Die politische Rolle Muktada al-Sadrs im Irak

Ein schwieriger Koalitionspartner

Der Sieg von Muktada al-Sadr bei den jüngsten Parlamentswahlen im Irak mischt die politischen Karten völlig neu. Der schiitische Geistliche wahrt eine kritische Distanz gegenüber den Machthabern in Teheran und verfügt über gute Beziehungen zum saudischen Königshaus. Von Bachir Amroune

Mit 54 von 329 Sitzen im irakischen Parlament ist Muktada al-Sadrs Liste "Sairun" ("Wir marschieren") weit von einer Mehrheit entfernt. Als stärkster Kraft kommt diesem Wahlbündnis aus schiitischen, kommunistischen und anderen linken Parteien aber das Vorrecht zu, eine neue Regierung zu bilden.

In den vergangenen Tagen hat Sadr daher die Anführer mehrerer Wahllisten getroffen, unter ihnen auch Hadi al-Amiri, den Zweitplatzierten und einen der Anführer der pro-iranischen Miliz "Al-Hashd al-Shaabi", sowie den bisherigen Ministerpräsidenten Haidar al-Abadi, der überraschend nur auf den dritten Platz kam.

Viele gehen allerdings davon aus, dass Abadi trotz seiner Niederlage wieder Regierungschef werden könnte. Zum einen hat er sich den Ruf erarbeitet, gut zwischen den widersprüchlichen Interessen der wichtigsten ausländischen Mächte in der Region, den USA und dem Iran, vermitteln zu können. Zum anderen zeigte sich Sadr einer Wiederwahl Abadis nicht abgeneigt.

Historische Chance für Saudi-Arabien?

Für Saudi-Arabien wäre das eine Gelegenheit, im Nachbarland mehr Einfluss zu gewinnen. Denn sowohl Sadr als auch Abadi ist es wichtig, den übermächtigen Einfluss Teherans im Lande zurückzudrängen. Sadr selbst wurde im Juli vergangenen Jahres vom saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman medienwirksam empfangen und war voll des Lobes für die absolute Monarchie. Abadi besuchte Riad nur drei Monate später und gründete mit den Saudis einen wirtschaftlichen und politischen Koordinierungsrat in Anwesenheit des damaligen US-Außenministers Rex Tillerson.

Der schiitische Geistliche zu Besuch beim saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman am 30.7.2017 in Jiddah, Saudi-Arabien; Foto: Reuters/B. Algaloud
Iraks neuer Königsmacher im Dialog mit dem saudischen Königshaus: Der Iran fürchtet, dass Muktada al-Sadr sich Irans regionalem Rivalen Saudi-Arabien annähert, nachdem er vergangenes Jahr überraschend in das Königreich gereist war. Der 44-jährige Geistliche, dessen schwarzer Turban ihn als Nachfahre des Propheten ausweist, stammt aus einer Familie berühmter Kleriker. Sein Schwiegervater Mohammed Bakr al-Sadr war ein wichtiger islamischer Theologe und Philosoph, der wegen seiner Befürwortung der Islamischen Revolution im Iran 1980 vom irakischen Machthaber Saddam Hussein hingerichtet wurde.

Überhaupt haben sich die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und dem Irak seit Abadis Ernennung zum Ministerpräsidenten vor vier Jahren deutlich gebessert. 2016 eröffnete Saudi-Arabien zum ersten Mal seit Saddam Husseins Einmarsch in Kuwait 1990 seine Botschaft in Bagdad und einen Jahr später einen Grenzübergang. Die Iraker sind daran interessiert, dass sich Saudi-Arabien am Wiederaufbau ihres zerstörten Landes beteiligt, die Saudis wollen im Gegenzug mehr Einfluss.

Man könnte daher meinen, Saudi-Arabiens Chancen im Irak waren noch nie so gut. Der Nahostexperte Daniel Gerlach relativiert jedoch: "Sadr ist ein echter Populist. Er war mit mehreren Ministern an der Regierung Maliki (2006-2014) beteiligt, hat sich in seinen öffentlichen Auftritten aber immer wie ein Oppositioneller geäußert. Und das wird er auch weiter tun. Er wird Teil einer Koalition sein und auf der anderen Seite immer versuchen, die Volksstimme zu sein. Damit ist er ein schwieriger Koalitionspartner."

Furcht vor einem weiteren Stellvertreterkrieg

Sadr ist aber auch dafür bekannt, kompromisslos gegen ausländische Einmischungen im Irak zu sein. Nach der Invasion durch die Amerikaner und ihre Verbündeten in 2003 lieferte sich seine Mahdi-Armee einen langjährigen Krieg gegen die Besatzungstruppen. Die USA erklärten ihn seinerzeit zum Staatsfeind und seine Miliz zur größten Bedrohung für die Stabilität im Irak.

Muktada al-Sadr trifft Haider al-Abadi am 20. Mai 2018 in Bagdad; Foto: picture-alliance/AP
Suche nach einer "inklusiven" Regierung: Nach seinem überraschenden Sieg bei der Parlamentswahl setzt Muktada al-Sadr für die Regierungsbildung auf einen breiten Ansatz. Der Prediger traf die Anführer der zweit- und drittstärksten Liste, Hadi al-Amiri und Ministerpräsident Haider al-Abadi zu Gesprächen über die neue Führung des ethnisch-konfessionell geteilten Landes. "Unser Treffen mit Al-Abadi ist eine Botschaft der Bestätigung, dass die neue Regierung eine inklusive sein wird - ohne Marginalisierung oder Diskriminierung von irgendjemandem", so Al-Sadr.

Sollte Saudi-Arabien zu viel zu schnell erreichen wollen, dann könnte es die neu gewonnenen Sympathien verspielen. Denn auch wenn die Iraker mögliche Finanzhilfen von Saudi-Arabien willkommen heißen und bereit sind, den Saudis mehr Einfluss zu gewähren, damit sie ihre Unterstützung für die Unabhängigkeit Kurdistans zurückziehen - eins wollen sogar die schärfsten Irankritiker im Irak auf keinen Fall: dass ihr Land in einen weiteren Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Rivalen am Persischen Golf wird.

Daniel Gerlach ist hier jedoch optimistisch: "Die Iraker werden die Einflüsse von Iran und Saudi-Arabien geschickt gegeneinander ausspielen. Sie werden sagen: Der iranische Einfluss ist etwas Natürliches. Die Iraner stehen hier schon seit Jahren. Auf der anderen Seite heißt das aber nicht, dass wir uns völlig den Einflüssen der Saudis und anderer Staaten entziehen. Sie werden versuchen, aus beiden maximalen Profit zu ziehen."

Das wird letztendlich auch im Interesse von Saudi-Arabien und Iran sein. Daniel Gerlach geht sogar noch weiter: "Der Irak wird als Makler für einen Frieden im Nahen Osten völlig unterschätzt. Die Iraker haben viel mehr Einfluss auf das Verhältnis zwischen Iran und Saudi-Arabien, als sie zugeben. Der Irak könnte auf jeden Fall ein Ort sein, der eine Annäherung zwischen Iran und Saudi-Arabien befördert und einen Dialog ermöglicht."

Dass sich Saudi-Arabien auf einen Dialog mit Iran einlässt, ist eigentlich längst überfällig. Die jahrzehntealte Rivalität zwischen beiden Ländern kostet beide Seiten jährlich Milliarden Dollar. Ein weiterer Stellvertreterkonflikt, würde wohl eher zugunsten Irans ausgehen, weil der Iran viel mehr Erfahrung und Know-how hat.

Bachir Amroune

© Deutsche Welle 2018

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