Die Gülen-Bewegung und der Putschversuch in der Türkei

Nicht einfach ein harmloser Bildungsverein

Im Westen stößt der Vorwurf, die Gülen-Bewegung sei für den Putschversuch von Juli 2016 in der Türkei verantwortlich, bis heute auf Skepsis. Ein neues Buch zeigt aber, dass es der Bewegung nie allein um Dialog und Bildung ging, sondern schon immer um die Kontrolle des Staates. Ulrich von Schwerin hat es gelesen.

Noch immer wird in der Türkei fast täglich über neue Festnahmen von Anhängern des islamischen Predigers Fethullah Gülen berichtet. Für Präsident Recep Tayyip Erdoğan besteht kein Zweifel, dass die Gülen-Bewegung hinter dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli 2016 steht, weshalb die AKP-Regierung entschlossen ist, sie restlos zu zerschlagen. Doch auch fast zwei Jahre nach dem Umsturzversuch dauert die Debatte an, welche Rolle Gülen und seine Anhänger bei den dramatischen Ereignissen der Nacht des 15. Juli 2016 tatsächlich gespielt haben.

Noch immer besteht keine völlige Klarheit über die Geschehnisse, und auch in Deutschland kursieren dazu weiter wilde Verschwörungstheorien. Umso gelegener kommt daher das Buch "Turkey's July 15. Coup – What happened and why", das jüngst von der Universität Utah veröffentlicht wurde. Der von den Politologen Hakan Yavuz und Bayram Balci herausgegebene Sammelband ist die erste umfassende Untersuchung des Staatsstreichs, vor allem aber die erste wissenschaftliche Studie zur Gülen-Bewegung seit dem Putschversuch.

Im Westen hegen viele bis heute Zweifel, dass die auch als "Cemaat" bezeichnete Bewegung tatsächlich für den Putschversuch verantwortlich ist, der 250 Menschen das Leben gekostet hat. Selbst BND-Chef Bruno Kahl erklärte im März 2017, er könne keine Anzeichen erkennen, dass sie hinter dem versuchten Staatsstreich stecke, und warf Erdoğan vor, ihn als "willkommenen Vorwand" genutzt zu haben, um die Gülen-Anhänger aus dem Staatsdienst zu entfernen. Die Bewegung sei lediglich eine "zivile Vereinigung zur religiösen und säkularen Weiterbildung", sagte Kahl.

Politische Ambitionen lange unterschätzt

Ein harmloser Bildungsverein also? In der Türkei sorgte das Interview für ungläubiges Kopfschütteln. Die Überzeugung, dass die Gülen-Bewegung hinter dem Putschversuch steckt, beschränkt sich keineswegs auf Erdoğans AKP, sondern wird von fast allen Parteien und Medien geteilt. Nun kann man natürlich einwenden, dass es in der Türkei kaum noch die Freiheit gibt, der Darstellung der Regierung zu widersprechen. Umso wichtiger ist daher die Einschätzung unabhängiger Experten, wie sie sich in dem nun vorgelegten Buch finden.

Buchcover "Turkey's July 15th Coup - What Happened and Why" von M. Hakan Yavuz und Bayram Balci, Verlag: The University of Utah Press, Salt Lake City
Blick hinter die Kulissen: Das Buch "Turkey's July 15. Coup – What happened and why" zeigt eindrücklich, wie naiv die Einstufung der Gülen-Bewegung als harmloser Bildungsverein ist. Gerade in Deutschland, wo die Bewegung dutzende Schulen betreibt, ist eine kritische Neubewertung dringend nötig.

Alle zwölf Autoren haben intensiv zur Gülen-Bewegung gearbeitet. Mehrere der Forscher geben zu, ihre politischen Ambitionen lange unterschätzt zu haben, und sich von ihrer Selbstdarstellung als moderat-islamische Bewegung für Bildung und Dialog haben blenden zu lassen. Zugleich unterstreichen sie, dass die "Cemaat" notorisch intransparent sei. Geheimhaltung und Verstellung gehörten seit jeher zu ihrer Taktik. Weder ihre Anhänger, noch die Schulen, Medien und anderen Institutionen der Bewegung würden sich offen zu Gülen bekennen.

