Fremdenfeindlichkeit in Deutschland

Das Elend des Pegida-Journalismus

Wer eine "Ablehungskultur" herbeischreibt, muss sich über den deutsch-türkischen Autor Akif Pirincci nicht wundern, und auch nicht, dass dann einmal jemand zusticht. Ein Debattenbeitrag von Robert Misik

Jetzt plötzlich sind alle ganz entsetzt über Pegida, nachdem vergangenem Montag der rechtsradikale Bestsellerautor Akif Pirincci vom Demowagen in Dresden herab die Worte schleuderte: "Es gäbe natürlich auch andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb." Wobei Pirincci in gewohnter rechtsradikaler Borderline-Akkrobatik im Kontext seiner Rede offen ließ, wie er den Satz meinte.

Meinte er, dass die KZs "leider" nicht für die Lösung der Flüchtlingssituation zur Verfügung stehen? Oder meinte er in milieutypischer rechtsradikaler Paranoia, Regierung, herrschende Mächte, "das System", sie wollten die deutsche Bevölkerung austauschen, und machten das auf schleichende Weise, weil ja "die KZs leider außer Betrieb" seien? Was war das also, mieseste Nazi-Hetze, oder ein irres Phantasma der Selbst-Viktimisierung? Egal - Pirincci wusste schon, wie die Sätze auf sein Publikum wirken, und hat sie absichtlich in einen Kontext gestellt, der es ihm erlaubt, sich im Notfall rauszureden.

Jetzt sind alle ganz empört. Über Pirincci. Generell über die gewalttätige Mob-Stimmung bei den Pegida-Demonstrationen. Über die Folgen der rechtsextremen Hetze, wie etwa den Mordversuch an der Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker. Aber die Messerstecher, die Flüchtlingsheim-Abfackler und der Demonstrantenmob, sie kommen natürlich nicht aus dem Nichts.

Von der rechten Mitte bis an die radikalen Ränder

Tatsächlich hat sich längst eine Art Pegida-Publizistik etabliert, der von der rechten Mitte der Gesellschaft in einigen Grauabstufungen bis an die radikalen Ränder reicht. Da schwadroniert der Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer angstbebend von "muslimischen Männern", einer "Maskulinisierung des öffentlichen Raumes", andere wiederum brauchen nur diese Stichworte, um sich dann gleich ganz toll um "blonde deutsche Frauen" zu sorgen.

Beliebt ist auch, streng zu fordern, die Flüchtlinge aus Syrien müssten sich aber jetzt ganz schnell zu "unseren Werten" bekennen, also zu Toleranz, Friedfertigkeit und Demokratienormen - womit natürlich der implizite Generalverdacht verbunden ist, dass sie das nicht ohnedies täten -, was schon reichlich absurd ist, bedenkt man, dass sie ja nicht grundlos und ohne jede Absicht aus einem von Krieg und Hass verheerten Land zu uns geflohen sind.

Pegida-Demonstranten in Dresden; Foto: picture-alliance/dpa/M. Kappeler
"Jetzt sind alle ganz empört. Über die gewalttätige Mob-Stimmung bei den Pegida-Demonstrationen. Über die Folgen der rechtsextremen Hetze, wie etwa den Mordversuch an der Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker. Aber die Messerstecher, die Flüchtlingsheim-Abfackler und der Demonstrantenmob, sie kommen natürlich nicht aus dem Nichts", schreibt Misik.

Ob das Bekenntnis zu "unseren Werten" täglich zu leisten ist, oder ob einmal im Leben reicht, ob gegebenenfalls vor irgendwelche Kommissionen geschworen werden muss, all das wird nicht dazu gesagt. Ist ja auch nicht nötig, die Saat ist gelegt, im Sinne von: "diese Araber sind irgendwie unheimlich". Man findet diese Postulate in Leitartikeln der FAZ genauso wie in rabiat-islamfeindlichen Blogs wie "Politically Incorrect", über Broder, Sarrazin und Konsorten braucht man hier keine weiteren Worte verlieren. Die Sache ist klar: Eine ganze publizistische Strömung hat in den vergangenen Wochen nichts unversucht gelassen, die "Willkommenskultur" durch eine "Ablehnungskultur" zu ersetzen.

Böse Zungen könnten die Frage anschließen, wie sehr sich die Flüchtlinge an die Kultur des Pegida-Journalismus anpassen sollen? Müssen sie gar jetzt ihre Flüchtlingsheime selbst abfackeln?

