Interview mit Radschi Sourani in Gaza

"Wir sind verletzlich, wir sind leicht zu treffen"

Radschi Sourani ist Menschenrechtsanwalt und Gründer des Palestinian Centre for Human Rights, das Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten untersucht und dokumentiert. Sechsmal bereits wurde er wegen seiner Arbeit inhaftiert; auch jetzt bleibt er in Gaza und führt seine Arbeit unter der aktuellen Besatzung weiter. Roma Rajpal Weiss hat mit ihm gesprochen.

Wie ist die derzeitige Situation in Gaza?

Radschi Sourani: Wir schlafen weder nachts noch am Tage. Es wird praktisch rund um die Uhr gebombt und das überall. Es gibt keine Schutzräume, keinen sicheren Platz in ganz Gaza, überall fallen Bomben. Genau jetzt befinden wir uns mitten in einem Krieg: Jedes Geschoss trifft ein Gebäude oder trifft Menschen. Die Flugzeuge und die Drohnen sind ständig am Himmeln zu sehen.

Ganze Familien wurden ausgelöscht. Die meisten Opfer sind unter der Zivilbevölkerung zu finden. Unsere Leute draußen berichten uns, dass mehr als 77 Prozent der Verletzten Zivilisten sind. Zivilisten sind immer im Auge des Sturms. Wir sprechen hier über eine der modernsten Luftstreitkräfte der Welt mit F-16-Bombern, Drohnen und einer Armee mit einer festen Befehlskette. Es geht hier nicht um willkürliche Raketeneinschläge: Die Bomben werden abgefeuert mit dem Ziel zu töten. Das ist kein Spaß.

Wie würden Sie das allgemein vorherrschende Gefühl im Gazastreifen beschreiben?

Sourani: Die Menschen hier sind wütend. 2008-2009, als all das Schreckliche geschah, als hier auch Phosphorbomben landeten, wurde Gaza zerstört. Und 2012 hatten wir wieder einen Krieg und nun den dritten, und das innerhalb von nur fünf Jahren. Das hält keine Bevölkerung aus. Die Menschen sind es leid. Sie sind müde und erschöpft und niemand sieht sich gern in der Rolle eines unterwürfigen Opfers. Sie sind an einem Punkt angelangt, an dem sie glauben, dass sie nichts mehr zu verlieren haben.

Ein palästinensischer Junge trägt seine Habseligkeiten im zerstörten Haus seiner Familie in Gaza Stadt, 16. Juli 2014; Foto: REUTERS/Mohammed Salem
„Die Menschen in Gaza sind an einem Punkt angelangt, an dem sie glauben, dass sie nichts mehr zu verlieren haben. Wir wollen das einfach nicht mehr. Wir haben keine Würde mehr, keinen Stolz“, sagt Radschi Sourani.

Wenn man in einer solchen Situation ist, dann erscheint es einem, als ob die ganze Welt einfach nur zuschaut und man nichts weiter ist als eine weitere Meldung in den Nachrichten. Das schrecklichste Gefühl ist, wenn man glaubt, dass die eigene Seele und die Seelen der Menschen, die man liebt, nichts wert zu sein scheinen, genauso wie dein Leiden und all das vergossene Blut nichts wert sind. Und wenn einzig das Blut der jüdischen Israelis heilig sein soll und nur ihre Seele einen Wert besitzt, dann ist das schier zum Verrücktwerden. Wenn man den Nachrichten Glauben schenken darf, gibt es auf israelischer Seite bisher 20 Tote während dieses Krieges – das ist alles; und auf unserer Seite ist es die Hölle mit über 500 Toten und über 3000 Verletzten.

Den häufigsten Satz, den ich hörte, als erstmals über einen möglichen Waffenstillstand gesprochen wurde, war: es ist besser für uns zu sterben, als wieder die Situation zu bekommen, wie wir sie vor diesem Krieg hatten. Wir wollen das einfach nicht mehr. Wir haben keine Würde mehr, keinen Stolz. Wir sind nur noch weiche Ziele und sind leicht zu treffen. Entweder verbessert sich die Situation entscheidend oder es wäre wirklich besser zu sterben. Und das sagen auch Intellektuelle und Akademiker, genauso wie die einfachen Menschen, alle reden so.

Wie konnte es geschehen, dass der Vorfall der drei entführten und getöteten Teenager den Konflikt so anfachen konnte?

Sourani: Ich denke nicht, dass der Mord an den drei israelischen Teenagern die Tötung von elf Menschen in der West Bank rechtfertigt, wie sie von Israel begangen wurde. Es war die Tat von Einzelnen: Keine palästinensische Gruppe, politische Gruppe oder die Hamas haben sich dazu bekannt und gesagt, dass sie dafür verantwortlich seien. Aber die israelische Armee tötete Menschen in der West Bank, darunter vier Teenager.

