Frauenrechte im Iran

Schleierzwang – ein Ende in Sicht?

Seit der Islamischen Revolution von 1979 begann das Regime, Frauen den Schleier aufzuzwingen. Doch der Widerstand dagegen hat nie aufgehört, auch wenn er sich mittlerweile verändert hat. Heute scheint der Schleierzwang nicht mehr in Stein gemeißelt zu sein, wie Nasrin Bassiri berichtet.

"Der Hidschab lässt sich nicht mit Zwang einführen, genauso wie die Entschleierung der Frauen durch Reza Khan nicht erzwungen werden konnte." Dieser Satz stammt nicht etwa von einem Mitglied der Frauenrechtsbewegung im Iran, einem Regimekritiker oder einer Reformpolitikerin. Er stammte vom 73-jährigen Ayatollah Ahmad Alamollhoda, Vertreter des obersten religiösen Führers des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, in der heiligen Stadt Mashhad, sowie Mitglied des Expertenrats, einem aus 88 alten Männern bestehenden Gremium, das den Obersten Führer wählen, kontrollieren und absetzen darf.

Um diese späte Erkenntnis zu ergründen, ist ein Blick in die Geschichte des Schleierzwangs im Iran nötig.

Der Versuch, Frauen den Schleier aufzuzwingen, begann bereits zwei Wochen nach der Revolution. Am 7. März 1979 hielt Ayatollah Ruhollah Khomeini eine Rede: Es sei ihm berichtet worden, dass Frauen in Ministerien "nackt" – gemeint war: ohne Kopfbedeckung – ein und ausgingen. Künftig sollten sie nur noch mit islamischer Bekleidung – dem sogenannten Hidschab – das Haus verlassen und im öffentlichen Dienst arbeiten, "statt sich zu schminken und ihre Reize zu zeigen", so Khomeini.

Proteste gegen Khomeinis Schleierzwang

Gleich am nächsten Tag, am 8. März 1979, protestierten in Teheran Zehntausende Frauen und Mädchen auf der Straße gegen den Schleierzwang. Viele Schulen blieben geschlossen, weil Schülerinnen den Klassen fernblieben und stattdessen die Straßen bevölkerten. Die Angestellten des Außenministeriums und der staatlichen iranischen Fluggesellschaft weigerten sich, Kopftücher anzulegen und mussten deshalb ihrer Arbeit fernbleiben. Sie protestierten vor ihren Arbeitsplätzen oder schlossen sich den Demonstrantinnen an. Die Proteste waren spontan und erfolgten ohne Vorbereitung.

Ayatollah Ahmad Alamolhoda; Quelle: Twitter
Ayatollah Ahmad Alamollhoda: "Der Hidschab lässt sich nicht mit Zwang einführen, genauso wie die Entschleierung der Frauen durch Reza Khan nicht erzwungen werden konnte."

Einige hundert Menschen waren anlässlich des Internationalen Frauentags in Hörsälen der Teheraner Universität versammelt. Spontan beschlossen sie, zur staatlichen Fernsehanstalt zu marschieren, weil dort am Abend zuvor bei der Wiedergabe der Khomeini-Rede beleidigende Äußerungen über Frauen im Fernsehen gefallen waren. Die Demonstrantinnen riefen: "Anstand und Reinheit sind innere Werte und haben mit dem Hidschab nichts zu tun. Wir haben gemeinsam mit Männern der Revolution zum Sieg verholfen, nun wollen wir genau wie sie in Freiheit leben."

Die Nachricht über die Proteste verbreitete sich wie ein Lauffeuer, weitere Frauen schlossen sich spontan den Demonstrantinnen an. Beeindruckende Bilder und Filmaufnahmen zeigen, wie sie auf der Straße ihre Freiheit verteidigten. Auch viele voll verschleierte Frauen waren darunter - etwa Mütter, die selbst aus Tradition einen schwarzen Umhang trugen, sich aber für die Freiheit ihrer Töchter einsetzten.