Pegida-Journalismus als Verbündeter des islamischen Extremismus

Dabei erweist sich unser Pegida-Journalismus wieder einmal als in Wahrheit engster Verbündeter des islamischen Fundamentalismus, nicht als sein Antipode. Die "Willkommenskultur" an den Bahnhöfen, an den Grenzen, in den Kommunen war ja der schwerste Schlag, den der antiwestliche Fundamentalismus in den vergangenen Jahren erhalten hat, wirksamer als jede Drohne.

Muslimische Flüchtlinge, denen von "christlichen Europäern" selbstlos geholfen wurde, diese Bilder wurden via Al-Jazeera und anderen Sendern in der gesamten islamischen Welt übertragen. "Man erzählt uns, Ihr seid die Ungläubigen, dabei seid Ihr die wahren barmherzigen Muslime", sagte etwa ein syrischer Mann in die Kameras.

Robert Misik; Foto: privat
Robert Misik lebt als Publizist in Wien. Vor Kurzem erschien im Wiener Picus-Verlag sein Buch "Was Linke denken - Ideen von Marx über Gramsci zu Adorno, Habermas, Foucault & Co.".

Diese Bilder konterkarierten den Kern der islamistischen Propaganda, nämlich die Behauptung, "das Leid von Muslimen interessiert im Westen niemand". Kein Wunder, dass der IS tobte über die "falschen Muslime, die sich den Ungläubigen in die Arme werfen". Am Wiener Westbahnhof wollten sich Salafisten als freiwillige Helfer getarnt an Flüchtlinge ranschmeißen - diese alarmierten die Polizei und den österreichischen Verfassungsschutz.

Umgekehrt freilich ist natürlich niemals auszuschließen, dass sich auch die jetzige Flüchtlingsgeneration, wenn sich die vom Pegida-Journalismus geschürte "Ablehnungskultur" durchsetzt, zurückgestoßen fühlen und damit im Laufe der Zeit das "Wir gegen die", das "Wir gegen den Westen"-Narrativ wieder an Terrain gewinnt. Die Unterstellung des Pegida-Journalismus, dass "die eben nicht zu uns passen", wäre dann zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung geworden. Das ist es eigentlich, was ihn so gefährlich und verabscheuungswürdig macht.

Erfunden und lanciert

In dieses Panorama des Pegida-Journalismus gehört die Tatsache, dass es vollkommene oder halbe Falschmeldungen über "Gewalt" in Flüchtlingsunterkünften faktisch in Minutenschnelle auch in seriöse Zeitungen schaffen. Die meisten dieser gestreuten Meldungen sind gänzlich erfunden.

Aber auch die mit minimalem Wahrheitsgehalt sind von der Art wie jene Nachricht, die es vor einigen Wochen in die Schlagzeilen brachte. Darin war zu lesen, Flüchtlinge hätten sich um Hilfsgüter geschlagen und ein Großaufgebot der Polizei musste einschreiten. Es stellte sich dann bald heraus, dass diese Formulierung nicht einmal falsch ist, nur ein völlig falsches Bild insinuiert.

Tatsächlich war eine Politikerin der Grünen mit Hygieneartikel einfach in eine Flüchtlingsunterkunft gestapft, sie hatte sie etwas ungeschickt verteilt, sodass es zu einem kurzen Gerangel kam - wie man es jeden Samstag beim Einlass in Fußballstadien beobachten kann, ohne dass darüber berichtet würde -, die Polizei wurde alarmiert, aber als sie eintraf, war das Geschubse längst schon wieder vorbei. Ein Nullevent, der es sogar auf die Seite 1 der Zeitungen schaffte und keinen anderen Zweck erfüllte, als Unsicherheit in der Bevölkerung über das anscheinende Gewaltpotential unkontrollierbarer Flüchtlingsmassen zu schüren.

Wer als Journalist so arbeitet, braucht sich über Pirincci und die von ihm aufgeganselten Hetzmassen nicht zu ekeln. Wer verrückte Bedrohungsszenarien aufbaut, braucht dann auch nicht erschrocken tun, wenn - wie in Köln - einer zusticht.

Robert Misik

© Qantara.de 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Das Elend des Pegida-Journalismus

Ein schöner Kommentar! Wir müssen sehr viel Zivilcourage zeigen und auf die Strassen gehen, sonst wird man die Demagogen und Scharlatane der Pegida nicht los. Sie drohen die öffentliche Meinung in Deutschland zu vergiften!

