Interview mit Mohammed Hanif

"Die Menschen wollen die Taliban nicht"

Mohammed Hanif hat mit seinem letzten Roman "Eine Kiste explodierender Mangos", in dem es um die unheilvolle Allianz zwischen dem pakistanischen Militär und den Taliban geht, für einigen politischen Wirbel gesorgt. Eren Güvercin hat sich mit ihm unterhalten.


Mohammed Hanif; Foto: A 1-Verlag
Mohammed Hanif: "Die Lage ist besorgniserregend, weil Teile Pakistans in der Hand der Taliban sind. Doch glaubt dort niemand, dass sie eine realistische Chance haben, ganz Pakistan in ihre Gewalt zu bringen."

​​ Herr Hanif, wie stellt sich die Situation in den Gebieten des nördlichen Pakistan dar, in denen die Taliban die Kontrolle übernehmen wollen.

Mohammed Hanif: Wie Sie sicher wissen, schloss die Regierung vor einigen Monaten einen Friedensvertrag mit den Taliban im Swat-Tal, wo die Taliban zunehmend an Einfluss gewannen. Der Friedensvertrag legte zunächst einmal fest, dass den Taliban die Einführung der Scharia gewährt wird, wenn diese im Gegenzug ihre Waffen abgeben.

Doch sie weigerten sich nicht nur ihre Waffen abzugeben, sondern versuchten sogar noch, in weitere Gebiete und benachbarte Städte vorzustoßen, worauf die Regierung mit einer neuen Militäroperation antwortete. Kurzum: Der Friedensvertrag ist praktisch nichtig. Die USA hatten auch starken Druck ausgeübt, diese Operation durchzuführen, was zu einer sehr tragischen Entwicklung führte, als viele Zivilisten gezwungen wurden, ihre Häuser zu verlassen und es zu einer Massenauswanderung kam.

Welchen Rückhalt haben die Taliban bei der dortigen Bevölkerung?

Hanif: Ende März habe ich noch einige der Gebiete besucht. Tatsächlich fand ich nicht eine einzige Frau, die etwas Positives über die Taliban zu sagen hatte. Doch auch die meisten Männer stehen den Taliban kritisch gegenüber. Sie wollen die Taliban dort einfach nicht. Vor etwa einem Jahr fanden in Pakistan Wahlen statt. Und in all jenen Gebieten, in denen die Taliban im Moment versuchen, die Kontrolle zu übernehmen, stimmte die Bevölkerung in ihrer Mehrheit für sehr weltliche Parteien. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie keine islamistische Partei wollen, und schon gar nicht die Taliban.

Karte des Swat-Tals in Pakistan; Foto: GFDL/DW
Nach Militärangaben kamen seit Ende April bei den Kämpfen in der nordwestlich von Islamabad gelegenen Swat-Gebirgsregion mehr als 1700 Aufständische und etwa 160 Soldaten ums Leben.

​​ Die Taliban sind mit Gewalt an die Macht gekommen und versuchen, das Leben der Bevölkerung im Sinne ihrer eigenen Ideale zu bestimmen. Für mich war klar zu erkennen, dass die Menschen diese Vorstellungen in keiner Weise teilen.

Warum sind die Taliban in diesem Teil Pakistans so einflussreich?

Hanif: Ich denke, dass die Gründe hierfür historischer Natur und damit sehr komplex sind. In den 1980er Jahren gab es einen von den USA unterstützten Dschihad in Afghanistan. Sie stellten eine Menge Geld zur Verfügung, eine Menge Waffen, bezahlten die militärische Ausbildung – und das keineswegs nur für die Paschtunen, also die Menschen im nördlichen Pakistan, sondern auch für Kämpfer aus anderen Ländern wie Saudi-Arabien oder Ägypten. Sie ermutigten also Menschen aus allen Herren Ländern, ins nördliche Pakistan zu kommen und am Dschihad gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan teilzunehmen.

