Interview mit dem französischen Extremismusforscher Olivier Roy

Sie lieben den Tod, wie wir das Leben lieben

Der französische Extremismusforscher Olivier Roy spricht mit Eren Güvercin über den Dschihadismus und die Wurzeln des Terrors sowie über falsche Prämissen aktueller Entradikalisierungsprogramme in Europa.

Herr Professor Roy, nach jedem Terroranschlag wird der Diskurs in Deutschland von der Forderung dominiert, die Muslime in Europa mögen sich klipp und klar vom Terrorismus distanzieren. Wie beurteilen Sie solche Reaktionen? Sind sie hilfreich?

Olivier Roy: Von Muslimen wurde bereits eine Unmenge von Erklärungen, Fatwas, Kommuniqués und Tweets verfasst, die den Terrorismus verurteilen. Die Sympathiebekundungen sind im Vergleich dazu verschwindend gering. Doch die öffentliche Meinung bleibt davon weitgehend unbeeindruckt. Die Menschen erwarten, dass der "Islam" als Ganzes den Terrorismus verurteilt; sie erwarten, dass eine Art muslimischer Papst oder eine Amtskirche oder ein Weltrat der Muslime eine Erklärung abgibt. Derartige Instanzen existieren aber nicht. Der Islam ähnelt diesbezüglich eher dem Protestantismus oder dem Judentum: Es gibt lokale Gemeinden, keine einheitliche Kirche.

Das Paradoxe ist, dass die europäische Öffentlichkeit einerseits die Ausbreitung einer vereinten islamischen Glaubensgemeinschaft in der Welt fürchtet und andererseits den Muslimen vorwirft, sich nicht als Mitglieder einer vereinten islamischen Glaubensgemeinschaft zu verhalten. Der Islam wird für die ureigene Sichtweise der europäischen Öffentlichkeit verantwortlich gemacht. Diese Öffentlichkeit begreift nicht, dass es zwar eine muslimische Bevölkerung gibt, aber keine muslimische Glaubensgemeinschaft. Das bringt die Muslime in eine Zwickmühle: "Distanzieren Sie sich vom Islam, aber sprechen Sie für den Islam." Insbesondere in Deutschland wird eine sehr wichtige Frage nicht thematisiert: Wenn die muslimische Bevölkerung in Deutschland überwiegend türkischer Herkunft ist, warum gibt es dann unter den Dschihadisten mehr deutschstämmige Konvertiten als Türken?

Nach den Londoner Anschlägen haben liberale Muslime offen eine Reformation ihrer Religion gefordert und die islamische Mehrheitstheologie für den Extremismus verantwortlich gemacht. Wäre eine Reform die Lösung?

Buchcover Olivier Roy: "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors" im Siedler Verlag
Olivier Roy ist französischer Politik- und Islamwissenschaftler, der als politischer Berater, Diplomat und UN-Gesandter wirkte und unter anderem 1994 die OSZE-Mission in Tadschikistan leitete. Gegenwärtig ist er Professor am Robert Schuman Zentrum des Europäischen Hochschulinstituts in Fiesole, Italien. Zuletzt erschien 2017 sein Buch "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors" im Siedler Verlag.

Roy: Erstens sind Radikale keine Anhänger der muslimischen Mehrheitstheologie, die nach dem Studium des Korans und der islamischen Theologie auf Abwege geraten. Man wird kein Terrorist, weil man auf einen salafistischen Prediger hört. Die Datenlage zeigt, dass die Radikalisierung weniger in Moscheen als in Gefängnissen stattfindet, abgesehen von den Mitgliedern der Sharia4Uk-Gruppe, die übrigens keine Salafisten sind. Diese Menschen entscheiden sich nicht als Ergebnis ihrer theologischen Studien für den Radikalismus (weder religiös noch politisch): Sie wollen den Radikalismus. Selbst wenn es anderen Menschen gelänge, den Islam zu reformieren, würde sich die Haltung der Radikalen nicht ändern.

Zweitens ist keine Offenbarungsreligion gemäßigt: Jede Religion behauptet, eine "nicht verhandelbare Wahrheit" zu verkünden, um mit den Worten von Papst Benedikt zu sprechen. Und die Vorstellung, dass Reformen grundsätzlich "liberal" seien, ist Unsinn: Luther und Calvin waren nicht liberal. Luther wies sogar antisemitische Tendenzen auf. Selbstverständlich lieferte der Protestantismus die theologische Grundlage für politische Reformen, aber auch für Rassismus. So ist die Apartheid in der kalvinistischen Theologie stark verankert. Säkularisten neigen zu der Ansicht, dass ein gemäßigter Gläubiger ein Gläubiger ist, der gemäßigt glaubt: Aber das ist für Gläubige nicht die Definition von Mäßigung. Sie beziehen Mäßigung nicht auf ihren Glauben, sondern darauf, das Leben in einer säkularen Gesellschaft zu akzeptieren, selbst wenn sie sich an konservative Werte halten. Das ist genau das Verhalten, das Muslime erlernen.

Und schließlich, wer wäre für eine solche theologische Reform zuständig? Liberale muslimische Intellektuelle? Die meisten von ihnen sind einfach nur Nichtgläubige. Oder unsere säkularen Staaten? Die Verfassung untersagt ihnen die Einmischung in die Theologie. Autoritäre muslimische Staaten? Sie werden niemals eine freie theologische Debatte fördern, denn das würde eine freie Debatte im Allgemeinen bedeuten – mit anderen Worten, Demokratie.

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