Interview mit dem algerischen Regisseur Nadir Moknèche

Ein dunkler Thriller

Nadir Moknèche thematisiert in seinem neuen Film Noir "Goodbye Morocco" den Kampf um Selbstbestimmung inmitten der Hoffnungslosigkeit einer Gesellschaft. Benjamin Stora sprach mit ihm über die Rolle der Frau in der arabischen Welt, Homosexualität und interreligiöse Ehen.

Sobald man aus dem Film rauskommt, denkt man erst einmal: Respekt! Lubna Azabal als Dounia gibt die perfekte Heldin in diesem Krimi ab. Sie verkörpert alles in einem: die femme fatale, die Manipulatorin, und die Gottesanbeterin. Das Bild von Frauen mit Macht, die Männer führen, wird dennoch oft ungern gesehen, und das nicht nur im Orient. Und man neigt dazu zu fragen, wie Dounia nur so hart sein kann?

Nadir Moknèche: Ich habe festgestellt, dass man im Kino ein Problem mit "harten" Frauen hat, außer in Tarantinos Burlesken. Und besonders schlimm ist es, wenn es sich um eine arabische Frau handelt. Aber es ist mir nicht möglich, die Rolle der arabischen Frau anders darzustellen. Heutzutage, besonders in Tunesien, sieht man häufig, dass der Status der Frau ständig in Frage gestellt wird. Die muslimischen Gesellschaften sind von diesem Thema geradezu besessen.

Dounia wird zwar weder gesteinigt noch eingesperrt. Man nimmt ihr aber das Sorgerecht, so dass sie ihren Sohn nur zwischen Tür und Angel umarmen darf. Man droht ihr sogar, dass sie ihren Sohn nicht mehr sehen darf. Und warum das alles? Nur weil sie einen Mann liebt, der eine andere Religion hat und aus einem anderen Land stammt. Sie weiß, dass eine Frau auf der anderen Seite des Kanals, 12 km von Tanger entfernt, jeden heiraten kann, den sie möchte, sogar eine andere Frau! Also fragt sie sich: "Weshalb nicht ich?"

Auf der anderen Seite thematisieren Sie die Männer in der arabischen Welt, die sich schämen und sich nicht trauen, ihre Emotionen auszuleben. Die Interpretation von Faouzi Bensaïdi als Ali ist dabei bemerkenswert.

Regisseur Nadir Moknèche; Foto: Blue Monday Productions
"Ich habe wenig Hoffnung in den Arabischen Frühling. Vielleicht weil ich es zu eilig habe, eine Änderung zu sehen. Das muss wohl am Zeitgeist liegen", sagt Regisseur Nadir Moknèche.

Moknèche: Als wir diese Rolle ausarbeiteten, dachten wir tatsächlich an all diese einsamen Männer, die ohne Familie in schäbigen Hotels, im Kasbah-Viertel, oder in Hammams leben.

Der Film lässt sich der Individualisierungsbewegung zuordnen, die sich gerade in der muslimisch-arabischen Region ausbreitet. Diese ist gekennzeichnet durch den Willen zur Unabhängigkeit, die Bestimmung des eigenen Schicksals und persönlicher und materieller Interessen. Alle Ihre Charaktere wollen über ihr Leben selbst bestimmen, sogar gabriel, der Handwerker aus Senegal. Und einige verlieren dabei ihr Leben.

Moknèche: Es handelt sich dabei um meinen eigenen Kampf, da ich es ablehne, nur das Glied einer Kette zu sein. Ich bin von zu Hause fortgegangen, als ich 16 Jahre alt war. Die Figur von Dounia Abdallah ist ein passendes Beispiel für diesen Kampf, in dem es sogar um die Selbstbestimmung des eigenen Vor- und Nachnamen geht. Dounia bedeutet: "Das Leben im Diesseits" und Abdallah "Diener Gottes". Mit der Namensänderung versucht sie, dem Gesetz zu entfliehen.

