Heinrich Heine und der Orient

Fasziniert von der alt-arabischen Poesie

Dieses Jahr feiert Deutschland den 150. Todestag Heinrich Heines. Einige Theaterstücke und Gedichte des romantischen Dichters geben Zeugnis darüber, dass Heine von der arabischen Kultur beeinflusst wurde. Von Munir Fendri

Dieses Jahr feiert Deutschland den 150. Todestag Heinrich Heines. Einige Theaterstücke und Gedichte des romantischen Dichters geben Zeugnis darüber, dass Heine von der arabischen Kultur beeinflusst wurde. Von Mounir Fendri

Eingang des Heinrich-Heine-Instituts in Düsseldorf; Foto: Ulrich Otte
Mit seinen umfangreichen Archiv- und Bibliotheksbeständen ist das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf ein Zentrum der internationalen Heine-Forschung.

​​Im Februar 1856 starb der deutsche Dichter Heinrich Heine, bevor er das 60. Lebensjahr erreichte. Er hinterließ großartige literarische Werke, die zu den besten und feinsinnigsten der deutschsprachigen Literatur zählen.

Zur Blütezeit der deutschen romantischen Schule, also in den Anfängen des 19. Jahrhunderts, entfaltete Heine seine poetische Begabung und verfeinerte sein Talent für die romantische Dichtkunst. Manche Tendenzen der romantischen Schule beeinflussten ihn, bei einigen ihrer Theoretiker ging er in die Lehre und er übernahm schließlich auch gewisse formale und inhaltliche Elemente dieser Schule.

Indes billigte er weder die von der deutschen romantischen Schule vertretenen Ansichten zu nationalem Fanatismus und religiösem christlichen Eifer, noch konnte er sich mit der politischen Haltung identifizieren, mit der die Schule auf die Ereignisse dieser Epoche - es war die Zeit nach der französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen - reagierte.

Es dauerte also nicht lange, bis Heine sich von der deutschen romantischen Schule lossagte und ihren beklemmenden Einfluss überwand. In stilistischer Hinsicht inspirierte ihn die Romantik zwar deutlich, doch distanzierte er sich inhaltlich von ihr.

Er entwickelte einen völlig neuartigen, klaren Stil, der den Geschmack seiner Zeitgenossen traf und der ihn als Dichter noch beliebter machte und ihm zu großem Ansehen verhalf. Seine Jugendgedichte wurden in einem ersten Gedichtband zusammengefasst, der 1826 unter dem Titel "Buch der Lieder" erschien und bis heute als das berühmteste Werk Heines gilt.

Andalusien in der Tragödie

Zu den frühen Werken Heines gehören auch seine beiden Dramen. Insbesondere die Tragödie "Almansor" vermochte die Aufmerksamkeit des arabischen Publikums zu fesseln. Das Stück handelt vom Sturz Granadas, der letzten islamischen Hochburg in Andalusien, und der Übernahme durch die Christen.

Beschrieben wird das Schicksal eines muslimischen Mädchens und ihres Freundes. Die beiden sind von Kindheit an ineinander verliebt und werden durch den Sieg der Christen gewaltsam voneinander getrennt. Die Christen verlangten von den Muslimen, dass sie entweder zum Christentum konvertierten oder die geliebte Heimat verließen.

Das Theaterstück beginnt mit der Rückkehr des Helden Almansor bin Abdallah. Getrieben von der Sehnsucht nach der Heimat, der Wiege seiner Kindheit und von dem glühenden Verlangen nach seiner Geliebten Salima bint Ali kehrt er aus dem arabischen Exil zurück. Doch bei seiner Rückkehr muss er feststellen, dass sie bereits zum Christentum konvertiert ist und kurz vor der Eheschließung mit einem Christen steht, der es allerdings nur auf das Vermögen ihres Vaters abgesehen hat.

In der nächsten Szene sieht man Almansor, wie er im zerstörten und verlassenen Palast seines Vaters traurig inne hält, in Erinnerungen schwelgt und das Geschehene betrauert. Diese Szene erinnert an das Element "al-wuquf alla al-atlal" in der altarabischen Dichtung, bei dem der Dichter an den Ort der Zerstörung und Erinnerung zurückkehrt und dort seine Verse verfasst.

Theaterstück "Almansor"

Freunden gegenüber äußerte Heine, dass er viel Mühe auf die tiefgründige Analyse von Texten aufgebracht habe, um seinem orientalischen Werk das verdiente Maß an Authentizität und Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dies bezieht sich nicht nur auf die historischen Fakten, sondern auch auf die arabischen muslimischen Charaktere und ihre "orientalische" Prägung.