Als die Sowjets und die Amerikaner abzogen, verschwendeten sie keinen Gedanken daran, was all diese gut trainierten und gut bewaffneten Kämpfern künftig tun würden, niemand dachte daran. Man nannte sie Mudschaheddin, so, wie die Amerikaner sie genannt hatten. Die Taliban sind nichts anderes als die zweite Generation der Mudschaheddin.

Pakistanisches Militär bei einer Operation gegen die Taliban im Swat-Tal; Foto: dpa
Im Juli hatte die Armee eine mehr als zwei Monate andauernde Offensive gegen die Taliban in Swat offiziell für beendet erklärt. Dennoch flammen die Gefechte dort immer wieder auf.

​​ Mit anderen Worten: Diese Kultur des Kampfes, eine Kultur des Dschihad, existiert in der Region seit mehr als 20 Jahren. Viele Menschen denken nun, dass sie, weil sie mit Waffengewalt schon einmal eine Supermacht besiegt haben, mit der gleichen Taktik die USA in Afghanistan besiegen können. Und warum sollte es ihnen dann nicht auch gelingen, große Teile Pakistans - oder wenigstens einige davon -, unter ihre Kontrolle zu bringen?

In Europa ist häufig eine große Besorgnis zu beobachten, wenn es um die Berichterstattung über diesen Konflikt geht. Besteht tatsächlich die Gefahr, dass die Taliban die Macht im gesamten Land übernehmen könnten?

Hanif: Ich denke, dass dies, zumindest solange ich lebe, sehr unwahrscheinlich ist. Man muss sich doch nur einmal die grundsätzlichen Indikatoren anschauen – und in einer Demokratie gehören zu den grundsätzlichen Indikatoren nun einmal die Wahlergebnisse. Pakistan hat eine lange Geschichte von Diktaturen aufzuweisen, doch immer, wenn es Wahlen gab, immer wenn die Bevölkerung abstimmen und ihre Regierung bestimmen durfte, haben sie sich letztendlich für weltliche Politiker entschieden. Die Islamisten haben in Pakistan niemals mehr als 4,5 Prozent der Gesamtstimmen auf sich vereinen können. Das galt vor 30 Jahren und das gilt noch heute.

Im Grunde unterscheidet sich das, was die pakistanische Bevölkerung von ihrer Regierung erwartet, nicht so sehr von dem, was auch die Europäer von ihren Regierungen verlangen: Sicherheit, ein funktionierendes Bildungssystem und eine gute Infrastruktur. Auf diesen Grundlagen entscheiden sich die Wähler. Die Medien reagieren mit dieser Hysterie, weil sie die Komplexität Pakistans nicht begreifen.

Pakistan ist ein großes, facettenreiches Land. Und doch ist die Lage besorgniserregend, weil Teile des Landes in der Hand der Taliban sind und es sich bei ihnen um sehr brutale Menschen handelt. Dennoch glaubt niemand in Pakistan, dass sie eine realistische Chance haben, ganz Pakistan in ihre Gewalt zu bringen.

Vor Ihrer Tätigkeit als Journalist und Autor dienten Sie in der pakistanischen Luftwaffe. Was geschieht heute in der pakistanischen Armee? Trotz ihrer Größe und der guten Ausrüstung scheint sie nicht wirklich in der Lage zu sein, den Taliban Einhalt gebieten zu können.


US-Präsident Obama stellt am 27. März 2009 seine neue Strategie für Afghanistan und Pakistan in Washinton vor; Foto: AP
Politikwandel nach jahrzehntelangem Scheitern in der Region: US-Präsident Obama stellt am 27. März 2009 seine neue Strategie für Afghanistan und Pakistan in Washinton vor.

​​Hanif: Dazu gibt es zwei Theorien: Nach der einen ist die Armee den Taliban militärisch nicht gewachsen. Die andere besagt, dass sie die Taliban gar nicht stoppen will. Das Militär scheint davon auszugehen, dass es gute und schlechte Taliban gibt. Das ist ein Gedanke, der auch in Washington zu hören ist. Obama selbst sprach über "gute" und "schlechte" Taliban. Doch wer entscheidet darüber, wann sie gut und wann sie schlecht sind?

