Interview mit der palästinensischen Dichterin Jehan Bseiso

Ohne Regeln, ohne Grenzen, ohne Zensur

Vom 21. bis 26. Mai fand an verschiedenen Orten in der Westbank und in Israel das Palestine Festival of Literature statt. Mit dabei war Jehan Bseiso, eine junge palästinensische Dichterin. Nach zwei Anthologien und Online-Publikationen auf "Electronic Intifada" und "The Palestine Chronicle" arbeitet sie derzeit an einer Gedichtsammlung. Mit ihr sprach Ylenia Gostoli.

Welchen Teil des Festivals fanden Sie am inspirierendsten?

Jehan Bseiso: Ich war an der Bethlehem University und las dort in einer Veranstaltung mit Remi Kanazi, Nathalie Handal und Basima Takrori ein paar meiner Gedichte vor einem Saal voller Studenten. Ich habe in Kairo und im Libanon gelesen, aber das war jetzt das erste Mal, dass ich meine Gedichte über Palästina in Palästina gelesen habe. Es war eine ganz besondere Erfahrung. Das Auditorium war brechend voll und man spürte eine starke Energie. Ich glaube, die Studenten konnten sich auf die Texte und meinen Umgang mit der Sprache gut einlassen; ich schreibe auf Englisch, verwende aber viele arabische Wörter. Ich glaube, diese Sprachmischung hat die Studenten fasziniert. Ich habe mehrere Texte gelesen, darunter "Brainstorming Nakba", eines der ersten Gedichte, die von mir gedruckt wurden. Es geht darin um verschiedene Aspekte, die das Heranwachsen als Palästinenser außerhalb Palästinas mit sich bringt.

"Wir sind Bastardkinder von Bindestrichen und Ergänzungen und Sätzen, die beginnen mit 'Ursprünglich stamme ich aus' ...", heißt es in einem der Gedichte, die Sie vorgetragen haben. Welche Rolle spielen die Schriftsteller und Künstler aus der Diaspora im Freiheitskampf der Palästinenser?

Bseiso: Über sechs Millionen Palästinenser leben in der Diaspora, und wir spielen eine wichtige Rolle, die immer mehr an Bedeutung gewinnt, indem wir uns für Veränderungen einsetzen, Ungerechtigkeit anprangern, und uns, auch wenn es schmerzt, aus der Ferne zu Wort melden – sei es im Bereich der Kunst, der Politik oder im Geschäftsleben. Die Entscheidung ist ganz einfach: Wir können die Diaspora entweder als eine Art Vergessen betrachten und uns fügen, oder sie über Grenzen und Kontinente hinweg in einen sinnvollen Akt des Widerstands verwandeln.

Im vergangenen Monate wurden meine Gedichte mit denen von zwei anderen palästinensischen Diaspora-Dichtern, Ramzy Baroud und Samah Sabawi, in einer Sammlung mit dem Titel "I Remember My Name" publiziert. Eines meiner Gedichte, "Gaza from the Diaspora" handelt von den Schwierigkeiten des indirekten Miterlebens, aber auch davon, wie wichtig es ist.

Sie gehören einem regionalen Dichterkollektiv an, das sich "The Poeticians" nennt. Was hat die Gruppe zusammengeführt?

Bseiso: Gegründet wurde sie 2007 in Beirut von dem Filmregisseur und Schriftsteller Hind Shoufani. Sie bietet ein länderübergreifendes informelles Netzwerk für Schriftsteller und Dichter der Region, das gemeinsame Lesungen und Publikationen fördern will. Wir sehen uns selbst als elastisches Gebilde, ohne Regeln, ohne Grenzen, ohne Zensur, ohne eine offizielle Mitgliedschaft oder Struktur. Eine der beiden Anthologien, die wir publiziert haben, enthält Gedichte von mir. In Beirut, aber auch in Dubai und Amman, haben The Poeticians Open-Mike-Abende organisiert. Ich habe in diesem Rahmen zum ersten Mal meine Gedichte öffentlich gelesen und erlebt, wie meine Worte gewissermaßen von der Buchseite auf die Bühne sprangen.

