Interview mit Nawal al-Saadawi

"Opfer des Patriarchats und des Klassensystems"

Nawal al-Saadawi gilt als Ägyptens bekannteste Feministin. Im Interview mit Qantara.de erklärt sie, warum sie 2005 für das Amt des ägyptischen Präsidenten kandidierte – und warum sie sich westliche Feministinnen nicht zum Vorbild nimmt. Amira El Ahl traf sie in Kairo.


Nawal al-Saadawi; Foto: http://www.nawalsaadawi.net/
Nawal al-Saadawi, die vielleicht berühmteste Frauenrechtlerin der islamischen Welt, wird nächstes Jahr 80 Jahre alt und denkt nicht daran, aufzugeben.

​​Sie sind Ägyptens bekannteste Feministin. Wann haben sie angefangen, sich für Frauenrechte einzusetzen?

Nawal al-Saadawi: Was meinen wir, wenn wir von Feminismus sprechen? Es bedeutet, dass wir wütend werden, wenn unser Bruder zu Hause besser behandelt wird als wir, oder die reichen Mädchen in der Schule. Weil mein Bruder besser behandelt wurde als ich und auch die reichen Mädchen in der Schule, habe ich angefangen mich gegen Geschlechter- und Klassendiskriminierung aufzulehnen. Ich habe schon mit sieben Jahren angefangen zu rebellieren. Ich bin als Feministin geboren, meine Mutter ist als Feministin geboren und sogar meine Großmutter ist als Feministin geboren.

Es liegt Ihnen also im Blut...

Al-Saadawi: Wir haben das alle im Blut, überall auf der Welt. Europäische Frauen kämpfen auch für ihre Freiheit und für Gleichberechtigung.

Dienen diese Frauen als Vorbild für ägyptische Frauen?

Al-Saadawi: Ich bin gegen Vorbilder. Ich schaue nicht auf die schwedischen oder deutschen Frauen und sage, die sind mein Ideal, so will ich sein.

Weil sie ihre eigenen Probleme haben?

Al-Saadawi: Ja, und sie leben in dem gleichen patriachal-kapitalistischem System wie wir.

Wie hat sich die Situation der Frauen in Ägypten seit Ihrer Kindheit verändert?

Al-Saadawi: Die Situation hat sich zum Besseren, aber auch zum Schlechteren entwickelt. Als ich klein war, haben mich meine Eltern ermutigt zu studieren. Die erweiterte Familie hat versucht, mich im Alter von zehn Jahren zu verheiraten, weil das auf dem Land, wo die Familie meines Vaters herkam, so Sitte war. Aber meine Eltern haben mich unterstützt und ermutigt, meine Ausbildung fortzuführen. Das war nicht selbstverständlich in allen Familien. Sogar meine Großmutter, die Bäuerin und Analphabetin war, war sehr rebellisch.

Sehen Sie auch heute noch diesen rebellischen Zug in Frauen?


Mädchen in Kairo; Foto: dpa
"Ich freue mich, wenn ich lese, dass Frauen Richterinnen im Staatsrat werden können. Aber das heißt noch lange nicht, dass Frauen in Ägypten befreit sind", sagt al-Saadawi.

​​ Al-Saadawi: Es ist weniger geworden. Wenn ich meine Kindheit in den 1940er Jahren mit heute vergleiche, mehr als 60 Jahre später, muss ich sagen, dass es damals viele positive Dinge gab, die heute verschwunden sind.

Warum ist das so?

Al-Saadawi: Wegen der Repressionen gegen Frauen und die Armen in der ganzen Welt. Die zunehmende Macht des Kapitalismus, Militarismus, des religiösen Fundamentalismus, des Patriarchats und des Rassismus - all das stärkt die Religion. Als ich jung war, hat mich niemand gefragt, welcher Religion ich angehöre.

Haben Sie das Gefühl, dass die Situation der arabischen Frauen schlechter wird?

Al-Saadawi: Natürlich nicht. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Vor nicht langer Zeit titelte die staatliche Tageszeitung Al-Ahram, dass Frauen nun ein Richteramt im Staatsrat (?) übernehmen können.

