Dokumentarfilm "Der Kuaför aus der Keupstraße"

Auf dem rechten Auge blind

Der Dokumentarfilm "Der Kuaför aus der Keupstraße" von Andreas Maus wirft ein Schlaglicht auf die Versäumnisse der Polizei im Zusammenhang mit dem NSU-Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße 2004 und das Versagen des Rechtsstaats. Petra Tabeling hat den Film gesehen.

9. Juni 2004 Köln, Keupstraße: Ein Mann nähert sich auf einem Fahrrad, auf dem Gepäckträger transportiert er ein großes Paket. Kurz darauf explodiert eine Nagelbombe vor dem Geschäft des Frisörs Ozcan Yildirim. 22 Menschen werden teils schwer verletzt, auch Yildirim und sein Bruder.

Die Täter? Schnell ist für die Behörden klar: Es müssen die Opfer selbst gewesen sein. Ein terroristischer Akt wird von vornherein ausgeschlossen, bekundet auch kurz darauf der frühere Innenminister Otto Schily öffentlich: "Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbehörden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu". Ermittler und Polizei vermuten Streitigkeiten unter türkischstämmigen Geschäftsleuten und mafiöse Strukturen. Oder gar Versicherungsbetrug - bereits die erste Frage der Beamten vor Ort könnte das nahelegen: "Sind Sie versichert?".

Sieben lange Jahre halten die Behörden an ihren Überzeugungen fest – bis 2011. Dann wird klar, dass der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) für die Tat verantwortlich ist.

Doch bis dahin werden die Opfer aus der Keupstraße, einer vorwiegend türkischen Geschäftsmeile im Kölner Stadtteil Mülheim, zu Tätern gemacht, sieben lange Jahre wird gegen sie ermittelt, obwohl die Betroffenen ihre Vermutung, dass die Täter nur aus der rechtsradikalen Szene stammen könnten, bei der Polizei mehrmals bekunden.

Auch der kräftige Abdulla Özkan, der damals im Friseursalon stand, wurde schwer verletzt, einer der Hauptprotagonisten der Dokumentation. Auch ihm wurde in den Polizeivernehmungen unterstellt, er gehöre gar zur kriminellen "Türsteherszene": "Wir wurden nicht wie Zeugen vernommen. Man hat uns nicht gefragt, ob wir was brauchen, ob es uns medizinisch gut geht, ob wir was trinken wollen oder sonst was. Knallhart durchgezogen – als Verdächtiger, nicht als Opfer", sagt er.

Struktureller Rassismus – vom unschuldigen Bürger zum Kriminellen

Beklemmend klar und deutlich wird der lange Prozess der falschen Verdächtigungen, wenn Regisseur Andreas Maus aus den Ermittlungsakten zitiert, zu denen der Journalist Zugang hatte. Und die werden von Schauspielern einfach und klar wiedergegeben vor der Kulisse einer alten Fabrikhalle, spärlich ausgeleuchtet, die Kamera auf die Vortragenden gerichtet. Ein Kunstgriff. So konzentrieren sich die Dialoge aus den Polizeiakten fernab vom Geschehen in der geschäftigen Keupstraße und halten die Kinobesucher in Bann.Mit den Erkenntnissen von heute, dass es rechtsradikale Täter waren, die den Tod möglichst vieler Passanten durch eine Nagelbombe herbeiführen wollten, muten die wiedergegeben Fragen und Antworten aus den Vernehmungen nahezu zynisch an. So sprechen Fragen nach dem Privatleben für sich, harmlose Kartenspiele werden zu Glücksspielen umfunktioniert, es gäbe andere Frauen, Einkünfte aus dem Familiengeschäft werden in ein dubioses Milieu gerückt.

Die Polizei ließ den Frisör Yildirim sogar beschatten und verdeckte Ermittler auf ihn ansetzen, schließlich schneide er ja auch "kräftig aussehende Männer" in seinem Salon die Haare. "Alle haben mit dem Finger auf uns gezeigt", so der Familienvater. In der nachbarschaftlichen Gemeinschaft der Keupstraße herrscht nunmehr Misstrauen und Argwohn unter Bewohnern und Geschäftsleuten.

Dabei wird nichts emotionalisiert, keine Wahrheit inszeniert, es sind diese Fragen der Polizisten, die das Versagen der deutschen Behörden – und des Staates insgesamt – ohne jegliche nötige Kommentierung nahelegen. Selbst der damalige Kölner Polizeipräsident Klaus Steffenhagen tritt selbstbewusst vor die Kamera. Doch nur um zu versichern, er habe die Ermittlungen nicht verfolgt und könne darum auch nichts dazu sagen: "Dafür fehlt mir einfach jede Kenntnis" – ein zusätzlicher Zynismus.

