Interview mit Mahmud Doulatabadi

"Es gärt in unserer Gesellschaft"

Im Gespräch mit Andreas Fanizadeh berichtet der iranische Schriftsteller Mahmud Doulatabadi über das Scheitern der grünen Protestbewegung im Iran sowie über Literatur und Zensur im Gottesstaat.

Mahmud Doulatabadi; Foto: DW
Mahmud Doulatabadi: "Literatur sollte nicht auf die aktuelle Tagespolitik reduziert werden. Die Presse ist für die aktuelle Berichterstattung zuständig, die Aufgabe von Literatur ist eine andere"

​​ Herr Doulatabadi, war es für Sie schwierig, ein Visum für die Reise nach Deutschland zu bekommen?

Mahmud Doulatabadi: Es gab keine außergewöhnlichen Probleme. Es gibt bürokratische Kleinigkeiten, an die wir Iraner uns schon längst gewöhnt haben.

Wie hat man sich denn eine Visumserteilung für die Ausreise im Iran vorzustellen?

Doulatabadi: Wenn man ein Visum hat, kann man normalerweise auch ausreisen. Sollte für Sie ein Reiseverbot bestehen, dann erfahren Sie das aber in der Regel erst am Flughafen.

Sie waren in Deutschland auf Lesereise mit Ihrem Roman "Der Colonel". Sie haben einmal gesagt, es könnte nach der Wahl im Iran vielleicht einfacher sein mit der Zensur. Wann erscheint Ihr Buch im Iran?

Doulatabadi: Ich habe natürlich gehofft, dass die Wahlen reibungslos verlaufen und danach eine andere Situation entsteht, in der auch solche Bücher wie meine veröffentlicht werden können. Nun ist die Wahl schwierig gewesen. Es gibt viele Probleme und die Situation ist seither sehr angespannt. Langfristig hoffe ich aber, dass das Buch auch einmal im Iran erscheinen wird.

"Der Colonel" ist ein sehr düsteres Werk, bestimmt von gesellschaftlicher und familiärer - männlicher - Gewalt kurz nach der Revolution von 1979. Warum haben Sie sich noch einmal mit dieser doch schon weiter zurückliegenden Phase beschäftigt?

Doulatabadi: Vor eineinhalb Jahren hatte ich das Manuskript der Zensurbehörde vorgelegt, also lange vor den jüngsten Ereignissen. Den Roman hatte ich vor 25 Jahren bereits geschrieben. Doch ich habe immer wieder vermeiden wollen, dass der Roman zu direkt auf die politische Situation hin gelesen wird und von daher auch immer gezögert, ihn zu veröffentlichen. Literatur sollte nicht auf die aktuelle Tagespolitik reduziert werden. Die Presse ist für die aktuelle Berichterstattung zuständig, die Aufgabe von Literatur ist eine andere.

In einem Gespräch haben Sie gesagt, die iranische Zensurbehörde habe Ihr Buch als "Meisterwerk" bezeichnet. Dennoch darf es im Iran nicht erscheinen, das klingt reichlich absurd.

Doulatabadi: Das ist für mich keineswegs absurd, sondern ein substanzieller Widerspruch, der schon sehr lange existiert und unsere Kultur bis heute beherrscht. Diejenigen, die mein Manuskript gelesen und geprüft haben, haben als literarische Sachverständige einerseits angemerkt, dass es ein gutes literarisches Werk sei. Aber andererseits mussten sie als Regierungsbeamte wiederum ideologisch entscheiden, dass es besser sei, wenn der Roman nicht erscheint.

Wie reagieren Sie darauf? Können Sie im Iran Lesungen abhalten, gibt es eine Kultur unterhalb der kontrollierten Öffentlichkeit?

Doulatabadi: Es gibt kaum Möglichkeiten, öffentlich zu lesen. Mag sein, dass sich ein paar Leute in einer Privatwohnung, einem Haus zusammenfinden und einer liest aus seinen Werken vor. Aber öffentlich wäre es nicht ratsam, aus einem Buch zu lesen, das nicht erschienen ist und von der Zensurbehörde blockiert wird.


Anhänger der grünen Protestbewegung im Iran; Foto: AP
"Diese Unruhen waren nicht revolutionär inspiriert und haben auch nichts gemein mit der Revolution von 1979. Es war eine friedliche Protestbewegung im Rahmen der bestehenden Verfassung und gegen die Missachtung der Verfassung und der Gesetze", meint Mahmud Doulatabadi.

​​ Nach den Präsidentschaftswahlen vom Juni 2009 kam es im Iran wochenlang zu Unruhen. Man sprach im Ausland von der Geburt einer neuen Oppositionsbewegung, die außerhalb des 79er-Paradigmas von Revolution und Konterrevolution stünde. Wie sehen Sie das?

Doulatabadi: Diese Unruhen waren nicht revolutionär inspiriert und haben auch nichts gemein mit der Revolution von 1979. Es war eine friedliche Protestbewegung im Rahmen der bestehenden Verfassung und gegen die Missachtung der Verfassung und der Gesetze. Dies als revolutionäre Bewegung zu kommentieren, wäre reines Wunschdenken.

Wie haben Sie die Wahlen und die Proteste erlebt? Waren Sie selbst auf der Straße oder war das zu gefährlich?

Doulatabadi: Ich habe an den Demonstrationen nicht selbst teilgenommen, aber sie genau verfolgt und auch darüber geschrieben. Einer meiner Texte ist auch von der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht worden. Ich war in große Sorge, dass die Staatsführung gegen die Masse der Protestierenden mit massiver Gewalt vorgeht. Deswegen nahm ich von meiner Seite aus auch nicht an den Demonstrationen teil.

