Islambilder

Über Fernseh-Islam, Kalifat und die Geschlechtermoderne

Solange jede/r Zweite meint, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, bleibt der auswärtige Islam, der Islam der Abendnachrichten, immer der echte und eigentliche. Der IS-Kalif ist nicht nur wirkmächtiger als die muslimische Doktorandin im Nachbarhaus; er ist realer. Ein Essay von Charlotte Wiedemann

Es ist höchste Zeit, über die Frauen zu reden, über junge Musliminnen in Deutschland. Ich mache sie hier zum Werkzeug meiner Absichten - so wie andere, mit anderen Absichten, sich das ihre herausgreifen.

Es ist an der Zeit, über moderne junge Frauen zu reden, weil sich der Islam aus Sicht der meisten Menschen in diesem Land erneut mit einem zementharten Firnis des Archaischen überzogen hat. Längst verweht jene historische Sekunde, als Muslimen etwas Emanzipatorisches zugetraut wurde, zu Beginn der Arabellion. Brutale, männliche Gewalt ist in diesen Tagen das Gesicht des Islam, sein Fernsehgesicht. Eine Welt der Extreme, der albtraumartigen Szenen und mittelalterlichen Verbrechen, in der ausschließlich Männer Handelnde sind, Handelnde mit harten Konturen. Der Rest wie eine Fototapete, die Frauen-und-Kinder-Tapete, verwischte Konturen, wehende Tücher, zerzaustes, staubiges Kinderhaar.

Wüsten- und Buschkolorit

Als die Zeitschrift Cicero die Frage stellte: "Ist der Islam böse?", bedeckte das Titelblatt eine blaue Burka, hinter deren Sehgitter eine eingesperrte weiße Friedenstaube saß. Die Gefangenschaft der Frau und die kriegerische Gewalt bilden in dieser Religion also eine Einheit, und die Frauenfeindlichkeit des Islam ist ein integraler Bestandteil seines Böse-Seins.

IS-Kämpfer im Irak; Foto: picture-alliance/abaca
Martialisch, archaisch und brutal: "Männliche Gewalt ist in diesen Tagen das Gesicht des Islam, sein Fernsehgesicht. Eine Welt der Extreme, der albtraumartigen Szenen und mittelalterlichen Verbrechen, in der ausschließlich Männer Handelnde sind, Handelnde mit harten Konturen. Der Rest ist wie eine Fototapete", schreibt Wiedemann.

Es ist nicht alles falsch an dieser grafischen Metapher. Krieg und Bürgerkrieg wirken als Patriarchatsverstärker, wie alle gewaltförmigen Prozesse. Nur gilt das eben auch für den Kongo oder die Ukraine. Letzterer fehlt es, um authentisch-archaisch zu wirken, am Wüsten- und Buschkolorit, ansonsten auch hier die hart konturierte Männlichkeit, schwarz Maskierte vor blassem weiblichem Hintergrund.

Was den Islam betrifft, möchte ich nur um der Abwechslung willen einmal von Frauen als Handelnden erzählen, zumal es sich um ein Phänomen handelt, das direkt vor unserer Haustür stattfindet: die Dominanz der Frauen im neuen muslimischen Aktivismus. Neulich bei der Bundeskonferenz von "Zahnräder", einem Netzwerk muslimischer Akademiker, das soziales Unternehmertum fördert: im Saal zu 90 Prozent Frauen, meist mit Kopftuch. "Stellt euch die Frage: Wie schmeckt Erfolg für mich?!", rief die Moderatorin. Sie arbeitet in England für Facebook.

Auf den Zahnräder-Konferenzen wetteifern die Teilnehmenden mit Projektideen um die Gunst des Publikums und damit um ein Startgeld. Es zählt sozialer Elan; davon haben die jungen Frauen anscheinend mehr. Eine Kandidatin, die zertifiziertes Halal-Food zum Angebot großer Supermärkte machen wollte, begründete ihr Projekt so: "Wir arbeiten den ganzen Tag und sind noch sonst wie aktiv, da ist Hausarbeit einfach nicht drin."

Gegen berufliche Diskriminierung

Beim neuen Avicenna-Studienwerk, das muslimische Studierende und Promovierende fördert, bewarben sich mehr Frauen als Männer; wer die Szene kennt, ist davon nicht überrascht. Von Frauen kam jüngst auch der Anstoß für ein Netzwerk angehender muslimischer Lehrkräfte. Das Urteil über die Verfassungsmäßigkeit des Kopftuchverbots für Lehrerinnen wird für diesen Herbst erwartet, und die Verschleierten nehmen ihre berufliche Diskriminierung nicht mehr widerstandslos hin.

Seit einigen Jahren schon zieht es Muslima in die Islamwissenschaft, ein bei Gläubigen sonst nicht gut beleumundetes Fach, weil des Orientalismus verdächtig. Das Studium zwingt junge Frauen, sich selbst mit den Augen der anderen zu sehen und Distanz zu Glaubensfragen zu entwickeln, ohne sich um einer besseren Note willen vom Glauben so weit zu entfernen, dass es ihnen selbst als Verrat erschiene. Eine Gratwanderung, und vielleicht ist gratwandern eher weiblich.