Sie sprechen in ihrem Film das Tabuthema der interreligiösen Ehe an. Im Gegensatz zum muslimischen Mann hat eine muslimische Frau ja nicht das Recht einen nicht-muslimischen Mann zu heiraten. Warum haben Sie sich gerade für einen serbischen Partner entschieden? 

Moknèche: Das Treffen mit Rasha Bukvic hat mich in meine Kindheit in Algerien zurückversetzt. Damals hatte ich jugoslawische Spielkameraden. Natürlich dachte ich auch an einen französischen oder spanischen Architekten, aber dann hätte man Dounia vorwerfen können, dass sie mit ihm nur aufgrund von Interessen zusammen ist. Dimitri ist ein wenig wie die Marokkaner, weil er auch kein Visum für Europa haben kann. Er ist also auch ein "Habenichts", wie ihn Ali bezeichnet.

Obwohl Dimitri dieses Land liebt, bleibt er darin immer der Fremde, ist das nicht so?

Moknèche: Dimitri ist nicht so fremd wie es scheint. Denn auch er kommt aus einem schizophrenen Land, aus einer Gesellschaft mit vorbestimmten Rollenverhältnissen und dominierenden Familienstämmen. Als er sich in Tanger niederlässt, verlässt er ein Gefängnis, um sich in ein neues zu begeben. Dies ist auch der Grund, weshalb er sich auf diesen Handel mit archäologischen Fundstücken einlässt.

Warum handeln die Leute im Film mit archäologischen Funden und nicht mit Haschisch? Dies wäre doch viel eher zu erwarten, da der Norden Marokkos schließlich bekannt für seinen Haschischhandel ist. Und welche Bedeutung hat dieses Fresko, das man häufiger zu sehn bekommt? Ist das eine Jungfrau?

Moknèche: Das ist eine betende Frau. Das ist typisch für die Zeit, bevor das Christentum zur offiziellen Religion des Römischen Reichs erklärt wurde. Ich wusste, dass es ein bedeutendes Netzwerk für den Handel von archäologischen Stücken zwischen Marokko und Europa gibt. Und weil ich mich für diese Anfangsperiode des Christentums in Nordafrika interessiere, habe ich dieses Fresko, das aus dieser Zeit stammt, ausgewählt.

Bisher glaubte man immer, das Christentum sei im 19. und 20. Jahrhundert durch die Europäer nach Tanger gekommen, und dass die Geschichte Marokkos mit dem Islam beginne. Und jetzt sieht man im Film plötzlich, dass das Christentum bereits vorher da war.

Moknèche: Ich kannte diese Geschichte, meine eigene Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt ja selbst nicht. Das einzige, was ich an der historischen Wirklichkeit verändert habe, ist die Tatsache, dass die Berber im Gegensatz zu ihren römischen geistlichen Kollegen jede Art der figürlichen Darstellung, wie die der betenden Dounia, ablehnten. Doch die mit dem Bild verbundene Symbolik erschien mir für den Film interessant.

Filmszene aus "Goodbye Morocco"; Foto: Blue Monday Productions
"Ich habe festgestellt, dass man im Kino ein Problem mit 'harten' Frauen hat, außer in Tarantinos Burlesken. Und besonders schlimm ist es, wenn es sich um eine arabische Frau handelt", sagt Moknèche.

Diese Geschichte hätte auch genauso gut in Algerien gedreht werden können. Warum haben Sie sich für Marokko entschieden?

Moknèche: Ich darf in Algerien nicht drehen. Das Visum für die Dreharbeiten von Délice Paloma wurde abgelehnt. Somit hatte man mir jegliche Inspiration genommen und ich sah mich gezwungen, mich auch emotional von Algier zu trennen. Seit 2006 habe ich keinen Fuß mehr dorthin gesetzt.

