Georges Corm über die Konflikte in der arabischen Welt

Vergesst die Religion!

In seinem neuen Buch kritisiert der libanesische Historiker Georges Corm die Haltung des Westens, die Konflikte in der arabischen Welt fast ausschließlich in einem religiösen Kontext zu sehen. In Wirklichkeit gehe es in den Staaten des Arabischen Frühlings um ökonomische Machtverteilung und demokratische Teilhabe. Von Kersten Knipp

Fast drei Jahre nach ihrem Beginn bieten die Revolutionen in der arabischen Welt ein deprimierendes Bild. Proteste, die säkulare Anliegen vortrugen, führten auf unterschiedlichsten Wegen zu Szenarien, in denen religiöse Hardliner den Ton angeben: extremistische Sunniten, die in Syrien die Glaubwürdigkeit der gesamten Opposition gegen Assad zu erschüttern drohen; Islamisten im libyschen Bengasi, die sich im Namen von Scharia und Al-Qaida Gefechte mit Regierungstruppen liefern; ein extremistischer Mob in Tunesien, der alle Andersdenkenden schikaniert; und in Ägypten die nach der Absetzung Präsident Mursis in den Untergrund getriebenen Muslimbrüder, bereit, die aus dem Amt gejagte Regierung bis zum Letzten zu verteidigen.

Die Schlussfolgerung scheint zwingend: Selbst nach ihren zunächst säkular inspirierten Revolutionen, so scheint es, werden die Länder der arabischen Welt die Religion als dominierende politische Gestaltungskraft nicht los. Mit seinen überschießenden politischen Energien bleibt der politische Islam der dominierende Machtfaktor in der Region.

Vorherrschaft des religiösen Diskurses

Es bietet sich aber auch eine andere Lesart an. Sie entfaltet der libanesische Historiker und Ökonom Georges Corm, in den späten 1990er Finanzminister seines Landes, in seinem jüngsten Buch. Dieses trägt sein Anliegen schon im Titel vor: "Pour une lecture profane des conflits" ("Für eine profane Lesart der Konflikte").

Der libanesische Historiker und Ökonom Georges Corm; Foto: Georges Corm
Der libanesische Historiker und Ökonom Georges Corm war von 1998 bis 2000 Finanzminister. Er hat in Paris studiert und lehrt an der St. Joseph Universität in Beirut und berät internationale Organisationen. Corm ist Verfasser mehrerer Bücher über den Nahen Osten.

Der Westen begehe einen Fehler, wenn er sich hauptsächlich auf die Religion konzentriere, schreibt Corm. Tatsächlich gehe es in der arabischen Welt nach wie vor um ganz andere Fragen: um die gerechte Verteilung von Macht und Ressourcen, um einen funktionierenden Rechtsstaat und demokratische Teilhabe. Allerdings hätte sich für diese Anliegen noch keine angemessene Sprache gefunden, oder besser: Sie hätte sich noch nicht gegen den dominierenden religiösen Diskurs durchsetzen können.

Über drei, vier Jahrzehnte habe sich jede nennenswerte politische Opposition in der arabischen Welt dem religiösen Lager zugerechnet. Das habe Spuren hinterlassen, die sich nicht von heute auf morgen beseitigen ließen.

Exporteure des Fundamentalismus

Den Grund für die Dominanz der Religion sieht Corm in einer bewussten Förderung der Religion, die in der arabischen Welt vor allem durch Saudi-Arabien betrieben werde. Finanziell und ideologisch hoch gerüstet, exportiere der Ölstaat eine fundamentalistische Lesart des Islam, die den linken laizistischen Diskurs konsequent verdrängt habe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg seien im Nahen Osten marxistische Analysen sehr verbreitet gewesen. Doch hätten sie sich seit den späten 1960er Jahren, nach dem Schock des verlorenen Sechs-Tage-Krieges sowie dem bald darauf einsetzenden Boom des Erdöls immer weniger behaupten können.

Allerdings habe es seitdem auch im Westen immer weniger inspirierende Modelle gegeben. Seit geraumer Zeit neige der Westen dazu, seine vornehmste Tradition zu vergessen: die Aufklärung. "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit": unter diesem Motto habe man früher sehr genau darauf geachtet, wie Macht und Reichtum verteilt wurden.

Wer bekommt was, und wem nützen die jeweiligen Verteilungsmechanismen? Es sei noch nicht lange her, schreibt Corm, da gehörten solche Fragen im Westen zum Kern jedes politischen Studiums. Heute sei das nicht mehr der Fall. Statt auf ökonomische konzentriere man sich auf kulturelle Fragen – ein für Corm schlimmer Irrtum, geschuldet einer Ideologie, die dem religiösen Fundamentalismus auf diskrete Weise entspreche: dem Multikulturalismus.