Was halten Sie von diesem Thema?

Al-Saadawi: All das ist Politik, und Politik ist ein Spiel, und es ist kein sauberes Spiel. Deshalb würde ich nie in die Politik gehen. Nur einmal, 2005, habe ich mich als Kandidatin für die Präsidentschaftswahl aufstellen lassen. Allerdings habe ich das aus rein historischen Gründen getan. Ich wollte zeigen, dass es möglich ist. Später habe ich meine Kandidatur zurückgezogen.

Erlaubt die ägyptische Verfassung eine Frau als Präsidentin?

Al-Saadawi: Natürlich. Ich wollte diese Gleichberechtigung zeigen. Ich wollte zeigen, dass ägyptische Frauen das Recht haben, sich als Kandidatin aufstellen zu lassen und gegen Mubarak anzutreten. Das habe ich getan. Danach habe ich die Wahlen boykottiert, weil die Polizei hinter mir her war und mich daran gehindert hat, meine Kandidatur durchzuziehen.

Lassen Sie uns noch einmal auf die Geschichte und die Repressionen zurückkommen...


Ägyptischer Ex-Präsidnet Anwar Sadat und Präsident Mubarak auf einer Militärparade im Oktober 1981; Foto: AP
"Wenn Sie die Regierung auswechseln, haben Sie noch lange nicht das System geändert. Mubarak ist genau wie Sadat vor ihm, und al-Baradei wird genauso sein wie Mubarak", meint al-Saadawi.

​​ Al-Saadawi: Ja, es gibt diese Repressionen, aber nicht nur gegen ägyptische Frauen. Das ist ein universelles Problem. Der Fundamentalismus ist nicht spezifisch für den Islam. Ich habe die vergangenen vier Jahre in Amerika gelebt, wo ich als Professorin gearbeitet habe. In Amerika gibt es seit der Amtszeit Ronald Reagans eine christlich-fundamentalistische Koalition. Sie unterstützt die Republikaner, George Bush, sogar Obama unterstützen sie. Obama hätte die Wahl nie gewonnen, hätte er nicht die neo-christliche Koalition hofiert.

Lassen Sie uns bei Ägypten bleiben.

Al-Saadawi: Nein, ich kann nicht nur über Ägypten sprechen. Ich unterrichte Kreativität und Dissens. Kreativität bedeutet zu verbinden. Sie müssen das globale mit dem lokalen verbinden. Wir leben in einer Welt, nicht in drei Welten. Wenn ich also über Ägypten spreche, muss ich auch über die Welt sprechen. Wenn ich über Frauenthemen spreche muss ich auch über globale Politik sprechen. Es gibt eine Verbindung zwischen weiblicher Genitalverstümmelung in Ägypten und der politischen Strategie George Bushs in Ägypten.

Können Sie das erklären?

Al-Saadawi: Wir haben eine Studie in der Arab Women Solidarity Association gemacht. Wir haben herausgefunden, dass die amerikanische Politik und die Politik von Präsident Sadat die religiösen Gruppen darin unterstützt haben, gegen Feminismus, Kommunismus, Sozialismus und sogar gegen Liberale zu kämpfen. Es gibt also eine Verbindung.

Seit 2008 ist es offiziell in Ägypten verboten, Mädchen zu beschneiden. Haben Sie das Gefühl, der Kampf ist gewonnen?

Al-Saadawi: Natürlich bin ich sehr glücklich darüber, dass die Regierung nach einem halben Jahrhundert endlich meine Forderungen durchgesetzt hat. Aber mein Glück ist nicht komplett. Weil vieles einfach nur politische Propaganda ist. Ich freue mich, wenn ich lese, dass Frauen Richterinnen im Staatsrat werden können. Aber das heißt noch lange nicht, dass Frauen in Ägypten befreit sind.