Die haben Angst vor einem Film! Das zeigt wohl die Zerbrechlichkeit des heutigen Algeriens. Wollten sie denn nicht darum kämpfen?

Moknèche: Ein Film ist immer ein Kampf. Es hat fünf Jahre gedauert, um "Goodbye Morocco" zu machen. Insbesondere wenn die Geschichte in diesem Teil der Welt spielt, ist wenig Geld da. Und dann besteht auch noch immer das Risiko der Zensur, sobald man von Nacktheit, Religion und all jenem spricht, das mich an einem Film interessiert.

Ab der ersten Filmszene sagt man sich: Nadir Moknèche lässt nichts aus. Er zeigt die Freizügigkeit der Körper, der Sexualität, der Gewalt, den Körper einer Frau, die eine Zigarette raucht und dabei Geld zählt. Ist diese extreme Freiheit, mit der Sie auch die Homosexualität benennen, nicht schwierig zu akzeptieren?

Moknèche: Der Sextourismus in Marokko, und insbesondere der von europäischen Homosexuellen, ist ein offenes Geheimnis. Ich konnte nicht in Tanger filmen, ohne auch dies zu zeigen. Die durch Grégory Gadebois gespielte Persönlichkeit ist weit vom Klischee entfernt. Er ist nicht mit einem Marokkaner zusammen, wie man wahrscheinlich erwarten würde, sondern mit einem Nigerianer.

Und wieso haben Sie den Film gerade in Tanger gedreht?

Filmszene aus "Goodbye Morocco"; Foto: Blue Monday Productions
Im Film handeln viele Leute mit Haschisch und mit archäologischen Funden. Die Freske aus der frühchristlichen Zeit Nordafrikas zeigt eine betende Frau.

Moknèche: Der Standort war ideal für meine Geschichte: zwischen dem Tor zu Europa, der prä-islamischen Vergangenheit und all dieser Immobiliengeschäfte. Ein Schweizer Architekt erzählte mir einmal die Geschichte dieser marokkanischen Frau, für die er arbeitete, und die Immobilienmaklerin für unbebaubare Grundstücke war. Sie konnte sogar bis zu Mordandrohungen gehen, wenn sie nicht das bekam, was sie wollte. Mehr wollte er mir darüber nicht erzählen.

Nach diesem außergewöhnlichen Weg kehrt diese Frau, die sich unbedingt von allen Regeln trennen und alles hinter sich lassen will, wieder zu den alten Normen zurück. Hätte man sich nicht auch ein anderes Ende vorstellen können?

Moknèche: Es stirbt ja jemand! Dounia ist am Ende und kehrt wieder an ihren Anfangspunkt zurück. Dies bedeutet nicht, dass sie ihren Kampf aufgegeben hat. Man kann immer auf ein "Happy End" hoffen. Ich persönlich habe wenig Hoffnung in den Arabischen Frühling. Vielleicht weil ich es zu eilig habe, eine Änderung zu sehen. Das muss wohl am Zeitgeist liegen.

Sie ähneln Ihren Figuren, die meinen, dass sie keine Zeit mehr zum Warten hätten, bis die Dinge auf politischer, kultureller und religiöser Ebene endlich geschehen. Sie meinen, es sei bereits genug Zeit verstrichen.

Moknèche: Es wollen tatsächlich viele gehen ohne zu warten. Als wir am Ende der Dreharbeiten Tanger verlassen wollten, fragte mich ein Zollbeamter nach dem Titel des Films. Ich sagte ihm: "Good bye Morocco", woraufhin er lauthals loslachte und antwortete: "Inchallah!"

Interview: Benjamin Stora

Übersetzung aus dem Französischen: Julie Schwannecke

© Qantara.de 2013

Nadir Moknèche ist algerischer Filmemacher, der mehrere Spielfilme gedreht hat, unter anderem "Goodbye Morocco" (2012), "Délice Paloma" (2007), "Viva Laldjérie" (2004).

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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