Stipendiaten des Avicenna-Bildungswerks; Foto: Vincenzo Ferrera
Muslimisch, talentiert und sozial engagiert: Das "Avicenna-Studienwerk" in Osnabrück vergibt Stipendien für begabte muslimische Studierende und Promotionskandidaten in Deutschland.

In den Islamverbänden, wo es um Macht geht, dominieren weiter die Männer; in der Zivilgesellschaft und in den Jugendorganisationen dominieren die Frauen. Warum das so ist? Musliminnen, die Kopftuch tragen, machen sich sicht- und angreifbar; sie verspüren mehr Druck als Männer und haben ein stärkeres Motiv, die sie umgebende Gesellschaft zu verändern.

Aber es gibt einen weiteren, womöglich wichtigeren Grund: Ehrgeiz. Beruflicher, wissenschaftlicher Ehrgeiz. Der ist im deutschen Frauenbild ohnehin nur bedingt vorgesehen. Und nun wird der Ehrgeiz einer neuen Generation von Musliminnen lieber ignoriert, damit sie weiter in unsere Integrationsfototapete passen: mit Schlabbermantel und Petersilienbüschel in der Einkaufstasche. Verwischte Konturen.

Solange jede/r Zweite meint, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, bleibt der auswärtige Islam, der Islam der Abendnachrichten, immer der echte und eigentliche. Der IS-Kalif ist nicht nur wirkmächtiger als die Doktorandin im Nachbarhaus; er ist realer.

Der Islam wird weiblicher

Vor sieben Jahren schrieben Youssef Courbage und Emmanuel Todd, Forscher am Pariser Institut National d'Études Démographiques, ihr Buch "Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern". Sie stützten ihre These vor allem auf Frauen: Deren Alphabetisierung und der damit einher gehende Geburtenrückgang treibe die Modernisierung voran.

Von Indonesien bis Iran erkämpfen sich Frauen Räume, von denen ihre Großmütter nicht zu träumen wagten. Der Islam wird weltweit weiblicher, auch wenn es in unseren Abendnachrichten nicht danach aussieht. Das Kalifat-Gedröhne greift auch eine Geschlechtermoderne an, die überall dort unterwegs ist, wo die Lebensumstände nicht von Waffenbesitzern diktiert werden. Womöglich erleben wir das letzte Aufbäumen archaischer Männlichkeit.

Für eine aktive, gebildete und ehrgeizige Muslima in Deutschland ist es übrigens nicht leicht, einen akzeptablen Partner zu finden. Das Phänomen ist ähnlich aus muslimischen Mehrheitsgesellschaften wie Oman oder Malaysia bekannt, wo Mädchen die Jungen bereits an den Schulen hinter sich lassen.

Ein Mann, der sich in ein Netzwerk traut, in dem Frauen dominieren, hat sich als Bewerber qualifiziert. Kriterien, die vom IS-Kalifat weiter entfernt sind als der Wohnzimmersessel vom Fernsehapparat.

Charlotte Wiedemann

© Qantara.de 2014

Charlotte Wiedemann ist freie Autorin und wurde mit literarischen Reportagen vor allem aus der muslimischen Welt bekannt. In diesem Monat erschien ihr Buch "Mali oder das Ringen um Würde. Meine Reisen in einem verwundeten Land" im Pantheon-Verlag.

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Leserkommentare zum Artikel: Über Fernseh-Islam, Kalifat und die Geschlechtermoderne

Ich finde Ihren Apell absolut wichtig und richtig und möchte herzlich zur unserer Tagung
Nach der Revolution ist vor der Emanzipation - Frauen in der islamischen Welt vom 14.-15. November in der Evangellischen Akademie im Rheinland in Bonn einladen. Demnächst mehr dazu.

Jörgen Klußmann19.09.2014 | 13:10 Uhr

Ein exzellenter Essay. Wir müssen genauer hinschauen, wenn wir die diversen Befindlichkeiten und Lebensrealitäten der Vielzahl der Muslime gerecht werden wollen. Fernseh-Plattitüden und Pauschalisierungen führen zu monokausalen Erklärungen, die die Gesamtheit der Muslime zum einen nicht gerecht wird und zum zweiten diese zu stigmatisieren droht. Dies hängt mit Gewissheit auch damit zusammen, dass die Medien zunehmend verflachen, Korrespondenten eingespart werden und der Blick auf die muslimische Welt verengter wird, als er noch vor einigen Jahren war. Wenn der Trend anhält haben wir es demnächst nur noch mit Berichten "Vom-Hören-Sagen" zu tun. Schöne neue Medienwelt...!

Nadine Tunca22.09.2014 | 12:45 Uhr

Dass der Islam nun weiblicher würde, wie Wiedemann schreibt, lässt sich nun gar nicht beobachten, wie ich meine. Im Gegenteil: IS-Terror, aber auch die Umwälzungen des Arabischen Frühlings in Ägypten, Libyen oder Syrien haben verheerende Folgen für die muslimischen Frauen gehabt. Das - nicht vom Krieg gebeutelte! - Ägypten ist nach der gescheiterten Revolution heute geradezu einer einzigen "No-Go-Area" für Frauen geworden. Überall sexuelle Belästigung und herumlümmelnde Salafisten in Städten wir Kairo oder Alex! Die einstige Euphorie oder dass sich die Frauen vermehrt kämpferisch in der Öffentlichkeit gezeigt hatten wie im Jahr 2011 ist längst vorbei. Es lässt sich also ein regressiver Trend im Islam beobachten - auch in Hinblick auf die Frauen.

