Drohnen-Krieg in Afghanistan und Pakistan

Leben unter "Todesengeln"

Während die Weltöffentlichkeit gebannt auf die Gräueltaten des "Islamischen Staates" im Irak und Syrien blickt, geht das Töten in einer anderen Region im Stillen weiter. In Afghanistan und Pakistan wird der Alltag der Menschen weniger durch Mordtaten bärtiger Extremisten beeinträchtigt, als vielmehr durch unbemannte Tötungsmaschinen. Von Emran Feroz

Es war im vergangenen Jahr, als in der ostafghanischen Provinz Kunar eine US-amerikanische Drohne den Pick-Up der Familie Raschid traf. 14 Insassen, vor allem Frauen und Kinder, wurden dabei getötet. Lediglich die vierjährige Aischa überlebte – dabei verlor sie eine Hand und zog sich schwere Verletzungen am Unterkörper zu, während von Nase und Augen nichts mehr übrig blieb.

Nachdem Aischas Verwandte von dem Angriff erfuhren, begaben sie sich zum Anschlagsort – und fanden sie. In einem Krankenhaus im nahegelegenen Asadabad konnte ihr jedoch kaum geholfen werden. Aischa hatte nicht nur ihre Familie, sondern auch ihr Gesicht endgültig verloren. Zum gleichen Zeitpunkt gab die NATO bekannt, dass bei dem Drohnen-Angriff in Kunar ausschließlich militante Taliban-Kämpfer getötet wurden. Von Aischa und ihrer Familie wollte man nichts wissen.

Zivile Opfer als extremistische Täter

Das NATO-Statement war nicht sonderlich überraschend. "Zivile Opfer in abgelegenen Gegenden Afghanistans werden von den Besatzern nicht selten als Taliban-Kämpfer bezeichnet. Oftmals ist die Sache schnell vergessen", meint der afghanische Publizist und politische Analyst Waheed Mozhdah.

Ähnliches musste Ismael Zadran, ein in Deutschland lebender Afghane, am eigenen Leib spüren. Sein Cousin, der damals 21-jährige Sadiq Rahim Jan, wurde vor wenigen Jahren von einer Drohne in der afghanischen Provinz Paktia getötet. Nicht nur NATO-Stellen, sondern auch einige afghanische Mainstream-Medien berichteten lediglich von einem getöteten Taliban-Kommandeur.

US-amerikanische Drohne vom Typ MQ-1 Predator über Afghanistan; Foto: picture-alliance/AP
Tod aus dem Nichts: Nach Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" nutzen die USA für ihre Drohnen-Angriffe eine Satelliten-Relais-Station des US-Stützpunktes in Ramstein. In ihrem Kampf gegen Terror-Verdächtige in Pakistan, Afghanistan und im Jemen setzen die USA nach Darstellung der Medien seit mehreren Jahren Drohnen für gezielte Tötungen ein.

Ein weiterer ähnlicher Vorfall wurde unter anderem vom US-amerikanischen Journalisten Jeremy Scahill aufgedeckt. Damals wurden ebenfalls in Paktia mehrere Zivilisten von US-Soldaten getötet. Erst nachdem einige Journalisten über den Vorfall berichteten, gab die NATO zu, dass es sich nicht um tote Taliban-Kämpfer gehandelt habe.

Trauriges Symbol für den US-Drohnen-Krieg

Doch zurück zum Fall Aischa: Während ihres Aufenthaltes im Kabuler Krankenhaus wurde das kleine Mädchen von Ex-Präsident Hamid Karzai besucht. In einem späteren Interview beschrieb der frühere afghanische Präsident, wie er in Gegenwart des gesichtslosen Mädchens in Tränen ausbrach. Aischa, so der ehemalige Präsident, werde wohl bald zur Behandlung in die USA gebracht.

Mittlerweile befindet sich Aischa nicht mehr in Afghanistan. Ihre Familie, die sich bis dato um sie gekümmert hat, wusste anfangs nicht, wohin das Mädchen gebracht wurde. Ihrerseits gab es auch kein Einverständnis für Aischas Behandlung in den Vereinigten Staaten.Die Familie – allen voran Aischas Onkel – ist bis heute der Meinung, dass das Mädchen vorsätzlich weggebracht wurde, um sie aus dem öffentlichen Rampenlicht zu schaffen. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass das Mädchen ohne Gesicht zum traurigen Symbol für den illegalen US-Drohnen-Krieg geworden wäre.

Das renommierte "Bureau of Investigative Journalism" (TBIJ) mit Sitz in London kam vor Kurzem zum Schluss, dass Afghanistan das am häufigsten von Drohnen bombardierte Land der Welt ist. Eine Tatsache, die nur selten Erwähnung findet, da die meisten Menschen mit dem Drohnen-Krieg Länder wie Somalia, den Jemen oder Pakistan assoziieren.

Drohnen bestimmen den Alltag

Die paschtunischen Stammesgebiete zwischen Afghanistan und Pakistan sowie die Region Waziristan sind gegenwärtig die Hauptschauplätze des Drohnen-Krieges. Von den dort ansässigen Paschtunen werden die unbemannten Killermaschinen auch als "Todesengel" bezeichnet.

