Interview mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu

"Ich sehe bei allen ein Beklopptheitssyndrom"

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu kritisiert im Gespräch mit Eren Güvercin den Zustand der Debattenkultur in Deutschland, und macht deutlich, dass er weder etwas von Seehofers Islam-Aussage hält, noch von der Empörung der Religionsfunktionäre.

Über Seehofers Aussage "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" wird in jüngster Zeit kontrovers diskutiert. Von einigen Seiten gibt es hierfür Applaus, von anderer Seite erntet der Innenminister aber auch viel Empörung und Kritik. Wie nehmen Sie die gegenwärtig reflexartig erfolgenden Reaktionen und die Islamdebatte insgesamt wahr?

Feridun Zaimoglu: Es ist ja nicht das erste Mal, dass ein Politiker sich hinstellt und ein Bekenntnis absondert. Ich bin kein Mann der Bekenntnisse und der hohlen Phrasen. Seehofer ist zwar ein Wiederholungstäter, aber ich blieb trotzdem gelassen. Man sollte wirklich jetzt diese Rituale des Entsetzens und der Empörung lassen. Aber ich muss leider auch Folgendes feststellen: Es gibt eine bundesdeutsche Krankheit, und das ist der Wille zur sofortigen Eskalation und zur Empörung. Da geben sich die Beteiligten nichts. Ich war in der Vergangenheit immer recht verblüfft darüber, dass man ein Denkschema immer in Stellung brachte: die Debattenkultur. Aber ich musste dann feststellen, hier wird nicht debattiert, sondern es sind Hysteriker zur Gange, die dieses oder jenes behaupten. Ich fände es zum Beispiel sehr gut, wenn Herr Seehofer den Koran aufschlägt. Dort wird er immer wieder auf den folgenden Satz stoßen: "Habt ihr denn keinen Verstand?!".

Es ist ja nicht das erste Mal, dass über diese Frage, ob nun der Islam oder nur die Muslime zu Deutschland gehören, öffentlich diskutiert wird. Und man hat das Gefühl, man steckt in einer Dauerschleife fest, weil sich diese Debatte immer wieder in bestimmten Zeitabständen wiederholt. Dabei sind es meist dieselben Argumente, die die eine Seite der jeweils anderen vorhält, ohne dass es einen nennenswerten Fortschritt gibt…

Zaimoglu: Die Frage, die sich mir immer wieder stellt, lautet: Freunde, fällt Euch nichts Neues ein? Also, wenn es eine Zermürbungstaktik ist, in diesem öden Spiel immer wieder tote Gäuler zu reiten, dann ist das den Beteiligten tatsächlich gelungen. Aber nun muss auch mal Schluss sein. Und da dies mein Land ist, in dem ich lebe, komme ich auch nicht ohne harte Kritik umhin. In Deutschland lässt sich eine ziemliche Nabelschau beobachten. Man sollte nicht so oft von demokratischer Streitkultur sprechen, sondern vielmehr sich auch daran halten. Und man sollte endlich von reinen Phrasen loskommen. Vielleicht wäre es ratsamere, sich mit den Belangen des wirklichen Lebens auseinanderzusetzen?

Bundesinnenminister Horst Seehofer; Foto: Andreas Gebert/dpa
Heimatminister als Wiederholungstäter: "Ich fände es sehr gut, wenn Herr Seehofer den Koran aufschlägt. Dort wird er immer wieder auf den folgenden Satz stoßen: 'Habt ihr denn keinen Verstand?'", sagt Feridun Zaimoglu.

Und an meine Glaubensschwestern und meine Glaubensbrüder gewendet möchte ich sagen, dass sie keine Zeit damit verschwenden sollten, sich mit alten Parolen von Leuten, die morgen vielleicht nicht mehr im Amt sind, zu befassen. Aussagen wie diese sind nicht neu und lassen einen altern, wenn man sich ernsthaft damit befasst. Ich glaube, hier hat man es mit einer – und das gilt für die meisten, die bei diesem eitlen Spiel mitmachen – klinischen Angstneurose zu tun.

Wenn man Teile der muslimischen Verbandslandschaft betrachtet, hat man auch nicht den Eindruck, dass sich dort eine originär deutsche Selbstverortung feststellen ließe…

Zaimoglu: Da kommt nichts! Man wird nicht mal selig werden, wenn man ernsthaft glaubt, dass hierzu von Verbandsvertretern und Religionsfunktionären ein wirklich prickelnder Gedanke kommt. Ich sehe, dass sie sich als Heimatvertriebenenverbände konstituiert haben. Ich sehe, dass sie für das deutsche Leben und für deutsche Muslime nicht das Geringste beitragen. Und ich sehe auch, dass sie sich in Beleidigungsritualen ergehen. Ich sehe Geschrei. Wir sind hier in Deutschland, und ich glaube, das haben sie nicht realisiert, und das wollen sie auch nicht realisieren. Nun ist das Leben aber sehr brutal. Es wird so sein – und da sehe ich schon die ersten Anzeichen – dass diese Funktionäre, die immer beleidigt aufjaulen, überrollt werden von den Phänomenen. Sie sind für mich flackernde Phantome. Sie beziehen sich nicht auf dieses, auf unser Land, sie beziehen sich auf ein imaginiertes Jenseits. Es sind viele frische Muslime da draußen, die keine Lust haben, einem solch illusionären Denken anzuhängen.

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Leserkommentare zum Artikel: "Ich sehe bei allen ein Beklopptheitssyndrom"

Es ist erschreckend, wie ein Schriftsteller, wie Zaimoglu sich unbeeindruckt gibt. Sieht er denn nicht wie Herr Seehofer sich anschickt die rechtsradikalen AFD zu überholen?. Wie stark muss noch die rechte Front wachsen bis Herr Zaimoglu gegen den aufkommenden Rassismus Stellung bezieht? Es geht mir nicht primär um den Islam. Ich bin besorgt um den Ruf des Grundgesetztes, ich bin besorgt um die Zukunft meines Deutschland. Langsam wird es mir bewusst, dass es 1936 nicht nur die Faschisten am Vormarsch waren, sondern musste es auch viele Zaimoglu gegeben haben, die unbeeindruckt die antijüdische Agitationen zuschauten.

Dr. Med. Hossei...30.03.2018 | 21:40 Uhr

Was für ein herrlich unaufgeregter und kluger Beitrag in Zeiten der allgemeinen Hysterie! Und ausgewogen noch dazu! Jede Seite kriegt ihren Spiegel vorgehalten! Und nein Herr Kommentator Dr. MED. Hossei! Zaimoglui ist keinesfalls unbeeindruckt und er ist auch nicht in Verbindung zu bringen mit 1936! Das ist einfach nur lächerlich und bestätigt die Thesen des Autors zu den alten Parolen!

Ingrid Wecker02.04.2018 | 22:48 Uhr

Herr Zaimoglu - wie wärs, Sie hätten was Neues zum Thema, ich versuchs :
"DER ISLAM" gehört (nicht) zu Deutschland. Dieser Satz ist beschämend für beide Diskutantan.
"DER ISLAM" gliedert sich in "Glaube im Islam" u. "politischer Islam". (Prof. Khorchide 06.10.17 derStandart)
Genauso heißt es ja auch Religion u. Staat sind getrennt.
Jetzt Herr Zaimoglu versuchen Sie doch "Glaube" u. "politischen Islam" zu definieren, inhaltliche Bedeutung !
Der Glaube hat Religionsfreiheit, der politische Islam nicht !!

Gerd Soldierer07.04.2018 | 23:00 Uhr