Fuat Sezgin

Tradition und Aufbruch

Der Orientalist Fuat Sezgin hat mit seiner "Geschichte des arabischen Schrifttums" ein Standardwerk geschaffen. Seine Forschungsarbeiten sind aktueller denn je. Ein Porträt von Gerhard Endreß.

Der Orientalist Fuat Sezgin hat mit seiner "Geschichte des arabischen Schrifttums" ein Standardwerk geschaffen. Seine Forschungsarbeiten sind angesichts der Diskussion um Europa und den Islam aktueller denn je. Gerhard Endreß gibt einen Überblick über sein Oeuvre.

photo: Milliyet.com
Fuat Sezkin

​​Die Kultur des klassischen Islam ist eine Kultur arabischer Sprache: der Sprache der islamischen Offenbarung, des Korans. In arabischer Sprache überlieferten und in sie übersetzten gelehrte Kenner und praktische Anwender seit dem 7. Jahrhundert das Wissenschaftserbe der Antike.

Auf diesem Boden, im Dienste der islamischen Gesellschaften des Vorderen Orients, des spanischen Westens und des iranischen Ostens, entwickelten geniale Mathematiker und Astronomen, erfahrene Geographen und Ärzte, visionäre Philosophen das Weltbild einer internationalen Wissensgesellschaft.

Eines der weltweit bedeutendsten Forschungszentren für die Quellen und Erkenntnisse dieses geistigen Erbes steht in Frankfurt am Main: das Institut für Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften.

Der Gründer und Leiter des Instituts ist Fuat Sezgin, Professor emeritus für Geschichte der Naturwissenschaften an der Frankfurter Universität, Autor und Herausgeber eines wissenschaftliche Œuvres, das allein eine Bibliothek füllt, Pionier der Erforschung der islamischen Wissenschaftskultur in arabischer Sprache.

Stupende Arbeitskraft, umfassendes Wissen und nie versiegender Ideenreichtum lassen ihn seit Jahrzehnten immer neue Tore seiner Wissenschaft aufstoßen. Vor kurzem ist er 80 Jahre alt geworden — ein Junger im Geist und in streitbarer Überzeugungskraft für seine Leidenschaft und seine Ideen.

Neugründung der deutschen Orientalistik

Fuat Sezgin sieht sich selbst in der Nachfolge der deutschen Orientalistik. Eines der großen von ihm organisierten Unternehmen ist eine zehnbändige Bibliographie der deutschsprachigen Arabistik und Islamkunde.

In Istanbul studierte der türkische Student bei Hellmut Ritter, nennt ihn bis heute als seinen wichtigsten Lehrer: den deutschen Forscher, der in jahrzehntelanger Arbeit den Weg zur philologischen Erschließung arabischer, persischer und türkischer Quellen gewiesen hatte.

Ritters Arbeit an den Quellen, vor allem an den gewaltigen Schätzen arabischer Handschriften in den Bibliotheken Istanbuls, setzte Sezgin fort. Hier fasste der kaum dreißigjährige den Plan, die erste Gesamtschau dieses Erbes, Carl Brockelmanns "Geschichte der arabischen Literatur" (ersch. 1898-1949) im Lichte von Tausenden neuer Funde zu bearbeiten.

Letztlich hat er das Werk für weite Bereiche der klassischen Epoche, vor allem für die Naturwissenschaften, von Grund auf neu geschrieben: in seiner "Geschichte des arabischen Schrifttums." Hierfür hat Sezgin Hunderte von Sammlungen arabischer Handschriften in den Bibliotheken der Welt erforscht und erfasst.

Zugleich reifte in ihm eine neue Einsicht von Alter, Kontinuität und Echtheit schriftlicher Lehrüberlieferung im Islam. Ein gerechtes Urteil über die Echtheit und den Wahrheitsgehalt der vor- und frühislamischen Literatur und Tradition erforderte eine Revision der Vorstellungen vom Charakter der islamischen Überlieferung.

Ursprünge der arabisch-islamischen Wissenschaften

Sezgins türkische Doktorarbeit über die Quellen des Buchari — des Kompilators einer angesehenen Sammlung rechtsverbindlicher Traditionen des Propheten Mohammed — wies nach, dass dieser Autor des 9. Jahrhunderts auf eine Kette schriftlicher Quellen zurückgreift, die bis in den frühen Islam, also bis ins 7. Jahrhundert reichen.

Dieselbe Überzeugung verfolgte er in seinen Arbeiten über die Anfänge der arabischen Naturwissenschaften bei den frühen, auf griechischen Quellen fußenden Autoren:

Die Anfänge arabischer Chemie und Alchimie, der Naturwissenschaften überhaupt — das zweite große Thema in Sezgins Forschung — stehen auf der authentischen Überlieferung griechischer Quellen, die dem vielsprachigen Gelehrtentum der Städte Syriens und des Irak schon im 7. Jahrhundert zugänglich waren und im Zuge der Arabisierung seit dem 8. Jahrhundert übersetzt wurden.

Das Viele, für das wir keine griechischen Vorlagen kennen, ist nicht arabische "Fälschung", und vor allem: der Name Gabir, die Autorität hinter einem großen Schriftenkorpus der Alchimie, ist kein Pseudoautor, sondern der historische, älteste Rezipient der "Wissenschaften der Alten".