Die USA scheinen vor allem über diejenigen Taliban besorgt zu sein, die eng mit Al-Qaida zusammenarbeiten und deren Ziele nicht auf Afghanistan und Pakistan beschränkt bleiben. Diese Sicht scheint die pakistanische Armee zu teilen. Dieser Ansatz aber hat sich als nicht brauchbar herausgestellt. Der Einfluss der Taliban ist größer geworden, die Ausdehnung der von ihnen kontrollierten Gebiete ist gewachsen.

Doch den Menschen sollte klar werden, dass Pakistan ein funktionierender Staat mit einer gewählten Regierung und einem grundsätzlich funktionierenden Rechtssystem ist. Dieses Rechtssystem muss durchgesetzt werden – unabhängig davon, ob es einen Unterschied zwischen "guten" und "schlechten" Taliban gibt.

Und wie beurteilen Sie die gegenwärtige US-Strategie in Pakistan? Die Vereinigten Staaten unterstützten lange Zeit das Regime Musharrafs und nun bombardieren sie Ziele in Pakistan mit unbemannten Drohnen. Kann mit diesen Operationen den Taliban tatsächlich wirksam begegnet werden?


Zia ul-Haq; Foto: AP
Allianz mit falschen Freunden: In den 1980er Jahren war Pakistans Militärdiktator Zia ul-Haq einer der wichtigsten Verbündeten der USA in der Region des Mittleren Ostens.

​​Hanif: Im Gegenteil, all dies macht sie nur noch stärker. Wenn man die Häuser unschuldiger Menschen zerstört und ihre Kinder tötet, wie werden sie wohl reagieren? Sie werden Amerika dadurch sicher nicht mehr lieben als zuvor. In gewisser Weise besitzen die USA gar keine richtige Strategie. Sie werfen mehr oder weniger willkürlich Bomben auf Menschen ab, sie verfügen über so gut wie keine relevanten Geheimdienstinformationen vor Ort und sie wissen nicht genau, wer nun wirklich zu den Taliban gehört und wer nicht. Erst kürzlich griffen sie ein Dorf in Afghanistan an und töteten mehr als 100 Menschen.

Wie kann Pakistan auf die Bedrohung durch die Taliban wirkungsvoll reagieren?

Hanif: Ich weiß es auch nicht. Ich wünschte, ich hätte eine Antwort darauf. Doch scheint momentan niemand eine Antwort auf diese Frage parat zu haben. Es gibt viele Leute im amerikanischen Establishment, die geradezu von Panik ergriffen sind und behaupten, dass die pakistanische Regierung nicht gut arbeitet und dass wieder eine Militärregierung an die Macht kommen müsste.

In den 1980er Jahren war Militärdiktator Zia ul-Haq der beste Freund der USA. Er war verantwortlich für einiges, was heute geschieht. Pervez Musharraf, der in den 1990er Jahren an die Macht kam, zählte ebenfalls zu den besten Freunden Amerikas. Neun Jahre war er im Amt und hinterließ das Land in einem noch größeren Durcheinander, als jenes, das er vorgefunden hatte. Teile des pakistanischen wie des amerikanischen Establishments sind der Ansicht, dass unsere Demokratie nicht funktioniert und denken, dass es besser sei, zur guten alten Diktatur zurückzukehren. Doch mit diesen Gedankenspielen sollte ein für alle Mal Schluss sein.

Interview: Eren Güvercin

© Qantara.de 2009

Übersetzung aus dem Englischen von Daniel Kiecol

Mohammed Hanif, geboren 1965 in Okara/Pakistan, war Pilot der pakistanischen Luftwaffe, bevor er eine Karriere als Journalist einschlug. Ende der neunziger Jahre übersiedelte er mit seiner Familie nach London. Er schrieb Theaterstücke und Drehbücher und absolvierte das renommierte Creative Writing Programme der University of East Anglia. Im Herbst 2008 kehrte er nach Pakistan zurück und arbeitet dort als Korrespondent der BBC. Er lebt in Karachi.

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