Fünfter Jahrestag der Revolution in Ägypten

Gespenster der Revolte

Am 25. Januar 2011 begann die Revolution in Ägypten, die zum Sturz des Autokraten Mubarak führte. Heute sieht die ägyptische Schriftstellerin Mansura Eseddin erneut ein Regime an der Macht, das ein absurdes Theater der Angst und Unterdrückung inszeniert.

Unter denjenigen, die vor fünf Jahren den Geist der Revolte auf Ägyptens Straßen und Plätze trugen, haben sich Niedergeschlagenheit und Frustration breitgemacht. Manche begnügen sich heute mit der Hoffnung auf Reformen, weil die derzeitigen Bedingungen keine öffentlichen Proteste mehr zulassen; einige schließen sich sogar der Sicht des Regimes an, dass die Priorität heute bei der Bekämpfung des Terrors liegt und die Regierung die einzige Kraft ist, die den Staat noch zusammenhält.

Ein Reigen von Repressalien

Paradoxerweise scheint es, dass in diesen Tagen ausgerechnet das Regime den Geist der Revolution beschwört - allerdings ex negativo: nämlich als einen Albtraum, der jederzeit wiederkehren kann und der um jeden Preis gebannt werden muss. Dieses Verhalten erinnert an einen psychisch Kranken, der sein Leiden verdrängt und gerade deshalb von ihm eingeholt und paralysiert wird. So sieht man den Staat mit dem Gespenst der Revolution kämpfen - immer panischer, je näher deren fünfter Jahrestag rückt. Das schlägt sich in einer so noch nie da gewesenen Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten nieder. Fast täglich hört man von neuen Repressalien; die Drosselung der Ausdrucksfreiheit macht sich bemerkbar wie ein akuter Sauerstoffmangel.

Ende Dezember etwa stürmten Sicherheitsdienst und Staatsbeamte binnen 24 Stunden zuerst das Rawabit-Theater und die diesem angeschlossene Kunstgalerie, dann die Räumlichkeiten des unabhängigen Merit-Verlags. Mitarbeiter wurden einvernommen, Computer durchsucht und konfisziert, Ausweise und Lizenzen überprüft. Beim Theater und bei der Galerie ging es angeblich um Unregelmäßigkeiten in der Administration und einen fehlenden Notausgang; die beiden Kulturinstitutionen wurden bis auf weiteres geschlossen. Dem Merit-Verlag wiederum warf man vor, dass er ohne Lizenz gearbeitet habe. Mohammed Hashem, der Besitzer des Verlags, wies darauf hin, dass Merit seit Jahr und Tag in Kairo seiner Tätigkeit nachgeht, und gab ironisch seiner Verblüffung über das stattliche Polizeiaufgebot Ausdruck, das man ihm auf den Hals geschickt hatte.

Wahlplakat Abdel Fattah al-Sisi während der Präsidentenwahl 2014; Foto: Reuters
Restauration statt Revolte: Unter denjenigen, die vor fünf Jahren den Geist der Arabellion auf Ägyptens Straßen und Plätze trugen, haben sich Niedergeschlagenheit und Frustration breitgemacht. Manche begnügen sich heute mit der Hoffnung auf Reformen, weil die derzeitigen Bedingungen keine öffentlichen Proteste mehr zulassen; einige schließen sich sogar der Sicht des Regimes an, dass die Priorität heute bei der Bekämpfung des Terrors liegt und die Regierung die einzige Kraft ist, die den Staat noch zusammenhält.

Natürlich liegt es auf der Hand, das Vorgehen gegen den Verlag mit der Tatsache in Zusammenhang zu bringen, dass Merit in den Tagen der Revolte eine zentrale Rolle gespielt hatte: Das Verlagshaus war Treffpunkt für Aktivisten und Intellektuelle, und schon in den letzten Jahren der Mubarak-Diktatur war Hashem eine treibende Kraft innerhalb der Gruppierung "Literaturschaffende für den Wandel" gewesen. Last, but not least ist Merit seit seiner Eröffnung im Jahr 1998 ein Forum für avantgardistische, unbequeme Bücher und für ein Literaturverständnis jenseits von Zensur und Einschränkungen.

