Flüchtlingskrise in Europa

Der Preis der europäischen Indifferenz

In der Flüchtlingskrise hat Europa unter dem Druck seiner Ausländerfeinde und seiner eigenen Selbstzweifel seinen Werten den Rücken gekehrt. Oder hat es diese Werte gar völlig vergessen? Ein kritischer Debattenbeitrag des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy

Die Einwanderungsdebatte in Europa hat eine verstörende Richtung eingeschlagen. Diese begann mit dem Entstehen der (juristisch monströsen) Allerweltsbegriffe "Migrant" oder "Flüchtling", die den rechtlich zentralen Unterschied zwischen wirtschaftlicher und politischer Einwanderung, zwischen Armutsflüchtlingen und Kriegsflüchtlingen verschleiern. Im Gegensatz zu Wirtschaftsflüchtlingen haben diejenigen, die vor Unterdrückung, Terror und Massakern fliehen, ein unumstößliches Recht auf Asyl, was die internationale Gemeinschaft zwingend verpflichtet, sie aufzunehmen.

Selbst wenn der Unterschied anerkannt wird, geschieht dies oft im Zusammenhang mit einem weiteren Taschenspielertrick: dem Versuch, leichtgläubige Gemüter davon zu überzeugen, die Männer, Frauen und Kinder, die Tausende von Dollar für eine Überfahrt auf einem der klapprigen Boote nach Lampedusa oder Kos bezahlt haben, seien Wirtschaftsflüchtlinge. In Wirklichkeit sind 80 Prozent dieser Menschen auf der Flucht vor Gewaltherrschaft, Terror und religiösem Extremismus in Ländern wie Syrien, Eritrea und Afghanistan. Dies ist der Grund, warum die Asylbewerbungen laut internationalem Recht nicht gruppenweise, sondern individuell geprüft werden müssen.

Zerstörerische Mythen

Und selbst, wenn dies akzeptiert wird, und wenn die schiere Masse der Menschen auf dem Weg zu europäischen Ufern die Leugnung der barbarischen Zustände, vor denen sie fliehen, unmöglich macht, wird ein dritter Nebelschleier geworfen. Einige, wie der russische Außenminister Sergei Lawrow, behaupten, diese Konflikte, denen die Menschen entkommen wollen, gebe es nur in arabischen Ländern, die vom Westen bombardiert werden.

Aber auch hier lügen die Zahlen nicht. Die Hauptquelle der Auswanderung ist Syrien, wo die internationale Gemeinschaft sich geweigert hat, die durch die "Schutzverantwortung" vorgeschriebenen Militäroperationen durchzuführen – obwohl Interventionen gegen einen verrückten Despoten, der mit dem Mord an 240.000 seiner Leute versucht, sein Land zu entvölkern, durch internationales Recht vorgeschrieben sind. Auch Eritrea, eine weitere Hauptflüchtlingsquelle, wird nicht vom Westen bombardiert.

Flüchtlinge in Seenot vor der sizilianischen Insel Pantelleria; Foto: picture-alliance/dpa/F. Lannino/S. Gabriele
"Das Mare Nostrum wird immer mehr zu dem riesigen, wässrigen Massengrab, das einst von einem Dichter beschrieben wurde. Bereits in diesem Jahr sind dort etwa 2.350 Menschen ertrunken", schreibt Bernard-Henri Lévy..

Und ein weiterer zerstörerischer Mythos lautet, die "Festung Europa" werde durch Horden von Barbaren angegriffen. Dies scheint durch schockierende Bilder von Flüchtlingen belegt zu werden, die durch Grenzzäune brechen oder in Calais auf Züge aufspringen. Aber dieser Mythos ist gleich auf zweierlei Weise falsch.

"America the Beautiful"

Erstens ist Europa weit entfernt davon, das Hauptziel der Migranten zu sein. Fast zwei Millionen der syrischen Auswanderer sind in die Türkei gegangen. Eine Million flohen gar in den Libanon, wo nur 3,5 Millionen Menschen leben. Jordanien mit seinen 6,5 Millionen Einwohnern hat fast 700.000 Flüchtlinge aufgenommen. Und die Staaten Europas haben in der Zwischenzeit ihren gemeinsamen Egoismus dadurch zur Schau gestellt, dass sie einen Plan zur Umsiedlung von nur 40.000 Asylbewerbern aus ihren Zielstädten in Italien und Griechenland abgelehnt haben.