Die Fallstricke des Multikulturalismus

Buchcover Georges Corm: Pour une lecture profane des conflits, Éditions La Découverte
Die falsche Perspektive: Statt auf ökonomische Fragen konzentriere der Westen sich auf kulturelle Fragen in der arabischen Welt – ein schlimmer Irrtum für Georges Corm, den er in seinem neuen Buch "Pour une lecture profane des conflits" versucht offenzulegen.

Was ist Multikulturalismus? Für Corm eine Weltanschauung, die dazu verleite, sämtlichen Minoritäten einen absoluten, nicht in Frage zu stellenden Wert zuzugestehen: Religiöse Gruppen, ethnische Minderheiten, kulturelle Gemeinschaften: kein Zusammenschluss, der heute nicht die vorbehaltlose und uneingeschränkte Anerkennung seiner Eigenschaften, Überzeugungen, Ideale fordere und diese bedenkenlos über die Gesellschaft insgesamt, die res publica, die Republik, stelle.

In vielen Konflikten innerhalb der westlichen Gesellschaften gehe es nicht um Fragen der Politik, sondern um solche der Identität. Und die seien kaum verhandelbar, und darum auch nicht lösbar.

Im Schatten des Multikulturalismus würden auch im Westen genuin politische und ökonomische Konflikte kulturell gedeutet und ausgetragen. Das wiederum färbe auch die im Westen weit verbreitete Gewohnheit, die derzeitigen Auseinandersetzungen im Nahen Osten ausschließlich kulturell oder, schlimmer noch, religiös zu deuten.

Laizistische Diktaturen

Corms kulturwissenschaftliche Deutung der westlichen Wahrnehmung der derzeit den Nahen Osten durchziehenden Konflikte ist bestechend. Die Frage ist nur, ob sie so noch zutrifft. Denn tatsächlich haben viele Menschen der westlichen Welt gelernt, genauer hinzuschauen, die Forderungen der Protestler der ersten Stunde ernst und für bare Münze zu nehmen.

Gut folgen können sie Corm inzwischen auch darin, dass der arabische Laizismus sich selbst um seinen guten Ruf gebracht hat. Nasser, Sadat und Mubarak in Ägypten, Ben Ali in Tunesien, Saddam Hussein im Irak, Vater und Sohn Assad in Syrien: Sie alle schufen diktatorische Regime, die die Rechte der Bürger mit den Füßen traten, ihre Geheimdienste auf alle losließen, die es wagten, ihre Herrschaft in Frage zu stellen und Reformen zu verlangen.

Und wo Begriffe wie Demokratie und Rechtsstaat nicht nur jeglichen Wert verloren haben, sondern sogar noch für die Verbrechen angeblicher fortschrittlicher Regime herhalten müssen, da verkehren sich verheißungsvolle politische Ideale in ihr Gegenteil.

Dass europäische Staaten und die USA mit diesen Regimes zusammen gearbeitet haben, hat dem Ruf dieser Werte zusätzlich geschadet. Die Realpolitik westlicher Staaten, die sich so gerne als moralische Lehrmeister aufspielen, machte es selbst ihren idealistischsten Anhängern schwer, nicht an ihr zu verzweifeln. "Ein wichtiger Wirtschaftsvertrag, die Durchsetzung einer Militärbasis, eine spektakuläre Verbundenheitsgeste gegenüber Israel bringen diese Morallektionen schnell zum Schweigen, die für die politischen Gruppen der betroffenen Länder immer schwerer zu ertragen sind."

"Republikaner aller Länder ..."

Lange Zeit konnte der Westen es sich leisten, die Konflikte in der Region religiös oder kulturell zu deuten. Damit ersparte er es sich, die oft desaströsen Konsequenzen seiner Politik einzugestehen – und entsprechend zu ändern. Jetzt aber, so Corm, könnte die Zeit gekommen sein, die Konflikte wieder unter jenen Vorzeichen zu sehen, die ihnen wirklich angemessen sind.

Das, schreibt Corm, setze eine ehrlichen Dialog und den Abschied von den bisherigen Zynismen voraus. "Republikaner aller Länder" fasst Corm sein Programm zusammen "vereinigt euch!"

Kersten Knipp

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Georges Corm: "Pour une lecture profane des conflits", Éditions La Découverte, 256 Seiten

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