Jörg Nehm22.10.2015 | 11:41 Uhr

Guter Essay, mehr davon!

Meiereg23.10.2015 | 12:25 Uhr

vielen dank für die wahren worte ! solche artikel brauchen wir, danke!

arnoldi23.10.2015 | 13:56 Uhr

Direkt gerade raus und endlich ausgesprochen. Endlich wieder Lust einen Artikel ganz zu lesen - gerne sogar mehr davon.

Justus Kindermann24.10.2015 | 10:04 Uhr

Ich kann die Behauptung, es gäbe in Deutschland - mangels Kenntnis kann ich Medien in Österreich oder der Schweiz nicht beurteilen - einen "Pegida-Journalismus" nicht nachvollziehen. Es stimmt, dass die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung regelmäßig Kommentare publiziert, die z.B. darauf aufmerksam zu machen, dass in Deutschland andere Spielregeln gelten als dort, wo die Geflüchteten herkommen, darauf hinzuweisen halte ich für selbstverständlich. Oder die aufzeigen, dass man sich auch Gedanken darüber machen muss, wie die mancherorts bereits erschöpften Aufnahmekapazitäten administrativ angegangen werden können, das sind alles keine einfachen, sondern vielschichtige Probleme. Wenn schon das für den Verfasser reicht, um die FAZ in eine Reihe mit PI und anderen extremen Medien (es fehlt in dem Artikel eigentlich nur noch der Kopp-Verlag) zu stellen, dann kann ich darüber nur den Kopf schütteln.

Ganz im Gegenteil ist es so, dass _die_ Medien (ja, so pauschal würde ich das sagen) die überaus große Willkommenkultur, die die deutsche Bevölkerung mit ihrer umfassenden Hilfbereitschaft den ankommenden Flüchtlingen an Bahnhöfen und Unterkünften entgegengebracht hat, breit dargestellt und immer wieder aufgegriffen hat, es gab und gibt diesbezüglich bis zum heutigen Tag eine sehr breite mediale Berichterstattung über die Hilfbereitschaft gegenüber Flüchtlingen. Anderes Beispiel: Selbst eine ausdrückliche Klarstellung der Polizei Vorpommern-Greifswald in den sozialen Medien, es habe durch die Aufnahme von Flüchtlingen in der Region keinen Anstieg der Kriminalität gegeben, fand eine große mediale Verbreitung in den letzten Tagen. Dass Journalisten, vor allem in lokalen Presseerzeugnissen, auch über einzelne Vorkommnisse in diesem Zusammenhang berichten, halte ich im Gegenzug aber ebenfalls für journalistisch selbstverständlich und geboten.

Ich glaube, diesem Artikel täten mindestens ein paar mehr Belege als die vorgebrachten Pauschalurteile über die deutsche Medienlandschaft für die Untermauerung der hier aufgestellten Behauptungen gut, ich habe aber den Verdacht, dem Autor ging es um etwas ganz anderes.

Mit freundlichen Grüßen

Erika Meier

Erika Meier26.10.2015 | 17:15 Uhr

Sorry aber was für ein Blödsinn! Irgendwie hat der Autor einen sehr merkwürdigen Blick auf die Realitäten. Ich habe in Deutschland (und ich lese viele Zeitungen) noch keinen expliziten "Pegida-Journalismus" entdecken können. Im Gegenteil! Und wer PI (sind die Betreiber und die Blogger neuerdings "Journalisten"?) mit FAZ, Broder (und "Konsorten") in einen Topf wirft, der muss ein ziemlich krasses Problem haben.

Ingrid Wecker27.10.2015 | 18:34 Uhr

Als blonde Frau ist man oft sexistischer Anmache von muslimischen Männern ausgesetzt. Ich weiß, sie hören das nicht gern und werden es abstreiten. Wie blonde Frauen sich fühlen, interessiert eh keinen. Die sollen als Sexobjekt herhalten und gefälligst das Maul halten und sich nicht beschweren. Mir ist ja oft aufgefallen, dass linke Schreiberlinge gerne blonde Frauen abwerten. Blonde Tussi, blondes Gift, blond=blöd kann man da oft in den Zeitungen lesen. Als Feindbild für Linke dürfen Blonde gern herhalten.

Sophie Meier03.11.2015 | 00:39 Uhr