Dies bestätigt sich auch durch die Quellen und Nachschlagewerke, die der junge Schriftsteller um 1820 als Student an der Universität verwendete. Am Rechercheaufwand, den er in dieser Hinsicht betrieben hat, wird deutlich, dass er mehr wollte, als seinem Theaterstück nur einen oberflächlichen orientalischen Anstrich zu geben oder es zu "tarnen", wie einige Forscher in ihrer Interpretation des jüdischen Autors behaupten.

Diese Interpretation kann einer tiefgründigen Analyse allerdings nicht Stand halten. Vielmehr vertiefte Heine sich in Studien und Dokumentationen und war so überwältigt von der arabisch-andalusischen Kultur, dass er seiner Bewunderung mit dem Theaterstück "Almansor" Ausdruck verlieh. Daraufhin entbrannte in Teilen Europas eine Diskussion, innerhalb derer das Erlöschen dieser Kultur beklagt und die Gründe für ihren Untergang verurteilt wurden.

Der "orientalische Geist"

Es besteht kein Zweifel daran, dass Heine der arabischen Kultur verstärktes Interesse entgegenbrachte und er von ihrem tragischen Untergang sehr betroffen war. Durch seine Studien fand er heraus, dass Juden und Muslime in Andalusien auf schicksalhafte Weise miteinander verbunden waren.

Neben den historischen Quellen stützte Heine sich auf andere literarische Quellen, um ein tieferes Verständnis für den "orientalischen Geist" zu erlangen und somit den Charakteren seiner Theaterstücke die arabische und islamische Couleur hinsichtlich ihrer Vorstellung, Logik und Rhetorik zu verleihen.

Zu den wichtigsten Texten, auf die er sich dabei stützte, zählt eine deutsche Übersetzung der sieben Mu'allaqat von Anton Theodor Hartmann aus dem Jahr 1802. Hartmann hatte die Mu'allaqat mit ausführlichen Kommentaren und zahlreichen Erklärungen bereichert und so die altarabische Dichtung und die Lebensbedingungen der Dichter zugänglich gemacht.

Die Verbindung zwischen Heine und den Mu'allaqat wird anhand einer Dichtung deutlich, die er 1820 einigen seiner Freunde gewidmet und mit dem Hinweis "arabisch" versehen hatte. Man fand heraus, dass er von einem Gedicht von Sulam bin Abi Rabi'a inspiriert wurde, welches Hartmann aus der Hamasasammlung (berühmte klassisch arabische Gedichtsammlung) ausgewählt hatte, um die sinnliche Strömung in der altarabischen Dichtung zu verdeutlichen.

Die Mu'allaqat und das Buch der Lieder

Hartmann interessierte sich insbesondere für das Phänomen "al-wuquf alla al-atlal", das er in seinen Ausführungen detailliert beschrieben hatte. So wundert es nicht, dass dieses Element sowohl in der Anfangsszene von "Almansor" und in der ersten Strophe von "al-Dschahili" vorkommt.

Grab von Heinrich Heine in Düsseldorf; Foto: dpa
Heinrich Heine wurde am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren und verstarb am 18. Februar 1856 in Paris. Sein Grab befindet sich in Düsseldorf.

​​Die Annahme liegt außerdem nahe, dass sich der Einfluss der arabischen Kultur auf Heine auch in einigen Gedichten im "Buch der Lieder" widerspiegelt. Insbesondere im Kapitel "Die Heimkehr" gibt es offensichtliche Parallelen zu den Anfangsversen der Mu'allaqat der Dichter Zuhair, Labid und Antara, die Heine durch die Übersetzung von Hartmann kannte.

Dass der erwähnte Teil dieses Werkes unter direktem Einfluss der Mu'allaqat entstand, wird durch einen ungewöhnlichen Brief untermauert, der auf Mitte April 1822 datiert ist. In einer Stunde der Verzweiflung und des Verdrusses weist Heine auf die berühmte arabische Gedichtsammlung hin und schreibt:

"Sobald sich mein Gesundheitszustand verbessert hat, werde ich Deutschland verlassen und nach Arabien fahren, wo ich das Leben eines Nomaden führen werde. Ich werde mich wie ein Mensch im wahrsten Sinne des Wortes fühlen (…) und Gedichte so schön wie die Mu'allaqat verfassen. Ich werde mich auf den heiligen Stein setzen, auf dem Madschnun gesessen und sich nach Leila gesehnt hat."

Die platonische Liebe

Die Worte aus diesem Brief weisen auf ein anderes Element des arabischen Kulturerbes hin, das Heine gefesselt und inspiriert hat - die platonische Liebe zwischen Madschnun und Leila. Wer "Almansor" gelesen hat, wird nicht erstaunt sein, dass Heine in dem erwähnten Brief auch auf die beiden Liebenden hinweist.

