Frauen und arabisch-islamische Bildung

Pionierinnen der Wissenschaften

Die weltweit erste Universität wurde von einer Muslimin gegründet. Und auch die Gründung einer der renommiertesten und ältesten Universitäten geht auf eine arabische Prinzessin zurück. Frauen spielten eine herausragende Rolle bei der Errichtung von Schulen und waren in der gesamten Geschichte des Islam Förderer der Wissenschaften. Von Tharwat Al-Batawi

Unser Geschichtsbild ist von vielen Widersprüchen geprägt. Einer sticht allerdings besonders hervor: Die lange Tradition arabischer und muslimischer Frauen in leitender Funktion von Bildungseinrichtungen will nicht zu den Problemen passen, denen Frauen in heutigen arabischen Gesellschaften ausgesetzt sind, wenn sie ihr Recht auf Bildung einlösen wollen. Dass dieses Recht besteht, wurde erst im vergangenen Jahrhundert bestätigt, wird aber in einigen fundamentalistischen Kreisen bis heute angefochten.

Von den Edelfrauen der Ayyubiden-Dynastie bis zu den Mamluken: Es waren Frauen, die zahlreiche Schulen in Ägypten, in der Levante, im Jemen und im Irak gründeten.

Muslimische Frauen trieben Mitte des 19. Jahrhunderts sogar ein einzigartiges Bildungssystem in Westafrika voran. Zuvor hatte Raziah, Sultanin im Sultanat Delhi, bereits Schulen gegründet und Wissenschaftler unterstützt.

Die Rolle der arabischen und muslimischen Frauen war jedoch nicht auf die Errichtung von Schulen und Universitäten beschränkt. Einige waren selbst Wissenschaftlerinnen und Gelehrte.

Klassische biografische Nachschlagewerke sind voll mit Geschichten über herausragende weibliche Gelehrte in den islamischen Rechtswissenschaften und den Hadithen. Darunter waren Sayyidah Nafisah bint al-Hasan, Shahda Bint al-Ibary al-Katib, Fatima bint Muhammad ibn Ahmad al-Samarqandi, Hujaimah bint Huyai al-Washshabiyah, Asma bint Asad bin al Faraat, Khadija bint Imam Sahnoun und Mas'uda al- Wazzktiah sowie weitere.

Fatima al-Fihri: Gründerin der weltweit ersten Universität

Nur wenige wissen, dass die Universität al-Qarawīyīn im marokkanischen Fès – die weltweit älteste Universität – im Jahr 859 von einer Frau gegründet wurde: der arabischen Muslimin Fatima al-Fihri. Aus der langen Geschichte dieser renommierten Universität gingen viele Gelehrte in Philosophie, Religion und arabischer Literatur hervor.

Eingangsportal der Moschee der Universität al-Qarawīyīn im marokkanischen Fès; Foto: Anderson Sady/Wikipedia
Nur wenige wissen, dass die Universität al-Qarawīyīn im marokkanischen Fès – die weltweit älteste Universität – im Jahr 859 von einer Frau gegründet wurde: der arabischen Muslimin Fatima al-Fihri. Aus der langen Geschichte dieser renommierten Universität gingen viele Gelehrte in Philosophie, Religion und arabischer Literatur hervor.

Al-Fihri war die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns. Während der Regentschaft von Prinz Yahya bin Mohammed bin Idris siedelte ihre Familie von Kairouan (heute Tunesien) nach Fès über.

Als Tochter aus einer wohlhabenden Familie erwarb sie vom Nachlass ihres Vaters ein Stück Land, auf dem sie die Qarawīyīn-Moschee mit angeschlossener Schule errichtete. Den Auftrag für den Bau erteilte sie im Monat Ramadan im Jahr 245 nach Hidschra-Zeitrechnung. Sie ließ dort einen Brunnen bohren, der bis heute erhalten ist.

Die Moschee war zunächst eine rein religiöse Einrichtung und entwickelte sich später zur größten arabischen Hochschule im Maghreb. Sie besteht als akademische Bildungseinrichtung bis heute.

Sitt al-Shām: Patronin der Wissenschaften

In der Geschichte und klassischen Literatur gilt sie als Patronin der Wissenschaften und Künste. Bekannt wurde sie als großzügige Stifterin und Gründerin mehrerer Schulen. Ihr offizieller Name lautete Sitt al-Shām Zumurrud Khatun bint Najm al-Din Ayyub, die zweite Schwester von Saladin, dem ersten Sultan von Ägypten.