Glauben Sie, dass die Entscheidung der Regierung, Frauen im Staatsrat als Richterinnen zuzulassen, obwohl der Rat selber mit großer Mehrheit dagegen gestimmt hat, ein Weg der Regierung ist, eine Frauenquote in offiziellen Stellen einzuführen?

Al-Saadawi: Wir alle leben in patriarchalischen, kapitalistischen, von Männern dominierten Gesellschaften, überall auf der Welt. Auch dieser Schachzug der Regierung ist nichts als politische Propaganda. Das hat nichts zu tun mit der Gleichheit von Männern und Frauen.


Slum in Kairo; Foto: AP
Slum in Kairo: "Die Regierung und ein paar Menschen monopolisieren den Reichtum und die Macht in Ägypten. Das ist Kapitalismus, das ist Klassenunterdrückung und auch männliche Vorherrschaft", erklärt al-Saadawi.

​​ Hat es etwas mit dem Druck von außen zu tun?

Al-Saadawi: Es gibt diesen Druck, den sogenannten demokratischen Prozess. Aber meiner Meinung nach ist das verlogen. Es gibt keine Demokratie oder freie Meinungsäußerung in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Sind Sie für oder gegen eine Frauenquote?

Al-Saadawi: Weder noch. Sie ist nicht die Lösung des Problems.

Würden Sie eine solche Quote noch nicht einmal für eine Übergangszeit akzeptieren?

Al-Saadawi: Es ist eine Möglichkeit. Ich bin für alles, dass die Lage der Frauen verbessert. Aber manche Menschen glauben, eine solche Quote wäre die Lösung des Problems.

Was ist denn dann die Lösung?

Al-Saadawi: Wir müssen zur Wurzel des Problems gehen. Wir brauchen eine Verfassungsänderung.

Glauben Sie, dass die Oppositionsbewegung um den ehemaligen IAEO-Chef Mohamed al-Baradei, die auch für eine Verfassungsänderung kämpfen, eine Chance für Ägypten ist?

Al-Saadawi: Nein, ich würde niemals al-Baradei, Amr Moussa, Zuweil oder irgendeinen dieser Leute wählen.

Warum nicht? Wollen diese Personen nicht genau das gleiche wie Sie?

Al-Saadawi: Nein, weil sie genau wie Mubarak wären.

Al-Baradei scheint fest entschlossen, demokratische Prozesse in die ägyptische Politik einzuführen.

Al-Saadawi: Es ist nicht damit getan, einen Menschen durch einen anderen zu ersetzen. Es geht darum, die Basis des Systems zu verändern, die Basis des Patriarchats, die Basis des Klassensystems.

Wie kann sich die Lage in Ägypten zum Besseren verändern?

Al-Saadawi: Zum einen gibt es viele kluge Köpfe in diesem Land, aber die Regierung macht keinen Gebrauch von diesen kreativen Menschen. Die wahren Intellektuellen, die der Regierung keinen Honig um den Mund schmieren und ehrlich sind, die sitzen zu Hause.

Ägypterinnen demonstrieren in Kairo; Foto: AP
"Die Situationen für Frauen hat sich zum Besseren, aber auch zum Schlechteren entwickelt. Aber die Frauen sind weniger rebellisch geworden", meint Nawal al-Saadawi.

​​Welche Rolle wünschen Sie sich für diese Intellektuellen? Einen Posten als Minister?

Al-Saadawi: Nein, nicht als Minister. Wenn Sie die Regierung auswechseln, haben Sie noch lange nicht das System geändert. Mubarak ist genau wie Sadat vor ihm, und al-Baradei wird genauso sein wie Mubarak. Es ist ein Prozess in vielen Schritten. Der erste Schritt muss sein, die Medien zu öffnen. Die Regierung besitzt und kontrolliert die Medien.

Sie reden über Zensur.

Al-Saadawi: Ja. Sie müssen mir und anderen Intellektuellen erlauben, im Fernsehen zu sprechen, zu den Menschen die weder lesen noch schreiben können. Ich schreibe Bücher, aber 50 Prozent der Bevölkerung kann nicht lesen. Wenn sie den Kreativen erlauben, zu den Menschen zu sprechen, dann entsteht ein Dialog. Wir müssen das Bildungswesen verändern, um den Verstand neu zu formen und zu ändern, wie wir denken.