So rücken die Anfänge fast aller Disziplinen der Wissenschaften in arabischer Sprache mit Sezgins Ansatz um ein volles Jahrhundert voraus. Zugleich rücken die originellen Leistungen und Erkenntnisse arabischer Gelehrter in ein neues Licht.

Vom Gastdozenten zum preisgekrönten Institutsleiter

Im Jahre 1961 kam Fuat Sezgin aus seiner türkischen Heimat nach Deutschland, zunächst als Gastdozent der Frankfurter Universität. Die Geschichte der arabischen Naturwissenschaften begann von nun an seine Arbeit zu dominieren und wurde das Fach, für das er sich 1965 habilitierte.

1967 erschien der erste Band seiner "Geschichte des arabischen Schrifttums" über die historische und religiöse Literatur.

Weitere Bände des großen Standardwerks (es gibt keinen Arabisten weltweit, der es nicht zu ständiger Benutzung in seiner Reichweite hätte) kamen in schneller Folge, 1970 der Band über die medizinischen Wissenschaften, 1971 Chemie und Alchimie, 1974 Mathematik, dann die weiteren mathematischen Wissenschaften (Astronomie, Astrologie) bis 1979 (später auch Poesie, Grammatikschreibung und Lexikographie).

Im Jahre 1978 wurde Sezgin aufgrund dieser Leistung der erste Träger des Preises für Islamwissenschaften des Königs Faisal von Saudi-Arabien. Dieser wurde der Grundstock einer Stiftung, für die Sezgin in rastloser Bemühung Mittel aus weiteren arabischen Ländern einwarb, Basis des Instituts für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften, das 1982 eröffnet wurde.

Ein Strom von Publikationen des Instituts begleitete nun seine eigenen Forschungen, schöne Faksimiledrucke seltener Handschriften, Nachdrucke und Aufsatzsammlungen aus der älteren Forschung.

Einzigartige Sammlung wissenschaftlicher Instrumente

Aber der Gelehrte sammelte und bewahrte nicht nur, er stürmte weiter. Das Institut beherbergt heute eine einzigartige Sammlung wissenschaftlicher Instrumente und Modelle aus Astronomie und Geographie, Zeitmessung und Nautik, Optik, Mechanik, Chemie und Medizin des mittelalterlichen Islam.

Es sind weniger die hierfür erworbenen Originalstücke (u. a. Musikinstrumente) und die Replikate nach alten Originalen, die den Wert der Sammlung ausmachen. Es sind vor allem die von Sezgin nach den Texten des Mittelalters rekonstruierten und nach seinen Anweisungen angefertigten Stücke.

Nirgendwo sonst werden die Fortschritte arabischer Mathematiker des 9. und 10. Jahrhunderts in der projektiven Geometrie und der sphärischen Trigonometrie so deutlich wie in ihren Anwendungen auf Astronomie und Astrologie, Chronologie und Nautik, und nirgendwo so sinnfällig wie in der Anschauung der Instrumente zum Beobachten, Messen und Rechnen.

Und sinnfällig wird auch die ununterbrochene Kontinuität der Wissenschaften über Jahrhunderte und Kontinente: Instrumente aus Bagdad, aus Andalusien, aus Westeuropa, zwischen dem 9. und dem 16. Jahrhundert zeigen schlagend die Fortschritte und weltweiten Beziehungen.

Leistungen der islamischen Geographie und Kartographie

Am eindrucksvollsten zeigt Sezgin dies auf dem Gebiet, dem er sich seit einem Jahrzehnt mit seiner ganzen Leidenschaft als Forscher verschrieben hat: der mathematischen Geographie und ihrer Anwendung in der Kartographie. Die drei zuletzt erschienenen Bände seiner "Geschichte des arabischen Schrifttums" sind diesem Feld gewidmet.

Systematische Beobachtungen und Vermessungen in Verbindung mit neuen geometrischen und trigonometrischen Verfahren ermöglichten genaueste Bestimmung der Koordinaten, Größenverhältnisse und Positionen, führten zu bedeutenden Revisionen der Erdkarte und ermöglichten schon um das Jahr 1000 eine genaue Kartierung des islamischen Ostens durch den großen Biruni.

Dazu kommt nun Sezgins Entdeckung, dass allein das Vorbild islamischer Karten die Fortschritte der europäischen Kartographie in der frühen Neuzeit schlüssig erklären kann.

Eine gemeinsame wissenschaftliche Tradition

Zwei Gedanken stehen über Fuat Sezgins Arbeit: Das Genie der arabischen Wissenschaftskultur vollendet die griechische und befruchtet den Aufbruch Europas. Und: Es gibt eine gemeinsame Tradition wissenschaftlicher Ratio — Europa und der Islam sprechen eine gemeinsame Sprache. Diese zwei Leitgedanken sind heute, angesichts erbitterter Diskussionen um den Islam und um den Weg der Türkei nach Europa, von höchster Aktualität.

Gerhard Endreß

Zuerst erschienen in: Frankfurter Rundschau, 26. 10. 2004

Gerhard Endreß ist Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

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