In Gaza und in der West Bank wurden 1300 Menschen verhaftet, darunter 28 Mitglieder des palästinensischen Parlaments. Aber das ist nicht alles: Sie gingen hart gegen Institutionen und Universitäten vor. Und als sie mit der West Bank fertig waren, sind sie nach Gaza gekommen und haben hunderte Menschen getötet, 70 Prozent davon Frauen und Kinder; hunderte von Menschen haben sie schwer verletzt, dass diese davon noch immer schwer eingeschränkt sind, weil sie ihre Hände oder Füße verloren haben, oder weil sie blind wurden.

Israel startete 1800 Luftangriffe auf eines der am dichtesten besiedelten Gebiete Gazas. Es ist unglaublich, dass es so viele Tote und Verletzte gibt. In ganz Gaza gibt es keinen sicheren Rückzugsort. Es ist eine Schande, dass Israel und die internationale Gemeinschaft dies geschehen lässt. Das sind schlicht Kriegsverbrechen.

Palästinenser fliehen auf Pferdekarren aus ihren Häusern, um Schutz zu suchen; Gaza Stadt, 13. Juli 2014, EPA/MOHAMMED SABER
„Die Leute fliehen mit nichts als dem, was sie am Körper tragen und suchen Zuflucht in Schulen, Flüchtlinge in ihrer eigenen Heimat“, erklärt Radschi Sourani.

Haben die Menschen in Gaza alle Hoffnung aufgegeben?

Sourani: Sie sind traumatisiert. Sie werden herumgestoßen und stehen mit dem Rücken zur Wand. Es geht hier um gut ausgebildete Menschen, die fernsehen und wissen, was in der Welt vor sich geht.

20000 Menschen wurden gezwungen, ihre Wohnungen zu verlassen und die Israelis haben nur Flugblätter abgeworfen. Die Leute fliehen mit nichts als dem, was sie am Körper tragen und suchen Zuflucht in Schulen, Flüchtlinge in ihrer eigenen Heimat. In den Pamphleten, die gegen Mitternacht abgeworfen werden, steht, dass man umgehend seine Wohnung verlassen soll.

Das aber ist ein Problem für jene, die es tun, weil sie alles von Wert hinter sich lassen müssen: Ihre Häuser, ihre Grundstücke, ihre Höfe. Genau so ein Problem aber ist es für jene die bleiben, weil sie sich damit in extreme Gefahr bringen.

Sehen Sie in der Zukunft irgendeine mögliche Lösung für diesen Konflikt?

Sourani: Ja, eine ganz einfache: Ein Ende der Besatzung. Mehr ist gar nicht nötig. Sie sprechen davon, dass eine gerechte, faire und richtige Besatzung sei. Wie kann man angesichts einer so langen Besatzung von Gerechtigkeit sprechen? Warum setzen sie ihre Unterschrift unter Verträge und 20 Jahre später haben wir diese Kriege, Morde, Zerstörung und die Not?

Wir werden nicht als normal angesehen; man spricht uns die Würde ab. Sie töten uns, bedrohen uns und belagern uns. Es ist uns nicht möglich, uns innerhalb Gazas frei zu bewegen, um unsere Freunde und Verwandten zu besuchen – wir begeben uns damit in unmittelbare Gefahr. In ganz Gaza herrscht eine Ausgangssperre, nichts und niemand darf sich rühren.

Was müsste sofort unternommen werden?

Sourani: Die Zivilisten sind am meisten bedroht: Sie sind die Ziele. Als unmittelbare Maßnahme ist natürlich an den Schutz der Zivilisten zu denken, was bedeutet, die internationale Gemeinschaft auf die Durchsetzung des Artikels 1 der Genfer Konvention zu verpflichten, in dem es um den Schutz der Zivilbevölkerung geht. Schließlich sind wir alle hier „zu schützende Zivilisten“ bei dieser Besatzung und bisher gibt es keinerlei Schutz.

Deshalb würde ich einfach vorschlagen, dass die Schweizer Regierung die betroffenen Länder zu einer Konferenz zusammenruft, um für einen solchen Schutz für das palästinensische Volk zu sorgen. Das ist es, was sehr dringend gebraucht wird.