Eines der wiederkehrenden Themen bei den Lesungen des PalFest war die Verbindung der verschiedenen Bewegungen. Saidiya Hartman sprach über Rasse und Sklaverei. Coetzee zog Parallelen zwischen dem Unterdrückungssystem hier und der Apartheid in Südafrika, und forderte die Menschen ironisch auf, "ihre eigenen Schlüsse zu ziehen". Stellen Sie diese Verbindung auch her?

Bseiso: Ja. Unser Kampf steht mit anderen in Verbindung, denn wir haben alle etwas gemeinsam: wir sind Menschen. Ob es sich also um die Bürgerrechtsbewegung, den Kampf gegen Apartheid, Inhaftierungen, Drohnenangriffe oder Unrechtssysteme handelt – wir sind alle miteinander verbunden und aufeinander bezogen, und deshalb sollten Menschen, die sich für die Situation in Palästina interessieren, sich auch mit anderen beschäftigen.

Einige der internationalen Autoren des Festivals haben schon hier gelebt und kennen die Situation vor Ort, andere nicht. Sind Sie der Ansicht, dass es für das Erzählen eine wichtige Rolle spielt, wer spricht? Sind die Palästinenser im Besitz ihres eigenen Narrativs?

Bseiso: Natürlich. In unserer Gruppe waren drei Palästinenser aus der Diaspora – es sollten eigentlich vier sein, aber Ahmed Masoud wurde [an der israelischen Grenze] die Einreise verweigert. Das Narrativ ist definitiv im Besitz der Palästinenser, auch wenn einige hier leben und andere im Ausland.

Eines meiner ersten Gedichte heißt "Brainstorming Nakba". Darin sage ich, dass wir, als wir einmal unsere Stimme gefunden hatten, lernten,vom Seitenrand aus zu sprechen, von der Peripherie aus. So fangen wir an. Das gehört zu unserem Kampf und zu den Problemen, vor die wir gestellt sind. Sich das Narrativ wieder anzueignen, Legitimität zurückzufordern. Verstehen, was hier vor sich geht. Für mich als Palästinenserin ist es eine unglaubliche Erfahrung, einer internationalen Delegation anzugehören, weil ich mich einerseits hier zu Hause fühle, andererseits aber auch fremd, denn ich bin ja nicht hier aufgewachsen. Ich wurde in Los Angeles geboren, habe meine Jugend in Jordanien verbracht und im Libanon studiert. Meine Familie stammt aus Gaza, meine Mutter ist in Shejaeiya geboren –dem Viertel, das [im letzten Krieg] vollständig zerstört wurde. Ich war noch nie dort, obwohl ich schon zum zweiten Mal hier bin. Ich muss eine Möglichkeit finden, nach Gaza zu fahren.

Schreiben Sie für ein Publikum innerhalb oder außerhalb Palästinas?

Bseiso: Ich schreibe auf Englisch mit transliterierten arabischen Wörtern. Ich glaube, mein Publikum finde ich hier wie dort – als ich ankam, merkte ich, dass es beides sein kann. Denken Sie zum Beispiel an meinen Text über den Gaza-Konflikt, "Gaza from the Diaspora". Auf einer Ebene richte ich mich natürlich an die Menschen außerhalb Palästinas. Deshalb wollte ich den Text auf Websites wie "Electronic Intifada" und "Palestine Chronicle" veröffentlichen. Ich wollte, dass Leute, die sich für die Lage in Palästina interessieren, die Dichtung für sich als Informationsquelle entdecken. Aber ich schreibe auch für Menschen, die hier leben. Das ist mir bei dem aktuellen Besuch ganz klar geworden. Denn wenn sie mich sehen und verstehen, dass ich von hier stamme und mich für solche Themen interessiere – Themen, die über Länder und Kontinente hinausgehen –, dann ist das wichtig für sie.

Das Interview führte Ylenia Gostoli.

© Qantara.de 2016

Übersetzt aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff

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