"Entweder Kopftücher oder Schläge"

Die Nachmittagszeitungen des 8. März zeigten Bilder von protestierenden Frauen gleich neben den Äußerungen von Khomeini auf den Titelseiten. Doch die Khomeini-Anhänger ließen die Demonstrantinnen nicht gewähren. Halbstarke liefen durch die Straßen oder fuhren mit Motorrädern durch Teheran und beschimpften die Protestierenden als Huren. "Entweder Kopftücher oder Schläge auf den Kopf" lautete eine gängige Parole der Khomeini-Getreuen in diesen Tagen. Es gab tätliche Angriffe etwa mit Schlagstöcken oder Tritte.

Einflussreiche Persönlichkeiten wie etwa der linksliberale Gelehrte Ayatollah Mahmoud Taleghani, geschätzt von Khomeini ebenso wie von dessen Widersachern, meldeten sich wenige Tage nach den Demonstrationen zu Wort. "Der Hidschab ist kein Muss" – dieser Satz Taleghanis stand in riesigen Buchstaben auf der Titelseite der wichtigen Tageszeitung Ettelaat. Weiter hatte der Ayatollah gesagt: Diese Aussage stamme nicht von ihm oder dem obersten religiösen Führer: "So steht es exakt und ohne Wenn und Aber im Koran."

Khomeini scheiterte mit seinem Appell für islamische Bekleidung trotz der Kampagne seiner Anhänger. Die Iranerinnen gingen noch am 30. und 31. März 1979 mit und ohne Schleier zu den Wahlurnen, um über die Errichtung einer Islamischen Republik abzustimmen.

Doch ihr Sieg war nicht von Dauer. Kurz Zeit später mussten Lehrerinnen sich als "Vorbilder" für die Gesellschaft gänzlich islamisch kleiden, ebenso wie Schülerinnen ab dem Alter von neun Jahren. Khomeini griff im Juni 1980 die Regierung scharf an, weil sie nicht in der Lage war, die Zwangsverschleierung in den Behörden durchzusetzen. Schließlich kündigte die iranische Regierung unter Staatspräsident Abolhassan Banisadr am 7. Juli 1980 an, dass künftig Frauen, die unverschleiert zum Dienst erschienen, keine Gehälter mehr bekommen.

Angestellte diverser Ministerien und Behörden oder anderer staatlicher Einrichtungen wie Flughäfen wurden von nun an nicht mehr an ihre Arbeitsplätze gelassen, wenn sie ohne Kopftücher erschienen. Wer nicht bereit war, sich dem Zwang zu unterwerfen, quittierte den Dienst. Andere legten die Kopftücher erst beim Betreten des Gebäudes unter den Blicken der Sittenwächter an und beim Hinausgehen wieder ab. Auch Frauen, die Behördengänge zu erledigen hatten, bei der Bank oder bei der Post Erledigungen machten, mussten sich vorsorglich islamisch bekleiden, wenn sie das Haus verließen.

Es war also keine Überraschung mehr, als wenig später angekündigt wurde, Frauen dürften von nun an nur noch in islamischer Kleidung auf die Straße, also in langen Mänteln in dunklen Farben, langen Hosen und mit Kopftüchern.

Das erste Gesetz, das Verstöße gegen den Schleierzwang unter Strafe stellte, wurde 1983 verabschiedet. Laut Paragraf 102 des iranischen Strafgesetzes werden seither nicht islamisch korrekt bekleidete Frauen zu zehn Tagen bis zwei Monaten Gefängnis oder Geldstrafen auferlegt.

Frauen der Mittelschicht gegen den Schleierzwang

Das Thema Hidschab ist von der Frauenrechtsbewegung im Iran nicht in den Mittelpunkt gerückt worden. Die Aktivistinnen haben sich eher gegen die viel gravierendere rechtliche Benachteiligung von Frauen eingesetzt: gegen die Steinigung, für das Recht auf Scheidung und das Sorgerecht der Mütter für ihre Kinder, gegen häusliche Gewalt, gegen Berufsverbote, Männerquoten an Hochschulen, Erbrecht etc. Darüber haben sie Artikel und Bücher geschrieben, Seminare veranstaltet, an Konferenzen und Kongressen teilgenommen, aufgeklärt und demonstriert. Sie sind deshalb verhaftet worden und haben Proteste organisiert, um die Verhafteten frei zu bekommen.

