Interview

Islam und Säkularismus

Der Großmufti von Marseille, Soheib Bencheikh, spricht sich in einem Interview mit 'Liberal Islam Network' für ein Kopftuchverbot in Frankreich aus und argumentiert, dass der Säkularismus Katholiken und Muslime dort gleichstellt.

Der Großmufti von Marseille, Soheib Bencheikh, spricht sich in einem Interview mit ' Liberal Islam Network' für ein Kopftuchverbot in Frankreich aus und argumentiert, dass der Säkularismus Katholiken und Muslime dort gleichstellt.

Foto: dpa
Soheib Bencheikh

​​Die Säkularisierung wird oft als Fluch für die Religionen gesehen, doch dem ist nicht so. Manchmal kann sie gar zur "Retterin" einer Minderheitenreligion werden. In Frankreich zum Beispiel ist es vor allem die Säkularisierung, die es dem Islam und der islamischen Gesellschaft erlaubt, sich zu entwickeln.

Nur diese strikte Trennung zwischen Staat und Religion garantiert hier die Neutralität im gesellschaftspolitischen Raum, der es jedweder Religion und Glaubensgemeinschaft erlaubt, sich frei zu entfalten. Daher ist auch ihre religiöse Identität nicht bedroht.

Um zu erfahren, wie es der islamischen Gemeinschaft gelingt, sich in einem Staat zurechtzufinden, der die säkularen Werte so hochhält, sprach 'Liberal Islam Network' mit dem Großmufti von Marseille, Soheib Bencheikh, der im März eine internationale Konferenz in Jakarta besuchte, die von der 'Francophonie' (einer unabhängigen, 56 Staaten integrierenden Organisation zur Förderung der französischen Sprache und Kultur in der Welt), der Schweizer Botschaft und dem 'International Centre for Islam and Pluralism' veranstaltet wurde.

Brauchen die Muslime in Frankreich, insbesondere in Marseille, einen Mufti?

Soheib Bencheikh: Ich muss vorab betonen, dass der Islam kein klerikales System kennt. Imame und Muftis sind keine Kleriker im engeren Sinn, sondern fungieren als Wächter und Mentoren, die sich bemühen, den Menschen in Glaubensfragen zur Seite zu stehen, ohne dabei Druck auf sie auszuüben oder sie in irgendeiner Weise zu richten. Frankreich trägt der Tatsache Rechnung, dass es sich beim Islam um die zweitgrößte religiöse Gemeinschaft Europas handelt und engagiert sich deshalb aktiv bei der Formierung der islamischen Gemeinschaft im Land. Vor diesem Hintergrund wurde ich, nachdem ich 1995 mein Studium an der Sorbonne beendet hatte, als Mufti in Marseille eingesetzt.

Nun weiß man, dass Frankreich ein säkularer Staat ist, mit einer strikten Trennung zwischen Kirche und Staat. Welche Schwierigkeiten bringt dies für die französischen Muslime mit sich?

Bencheikh: Außerhalb von Frankreich und insbesondere natürlich in den islamischen Ländern setzt man den Säkularismus oft mit Unglaube und Atheismus gleich und schließt daraus, dass dem Islam keine Zukunft in Frankreich beschieden sei. Doch ohne diesen Säkularismus, der eine verwaltungspolitische Neutralität (hiyâdatul idârah) beinhaltet, würden wir überrannt werden. Säkularismus bekämpft die Religion so wenig, wie sie sie fördert.

Also definieren sie den Säkularismus als administrative Neutralität?

Bencheikh: Es handelt sich dabei um die verfassungsgemäße Auslegung von Laizität in Frankreich. Es muss unterstrichen werden, dass uns der Säkularismus schließlich mit den Katholiken gleichstellt, uns die gleichen Rechte wie Pflichten einräumt. Abgesehen davon gibt es gar keinen anderen Weg, um das staatliche Leben zu organisieren und zu ordnen, wenn nicht durch Demokratie und Respekt vor dem Willen der Mehrheit. Unser Dilemma besteht derzeit darin, dass der Islam als gefährlich erscheint. Viele Menschen fürchten sich vor ihm, weil es einige Wenige gibt, die sich in seinem Namen dem Terrorismus verschrieben haben. Doch dem Säkularismus und den allgemeinen Menschenrechten verdanken wir, dass hierfür nicht alle Moslems verantwortlich gemacht werden.

Viele Muslime haben ein negatives Bild vom Säkularismus. Glauben Sie, dass es eines Tages eine Akzeptanz des Säkularismus von Seiten des Islam geben wird?

Bencheikh: Solange man ihn als staatliche Neutralität in Glaubensfragen definiert, die einzig dazu dient, den Staat besser verwalten zu können, sollte dies für die Moslems kein Problem sein. Im Gegenteil: Die Trennung zwischen Religion und Politik stellt doch nur den göttlichen, spirituellen Charakter des Islam heraus und verhindert gleichzeitig, dass er als Instrument der Machtgewinnung missbraucht werden kann. Der Islam würde darüber hinaus zu seiner ursprünglichen Bedeutung zurückfinden, das heißt zu einer Haltung der "fördernden Lehre" (yu’rad) anstatt der "erzwungenen Lehre" (yufrad), gemäß des Koranverses: "Jeder, der glauben will, mag glauben, und jeder Ungläubige mag ein Ungläubiger sein."

Sie sagen, dass es dem Säkularismus gelingen könnte, den Koran zu seinem Ursprung zurückzuführen, indem es die Ausübung politischer Macht allein dem Staat überträgt. Steht denn die originale Grundlage des Islam dem Säkularismus näher?

