Islamfeindlichkeit in Deutschland

Der Islam ist weder Gewalt noch Frieden

Die heiligen Schriften tragen ein Potenzial sowohl für Gewalt als auch für Frieden in sich. Es hängt allein von uns religiösen Menschen ab, wie wir mit diesem Erbe umgehen, meint Armin Langer in seinem Essay.

Am 17. Juni gingen 3.000 Muslime auf die Straßen Kölns, um gegen Gewalt und Terror im Namen des Islam zu demonstrieren. In der Woche davor hatte die Veranstalterin der Demonstration, Lamya Kaddor, erklärte: "Terroristen sind keine Muslime." Der Kabarettist Fatih Çevikkollu rief während der Kundgebung den Teilnehmern zu: "Ich hasse keine Muslime, ich hasse Terroristen." Und Tuncay Nazik, Vorstandsmitglied der Islamischen Gemeinde Herne-Röhlinghausen, sagte: "Der Islam hat mit Terrorismus nichts zu tun."

Nachdem an der Veranstaltung weniger Menschen als erwartet teilgenommen hatten, musste man nicht lange auf die schadenfrohen Reaktionen der Islamfeinde warten. Die AfD postete ein Bild mit einer verwaisten Autobahn mit dem Kölner Dom im Hintergrund und schrieb ironisch dazu: "Köln: Muslime demonstrieren gegen den Islamismus." Mehr als 4.000 "Gefällt mir"-Facebook-Einträge brachte das Posting der rechtspopulistischen Partei, tausendfach wurde der Beitrag geteilt. Die Fans tobten.

Facebook-User Werner W. aus Mannheim etwa kam zu der Auffassung: "Das dokumentiert, dass Muslime sich nicht von Islamisten und Gotteskriegern trennen lassen." Ulrich K. aus Gladbeck tat eine ganz ähnliche Meinung kund: „Eine Religion die predigt das (sic!) man anderes Gleubige (sic!) töten soll und sie so dazu zwingt zu konvertieren geht doch nicht auf die Straße um gegen den Terror zu demonstrieren." Und auch AfD-Sympathisant Andreas B. scheint sich wohl besonders fundierte Kenntnisse über den Islam angeeignet zu haben, wenn er schreibt: "Die freuen sich über islamischen Terror." Im Anhang ist ein Bild von drei, aus dem Kontext gerissenen Koransuren zu sehen, die seine zweifelhafte These unterstützen sollen – mit Blutflecken verziert.

Der selektive Blick

Buch-Cover Armin Langer: "Ein Jude in Neukölln: Mein Weg zum Miteinander der Religionen" im Aufbau-Verlag
Armin Langer ist Student der jüdischen Theologie, Gründer der Salaam-Shalom-Initiative in Berlin sowie Publizist und Autor des Buches "Ein Jude in Neukölln".

Besorgte Bürger vom Schlag der AfD zitieren gerne selektiv entnommene Stellen aus dem Koran, um zu beweisen, dass Muslime eine angebliche Gefahr für die Demokratie darstellen. Ganz ähnlich wie die Antisemiten, die mit Zitaten aus dem Talmud erklären wollen, wie die "Talmud-Juden" einen revolutionären Umsturz gegen das Christentum planen.

Es gibt gewiss Stellen, sowohl in den muslimischen, als auch in anderen heiligen Schriften, die man als gewalttätig einstufen kann. In der Tora werden Juden aufgerufen, Götzendiener im Land Israel auszurotten, im Koran werden Ehebrecher gesteinigt. Bei diesen Stellen dürfen wir aber nicht den historischen Kontext vergessen: sie beziehen sich auf konkrete Situationen in der Vergangenheit. Diejenigen, die die jeweiligen Kontexte außer Acht lassen, sind die wahren religiösen Fundamentalisten!

Es ist aber nie ein religiöser Text, der für Gewalttaten verantwortlich gemacht werden kann, sondern die Menschen, die den Text auslegen. Die Sklavenhalter in den USA legitimierten ihre Taten mit Passagen aus der christlichen Bibel. Die "Widerstandsarmee des Herrn" verbreitet in Uganda "das Wort Jesu" mit Gewalt, wie es Jesus laut den Evangelien vorgeschrieben haben soll: "Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!" Diese gewalttätige Mission kostete bisher Tausenden Unschuldigen das Leben.