Josef K.22.09.2014 | 15:36 Uhr

Ich kann nur bestätigen, dass es den Muslima in Ägypten nach der Revolution eher noch schlechter geht als zuvor. Das Patriarchat schlägt zurück - Einen Eindruck vermittelt da die NGO Harassmap von Rebecca Ciao. Es ist schockierend: harassmap.org/en

Freya Scholz23.09.2014 | 13:06 Uhr

LIebe Frau Wiedemann, ja was denn nun? Was ist denn nun so irreal oder besonders an einer muslimischen Doktorandin in der Nachbarschaft - in Deutschland? Ich kenne so viele, dass ich es nicht als bemerkenswert empfinde. Muss man das in der Zeitung schreiben oder in den TV-Nachrichten bringen? Ist es nicht gerade so, dass die Tatsache, das kaum noch jemand eine muslimische Doktorandin als etwas besonderes empfindet, beweist, dass normale Menschen hierzulande Deutsche nicht mehr in christlich-deutsch oder muslimisch-deutsch oder was weiss ich was-deutsch unterscheiden? Und das ist doch gut so und doch eigentlich genau das was Sie eigentlich wollen oder meinen mit Integration, oder habe ich da was falsch verstanden? Und nun diese Aussage. Ehrlich, ich verstehe Sie nicht. Sie bringen da aber gewaltig Aepfel und Birnen beieinander oder durcheinander, wenn Sie eine muslimische Doktorandin mit dem Terror des IS auch nur annaehernd in irgendeine Relation oder gemeinsam in einen Gedankengang setzen. Das ist weit entfernt von seriös. Und dann auch noch schreiben, dass Bilder vom IS-Terror "wirkmaechtiger" als eben jene Doktorandin sind. Ja sagen Sie mal, ist doch wohl normal dass man von einer Enthauptung vor laufender Kamera emotional mehr getroffen wird als vom Anblick oder der Tatsache einer muslimischen Studentin, oder bin ich nicht ganz richtig im Kopf? Mit dem Thema das zur Zeit diskutiert wird, hat das jedenfalls ueberhaupt nichts zu tun und es ist auch nicht hilfreich, sondern es ist irgendwie gequält verquirlt.
Im uebrigen sehe ich es genau so wie einige andere Kommentatoren: In islamischen Laendern (in den meisten jedenfalls) sehe auch ich gerade einen massiven Rueckschritt bezueglich weiblicher Emanzipation oder Agitation, auch wenn es immer sicher Frauen gibt, die das Gegenteil darstellen oder wenn vereinzelt Bodengewinne zu beobachten sind. Und ueber neuerliche weibliche deutsche und europäische Konvertiten muessen wir uns ja wohl nicht unterhalten. Die erheben das 5-Meter-hinter-dem-Ehemann-und-Herrn-Herlaufen bei gesenktem züchtigem Blick oder die Veranstaltung mit garantierter Geschlechtertrennung bei Vollverschleierung ja gerade wieder zur Tugend.... Das sind ja sogar viele Frauen in islamischen Kernlaendern schon weiter.

Ingrid Wecker01.10.2014 | 20:54 Uhr

Nicht-Muslime reden über Muslime!
Wir brauchen euch nicht!
Redet über euch selbst!
Lasst uns in Ruhe!

Muhammad05.10.2014 | 04:52 Uhr

Also werter Herr Mohammad! Jetzt reicht es aber! Auch Muslime reden die ganze Zeit ueber Nicht-Muslime, und zwar meist auch nicht so besonders differenziert, sondern oft mit dem Zusatz "Unglaeubige" und andere "nette" Beschreibungen. Sie sagen, Sie brauchen uns nicht? Warum sind Sie dann in diesem Land? Wir sollen Sie in Ruhe lassen? Nun, das koennte man auch andersherum allmaehlich trefflich fordern! Ich glaube langsam ich spinne...

Ingrid Wecker06.10.2014 | 15:30 Uhr

Hi,
ich glaube dass der folgende Satz falsch geschrieben wurde!
"Längst verweht jene historische Sekunde, als Muslimen etwas Emanzipatorisches zugetraut wurde, zu Beginn der Arabellion"

Hat jemand eine Idee wie die Passivform hier gebildet ist?
und Warum "es" für Emanzipatorisch stehen soll?
Danke^^

Mohamed15.11.2014 | 02:11 Uhr

Rückschritt in deutlich zu erkennen. Aber gemach: Der ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad sieht diese Relgion sowieso auf dem absteigenden Ast. Bald werden auch Jungsalafisten erkennen, dass sie für dumm verkauft wurden.

Jakob Tiefenthaler02.01.2015 | 14:37 Uhr