Opfer zweiter Klasse

Andreas Maus, Regisseur des Films "Der Kuaför aus der Keupstrasse"; Foto: Karmen Frankl
"Maus' Verdienste sind es, das mittunter tief erschütternde Vertrauen der Betroffenen zurückzugewinnen, um die vielen Puzzlestücke im NSU-Fall zusammenzufügen. Und nicht nur das. Er gibt den Betroffenen die Möglichkeit, vor der Kamera erneut zu reflektieren, zu diskutieren und Zeugnis abzulegen", schreibt Tabeling.

Regisseur Andreas Maus lässt die Fernsehbilder und hektischen Schlagzeilen von damals in seiner Dokumentation immer wieder auftauchen, unterbrochen von in Zeitlupe fallenden langen Nägeln, die der langjährige Journalist immer wieder als szenisches Element einsetzt. Symbolisch verdeutlichen sie, welche Wunden die Nägel bis heute hinterlassen. Sie stecken immer noch tief, reißen nicht nur tiefe Wunden in Körper und Seele, sondern symbolisieren vielmehr tiefe Enttäuschung, Ohnmacht und für manche wie Abdulla Özkan fehlende grundsätzliche Rehabilitierung und Unterstützung der Langzeitfolgen für die Betroffenen. "Wir sind Opfer zweiter Klasse", sagt Özkan.

Langsam und perfide wird dies durch die strukturellen Ermittlungsfehler und herrschenden Vorurteile aufgezeigt. Im Film formuliert es eine Betroffene klar und deutlich: "Es gab zwei Bomben: Die eine, entfaltete eine explosive Wucht mit ihren Nägeln, die andere waren Justiz und Rechtsstaat, die nicht funktionierten."

Erst Jahre später, nachdem klar wurde, wer die Täter waren, scheint plötzlich das ganze Land hinter den Opfern zu stehen. Wie beim "Birlikte-Fest", am 10. Jahrestag des Attentats in Köln, im Sommer 2014: 70.000 Menschen, darunter auch Bundes-, wie Lokalpolitiker und Prominente kamen unter dem Motto "Zusammenstehen" für medienwirksame solidarische Kundgebungen zusammen.

Auch das hält Maus unkommentiert dokumentarisch aus der Ferne fest, und lässt die Aufnahmen für sich sprechen. Jetzt werden Versprechungen gemacht, Änderungen in Aussicht gestellt, die Betroffenen und der Frisörsalon, zehn Jahre vergessen, sehen sich plötzlich wie Prominente im Rampenlicht der teils unbeholfen wirkenden Medien und Politikern vor Ort gegenüber: "Hallo, da bin ich" – mit diesen Worten lässt sich auch ein lächelnder Bundespräsident im überfüllten Frisörsalon mit den NSU-Opfern ablichten.

Finger in die offene Wunde

Maus gelingt es mit seiner wichtigen Dokumentation ein Stück weit dringend benötigte politische Bildungsarbeit zu leisten, und den Finger in eine offene Wunde zu legen, dort wo Behörden und Rechtsstaat versagen. Und: was dies mit Menschen macht, die sich seit Jahrzehnten in Deutschland integrieren, hierzulande Opfer deutscher Terroristen werden und damit nun weiterleben müssen und keine Stimme haben.

Maus' Verdienste sind es auch, das mittunter tief erschütternde Vertrauen der Betroffenen zurückzugewinnen, um die vielen Puzzlestücke im NSU-Fall zusammenzufügen. Und nicht nur das. Er gibt den Betroffenen die Möglichkeit, vor der Kamera erneut zu reflektieren, zu diskutieren und Zeugnis abzulegen.

Gerechtigkeit habe er mit dem Film nicht versprechen wollen, so Maus im Interview, doch der Film lässt nicht nur viele offene Fragen, etwa warum das Versagen des deutschen Rechtsstaats offenbar ohne Folgen bleiben kann. Die Dokumentation hinterlässt beim Zuschauer auch das beklemmende Gefühl, dass der "Kuaför aus der Keupstraße" ein Paradestück ist für viele Fehler, die im Kleinen wie im Großen geschehen – ohne dabei systematisch aufgearbeitet zu werden.

Petra Tabeling

© Qantara.de 2016

"Der Kuaför aus der Keupstraße", Dokumentarfilm, Deutschland 2016, Regie: Andreas Maus, Länge: 97 min.

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