Andreas Breivik sah sich als "Soldat Christi" im Kampf gegen die Islamisierung des christlichen Abendlandes. Gleichzeitig waren und sind zahlreihe bekannte Gesichter der Menschenrechtsbewegungen und auch persönliche Helden von vielen von uns gläubige Christen wie John Woolman, Dietrich Bonhöffer oder Martin Luther King.

Die religiösen Fundamentalisten in Israel und im Westjordanland studieren dieselbe Tora und denselben Talmud wie ich. Laut ihrer Auslegung sind Nichtjuden im Heiligen Land Bürger zweiter Klasse. Und deswegen konnten sie zum Beispiel im Jahr 2014 den 16-jährigen Muhammad Abu Khdeir dazu zwingen, Treibstoff zu trinken, um ihn schließlich anzuzünden. Laut meiner Auslegung ist die Nächstenliebe für alle und das Engagement für soziale Gerechtigkeit verpflichtend.

Pauschalisierungen sind nie korrekt

Pauschale Behauptungen über Religionen sind nie korrekt. Besonders nicht im Bezug auf solche verbreitete und diverse Religionen, wie der Islam, eine Weltzivilisation von mehr als einer Milliarde Menschen auf der Erde. Der Islam unterdrückt die Frau nicht per se: Wahrlich, in Saudi-Arabien können Frauen keine Autos fahren und im Iran ist das Tragen des Kopftuchs obligatorisch. Aber gleichzeitig gab es inzwischen in drei der fünf größten islamisch-geprägten Ländern – in Indonesien, Pakistan und Bangladesch –, bereits Staats- und Regierungschefinnen.

Der Autor und Gründer der Salaam-Shalom-Initiative Armin Langer; Foto: Katja Harbi
"Die Frage sollte nicht sein, ob Religionsgemeinschaften an sich gewalttätig oder friedlich sind, ob Terroristen Muslime sind oder nicht, sondern wie friedliche Positionen gefördert werden können und wie die Radikalisierung der Jugendlichen – was ein gesamtgesellschaftliches Phänomen darstellt – verhindert werden kann", schreibt Armin Langer.

Im afghanischen und türkischen Parlament (selbst im saudischen) gibt es prozentual mehr weibliche Abgeordnete als in den Nationalversammlungen der EU-Mitgliedstaaten Malta, Ungarn und Rumänien. Ist der Islam per se homophob?

Es ist richtig, dass homosexueller Geschlechtsverkehr in zu vielen islamisch-geprägten Ländern strafbar ist – jedoch gibt es in Deutschland Moscheegemeinden, die Workshops gegen Homophobie anbieten und von Dänemark bis Südafrika liberale Moscheen, in denen queere Muslime völlig gleichberechtigt sind. Lamya Kaddors "Liberal-Islamischer Bund" ist eine der wenigen religiösen Gemeinschaften in der Bundesrepublik, die eine Ehe für alle fordern.

Religionen sind nicht monolithisch

Der Islam ist weder Gewalt noch Frieden. Sowie das Christentum, das Judentum und auch andere Religionsgemeinschaften: Religionen sind nicht monolithisch. Polytheistische Religionen sind in dieser Hinsicht auch keine Ausnahme, das zeigen eindringlich die muslimischen Opfer buddhistischer Terroranschläge und Gewalttaten in Myanmar.

Die heiligen Schriften tragen ein Potenzial sowohl für Gewalt als auch für Frieden in sich. Es hängt nur von uns religiösen Menschen ab, was wir mit diesem Erbe anfangen. Die Frage sollte nicht sein, ob Religionsgemeinschaften an sich gewalttätig oder friedlich sind, ob Terroristen Muslime sind oder nicht, sondern wie friedliche Positionen gefördert werden können und wie die Radikalisierung der Jugendlichen – was ein gesamtgesellschaftliches Phänomen darstellt – verhindert werden kann.

Armin Langer

© Qantara.de 2017

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