Das Thema islamische Bekleidungsordnung hatten sie den politisch weniger ambitionierten Frauen aus der Mittelschicht überlassen. Vor allem diese "Einzelkämpferinnen" waren es, die sich seit fast 40 Jahren kontinuierlich und sichtbar auf den Straßen dem Willen der Obrigkeit widersetzten.

Frauenrechtlerinnen glaubten eine Zeit lang, dass es der islamischen Regierung gar nicht um den einen Quadratmeter Stoff ging, wenn sie die Sittenwächterinnen auf Frauen losließ oder diese vor "dem moralischen Verderben" retten wollte. Sondern darum, Frauen wie Männer zu verunsichern, ihnen Angst einzujagen und ihre eigene Autorität zu sichern. Menschen, die täglich ihre Ohnmacht spüren, sind nicht in der Lage, sich dem Willen der Obrigkeit zu widersetzen.

Doch seit einigen Jahren begehren junge Frauen im Iran nicht mit Bitterkeit, sondern kreativ und lustvoll gegen die islamische Kleiderordnung auf. Sie sind zahlreicher geworden, zumeist nicht organisiert und handeln auf eigene Faust. Sie betrachten ihre Autos als Privatraum und nehmen dort die Kopftücher herunter. In Langstreckenbussen werden die Vorhänge zugezogen, es wird laute Musik gespielt und getanzt. In U-Bahnen oder Bussen legen sie plötzlich ihre Kopftücher ab und lassen sich dort filmen. Sie sind lebensfroh, fangen in Einkaufspassagen trotz des Gesangsverbots für Frauen an zu singen, Passanten bleiben stehen, applaudieren oder spenden Geld.

Das kleinere Übel für die religiöse Obrigkeit

Es handelt sich hierbei weder um organisierte Protestaktionen noch um prominente Frauenaktivistinnen. Und kaum jemand setzt sich für die Freilassung derjenigen ein, die bei solchen Aktionen verhaftet werden. Denn in diese werden von der Obrigkeit nicht als politische Rebellionen verstanden. Oft sind es junge Mädchen, die spontan entscheiden, sich für eine halbe Stunde den Gesetzen zu entziehen. Nicht zuletzt wollen sie damit auch sich selbst und ihren Freundinnen gegenüber Mut beweisen.

Doch nicht nur unbekannte Iranerinnen produzieren solche Bilder. Naimeh Eshraghi, eine Enkelin des Republikgründers Khomeini, erscheint stark geschminkt in der Öffentlichkeit, wo Frauen seit Jahrzehnten wegen der Verwendung von Lippenstift oder Nagellack von Sittenwächtern belangt wurden. Ihre Tochter Naima Taheri, die in Kanada studiert, erschien dort jüngst bei einer Preisverleihung in High Heels, hautenger Hose und einem Oberteil mit durchsichtigen Ärmeln. Azadeh Namdari, Starmoderatorin des staatlichen Fernsehens und Vorzeigefrau, weil sie immer als Befürworterin der strengsten Form des Hidschabs auftrat, zeigten Fotos ohne Kopftuch und mit einer Flasche Bier in einem Schweizer Park.

Dass der ultrakonservative Kleriker, Politiker und Khamenei-Freund Alamollhoda ausgerechnet jetzt offenbart, der Hidschab ließe sich nicht mit Zwang durchsetzen, könnte mit dem dringenden Bedürfnis erklärt werden, das Gesicht der Machthabenden zu wahren.

Wenn man Frauen mit unbedecktem Haar nicht mehr festnehmen und wegsperren kann, weil sie es inzwischen zu viele sind, die keiner Organisation angehören und auf eigene Faust handeln, bleibt der Obrigkeit nichts übrig, als sich in deren Richtung zu bewegen – um zu verhindern, dass sie sichtbar für alle unbestraft gegen geltendes Recht verstoßen. Eine Lockerung des Kopftuchzwangs wäre für sie wohl leichter zu ertragen als ein umfassender Macht- und Autoritätsverlust.

Nasrin Bassiri

© Iran Journal 2017

Dr. Nasrin Bassiri ist Autorin, Journalistin und Frauenbeauftragte an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin.

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