Sitt al-Shām widmete sich der Wohltätigkeit, förderte aber auch die Wissenschaften durch Gründung von zwei Schulen, den sogenannten Madrasas. Die erste ist die al-Madrasa al-Shamiyah al-Kubra. Sie wurde 1186 im syrischen Damaskus erbaut. Sitt al-Shām verpflichtete dort die besten Gelehrten der damaligen Zeit und bestand darauf, dass diese an keinen anderen Madrasas lehrten, damit sie sich voll und ganz ihren Studenten widmen konnten. Gleichzeitig stattete sie die Schule großzügig mit Geldern aus ihrem Vermögen aus.

Ihr eigenes Haus baute sie in eine weitere Madrasa um und entwickelte diese zu einer der größten und renommiertesten Madrasas in Damaskus. Als Leiter der Schule gewann sie den bekannten Gelehrten Ibn al-Salah.

Die Edelfrauen der Ayyubiden und die Bildung

Neben Sitt al-Shām hatten die Edelfrauen der Ayyubiden-Dynastie (die sogenannten Khatuns) großen Einfluss auf die Bildung, indem sie Schulen errichteten, die Wissenschaften unterstützten und Stiftungen gründeten.

Ein prominentes Beispiel ist Om Shams al-Mulûk, die eine Schule in Khatuniyah erbaute. Als Schirmherrin von Bildungsprojekten gründete sie Madrasas in Aleppo, Hama, Damaskus und Kairo.

Sultanin Raziah: Gründerin der Delhi-Schulen

Die Sultanin Raziah erbaute Hunderte von Schulen und Bibliotheken. Unter ihrer Regentschaft erblühten die Wissenschaften. Raziah war die Tochter von Sultan Shams ad-Din Iltutmish, der sein Leben als türkischer Sklave begann und als Sultan von Delhi beendete. Raziah war die einzige Frau, die jemals das Sultanat Delhi regierte, und die erste muslimische Regentin in Südasien.

Während ihrer Herrschaft als Sultanin von 1236 bis 1240 reformierte sie das Regierungssystem grundlegend. Sie galt im Volk als beliebt und ist bis heute dank zahlreicher Gedichte, Romane und Filme im kulturellen Gedächtnis Indiens verankert.

Sultanin Raziah; Quelle: Raseef22
Indiens populäre Sultanin: Raziah erbaute Hunderte von Schulen und Bibliotheken. Unter ihrer Regentschaft erblühten die Wissenschaften. Sie war die einzige Frau, die jemals das Sultanat Delhi regierte, und die erste muslimische Regentin in Südasien. Während ihrer Herrschaft als Sultanin von 1236 bis 1240 reformierte sie das Regierungssystem grundlegend. Sie galt im Volk als beliebt.

Königin Al-Adar Al-Karima: Gründerin der jemenitischen Madrasas

Al-Adar Al-Karima war die Mutter von König Ali Dawoud, dem fünften Regenten der Rasuliden-Dynastie im Jemen. Sie übernahm die Regierungsgeschäfte für 14 Monate, als ihr Sohn in Ägypten festgehalten wurde. Während dieser Zeit gelang es ihr, das Land zu stabilisieren und drohende Aufstände zu befrieden.

Sie hatte großen Einfluss auf das Bildungssystem im Jemen. So errichtete sie in der Stadt Zabid die Madrasa Islahiya sowie weitere Madrasas im Wadi Zabid und in Taiz. Bevor sie 1361 in Taiz starb, stattete sie jede Madrasa mit ausreichenden Mitteln zu deren Erhalt aus.

Tatar al-Hijaziyya

Die ägyptische Prinzessin Tatar al-Hijaziyya errichtete die Madrasa al-Amirah Tatar al-Hijaziyya mit angeschlossener Bibliothek, Moschee und einem Waisenhaus. Sie war Tochter von al-Malik an-Nasir Muḥammad bin Qalawūn, dem bedeutendsten Mamlukensultan der Bahri-Dynastie in Ägypten.

Khawand Baraka: Gründerin der Madrasa Umm al-Sultan

Khawand Baraka, Mutter des ägyptischen Mamluken-Sultans al-Aschraf Schaban, errichtete 1370 die Madrasa Umm al-Sultan Schaban. Im Eingangsbereich befand sich ein öffentlicher Brunnen, der Sabil. In dem Komplex aus Madrasa und Mausoleum wurde später ihr Sohn beigesetzt.

Naila Khatun: Gründerin der Madrasa Mouradia in Bagdad

Naila Khatun war die Frau von Murad Effendi Moktobjee, einem bekannten Adeligen des osmanischen Reichs im Irak. Nach dem Tod ihres Ehemanns brachte sie dessen Haus in Bagdad 1874 in eine Stiftung mit Namen Madrasat Mouradia ein.