Der Alltag der Menschen wird von den Drohnen bestimmt. Kleine Kinder spielen nur im Freien, wenn der Himmel bewölkt ist. Denn meist tauchen die "Todesengel" unter strahlend blauem Himmel auf. Dann hat nämlich der Drohnen-Pilot, der vielleicht irgendwo in Langley, Washington oder im deutschen Ramstein sitzt, die beste Sicht zum Töten.

Demonstration von Anhängern der Tehrik-e-Insaf (PTI) Imrarn Khans am 23. November 2013 in Peschawar; Foto: dpa/picture-alliance
Protest gegen blindwütigen Drohnen-Krieg: Demonstration von Anhängern der Tehrik-e-Insaf (PTI) Imran Khans am 23. November 2013. Die PTI und die Provinzregierung sehen in den Überfällen der unbemannten, ferngesteuerten Flugkörper eine grobe Verletzung der Souveränität Pakistans.

Der Film "DRONE" der norwegischen Dokumentarfilmerin Tonje Schei zeigt den Alltag der Menschen in Waziristan. "Während unserer Arbeit vor Ort haben wir erst richtig verstanden, mit was für einer Angst die Menschen dort leben", berichtet Schei. "Die gesamte Bevölkerung ist traumatisiert."

Tariq, der Anti-Drohnen-Aktivist

Ein Junge, der diese alltägliche Bedrohung nicht mehr länger ertragen wollte, war der 16-jährige Tariq Aziz aus Waziristan. Tariq spielte gerne Fußball und tat auch sonst meistens das, was jeder andere Jugendliche in seinem Alter in seiner Freizeit unternimmt. Der einzige Unterschied: Tariq sprach sich offen gegen die Drohnen-Angriffe der US-Amerikaner aus und nahm aktiv an Demonstrationen gegen den Drohnen-Krieg teil, wie zum Beispiel an einem landesweiten Protestmarsch, der von dem populären pakistanischen Politiker Imran Khan ausgerufen wurde. Ein Ereignis, das kurz vor Tariqs Tod stattfand.

Im November 2011 traf der investigative Journalist Pratap Chatterjee, der unter anderem auch für das TBIJ tätig ist, Tariq 72 Stunden vor dessen Ermordung. Er begleitete den jungen Aktivisten zu einer Ratsversammlung der "Loya Jirga", auf der sich die Stammesältesten Waziristans trafen. Im Mittelpunkt der Beratung standen die Drohnen-Angriffe. Bis zum damaligen Zeitpunkt fielen den Bomben der "Todesengel" allein im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet über 2.300 Menschen zum Opfer.

Als Tariq und sein 12-jähriger Cousin Waheed gerade auf dem Weg nach Miranschah waren, um eine Tante von ihrer Hochzeit abzuholen, wurde ihr Auto von einer Drohne getroffen. Die beiden Kinder waren auf der Stelle tot. Damit erhöhte sich die Zahl der von Drohnen getöteten Kinder von 173 auf 175 erhöht. Heute, im Jahr 2014, spricht man insgesamt von weit über 2.500 Drohnen-Opfern allein in Waziristan. Man muss bedenken, dass die Opfer aus Afghanistan, Somalia und dem Jemen in dieser Zahl noch gar nicht erfasst sind und weiterhin im Dunkeln liegen.

"Ich bin wohl ziemlich gut im Töten"

Die Recherchemöglichkeiten zum Thema Drohnen sind für Journalisten sehr begrenzt, vor allem vor Ort fehlt es an Personal. Das TBIJ gehört zu den wenigen Organisationen, die in Waziristan sowie in den anderen Stammesgebieten tätig sind und regelmäßig recherchieren. Vor Kurzen kamen die TBIJ-Journalisten zum Schluss, dass es sich lediglich bei zwölf Prozent aller Drohnen-Opfer in Pakistan und Afghanistan um extremistische Kämpfer handelt, während nur vier Prozent aller Opfer als Mitglieder von Al-Qaida & Co. bezeichnet werden können.

"Die Zahlen und Fakten sowie die Tatsache, dass Kinder wie Tariq regelmäßig von den US-Drohnen getötet werden, stellen die gesamte Politik des Weißen Hauses in dieser Hinsicht in Frage", meint der Journalist Murtaza Hussein, der für die Investigativ-Plattform "The Intercept“ tätig ist. "Barack Obama meinte, dass 'Dutzende von Al-Qaida-Mitgliedern' in dieser Region durch Drohnen ausgeschaltet wurden. Das hat er wohl sehr wörtlich gemeint", fügt Hussein hinzu.

Jeden Dienstag unterzeichnet Barack Obama die Drohnen-Mordbefehle höchstpersönlich. Die sogenannte "Kill List" wird immer länger. Das Töten per Unterschrift ist für den Friedensnobelpreisträger und Familienvater zur Routine geworden.

Das Ganze wirkt umso makaberer, wenn man bedenkt, dass Obama bezüglich seiner Drohnen-Politik folgendermaßen gescherzt haben soll: "Ich bin wohl ziemlich gut im Töten." Man fragt sich, ob er dies auch im Angesichts Aischas sagen würde.

Emran Feroz

© Qantara.de 2014

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