Zweitens sind die Minderheiten, die sich für Deutschland, Frankreich, Skandinavien, Großbritannien oder Ungarn entscheiden, keine Feinde, die uns zerstören oder auch nur die europäischen Steuerzahler aussaugen wollen. Sie sind Bewerber für die Freiheit und lieben unser gelobtes Land, unser Sozialmodell und unsere Werte. Es sind Menschen, die "Europa! Europa!" rufen, ebenso wie die Millionen von Europäern, die vor einem Jahrhundert auf Ellis Island eintrafen, "America the Beautiful" sangen.

Und dann gibt es das hässliche Gerücht, dieser eingebildete Überfall sei durch die Strategen eines "großen Austauschs" in Verborgenen geplant worden. Demzufolge sollen die Europäer durch Ausländer ersetzt werden, oder, schlimmer noch, durch Agenten des internationalen Dschihad, im Rahmen dessen die heutigen Migranten morgen die Hochgeschwindigkeitszüge in die Luft sprengen. Dass dies Unsinn ist, versteht sich hoffentlich von selbst.

Grenzzaun zwischen Spanien Marokko in Ceuta; Foto: picture-alliance/dpa
Abschottung vor den Toren Europas: "Flüchtlinge werden komplett abgelehnt. In der Tat werden sogar Mauern errichtet, um sie draußen zu halten. Das Ergebnis ist eine weitere Gruppe von Menschen, denen grundlegende Rechte vorenthalten werden", kritisiert Bernard-Henri Lévy.

Das Mare Nostrum als wässriges Massengrab

Gemeinsam haben diese Verzerrungen und Verblendungen ernste Folgen. Zunächst einmal wurde das Mittelmeer völlig den Menschenschmugglern überlassen. Das Mare Nostrum wird immer mehr zu dem riesigen, wässrigen Massengrab, das einst von einem Dichter beschrieben wurde. Bereits in diesem Jahr sind dort etwa 2.350 Menschen ertrunken.

Aber für die meisten Europäer sind diese Menschen kaum mehr als eine Statistik, ebenso wie die Männer und Frauen, die die Reise überlebt haben, unbestimmt und ununterscheidbar bleiben, eine drohende anonyme Masse. Unsere Aufmerksamkeitsgesellschaft, die normalerweise schnell bei der Hand ist, kurzlebige Prominente als "Gesichter" der Krise des Tages zu produzieren (von der Schweinepest bis hin zum Bahnstreik), hat an keinem einzigen der Migrantenschicksale wirkliches Interesse.

Diese Individuen – deren Reise hin zu unserem Kontinent an diejenige der phönizischen Prinzessin Europa erinnert, die vor vielen Jahrtausenden auf dem Rücken des Zeus von Tyros kam – werden komplett abgelehnt. In der Tat werden sogar Mauern errichtet, um sie draußen zu halten. Das Ergebnis ist eine weitere Gruppe von Menschen, denen grundlegende Rechte vorenthalten werden. Wie Hannah Arendt einst beobachtete, werden solche Menschen den Weg in eine Welt, in der die Menschen Recht und Gerechtigkeit genießen, letztlich nur finden, indem sie ein Verbrechen begehen.

Europa hat unter dem Druck seiner Ausländerfeinde und seiner eigenen Selbstzweifel seinen Werten den Rücken gekehrt. Oder hat es diese Werte gar völlig vergessen? Nicht nur die Flüchtlinge sind in Gefahr, sondern auch ein Europa, dessen humanistisches Erbe vor unseren eigenen Augen zerbröckelt.

Bernard-Henri Lévy

© Project Syndicate 2015

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Bernard-Henri Lévy ist einer der Gründer der Bewegung der "Nouveaux Philosophes" („Die Neuen Philosophen“). Zu seinen Büchern zählen u.a. "Left in Dark Times: A Stand Against the New Barbarism".

