vergleich zur vermeintlich "weißen Geschichtsschreibung" allen Ernstes behaupten, dass die muslimische Praxis im Umgang mit den Naturreligionen Afrikas besser war und ist? Das ist wohl hoffentlich ein Witz...

Moe04.03.2016 | 09:05 Uhr

Schöner ArtikelCharlotte Wiedemanns, an dem mich indes eine Sache doch stört: Wird der Umstand nämlich, daß deutsche Neu-Muslime sich "häufig einen zweiten, arabischen Vornamen" zulegen, mit den Worten kommentiert, "erstaunlich eigentlich; als brauche das private Bekenntnis eben doch einen Akt der Taufe, ein neues Türschild am eigenen Leben", dann zeigt das aus meiner Sicht eine erschreckende Geringschätzung der Bedeutung dessen, was ein Name ist. Haben wir – "nomen est omen" – gelernt, daß die Bedeutug des Namens in Wahrheit kaum zu überschätzen ist, sofern, täglich mit ihm genannt, ein jeder in ihm einer Art Lebensentwurf begegnet, einer Art Programm, das einen Einfluß auf ihn hat, dann ist es zweifellos ein Zeichen von Weisheit wenn nicht zugleich auch noch schlicht schön, die Annahme des Islam mit der Übername eines neuen Namens zu verbinden, zumal, wenn es ein weiser Mann ist, der ihn dir gibt. – Als der Islam in Gestalt eines solchen Mannes vor rund dreißig Jahren zu mir gekommen war, hatten wir ihn gebeten, uns Namen zu geben. Es gibt Leute, die können unsere Namen – jeder Mensch soll sieben haben – sehen. Seitdem heiße ich "Salim", ein Name, der auch bei mir im Paß steht. Er bedeutet so viel wie "gerade", "klar", "aufrecht", "gesund", "rein" und kommt zweimal im Koran vor ("bi qalbi salīm" (mit einem aufrechten Herzen)). Ich finde, das ist ein wunderbares Propgramm.

Salim E. Spohr17.11.2016 | 15:49 Uhr

Liebe Moe,

wie dem auch sei: Zwei schlechte Taten ergeben nicht eine gute .

Salam an Euch.

Yunus Werner04.03.2017 | 12:02 Uhr