Am 13. Januar war die Reihe dann am Lyriker Omar Hazek. Er wurde auf dem Kairoer Flughafen fünf Stunden lang festgehalten und an der Ausreise in die Niederlande gehindert, wo er den Oxfam-Literaturpreis entgegennehmen sollte. Hazek war bereits im Dezember 2013 verhaftet und wegen Teilnahme an einer unbewilligten Demonstration zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden; er hatte damals an einer friedlichen Protestaktion für einen Mann teilgenommen, der von den Sicherheitskräften zu Tode geprügelt worden war. Am 14. Januar wurde der Arzt und politische Aktivist Tahir Mokhtar verhaftet. Pikanterweise ist er unter anderem der "Teilnahme an der Januar-Revolution von 2011" angeklagt - und dies in einem Land, dessen Verfassung diese Revolution explizit anerkennt. Gleichentags wurden die Büros des Internetportals "Masr al-Arabiya" durchsucht und acht Computer konfisziert.

Fromm und sittlich, bitte!

Offiziell lädt die derzeitige ägyptische Regierung zu einer "Erneuerung des religiösen Diskurses" ein und bekämpft den islamistischen Extremismus.

Faktisch aber ist die dominierende Mentalität erzkonservativ und erlaubt keinerlei Abweichungen von der geltenden Norm. So erleben wir nach wie vor, dass Intellektuelle oder Wissenschaftler aufgrund altväterischer Straftatbestände wie "Verachtung der Religion" oder "Verletzung des öffentlichen Schamgefühls" verurteilt werden.

Im Oktober 2015 wurde der Religionswissenschaftler Islam al-Buhairi wegen "Blasphemie" zu fünf Jahren Haft verurteilt, nachdem er in seinem Fernsehprogramm Denktraditionen kritisiert hatte, die radikale Auslegungen von Koran und Sunna nahelegen; das Gesetz, auf das man sich dabei berief, geht auf das Jahr 1884 zurück.

Nicht minder unsinnig als der gegen kritische Denker ins Feld geführte Vorwurf der Blasphemie ist die Sorge ums "öffentliche Schamgefühl". Dieser Tage stand die Filmproduzentin Rana el-Sobky vor Gericht, weil ihr Film "Regatta" als "ethisch und gesellschaftlich unangemessen" gewertet worden war. Sie wurde zu einer einjährigen Gefängnisstrafe und einer Geldbuße von 10.000 ägyptischen Pfund verurteilt.

In der Urteilsbegründung heißt es unter anderem: "Auch wenn das Recht auf Kreativität in der Verfassung festgeschrieben ist, untersteht es den Einschränkungen, die durch Artikel 2 der Verfassung gegeben sind. Dieser besagt, dass der Islam Staatsreligion ist und dass die Prinzipien der islamischen Scharia als wichtigste Quelle der Gesetzgebung zu gelten haben. Daraus folgt, dass die Kreativität die Grenzen einzuhalten hat, auf welche die Scharia verpflichtet, und dass sie weder religiöse Zwietracht verursachen noch das Anstandsgefühl der Jugend gefährden darf."

Verleger Mohammad Hashem; Foto: Samir Grees/DW
"Literaturschaffende für den Wandel" als potenzielle Gefahr für das restaurierte autoritäre Regime: Dem Merit-Verlag warf man vor, dass er ohne Lizenz gearbeitet habe. Mohammed Hashem, der Besitzer des Verlags, wies darauf hin, dass Merit seit Jahr und Tag in Kairo seiner Tätigkeit nachgeht, und gab ironisch seiner Verblüffung über das stattliche Polizeiaufgebot Ausdruck, das man ihm auf den Hals geschickt hatte.

Auch der Schriftsteller Ahmed Naji erregte mit einer im renommierten Literaturmagazin "Akhbar al-adab" abgedruckten Passage aus seinem jüngsten Roman die sittliche Empörung eines Mitbürgers, der daraufhin vor Gericht ging. Anfang Januar wurden Naji und der Chefredaktor der Zeitschrift freigesprochen; interessant ist, dass sich hier die Verteidigung erfolgreich auf die in der Verfassung garantierte schöpferische Freiheit berief. Feinsinnig wies man zudem darauf hin, dass auch in Texten der islamischen Rechtslehre und in anderen klassischen Werken der arabischen Schriftkultur ohne Scheu eben diese Wörter verwendet worden seien, die der Kläger und die Staatsanwaltschaft als unsittlich darstellen wollten. Der Staatsanwalt allerdings zauderte nicht, den Freispruch anzufechten; am 6. Februar wird die Justizposse fortgesetzt.