Für ihre Schule verpflichtete sie einen Lehrer, einen Imam, einen Muezzin und mehrere Bedienstete und verfügte, dass sich rund um die Uhr stets 20 Studierende in der Schule aufzuhalten hatten.

Nana Asma'u: Lehrerin in Westafrika

Nana Asma'u, Tochter des Kalifen Usman dan Fodio, war Gelehrte, Dichterin und bekannte Förderin von Bildung und Wissenschaften. Im nördlichen Nigeria wird sie bis heute verehrt.

Nana Asma'u gründete eine Bewegung zur Unterrichtung von Frauen im Lesen und Schreiben sowie in verschiedenen handwerklichen Künsten.

Sie hinterließ einen reichen Schatz an literarischen Werken und Lehrgedichten. Ihre Schülerinnen wurden später selbst Lehrerinnen und gaben das erworbene Wissen an andere Frauen weiter. Mehrere Schulen und muslimische Frauenorganisationen sind nach ihr benannt.

Prinzessin Fatima Bint Ismail: Landschenkung an die Universität Kairo

Wie erwähnt, geht die Gründung der weltweit ältesten Universität auf eine arabische Frau zurück. Aber man kann die Universität Kairo als eine der renommiertesten Hochschulen der Welt nicht erwähnen, ohne Prinzessin Fatima Bint Khedive Ismail zu nennen.

Sitt al-Shām; Quelle: Raseef22
Patronin der Wissenschaften: Sitt al-Shām widmete sich der Wohltätigkeit, förderte aber auch die Wissenschaften durch Gründung von zwei Schulen, den sogenannten Madrasas. Ihr eigenes Haus baute sie in eine weitere Madrasa um und entwickelte diese zu einer der größten und renommiertesten Madrasas in Damaskus.

Fatima schenkte der Universität Land am damaligen Stadtrand von Kairo, auf dem die renommierte Hochschule erbaut wurde. Zur Fertigstellung der Universität stiftete sie zudem 674 Morgen Land im Nildelta sowie ihre private Schmucksammlung, die zur damaligen Zeit einen Gegenwert von 18.000 ägyptischen Pfund hatte. Fatima stiftete zudem zahlreiche Bücher und wertvolle Manuskripte, die ihre Familie als Gastgeschenke bei Staatsbesuchen erhalten hatte.

Und sie ließ es sich nicht nehmen, 1914 den Grundstein der Universität aus eigener Tasche zu zahlen.

Königin Iffat: Vorreiterin der Frauenbewegung in Saudi Arabien

Aus den für die Frauenbildung in der islamischen Welt bemerkenswerten Frauen ragt Königin Iffat al Thunayan heraus, Frau des verstorbenen saudischen Königs Faisal. Ihr kommt große Bedeutung als Vorreiterin für das Recht von Frauen und Mädchen auf Bildung in einer Gesellschaft zu, in der deren Unterrichtung als Sünde galt.

Die 1915 in Istanbul geborene saudische Königin heiratete König Faisal 1932, der damals Gouverneur von Hijaz war. Ihr gelang es, in den 1940er Jahren eine Fakultät für Frauenbildung an der Ta'if-Modellschule zu gründen. Allerdings weigerten sich viele Familien, ihre Töchter zur Schule zu schicken, worauf die Königin in ihrem Palast eine reine Frauenschule einrichtete.

Trotz zahlreicher Widerstände aus konservativen religiösen Kreisen gelang es Iffat mit Unterstützung ihres Mannes, 1955 die Dar-Al-Hanan-Schulen ins Leben zu rufen – die ersten Schulen für Mädchen in Saudi Arabien.

Tharwat Al-Batawi

© Raseef22

Aus dem Englischen von Peter Lammers

Quellen: Jean Boyd, The Caliph's sister. Nana Asma'u, 1793-1865, Teacher, Poet and Islamic Leader, London 1989

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Leserkommentare zum Artikel: Pionierinnen der Wissenschaften

Ein sehr interessanter Beitrag, der mich allerdings umso trauriger stimmt, wenn ich bedenke wie es heute um die Frauen und um Bildung in den islamischen Ländern bestellt ist...

Ingrid Wecker29.05.2017 | 20:00 Uhr

Ich wusste gar nicht, dass eine Muslima jeweils das Athenaeum in Nimes und Konstantinopel (auch Magnaura Hochschule) gegründet hat.
"Universitäten" in Indien, Persien, China und anderswo nicht berücksichtig!
Vielleicht sollte man sich trotz aller Islamschwärmerei mit der Thematik etwas niveauvoller befassen...

astuga03.06.2017 | 15:40 Uhr