Interview mit dem Karikaturisten Khalil

"Niemals einschüchtern lassen"

Politische Botschaft oder Provokation? Eine wichtige Abwägung vor Veröffentlichung einer Karikatur. Es geht um Verantwortung, meint der arabischstämmige Zeichner Khalil. Esther Felden hat sich mit ihm über das Attentat von Paris und die Folgen unterhalten.

Wie wird sich der Anschlag auf "Charlie Hebdo" auf die Arbeit von Karikaturisten und Satirikern weltweit auswirken?

Khalil: Tatsächlich denke ich, dass es uns am Ende eher stärker machen wird als schwächer. Alle sprechen jetzt darüber, wie wichtig das Recht auf freie Meinungsäußerung ist. Ich bin überzeugt, dass das jeden ermutigt, derartige Karikaturen zu veröffentlichen. Es wird unmöglich sein, das zu stoppen.

Im Jahr 2006 hatte ich auch viele Interview-Anfragen (im Zusammenhang mit der Debatte um die Mohammed-Karikaturen, die die dänische Zeitung "Jyllands Posten" 2005 veröffentlicht hatte. Der Zeichner hatte daraufhin Morddrohungen erhalten. 2006 wurden die Karikaturen von "Charlie Hebdo" noch einmal abgedruckt, Anmerk. d. Red.). Es war für mich nicht einfach, darauf zu antworten. Die dänische Zeitung, die die Karikaturen zuerst gezeigt hat, hat sich aus meiner Sicht nicht sehr verantwortungsbewusst verhalten. Meines Wissens hat der Redakteur den Karikaturisten dazu angetrieben, etwas über den Propheten Mohammed zu zeichnen, und nicht umgekehrt.

Eigentlich hat der Redakteur die Verantwortung, genau abzuwägen und sich zu fragen: Leisten wir einen wichtigen Beitrag zum politischen Dialog oder geht es uns nur darum, Leute zu verärgern und zu sehen, zu was sie dann fähig sind?

Khalil: Schon damals war das ein schwieriges Thema. Natürlich bin ich ein Verfechter des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Davon bin ich auch als Künstler und politischer Kommentator abhängig. Auf der anderen Seite stellen meine Redakteure und ich uns bei jeder Karikatur die Frage, ob sie eine Botschaft beinhaltet oder nur den Zweck hat, den Zorn mancher Leute zu erregen.

Im Fall von "Charlie Hebdo" jetzt ist die Lage einfacher. Denn solche Fragen sind vor dem Hintergrund der schrecklichen Tat zweitrangig. Nichts kann diese Form der Gewalt entschuldigen. Selbst wenn man dem Satire-Magazin irgendwo Unverantwortlichkeit vorwerfen könnte, würde das niemals Morde rechtfertigen. Insofern muss man ohne wenn und aber sagen, dass "Charlie Hebdo" weltweit zu einem Symbol für freie Meinungsäußerung geworden ist.

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Attentats von Paris in London; Foto: picture-alliance/dpa/Arrizabalaga
Khalil: "Tatsächlich denke ich, dass es uns am Ende eher stärker machen wird als schwächer. Alle sprechen jetzt darüber, wie wichtig das Recht auf freie Meinungsäußerung ist. Ich bin überzeugt, dass das jeden ermutigt, derartige Karikaturen zu veröffentlichen. Es wird unmöglich sein, das zu stoppen"

Inwieweit unterscheiden sich die Inhalte von denen vergleichbarer Magazine? Hat "Charlie Hebdo" sich mehr getraut als andere?

Khalil: Ja, sie waren wagemutiger und tapferer als viele andere. Besonders die Cartoons der jetzt getöteten Zeichner Cabu und Wolinski habe ich diesbezüglich immer bewundert. Ich habe sie nie persönlich kennengelernt. Aber einer meiner Freunde, ein Zeichner aus Algerien, war sehr eng mit ihnen befreundet. Georges Wolinski hat ihm einmal sehr geholfen, als er in Schwierigkeiten steckte. Ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass weder Cabu noch Wolinski von Hass oder Islamophobie getrieben waren. Und leichtsinnig waren sie auch nicht. Für sie ging es immer nur darum, sich mit Hilfe ihrer Zeichnungen frei ausdrücken zu können. Sie wollten sich nicht vorschreiben lassen, was sie sagen durften und was nicht.

Ich bin geschockt über das, was passiert ist. Ich habe selbst in der Vergangenheit Morddrohungen bekommen und kann mich mit meinen Berufskollegen identifizieren. Wie kann jemand hergehen und Menschen für das, was sie gesagt oder gezeichnet haben, einfach umbringen? Das macht für mich überhaupt keinen Sinn.

Gerade vor dem Hintergrund der schrecklichen Tat von Paris - gäbe es für Sie einen Punkt, an dem Sie nicht mehr den Mut hätten, weiter zu arbeiten?