Wer versucht, hinter diesen Vorgängen eine Logik oder ein System auszumachen, ist zum Scheitern verurteilt; vielmehr macht es den Anschein, dass die Irrationalität zum Ziel und Streben unserer Regierung geworden ist. Als sähe sie in der Abschaffung der Logik und in der Regellosigkeit ein geeignetes Mittel, um ihre Macht zu behaupten, ihre Gegner einzuschüchtern und ihre Anhänger so gut wie die Opposition in Angst und Unruhe zu versetzen.

Verdrängungskampf

Auch wenn die Revolution von 2011 ihre Ziele nicht erreicht hat, zeitigte sie doch einen entscheidenden Erfolg: Sie erschloss den öffentlichen Raum und befreite ihn aus dem Klammergriff der Staatsmacht. Im Jahr des Umbruchs und auch in der folgenden Zeit traten Gruppen und Organisationen hervor, die zuvor aus der Öffentlichkeit verbannt gewesen waren. Die ägyptische Gesellschaft wurde sich ihrer Diversität bewusst, man lernte Unterschiede kennen und - im besten Falle - anerkennen. Von Anfang an hatte die Revolution auch etwas von einem Karneval, einem für alle offenen Spektakel.

Trotz der Gewalt, trotz der Tatsache, dass viele ihr Einstehen für die Freiheit mit dem Leben bezahlten, erinnerte die Stimmung bei den Demonstrationen an ein Straßenfest. Immer gab es Leute, die spontan zusammen ein Lied anstimmten, kurze Sketche vorführten oder ein Gedicht vortrugen.

Obwohl der Spielraum für die progressiven Kräfte in der Folge zunehmend enger wurde, sind uns die Kunstformen der Revolte - die Graffiti, das Straßentheater, die neuen Lieder - als Erinnerung an jene Zeit geblieben. Zunächst wollte man mit dem monatlich stattfindenden Festival "Al-Fann al-Maidan" (Kunst des Maidan) der Kunst einen festen Platz in der Öffentlichkeit sichern; aber nach einiger Zeit nötigten Konflikte mit den Sicherheitskräften und Finanzierungsprobleme die Organisatoren zur Einstellung der Aktivitäten. Auch unabhängige Kulturorganisationen gerieten unter den Druck der Behörden, die sich Schritt für Schritt die Vorherrschaft über den öffentlichen Raum zurückeroberten.

Facebook-Graffiti in der Nähe des Kairoer Tahrir-Platzes; Foto: Imago
Auf dem Rückzug: "Das Internet und insbesondere die Social Media spielten bekanntlich im Januar 2011 eine entscheidende Rolle bei der Mobilisierung des Widerstands. Doch heute, an ihrem fünften Jahrestag, muss sich die Revolution wieder ins Internet flüchten", schreibt Mansura Eseddin.

Das Internet und insbesondere die Social Media spielten bekanntlich im Januar 2011 eine entscheidende Rolle bei der Mobilisierung des Widerstands. Im Vorfeld der Revolte bezeichneten einige Witzbolde auf Facebook die Aufrufe zum Protest noch spöttisch als "Event"; als die Revolution dann Fahrt aufnahm, schaute man zunächst ungläubig auf die Millionen, die jenem Ruf so umgehend Folge geleistet hatten.

Hashtag "Revolution

Die Regierung Sisi jedoch hat mittlerweile unbewilligte Demonstrationen unter Strafe gestellt; sie schwingt sich gar zur kühnen Behauptung auf, dass sie die Revolution vollenden werde, obwohl ihre Politik faktisch deren Zielsetzungen diametral zuwiderläuft.

So muss sich die Revolution an ihrem fünften Jahrestag wieder ins Internet flüchten. Unter dem Hashtag "Januar-Revolution: Ich war dabei" begegnen sich hier diejenigen, die den Geist des Widerstands verteidigen und an ihren Träumen und Ideen festhalten wollen – auch in einer Zeit, da die Teilnahme an der ägyptischen Revolution zum Straftatbestand erklärt werden kann.

Mansura Eseddin

© Mansura Eseddin 2016

Mansura Eseddin, 1976 im Nildelta geboren, ist Schriftstellerin und Journalistin. Auf Deutsch liegt "Hinter dem Paradies" vor, ihr jüngster Roman, "Smaragdberg", erschien 2014.

Übersetzt aus dem Arabischen von Angela Schader

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