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Der Preis der europäischen Indifferenz

Und darum ist es wichtig - um den Humanismus nicht als eine verklärte Saga in die neue europäische Epoche einfließen zu lassen - dass die Individuen, die die persönliche Stärke besitzen und auch die Möglichkeiten haben zu handeln, über den medialen Diskurs hinaus die Flüchtlingsdebatte öffentlich diskutieren und aufklären, welche Motive diese zahlreichen Menschen wirklich verfolgen. Einmal im Kern begriffen, kann auf parabolsiche Art und Weise das Verhältnis oder gar die Beziehung der Menschen auf vernünftiger Basis gefestigt werden. Dies wird die Bereitschaft zur gegenseitigen Akzeptanz erhöhen, wenn im Dialog zueinander die Maßnahmen zur Hilfe erarbeitet werden und nicht einfach wie als eine Folge von Pflicherlüllung vonstatten gehen.Denn Geld allein bringt den vielen Menschen keine Sicherheit und Zuversicht. Was sie brauchen ist vor allem das Gefühl in ihrer Person wahrgenommen zu werden und diese auch bleiben zu können, unabhängig davon, in welcher prekären Lage sie sich gerade befinden. Denn immerhin haben sie sich nicht ausgesucht vom eigenen Staat verfolgt oder gar getötet zu werden, bloß, da sie die Freiheit suchten. Wir können sie nicht dafür bestrafen, nur weil sie dafür kämpfen, was uns schon lange zugesteht und noch immer nicht begriffen haben, welch kostbares Erbes es eigentlich ist: Die Demokratie.

Silvana Zehnpfennig12.09.2015 | 08:29 Uhr

Der Begriff "Philosoph" ist ja ebenso ungeschützt wie der des "Journalisten". Sei's drum. Herr Lévy meint, die Tatsache, dass Menschen massenweise nicht nur aus Syrien flüchten, sondern auch aus Ländern, die nicht vom "Westen" bombardiert wurden, nutzen zu müssen, den Zusammenhang von - keineswegs nur, aber doch in hohem Maße - westlicher Wirtschafts-und Militärpolitik einerseits und Massenfluchten andererseits nicht nur leugnen zu können, sondern sogar für einen Aufruf zur Bombardierung Syriens instrumentalisieren zu können. Zwar ist es richtig, dass die Politik des Assad-Regimes, nicht zuletzt in seiner vergleichsweise wirtschaftsliberalen Phase, den dortigen Aufstand wesentlich hervorgebracht hat. Aber, dass diese Revolte, die nur auf Seiten des "Islamischen States" noch eine - wenngleich ultrareaktionäre - Perspektive hat, immer noch andauert, ist wesentlich das Werk der Unterstützung der Rebellengruppen durch den Westen und seine regionalen Verbündeten. Dass diese breite Unterstützung nicht verhindert hat,dass die vermeintlich "gemäßigten" syrischen Rebellengruppen heute nur ca. 5% der sich in der Hand von Regimegegnern befindlichen Regionen des Landes kontrollieren, ist ihrem Charakter, ihrer politischen und militärischen Unfähigkeit geschuldet. Was den IS anbelangt, so ist dieser ja bekanntlich im Irak entstanden, und zwar als Ergebnis der westlichen Militärintervention gegen einen anderen Despoten, Saddam Hussein. Diejenigen, die aus und über Libyen flüchten, tun das auch als Ergebnis westlicher Militärintervention. Diese Interventionen haben kein anderes Ergebnis gehabt als einen zentralen Diktator durch dutzende regionale meist noch blutigere (Möchtegern-)Diktatoren zu ersetzen, eine funktionierende Diktatur durch Chaos. Herr Levy möchte dieses Chaos offenbar noch weiter ausbreiten. Dass er und Seinesgleichen dafür natürlich "moralische" Gründe anführt, ruft mir ein Zitat von Johann Gottfried Seume ins Gedächtnis:"Das Schild der Humanität ist die beste, sicherste Decke der niederträchtigsten öffentlichen Gaunerei".

Dr. A. Holberg13.09.2015 | 13:11 Uhr