Bencheikh: Wir müssen uns klar machen, dass die meisten islamischen Schulen der fikh (islamische Rechtslehre), der tafsir (Koranauslegung) oder der Theologie außerhalb der politischen Machtsphäre entstanden. Muslime waren, wie sich durch ihre gesamte Geschichte hindurch beobachten lässt, frei in ihrer Entscheidung, welcher Richtung sie sich anschließen wollten. Dass Religion und Politik im Islam immer mehr zusammenfallen, ist ein neues Phänomen, und eines, das in meinen Augen gefährlich für ihn ist. Gefährlich, weil es dazu führt, dass einzelne Parteien sich auf ihn berufen, wenn es ihnen doch nur um die Erlangung von Machtpositionen geht, oder dazu, dass Regime sich seiner zur Festigung ihrer Herrschaft bedienen.

Sie behaupten, dass es sich bei der Annäherung der religiösen und politischen Bedeutung des Islam um ein neues Phänomen handelt. Seit wann lässt sich davon sprechen?

Bencheikh: Es begann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als erstmals religiös fundierte politische Parteien gegründet wurden, um für politischen Einfluss in ihren Ländern zu kämpfen. Als ein Beispiel hierfür lässt sich der Aufstieg der 'Jami'yat al-ikhwan al-muslimin' (Muslimbruderschaft) in Ägypten anführen.

Liegt dies an den Ansichten und der Arbeit islamischer Ideologen der Muslimbruderschaft, insbesondere an Sayyid Qutb?

Bencheikh: Sayyid Qutb ging zu weit, als er seine radikalen Anschauungen in seinem Buch 'Ma’alim fi-l-tariq' ("Wegzeichen") niederlegte. Vor allem seine Haltung gegenüber der 'Yahilijah' im 20. Jahrhundert ("Zeit der Unwissenheit"), dem Gottesrecht und dem Unglauben der Herrscher. Es verleitet Muslime dazu, ihr Denken zu radikalisieren und ihren Anschauungen blind zu folgen.

Fühlen sich die Muslime in Frankreich nicht durch die Assimilierung an die französische Kultur in ihrer Identität bedroht?

Bencheikh: Wenn wir uns die Geschichte genauer ansehen, werden wir feststellen, dass der Islam schon immer mit anderen Kulturen interagiert hat. Hinzukommt, dass der Säkularismus, so wie er in Frankreich verstanden wird, neutral ist und zwar vollkommen. Wir können uns mit der französischen Kultur auseinandersetzen, die ja vor allem auf katholischen Wurzeln gründet, ohne dabei unsere eigene Spiritualität und unsere Werte in Frage zu stellen.

Sind diese Werte durch den französischen Säkularismus gefährdet?

Bencheikh: Überhaupt nicht. Es ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Können wir überleben, unseren Glauben verteidigen, auch wenn wir über keine politische Macht verfügen? Wenn der Islam als heilsbringende Religion verstanden wird, als eine Erleuchtung, wird es niemals Macht bedürfen, um die Menschen zu zwingen, sich zu ihm zu bekennen. Er wird überleben in Form seiner Werte, Normen und Lebensidealen, und sollte anderen nicht aufgezwungen werden.

Trotzdem zeigen doch die Proteste gegen das Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen, dass die islamische Identität durchaus in Konflikt geraten kann mit dem französischen Laizitätsgedanken.

Bencheikh: Im Gegenteil. Die Proteste zeigen lediglich, dass die Franzosen frei und unbeeinflusst ihre Meinung äußern dürfen. Außerdem handelte es sich bei den Demonstranten um eine Minderheit unter den französischen Muslimen. Die meisten akzeptieren die Regelung, da sie merken, dass der Extremismus für sie eine Gefahr bedeutet. Die Regelung umfasst das Zurschaustellen religiöser Symbole in öffentlichen Schulen. Tatsächlich hätte die katholische Mehrheit im Land mehr Grund, hiergegen zu protestieren, da auch sie davon betroffen ist, doch tut sie es nicht.

Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel 'Marianne und der Prophet. Der Islam im Laizismus.' Wovon handelt es?

Bencheikh: Es ist eine Untersuchung rechtlicher wie philosophischer Fragen, die dem Islam helfen soll, seinen Platz in einem veränderten politischen Klima zu finden und bietet dabei Antworten, die in unserer klassischen Literatur nicht zu finden sind.

Zum Beispiel?

Bencheikh: Moslems leben als Minderheit in einem neutralen Land, das kein katholisches Land ist, weil es säkular ist und somit gar keine Religion besitzt. Durch diesen Minderheitenstatus ist es ihnen nicht möglich, das islamische Recht durchzusetzen. Deshalb müssen wir nach Wegen suchen, wie wir dieses Recht so anpassen, dass es sich mit unseren Lebensbedingungen verträgt. Dies alles ist neu in der islamischen Literatur. Und darum geht es mir in meinem Buch.

Das Interview führte Novriantoni, © Liberal Islam Network 2004

Übersetzung aus dem Englischen: Dr. Daniel Kiecol

Soheib Bencheikh wurde in Dschidda (Saudi-Arabien) geboren, absolvierte sein Studium an der Al-Azhar Universität in Kairo und veröffentlichte 1998 das Buch Marianne et le Prophète: L’Islam dans la laicité (Marianne und der Prophet. Der Islam im Laizismus). Er ist seit 1995 Großmufti von Marseille.

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