Zu der berühmten Liebesgeschichte fand Heine über die persische Literatur Zugang, die damals auf großes Interesse der deutschen Orientalistik stieß. Jeder weiß, dass auch Goethe hier seine Inspiration für sein berühmtes schöpferisches Werk "West-östlicher Diwan" fand. Sein Erscheinen im Jahr 1819 beeinflusste Heines Gedankenwelt und seine Literatur stark, was heute noch Gegenstand einer lebhaften Diskussion ist.

Die Geschichte "Madschnun Leila", durch die Erzählung von Abdur Rahman Dschami überliefert und 1808 von Anton Theodor Hartmann übersetzt, war eine der Quellen, aus denen Heinrich Heine an orientalischer Symbolik, Allegorien und Metaphern schöpfen konnte. Die Dialoge des Theaterstückes "Almansor" spickte Heine mit jenen Stilelementen und bewies damit, wie sehr er von der Poesie der alten Araber, ihrer Leidenschaft und ihrer rhetorischen Ausdrucksstärke fasziniert war.

Tausendundeine Nacht

In allen Werken Heinrich Heines gibt es Hinweise auf eines der wichtigsten Werke des arabischen Kulturerbes, auf Tausendundeine Nacht. Wie oft bringt er seine Faszination von den "arabischen Geschichten, die uns durch Galan übertragen wurden" zum Ausdruck und betont, welch starke Anziehungskraft und welch großen Einfluss sie schon in der Kindheit auf ihn hatten.

Dieser Einfluss spiegelt sich in dem Klischee vom Orient wider, das sich in seinem "westlichen" Bewusstsein formiert hat. Er nimmt den Orient als eine fiktive, faszinierende Welt voller Wunder und Exotik wahr, die in glänzenden Farben erstrahlt und in der es allerorten nach betörendem Parfum duftet. Eine Welt, die dem Menschen jene körperlichen und seelischen Emotionen gestattet, die die christlichen Lehren und die bürgerlichen Traditionen verbieten.

Durch diese Auffassung erhalten wir Einblick in wichtige Aspekte von Heines Gedankengut und seiner Weltanschauung, die sich in seiner Poesie, seiner Prosa und Dialektik widerspiegeln. Er ist Kind jener Epoche, die von den Lehren der französischen und der industriellen Revolution erschüttert und bewegt wurde.

Die Werke Heines und seine Korrespondenz beinhalten viele Elemente der arabischen Kultur und der islamischen Zivilisation. Die Werke, anhand derer dies am deutlichsten zu erkennen ist, sind das Theaterstück "Almansor", großartige Gedichte wie "Der Asra", "Ali Bei", "Abu Abdallah" (der letzte König Granadas), "Der Dichter Firdusi" und andere.

Auch stilistisch ist der Einfluss erkennbar, denn seine Werke beinhalten auch zahlreiche bildhafte Ausdrücke und Metaphern, Geschichten und Anekdoten, Kommentare und Hinweise. Sie beweisen also, dass er sich immer wieder mit dieser Kultur beschäftigt und ihr starkes Interesse entgegenbrachte.

Auch wenn diese orientalische Seite Heines im Bewusstsein der arabischen Forscher war, hat man ihm lange Zeit keine Beachtung geschenkt und sich nur wenig mit ihm auseinander gesetzt. Meist ist der deutsche Dichter auf seine jüdische Abstammung reduziert worden.

Mounir Fendri

Aus dem Arabischen von Martina Stiel

© Qantara.de 2006

Mounir Fendri, Professor an der Universität Tunis, promovierte in deutscher Literatur zum Thema "Heinrich Heine und der islamische Orient" (Hamburg / Düsseldorf 1980). Seine Doktorarbeit stellt die erste Arbeit dar, die diesen Forschungsgegenstand umfassend und tiefgründig behandelt hat und die diese Seite des Dichters analysiert und kritisch beleuchtet hat. Zudem erhielt er 2006 den "Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Preis" des DAADs für herausragende Arbeiten auf dem Gebiet Germanistische Literatur- und Sprchwissenschaft für ausländische Wissenschaftler.

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Leserkommentare zum Artikel: Fasziniert von der alt-arabischen Poesie

Sorry, aber Heines Grab befindet sich nicht in Düsseldorf sondern auf dem Cimetière de Montmartre in Paris

Klaus Roth14.04.2014 | 17:54 Uhr

Der einzige Makel dieses interessanten Texts: das Grab des Dichters auf dem beigestellten Foto befindet sich tatsächlich in Paris. Klaus Roth hat recht.

Thomas K.26.01.2016 | 07:46 Uhr