Nach außen stellt sich die "Cemaat" als liberale, basisdemokratische Graswurzelbewegung dar, doch zeigen die Autoren, dass sie streng hierarchisch organisiert und in moralischen Fragen äußerst konservativ ist. Der Historiker Michael A. Reynolds aus Harvard zeigt zudem, dass die Schulen, Wohnheime und Nachhilfezentren der "Cemaat" nie ein Selbstzweck waren. Vielmehr wollte Gülen damit eine "goldene Generation" heranziehen, die islamisch geprägt, aber modern ausgebildet in der Lage wäre, das Land nach seinen Vorstellungen zu verändern.

Durch die Arterien des Systems bewegen

Schon seit den 1980er Jahren strebten seine Anhänger in den Staatsdienst. Gleich mehrfach wird in dem Buch eine Rede Gülens zitiert, in der er seine Anhänger auffordert, "sich durch die Arterien des Systems zu bewegen", bis sie "alle Zentren der Macht" erreicht haben. Erst wenn "die Zeit reif" sei, dürften sie sich zu erkennen geben, mahnte Gülen in der Rede, die 1999 an die Öffentlichkeit gelangte. Gülen bezeichnete die Aufzeichnung damals als manipuliert, floh aber vor einer drohenden Anklage in die USA, wo er bis heute in Pennsylvania lebt.

Als 2002 die AKP an die Macht gelangte, waren ihr die gut ausgebildeten Gülen-Anhänger willkommen, um Stellen in Polizei, Justiz und Verwaltung zu besetzen. Die Anhänger der AKP und der "Cemaat" teilten das gleiche islamisch geprägte Gesellschaftsbild, doch gab es deutliche Differenzen zwischen Erdoğan und Gülen hinsichtlich der Außen- und Innenpolitik, die ab 2011 zu Spannungen und schließlich zum Bruch ihrer informellen Koalition führten, wie die Anthropologin Caroline Tee von der Universität Cambridge schreibt.

So wollte Gülen - anders als Erdoğan - an dem Bündnis mit Israel festhalten und lehnte eine Annäherung an den Iran ab. Vor allem aber war er gegen Erdoğans Öffnung gegenüber den Kurden. Im Februar 2012 versuchten Gülen-Anhänger in der Justiz, Geheimdienstchef Hakan Fidan wegen seiner Friedensgespräche mit der PKK vor Gericht zu bringen. Erdoğan schlug daraufhin zurück, indem er die Nachhilfezentren der "Cemaat" schließen ließ.

Erdoğan versus Gülen

Als im Dezember 2013 Gülen-Anhänger in Polizei und Justiz Korruptionsermittlungen gegen Erdoğans Umfeld eröffneten, brach der Konflikt für alle sichtbar aus. Viele im Westen sahen damals den Vorwurf Erdoğans mit Skepsis, die Gülen-Bewegung habe ihn zu stürzen versucht, stand die Bewegung in der westlichen Wahrnehmung doch vor allem für Dialog und Bildung. In der Türkei waren viele jedoch keineswegs erstaunt, da Journalisten wie Ahmet Şık schon lange vor der Unterwanderung des Staats durch die "Cemaat" gewarnt hatten.

Bis Juli 2016 brachte die Regierung die meisten Schulen, Medien und Firmen der "Cemaat" unter ihre Kontrolle und ging daran, ihre Anhänger aus dem Staatsdienst zu entfernen. Für die Bewegung stand damit ihr Überleben auf dem Spiel. Gründe genug für einen Putsch? Hakan Yavuz bejaht diese Frage klar. Aus seiner Sicht musste die "Cemaat" im Juli 2016 handeln, um ihre Zerschlagung zu verhindern, zumal erwartet wurde, dass der Oberste Militärrat bei seiner jährlichen Sitzung im August auch gegen die Gülen-Anhänger im Militär vorgehen würde.

Für Yavuz war der Putschversuch zwar überstürzt, doch keineswegs "dilettantisch", wie teils im Westen behauptet. Vielmehr weise der Einsatz tausender Soldaten mit dutzenden Panzern, Helikoptern und Flugzeugen auf eine langfristige und akribische Planung hin.