Trümmer eines Hauses in Gaza Stadt, das durch einen israelischen Angriff zerstört wurde. 16. Juli 2014; Foto: REUTERS/Mohammed Salem
„Dies ist der Niedergang des Gazastreifens. Und das liegt nicht daran, dass wir Verrückte wären, faule oder schlechte Menschen. Der Anteil von Universitätsabsolventen an der Gesamtbevölkerung liegt bei uns so hoch wie in kaum einem anderen Land der Welt“, sagt Sourani. „Es geht noch nicht einmal um Selbstbestimmung, um Unabhängigkeit oder um einen palästinensischen Staat – nur als normal will ich angesehen werden. Ich will nicht nur einer Besatzung leben.“

Davon abgesehen aber befand sich Gaza ja schon zuvor in einem desaströsen Zustand. Seit nun acht Jahren leiden wir unter einer kriminellen, unmenschlichen und illegalen Besatzung, einer Art kollektiven Bestrafung für zwei Millionen Menschen. Weder Güter noch Personen dürfen sich frei bewegen. Dadurch wurde das Leben in Gaza schier unerträglich; ein wirklich elender Ort, ein großes Gefängnis. Wir haben hier 65% Arbeitslosigkeit, 90% der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, 85% leben von Nahrungsmittelzuteilungen. Es fehlt einfach an allem, vor allem an Wasser; die Abwässer landen auf den Straßen, können nicht geklärt werden.

Dies ist der Niedergang des Gazastreifens. Und das liegt nicht daran, dass wir Verrückte wären, faule oder schlechte Menschen. Der Anteil von Universitätsabsolventen an der Gesamtbevölkerung liegt bei uns so hoch wie in kaum einem anderen Land der Welt. Innerhalb des Nahen Ostens verfügen wir mit über die am besten ausgebildeten Facharbeiter. Unsere Geschäftswelt ist intakt und es ist genügend Geld vorhanden.

Wir erwarten im Grunde nichts außer Bewegungsfreiheit – das Ende der Besatzung und Bewegungsfreiheit, für Güter genauso wie für die Menschen. Der UN-Menschenrechtsrat sollte eine Mission in die besetzten Gebiete, also auch nach Gaza schicken, um diese von Israel begangenen Kriegsverbrechen zu untersuchen. Wir brauchen ein Komitee, das auch in der Lage ist, mutmaßliche Kriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen. Was wir in diesem Teil der Welt brauchen, sind einfach rechtsstaatliche Prinzipien.

Wir wollen nichts weiter, als dass diese kriminelle, aggressive Besatzung aufhört, aber davon scheint momentan nirgendwo die Rede zu sein. Dabei geht es noch nicht einmal um Selbstbestimmung, um Unabhängigkeit oder um einen palästinensischen Staat – nur als normal will ich angesehen werden. Ich will nicht nur einer Besatzung leben. Wir wollen einen Rechtsstaat. Ist das zu viel verlangt?

Ich bin 60 Jahre alt und ich kann mich an keinen Tag in meinem Leben erinnern, an dem ich, meine Familie oder die Menschen, die wir kennen, ein normales Leben geführt hätten. Den zwanzigsten Geburtstag meiner Zwillinge habe ich am 12. Juli gefeiert, als die Bombenabwürfe uns das Leben hier zur Hölle machten. Was wird uns von diesem Tag wohl im Gedächtnis bleiben?

Es gibt einige israelische Freunde, die anrufen; sie weinen nur und sagen: Wir sind wie gelähmt, wir können nichts tun außer für euch zu beten.

Was ist es, was Sie in einer solchen schwierigen Zeit weitermachen lässt?

Sourani: Ich habe nicht das Recht aufzugeben. Wir dürfen uns nicht zu unterwürfigen Opfern machen lassen; wir werden für unsere Freiheit kämpfen, das ist unser Recht, aber auch unsere Verpflichtung. Jeden Morgen erwachen die Leute meines Teams und finden einen Weg, um zur Arbeit zu kommen. Wir müssen weiter dokumentieren, was hier geschieht. Und wir setzen auch weiterhin alles daran, die Zivilisten inmitten dieses Krieges zu schützen.  

Radschi Sourani wurde 2013 der Alternative Nobelpreis für seinen unermüdlichen Einsatz für die Verteidigung der Menschenrechte verliehen.

Interview: Roma Rajpal Weiss

© Qantara.de 2014

Übersetzung aus dem Englischen: Daniel Kiecol

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: "Wir sind verletzlich, wir sind leicht zu treffen"

Ich finde die Maßnahmen der israelischen Regierung überzogen, aber mit keinem Wort erwähnen sie die über 2000 Raketen auf Israel und mit keinem Wort erwähnen sie die Hamas, Beton für Tunnel hat aber nicht für Bunker um ihre Bevölkerung zu schützen.

Ricarda Huchel23.07.2014 | 11:25 Uhr

Dieses Gespräch mit R Sourani hat mich sehr bewegt, es ist einer der besten Beiträge, der das Leben der Menschen in Gaza anschaulich werden lässt. Er ist ohne Hass und Rachegedanken und voller Menschlichkeit. Ich hoffe, dass sich die Lage bald bessert, schlimmer kann es kaum noch kommen. Herrn Sourani, seiner Familie und allen Menschen im Gaza-Strip gebührt unser MItgefühl und unsere Solidarität.

Axel Schneider25.07.2014 | 20:51 Uhr