Das größte Problem in Ägypten scheint das Bildungssystem zu sein.

Al-Saadawi: Ja, es geht nicht darum, was wir denken sondern wie wir denken. Hier in Ägypten wird den Kindern nicht beigebracht, wie man denkt. Es gibt tausende von Intellektuellen die im Ausland lehren, aber wir brauchen sie hier.

Aber warum ist die Regierung nicht offen für diese Veränderungen?

Al-Saadawi: Weil sie Angst davor haben, den Wohlstand und die Macht zu teilen. Es ist ein Monopol. Die Regierung und ein paar Menschen monopolisieren den Reichtum und die Macht in Ägypten. Das ist Kapitalismus, das ist Klassenunterdrückung und auch männliche Vorherrschaft.

Sie meinen also, dass man zuerst das Bildungssystem verändern muss, um dieses Land zu verändern?

Al-Saadawi: Nicht zuerst. Sie müssen an allen Fronten zugleich kämpfen. Verfassungsänderung, Änderung der Gesetze, des Bildungssystems, der Kultur und natürlich einen Wechsel der Menschen, die das System dominieren.

Wie werden die Wahlen 2011 verlaufen? Wer wird der nächste Präsident Ägyptens?

Al-Saadawi: Mir ist egal, wer nach Mubarak kommt. Das ist nicht das Problem.

Werden Sie wählen?

Al-Saadawi: Natürlich werde ich wählen, aber manchmal wähle ich niemanden. Aber mich beschäftigt nicht so sehr, wer der nächste Präsident wird, weil so lange, wie das System dasselbe bleibt, wird der Präsident verdorben. Sogar ich würde korrumpiert, sollte ich zum Präsident in diesem System gewählt werden. Wir müssen also das System ändern.

Glauben Sie nicht, dass die Oppositionsbewegung um al-Baradei genau wie Sie auch das System ändern will?

Al-Saadawi: Ich glaube nicht an die Oppositionsparteien. Sie sind ein Produkt der Regierung. Präsident Sadat hat sie erschaffen, und deshalb werden sie auch von der Bevölkerung gehasst. Sie machen mittlerweile sogar ganz offen gemeinsame Sache mit der Regierung. Nachts machen sie Geschäfte mit den Muslimbrüdern, und am Morgen werden sie attackieren. Das ist heuchlerisch.

In den vergangenen Jahren gab es in Ägypten immer wieder Diskussionen über sexuelle Belästigungen. Gab es dieses Problem auch in Ihrer Jugend?

Al-Saadawi: Sexuelle Vergewaltigungen hat es schon immer in allen Ländern der Welt gegeben. Vergewaltigung ist ein Produkt des Patriarchats und von Klasse. Frauenfragen, sexuelle Fragen, Beschneidung, Jungfräulichkeit und Ehrenmorde – all das hängt mit globaler Politik, internationalem Kapitalismus, Militarismus, Patriarchat und Klasse zusammen. Das können Sie nicht unterscheiden. Deshalb haben wir begonnen über Frauen zu sprechen und sind bei Politik gelandet.

Deshalb geht Ihr Kampf weiter?

Al-Saadawi: Meine Arbeit endet nicht, weil es die Arbeit der Menschen ist.

Haben Sie das Gefühl, dass es noch ein langer Weg ist zum Ziel?

Al-Saadawi: Ja, aber ich bin sehr optimistisch. Weil es nicht schwierig ist. Nächstes Jahr werde ich 80 und viele Menschen fragen mich: Haben Sie noch Hoffnung? Ja, weil Hoffnung Macht ist.

Fühlen Sie sich unterdrückt?

Al-Saadawi: Es geht nicht um das Gefühl, weil meine Kreativität mich frei macht. Mein Geist ist frei, deshalb kann ich überall hinfliegen, sogar im Gefängnis.

Interview: Amira El Ahl

© Qantara.de 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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