Ein Putschversuch in Eigenregie?

Yavuz ist aufgrund der hierarchischen Struktur der "Cemaat" und ihrem Hang zur Autarkie zudem überzeugt, dass der Putschversuch von Gülen persönlich abgesegnet wurde, und seine Anhänger ohne Absprache mit den Kemalisten oder anderen Gruppen im Militär handelten.

Nicht alle Autoren teilen diese Einschätzung. David Titterson etwa bezweifelt, dass die Gülen-Anhänger tatsächlich bis in die Generalität aufgestiegen seien, da die Militärführung noch nach 2002 alle Offiziersanwärter aussortiert habe, die religiöser Neigungen verdächtig waren. Zudem gibt es gewisse Hinweise, dass Erdoğan vorab von den Plänen der Gülen-Anhänger wusste, aber sie gewähren ließ, um anschließend mit der "Cemaat" aufräumen zu können.

Es ist eine Schwäche des Buchs, dass Yavuz und andere Autoren solchen alternativen Szenarien kaum Aufmerksamkeit schenken und auch vorschnell über Unstimmigkeiten im Narrativ der Regierung hinweggehen, so dass am Ende etliche Fragen zur Putschnacht offen bleiben.

Dennoch zeigt das Buch eindrücklich, wie naiv die Einstufung der "Cemaat" als harmloser Bildungsverein ist. Gerade in Deutschland, wo die Bewegung dutzende Schulen betreibt, ist eine kritische Neubewertung dringend nötig. Das Buch wäre eine gute Grundlage dafür.

Ulrich von Schwerin

© Qantara.de 2018

M. Hakan Yavuz und Bayram Balci (Hrsg.): "Turkey's July 15th Coup - What Happened and Why", The University of Utah Press, Salt Lake City, 2018, 344 Seiten

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Nicht einfach ein harmloser Bildungsverein

Der Artikel verwendet das Narrativ des Erdogan-Regimes und bedient sich der Taktik von Halbwahrheiten. Die Hizmet-Bewegung war beispielsweise nie gegen eine politische Öffnung gegenüber den Kurden. Fethullah Gülen hat sogar vorgeschlagen Kurdisch an staatlichen Schulen zu lehren. Im Artikel wird auch verschwiegen, dass Fethullah Gülen in einem Prozess, in dem er mit allem beschuldigt wurde, was dieser Artikel zu suggerieren versucht, frei gesprochen.
Selbstverständlich will die Bewegung Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaft nehmen und Fethullah Gülen hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Menschen der Hizmet-Bewegung das Recht haben sich für Stellen im Staat zu bewerben, sofern sie die nötigen Qualifikationen mitbringen. Ob diese Menschen dann mehr ihrem geistigen Ideengeber gehörig waren oder, wie es üblich ist, ihrem direkten Vorgesetzen, will erstmal bewiesen werden. Mir ist kein einziger Fall bekannt, indem dies geschehen ist.
Ich persönlich bekenne mich zur Hizmet-Bewegung, dass nicht das alleinige Werk von Fethullah Gülen ist, sondern das Werk tausender ehrenamtlich engagierter Menschen. Ich persönlich würde mir wünschen, wenn staatliche Stellen in Deutschland unsere Einrichtungen öfter besuchten, gerne auch unangekündigt, um uns bei "nicht ganz harmlosen Bildungsaktivitäten" zu erwischen. Aber das was passiert ist das Gegenteil: Man spricht überall über uns und weniger mit uns. Wird uns das radikalisieren? Keineswegs, denn wir sind von unserer Motivation und unseren Zielen überzeugt und wissen, dass wir sie nur erreichen können, wenn wir weiterhin offen für alle Menschen sind, mit ihnen auf der Basis von Respekt kommunizieren können und die friedliche Koexistenz von Menschen unterschiedlichster Überzeugung nicht nur bewahren, sondern gar ausbauen können.

Vielen Dank

Yavuz Yilmaz

Yavuz Yilmaz24.04.2018 | 00:41 Uhr