Deutsch-Französisches Kulturzentrum Ramallah

"Wir zeigen Wege auf, Unterschiede zu überwinden"

Vor einem Jahr wurde das deutsch-französische Kulturzentrum in Ramallah gegründet. Im Gespräch mit Frederick Richter ziehen die beiden Leiter eine erste Bilanz.

Deutsch-Französisches Kulturzentrum Ramallah
In Ramallah präsentieren sich deutsche und französische Kultur unter einem Dach

​​Seit einem Jahr gibt es nun ein deutsch-französisches Kulturzentrum in Ramallah. Wie sieht ein erstes Fazit aus?

Fareed C. Majari: Ich glaube, es war die richtige Entscheidung, dieses Zentrum ins Leben zu rufen. Natürlich gibt es auch Probleme, vor allem im organisatorischen und verwaltungstechnischen Bereich; die französische und die deutsche Verwaltung arbeiten unterschiedlich.

Aber insgesamt sprechen wir unsere Zielgruppe, nämlich die palästinensische Gesellschaft, jetzt viel besser an als vorher. Wir können Programme und Projekte realisieren, die vorher einfach nicht möglich waren.

Gilles Kraemer: Ich glaube, wenn es um ein rein französisches Zentrum gegangen wäre, hätte mich die Sache nicht näher interessiert, aber jetzt habe ich die Stelle gerade wegen des binationalen Aspekts angenommen.

Die tägliche Arbeit ist zwar durchaus nicht einfach, mit zwei verschiedenen Verwaltungen, die ihrer je eigenen Logik folgen, und vier verschiedenen Sprachen, in denen wir täglich kommunizieren. Aber so ist es eben in kosmopolitischen und multikulturellen Zusammenhängen, und so muss es auch sein.

Ist es nicht schwierig, an einem Ort wie Ramallah kulturelle Arbeit zu machen, wo die Menschen vor allem an die eigene Sicherheit denken und an die politische und ökonomische Lage?

Majari: Ich war durchaus überrascht, wie viel Kultur man hier vorfindet. Wenn man möchte, kann man in Ramallah jeden Tag ins Theater gehen. Obwohl es manchmal natürlich schon schwierig ist, sich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht im Zusammenhang mit der hiesigen Situation stehen.

Auch in unserer Arbeit kommen wir immer wieder auf die besonderen Probleme der Palästinenser zurück, die Besetzung des Landes, die noch immer eine große Rolle spielt, und überhaupt auf die Kultur des Nahen Ostens. Es ist nicht leicht für uns, davon wegzukommen, und das will ich auch niemandem vorwerfen, das ist verständlich. Aber davon abgesehen haben wir ein sehr, sehr offenes Publikum.

Aber wie erreichen Sie die Menschen in anderen palästinensischen Städten, so wie Hebron, Jenin oder Gaza?

Majari: Eigentlich kaum, und das ist eines der Probleme. Ramallah ist ein bisschen kleiner als das französische Nancy, also in etwa so groß wie Gießen in Deutschland, und gemessen an dieser Größe ist das kulturelle Angebot sehr gut. Wenn man sich hingegen die - gemessen an den Einwohnerzahlen - größten palästinensischen Städte ansieht, nämlich Khalil im Westjordanland, Nablus und natürlich Gaza, dann wird man feststellen, dass es dort viel weniger Kultur gibt. Und das ist bedauernswert, das ist wirklich traurig, aber es konzentriert sich alles hier.

Und was für Erfahrungen hat die französische Seite gemacht, die ja über ein großes Netzwerk an Partnern in den palästinensischen Gebieten verfügt?

Kraemer: Mein Kollege in Nablus ist mit einer Bevölkerung, die viel konservativer ist als hier, gut zurecht gekommen. In Gaza sieht es noch ein bisschen anders aus, aber auch dort kommen sie inzwischen voran. Sie machen ihr Programm dort hauptsächlich für junge Leute, sie haben mit Jugendlichen zu tun, die in Flüchtlingslagern sitzen, und sie organisieren Veranstaltungen mit Clowns und Hip-Hop-Tanz.

Aber insgesamt ist hier schon mehr möglich als in anderen Städten. Auch deshalb ist Ramallah kulturell so weit vorne: Viele Veranstaltungen, die woanders nicht möglich sind, kommen schließlich hier her, weil es hier mehr als nur eine Sichtweise der Welt gibt. Hier leben Leute aus vielen verschiedenen Ländern, Muslime leben hier genauso wie Christen, und folglich ist die Gesellschaft liberaler als anderswo. Und die Bir Zeit Universität spielt dabei natürlich auch eine große Rolle.

Über welche Kanäle verfolgen Sie denn diese Debatte?

Majari: Wir verfolgen sie nicht nur, sondern als Kulturzentrum sind wir ein Teil von ihr, sogar ein sehr wichtiger, zumindest hier in Ramallah. Und nicht nur bei solchen Veranstaltungen, sondern auch im Hinblick auf langfristige Entwicklungen, bei den Debatten, die hinter den Kulissen stattfinden, wo es um unterstützenswerte Projekte etwa im Bereich der Ausbildungsförderung geht.

Wie nimmt man es hier in Ramallah wahr, dass zwei Länder, die sich in der Vergangenheit mehr als einmal bekriegt haben, jetzt zusammen arbeiten? Bringt das hiesige Publikum dafür Verständnis auf?

Majari: Darüber gab es auch mal eine Diskussion im Goethe-Institut, wo ein paar Leute sagten, die Palästinenser wollten etwas Deutsches und nicht etwas Europäisches. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich denke, hier sind die Leute genauso wie anderswo auch in erster Linie daran interessiert, Alternativen gezeigt zu bekommen, Ideen und Stimuli von außen, und so etwas muss nicht notwendigerweise französisch oder deutsch sein – wichtig ist, dass es ein europäischer Einfluss ist.

Vielleicht ist es sogar bereichernd, wenn Französisches und Deutsches zusammenkommt. Vielleicht werden dabei auch Unterschiede vermittelt, wie sie in Europa existieren, und daran kann man dann lernen, wie sich möglicherweise auch hierzulande Unterschiede überwinden lassen. Darum geht es natürlich. Wir sind stolz darauf, Konflikte auf demokratischem Wege zu lösen – obwohl unsere Konflikte unbedeutend sind im Vergleich mit allem, was hier im Moment passiert, insofern ist das nicht richtig vergleichbar.

Aber ich glaube, die Palästinenser halten uns vor Augen, dass wir Recht haben, dass ein französisch-deutsches Zentrum eine reichhaltigere Substanz hat als ein rein deutsches oder rein französisches. Wir bringen hier verschiedene Kulturen zusammen, die deutsche und die französische. Wir lassen Unterschiede aufeinander treffen, die es unbestreitbar gibt, aber wir zeigen auch Wege auf, diese Unterschiede zu überwinden. Das Zeitalter der Nationalstaaten neigt sich sowieso seinem Ende entgegen, zumindest in kultureller Hinsicht. Warum sollten wir einem Auslaufmodell die Treue halten?

Interview Frederick Richter

Qantara.de 2005

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