Khalil: Diese Frage habe ich mir selbst schon sehr oft gestellt. Ich habe keine einfache Antwort darauf. Ich denke, es geht dabei nicht in erster Linie um Mut, sondern vielmehr um Sturheit. Wenn ich Todesdrohungen erhalte, bin ich immer ein bisschen beunruhigt, zumindest für eine gewisse Zeit. Und meine Frau macht sich große Sorgen. Aber irgendwie bleiben diese Drohungen für mich etwas Abstraktes. Ich denke mir: Diese Leute wollen mich bloß einschüchtern, und damit werden sie keinen Erfolg haben. Und dann mache ich weiter. Bis jetzt habe ich Glück gehabt.

Die Drohungen gegen mich kamen von israelischer Seite oder von Menschen, die sich mit Israel identifizieren. Da wurde mir beispielsweise mitgeteilt, welche Art von Pistole sie benutzen würden, um mich umzubringen. Aber ich habe mir gedacht, dass sie mir nur Angst einjagen wollen und habe es nicht ernst genommen.

Buchcover Amir und Khalil: "Zahra's Paradise" im Verlag Knesebeck
Der Zeichner Khalil ist ein in den USA lebender arabischstämmiger Künstler, der als politischer Karikaturist für verschiedene US-amerikanische Zeitungen arbeitet. Gemeinsam mit seinem Kollegen "Amir" hat er 2011 die Graphic Novel "Zahra's Paradise" verfasst, die sich mit der Grünen Protestbewegung im Iran gegen die Wiederwahl Mahmud Ahmadinedschads zum Präsidenten 2009 beschäftigt. Das Künstlerduo hat in der Vergangenheit Morddrohungen erhalten und schreibt deshalb unter Pseudonym.

Mein algerischer Freund allerdings fühlte sich vor einigen Jahren so bedroht, dass er sein Heimatland verlassen hat. Während des algerischen Bürgerkriegs (in den 1990er Jahren, Anmerk. d. Red.) war er ein berühmter Karikaturist dort. Er ging von Algier nach Paris. Ohne Job. Und damals – ironisch und wunderbar zugleich – war es ausgerechnet der jetzt getötete Georges Wolinski, der zum Telefonhörer griff und ihm half. Schon zu diesem Zeitpunkt war er eine bekannte Persönlichkeit. Er rief einen Freund bei der Zeitung "L'Humanité" an und sagte ihm: "Du musst diesem Mann Arbeit geben. In seinem Land steckt er in Schwierigkeiten, er braucht Hilfe." Und so bekam mein Freund Slim eine Stelle als politischer Karikaturist bei dieser Zeitung.

Das ist die Art von Geschichte, die viel zu selten erzählt wird. Eine Geschichte, die von menschlicher Solidarität handelt, jenseits von ethnischer Herkunft oder Religion. Es ist die Geschichte eines jüdischen Mannes, der einem muslimischen Karikaturisten helfen wollte.

Gibt es Themen, die Sie persönlich gar nicht oder nur sehr vorsichtig in einem Cartoon behandeln würden, um keine Gefühle zu verletzen und niemanden zu verärgern?

Khalil: Meine Herangehensweise ist immer gleich. Ich stelle mir bei jeder Karikatur die Frage, ob ich eine politische Botschaft habe. Und sind diese Botschaft und die darin transportierte Meinung wichtig genug, um veröffentlicht zu werden, auch wenn sie jemanden verärgern könnten? Oft weiß ich, dass ich mit meiner Arbeit anecke, vor allem bei Freunden Israels. Und ich frage mich, ob es mir vorrangig darum geht, diese Menschen wütend zu machen oder darum, etwas zu sagen, was andere Karikaturisten nicht sagen. Ich versuche niemals, eine Karikatur zu zeichnen, nur um mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Ich versuche, verantwortungsvoll zu sein. Es geht mir nicht darum, Menschen mit meiner Arbeit zu verärgern.

Es gibt Karikaturisten, die das anders machen. Bei denen man merkt, dass es nur darum geht, Menschen zu verletzen, die einfach nur provozieren wollen, weil sie eben Spaß daran haben. Sie tragen in keinster Weise zu einem Dialog bei. Wenn sie beispielsweise den Propheten Mohammed als Pädophilen darstellen – welche politische Botschaft soll dahinter stecken? So etwas kann ich nicht nachvollziehen. Damit wollen sie nur Aufmerksamkeit erregen. Ich halte das für opportunistisch und verantwortungslos.

Welche Botschaft hätten Sie an die Attentäter von Paris?

Khalil: Ich würde ihnen ein paar Fragen stellen. Ich würde wissen wollen, was sie ihrer Meinung nach mit der Tat erreicht haben. Wem ist mit dem Tod von zwölf unschuldigen Menschen geholfen? Den Muslimen? Dem Islam? Wem um alles in der Welt hilft man mit so einem grauenhaften Verbrechen?

Interview: Esther Felden

© Deutsche Welle 2015

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