Ist es nicht eigentümlich, dass ein Mann wie Hossein Mussawi, der für das brutale Regime der 1980er Jahre steht, nun zum Hoffnungsträger der Opposition und des neuen Irans wurde?

Doulatabadi: Es gärt in unserer Gesellschaft, und von daher kam diese Bewegung auch spontan zusammen. Sie brauchte einen Führer, ein Symbol. Und Mussawi war derjenige, der im Rahmen der bestehenden Gesetze und Realitäten als der beste Kandidat erschien. Mussawi wurde, so mein Eindruck, von der Wucht und der Dynamik der Ereignisse selbst überrascht. Kaum jemand hatte damit gerechnet.

Sie haben selbst während der Schahzeit mit der Repression Bekanntschaft gemacht, waren zwei Jahre inhaftiert. Wie nehmen Sie die jetzige Situation nach der Niederschlagung des Protests wahr?

Doulatabadi: Es gibt einen großen Unterschied: Das Schahregime hatte ein durchschaubares, halbwegs berechenbares System. Der Schah versuchte ganz gezielt gewisse politische Oppositionsbewegungen zu unterdrücken. Aber heute ist es so, zumindest scheint es so, dass ein Teil der etablierten Gesellschaft gegen einen anderen Teil der etablierten Gesellschaft opponiert. Diese undurchschaubare Situation ist sehr negativ im Vergleich zu früher, als die Fronten ganz klar erkennbar waren. Das macht die Lage so unübersichtlich und schwierig. Ende der 1970er Jahre stand ein diktatorisches Regime, ein geschlossenes System gegen das gesamte Volk. Heute hingegen verläuft die Spaltung quer durchs Volk und auch quer durchs Establishment.

Was einen gerade im Ausland immer wieder verwundert hat, ist, wie viel Leute unter solchen Voraussetzungen auf die Straße gehen und dabei sehr viel riskieren. Woher kommt dieser Mut, diese Kraft?

Doulatabadi: Sie dürfen nicht vergessen: Die, die jetzt rebellieren, sind die Söhne und Töchter jener Generation, die mit nackter Brust in den Krieg gegen die irakischen Invasoren des Saddam Hussein gezogen sind. Sie haben in dem achtjährigen Krieg sehr viele Opfer gebracht, sehr viel riskiert und gegeben. Sie lassen sich nicht so leicht einschüchtern. Es ist auch ihr Land.

Es sind also tatsächlich die eigenen Leute, die sich nun vom Regime abwenden?

Doulatabadi: Ja, aber diese Abwendung hat bereits in einem längeren Prozess stattgefunden. Sie hatten zuvor nur keine Gelegenheit gefunden, dies im großen Maßstab auch öffentlich zu artikulieren.

Barack Obama hat den Friedensnobelpreis zugesprochen bekommen. Ist das auch eine Botschaft an das iranische Regime?

​​ Doulatabadi: Das ist sicherlich auch ein Signal an die iranische Regierung, sich friedlicher zu verhalten. Aber für mich, als jemanden der dazwischen steht, kann ich Obama nur empfehlen, diesen Appell nicht zu einseitig zu interpretieren. Das Regime im Iran hat nicht meine Stimme. Aber wenn Obama den Friedensprozess fortsetzen will, dann muss er Iran als Nation und selbstständigen Staat akzeptieren.

Mahmud Ahmadinedschad bedient sich gerne einer antisemitischen Rhetorik. Was sagt die Bevölkerung dazu? Gibt es tatsächlich so etwas wie einen alltäglichen Antisemitismus im Iran?

Doulatabadi: Es ist schwer nachzuvollziehen, warum Ahmadinedschad solche Dinge sagt. Ich begreife es nicht. Ich lehne das ab. Ich bin damit überhaupt nicht einverstanden. Aber diese Äußerungen dürfen nicht als Vorwand gelten, um unangemessen gegen den Iran vorzugehen. Wir brauchen den Willen zur Verständigung und ich glaube fest daran, dass wir diese erreichen können. Auch am Besten dadurch, dass man die iranische Zivilgesellschaft unterstützt.

Welche Rolle spielt die Kultur in den jetzigen Auseinandersetzungen? Ich hatte zuletzt den Eindruck, zum Beispiel bei aktuellen Filmen aus dem Iran, dass es eine Auseinandersetzung darum gibt, wer den "echten", den "wahren" Iran verkörpert. Doch die Rückbesinnung auf die Tradition, der Kampf um die Hegemonie der nationalen Codes, ist das nicht auch ein sehr konservatives Programm?

Doulatabadi: Diese Tendenz gibt es. Und sie wird auch dadurch verstärkt, dass wir keine freie Presse haben. Der Rahmen der Diskussion ist immer schon von oben abgesteckt, derzeit also sehr religiös und nationalistisch. Man kann auch im Kulturellen nicht frei sprechen. Auch nicht über die iranische Geschichte und die früheren Entwicklungen. Schauen Sie, ich darf in Deutschland aus meinem Roman lesen, nicht aber im Iran. Diese Unfreiheit potenziert gewisse Widersprüche. In den Kontroversen können die einen sagen, was sie wollen. Und die anderen müssen schweigen.

Interview: Andreas Fanizadeh

© Die Tageszeitung 2010

Redaktion: Arian Fariboz/Qantara.de

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